Der Abendfriede

Es saßen zwei alte Leute, Mann und Frau, auf der Steinbank vor ihrem Häuschen; zwei steinalte Leute. Sie waren schon so lange miteinander verheiratet, daß sie sogar die goldene Hochzeit gefeiert hatten, und das will schon etwas sagen.

Recht würdige alte Menschen geben immer ein rührendes Bild ab! Sie gleichen ein wenig jenen hohen, einsamen, schneeweißen Alpengipfeln, die man auch nie ohne tiefe Rührung sehen kann: so spärlich und einsam stehen sie unter den zahlreichen Häuptern jüngerer Geschlechter, so still und ernst und groß muten sie an, so weit vermag ihr Blick in die Ferne zu schweifen; und wie jene entbehren sie den Schmuck blühender, schwellender Lebenskraft: weiß liegt es auf ihrem Scheitel, und runzlig ist ihre Haut wie der zerrissene und zerklüftete Fels der Firnen. Besonders rührend aber ist ein altes Ehepaar, welches durch ein ganzes Leben mit Leid und Lust wie zu einem einzigen Menschen zusammengeschmiedet worden ist, so daß Mann und Frau gar nicht mehr fühlen, wie sie sich lieb haben.

Sie saßen beide ganz still; denn die Stunde war nahe, wo der Abendfriede durch die Luft zieht, und da wird es in jedem Herzen still, am meisten aber bei alten Leuten.

Sie dachten an dies und das, an die Vergangenheit und an die Zukunft.

Die laue Sommerabendluft strich um das Häuschen so weich wie Kinderatem. Über die Wiesen und Äcker mit dem grünen Sammet und dem gilbenden Ährensegen zog sich der Widerschein der Abendröte; die Grillen zirpten, die letzten Lerchen wirbelten im Trichterfluge zu ihren Nestern nieder, und ferne begannen die Geisterrufe des Wachtelkönigs.

Im Dorfe scholl munterer Kinderlärm und über allem Irdischen in hoher Luft Glockenläuten, das Läuten der Feierabendglocken.

Immer stiller ward es; die Glocken verklangen, das Abendrot verglühte, und jetzt tauchte blitzend an dem dämmernden Himmel der erste Stern auf.

Da kam er, der Abendfriede. Von dem Stern flog er her, schnell wie das Licht fliegt, ganz etwas Unsichtbares. Wenn einmal einen Augenblick gar nichts weiter zu hören war, selbst nicht das leise Wehen des Windes, dann spürte man im Ohr ein Flügelrauschen, aber ganz schwach; das kam von ihm. Er war eine Art Engel und der blinkende Stern droben seine Wohnung.

Er blieb heute lange bei den zwei alten Leuten; er schwebte um sie, und so oft er über sie hinstrich, schüttelte er ein wenig die Flügel, da rieselte es auf sie nieder, wunderbare Tropfen der Erquickung, daß ihnen das Herz freudiger schlug als sonst.

»Es ist doch schön auf Gottes Welt, Gertrud,« sagte der alte Mann; »es will mir gar nicht recht zu Kopf, daß wir nun bald fort müssen. Ich glaube, ich könnte dreimal so alt werden, wie ich bin, und ich würde mir nicht wünschen, meines Leibes ledig zu werden.«

»Red nicht so, Heinrich,« antwortete das alte Mütterchen und hüstelte ein wenig; »das ist doch dein Ernst nicht. Wir haben beide allerlei Gebresten, die uns quälen, wenn auch gerade nicht auf diese Stunde. Ich weiß wohl, was ich mir alle Nächte wünsch, wenn der Husten kommt, daß man nicht schlafen kann und denkt: Hüter, ist die Nacht schier hin? Oder wenn mir die Hand zu zittern anfängt, daß die Arbeit hinausfällt auf den Estrich. Ein älter Mensch ist so mürbe und zerrieben, daß er froh sein muß, wenn er auseinandergeht und die müde Seele Frieden findet.«

»Nein,« sprach der Greis wieder, »ich fühl’s nimmer, daß mir so zumute wäre. Der Tod ist alleweg ein bitteres Kraut, da wollen wir uns nichts einreden. Vielleicht wenn ich meine Kräfte nicht mehr hätte, daß mir das Auge trübe oder das Ohr taub wäre oder mir kein Essen mehr schmecken möchte: daß ich dann lieber stürbe als jetzt. Aber so weiß ich schon, ich werd ein schweres Sterben haben, wenn ich denke, daß ich nachher Gottes Sonne nicht mehr sehe und das liebe Gewächs, mit dem ich mich mein Lebtag abgegeben habe, und alles das nicht mehr höre, was mich immer gefreut hat, die Vögel, die Kinder im Dorf, die Orgel und die Glocken.«

So redeten sie eine Weile hin und her, und über ihnen auf der Laube saß unsichtbar der Abendfriede und lächelte so lieb, wie Engel lächeln.

Er hörte jedem Wort zu, das sie sprachen, und endlich wurde er nachdenklich.

Er dachte sich etwas aus, etwas recht, recht Schönes. Und endlich hatte er das Richtige. Aber er konnte es nicht ausführen, wie er wollte. Ohne den lieben Gott, der erst ja dazu sagte, ging das nicht.

Die beiden alten Leute begaben sich in das Häuschen, und er flog weiter und schüttelte seine Schwingen recht oft; denn er war jetzt ganz besonders froh. Reichlicher als sonst lag die Welt voll von dem Wundertau der Erquickung, als er zum Himmel aufstieg.

Er schwebte diesesmal bei seinem Stern vorüber, zu Gott hin. Und als er dort gesagt, was er sich ausgedacht hatte, da lächelte ihm der himmlische Vater zu und nickte.

Und nun war der Abendfriede erst recht glücklich.

Einmal des Abends blieb er bei dem Häuschen und wartete, bis die beiden alten Leute schliefen. Da huschte er in die Schlafstube hinein und erlöste die Seele des alten Mütterchens von ihrem Leibe, ganz in der Stille.

Wie ward die so froh und jung! Sie sah den Abendfrieden an und sagte: »Dich kenne ich, du mußt des Abends manchesmal um uns gewesen sein.«

»Ja,« nickte der ihr zu. »Ich bin der Abendfriede. Ich will dich mit zu meinem Stern hinaufnehmen. Er hat das allersanfteste Licht, und sanft und friedlich wie sein Licht ist alles auf ihm.«

»Ach,« sagte die Seele des alten Mütterchens, »willst du mich allein erlösen und ihn dort nicht?«

Und sie zeigte nach dem Bett, in dem der alte Mann schlief, welcher keine Lust hatte, von der Erde zu scheiden.

»Noch nicht,« nickte der Abendfriede zu dem Bett hinüber. »Aber bald!« Und er lächelte wie in Gedanken.

Das sah die Seele der alten Frau, und es überkam sie so friedlich und freudig; und die beiden schwebten himmelauf, zu dem Stern hin.

Acht Tage lang ließ sich der Abendfriede nicht bei dem Häuschen spüren; nur im weiten Bogen flog er um dasselbe herum. Dann kam er wieder zu der Steinbank.

Aber der alte Mann war nicht auf der Steinbank.

Er guckte in das Fenster, und da sah er ihn drinnen auf der Ofenbank sitzen und schlüpfte zu ihm in das Stübchen.

Der arme alte Mann war ganz allein. So wehmütig sah es aus, wie er ganz versunken dasaß, die braunen, schwieligen Hände zwischen den Knien zusammengelegt. Er weinte nicht; aber seine Augen waren rot, und er hatte das weiße Haupt gesenkt und rührte sich nicht. Die Kuckucksuhr an der Wand tickte so eilig, als ob sie etwas versäumt hätte, und das Herz des Greises tickte auch, aber so müde, so langsam!

Neben ihm lagen das Gesangbuch und die Brille; und in dem aufgeschlagenen Gesangbuch war ein Lied zu sehen, das fing an:

»Jerusalem, du hochgebaute Stadt,

Wollt Gott, ich wär in dir:

Mein sehnlich Herz so groß Verlangen hat

Und ist nicht mehr bei mir.

Weit über Berg und Tale

Und über blaches Feld

Schwingt es sich über alle

Und eilt aus dieser Welt.«

Der Abendfriede las das und hatte wieder ein Engelslächeln auf den Lippen.

Nun fing der alte Mann an, vor sich hin zu sprechen.

»Sonst saßen wir um diese Zeit auf der Bank draußen. Aber nunmehr bringe ich es nicht über das Herz, hinauszugehen. Es ist mir alles vergällt. Das Licht tut meinen Augen weh, von dem Vogelgepiep und Kinderschreien schmerzen mir die Ohren, und wenn ich die Glocken so läuten höre, quält es mich da drinnen, wo das Herz sitzt. Die Glocken haben auch geläutet, als wir mein altes Mütterchen Gertrud begraben haben.

Was soll ich auch noch auf der Welt? Das möchte ich wissen. Ich ginge je eher je lieber hinaus. Aber da läßt mich’s nicht, als ob die Welt ohne mich nicht bestehen könnte. Jeder kann froh sein, der erlöst ist.

Ach, lieber Tod, komme bald!

Ich glaube, daß er wirklich kommt; denn ich weiß nicht, wovon mir jetzt so wohl wird.«

Er konnte es nicht merken, daß der Abendfriede über ihm flog und seine Flügel schüttelte. Der Wundertau rieselte über ihn, das war es, was ihm so wohl tat.

Der Tod kam nicht; aber erlöst wurde er doch in der Nacht, so sanft wie das alte Mütterchen, und es war wieder der Abendfriede, der ihn erlöste. Der Tod mit der Sense schneidet bloß in ein Leben, das anders nicht zerreißen will.

»Ach, das ist schön,« sagte die Seele des alten Mannes zu dem Engel. »Nun führe mich zu meinem lieben alten Mütterchen!«

Und der Abendfrieden nickte.

»Weißt du noch,« sprach er unterwegs, »wie du die Erde so schön fandest und gar nicht begreifen mochtest, daß man sie gern verlassen könnte?«

Die Seele dachte nach.

»Das muß wohl gewesen sein, ehe Gertrud starb.«

»Freilich,« meinte der Abendfriede; »ich habe sie dir eben genommen, damit du anderen Sinnes würdest; denn ich wußte, alsdann würdest du dich bekehren. Und soll ich dir sagen, warum ich das wünschte?«

»Nun?«

»Die da widerwillig sterben, mäht der Tod, und sie kommen an einen anderen Ort als die, welche den ewigen Frieden ersehnten. Ich aber wollte euch beide gern zusammen und bei mir haben: das war’s.«

Wie das Antlitz des Abendfriedens leuchtete! Hast du schon eines Menschen Gesicht glänzen gesehen, der eben eine gute Tat getan? So ungefähr, aber viel verklärter.

Victor Blüthgen