Der Nachtwächter

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat neun geschlagen!

Die Lämmer sind schon längst im Stall,

Im Nest die Vöglein allzumal;

Drum lasset euer Spielzeug stehn,

’s ist hohe Zeit, zu Bett zu gehn,

Und lobet Gott den Herrn!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat zehn geschlagen!

Die Lämmer schliefen ruhig ein,

Sie können ohne Sorge sein;

Im Hofe wacht der treue Hund,

Der macht um ihren Stall die Rund’,

Läßt keinen Wolf hinein.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen;

Die Glock’ hat elf geschlagen!

Gar lieblich ist der Vöglein Ruh;

Ihr Mütterlein, es deckt sie zu

Mit beiden Flügeln früh und spät,

Wenn kalt die Nacht ums Nestchen weht.

Das liebe Mütterlein!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat zwölf geschlagen!

Auch eure Eltern ruhen beid’

Im Bette schon seit langer Zeit;

Doch schlafen sie nicht alsogleich;

Sie sorgen treulich noch für euch.

Ihr schlaft und hört es nicht.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat eins geschlagen!

So viele Kinder auf der Welt,

So viele Stern’ am Himmelszelt,

So viele Engel im Himmelsraum,

Die bringen euch manch schönen Traum

Von oben mit herab.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat zwei geschlagen!

Und mit dem blanken Sternenheer

Kam auch der liebe Mond daher

Und steckte sein Laternchen an;

Doch schlich sich wo ein Dieb heran,

Den jagt er schnell davon.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat drei geschlagen!

Und bleibt der Mond einmal zu Haus

Und sagt: »Nun schlaf ich auch mal aus.«

Da bin ich hier, der euch bewacht;

Laut blas ich durch die stille Nacht

Und lobe Gott den Herrn.

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat vier geschlagen!

Was hilft doch aller Menschen Macht,

Wenn Gott der Herr sie nicht bewacht?

Vor Krankheit und viel andrer Pein

Bewahrt nur einzig er allein;

Drum lobet Gott den Herrn!

Hört, ihr Kinder, und laßt euch sagen:

Die Glock’ hat fünf geschlagen!

Horcht auf, es krähet schon der Hahn

Und ruft: »Erwacht, der Tag bricht an!«

Die Lerch’ ist längst zum Nest heraus;

Der Wächter aber geht nach Haus,

Und alles lobt den Herrn.

Robert Reinick