Der Sandmann
Der Abendwind säuselt im Strauche der Schlehn.
Die Herbstzeitlosen im Felde stehn.
Die Mondsichel blitzt aus ätherischem Blau,
In den Wiesengräsern glitzert der Tau.
Auf der Landstraße zieht eine eigne Gestalt –
Hat Flugsand zu Menschenleib sich geballt?
Was will denn der Wandrer abends noch spät,
Daß er Körner ausstreut, wie ein Mann, der sät?
Sein Haupthaar ist Sand, und sein Vollbart ist Sand,
Und in sandigen Falten fließt sein Gewand.
Von Sand ist sein Mantel, von Sand ist sein Hut,
Nur die Augen schillern in grünlicher Glut;
Drin lodert bald grünlich, bald bläulich der Brand,
Und es knistert sein Wandeln wie rieselnder Sand.
Vom wachsgelben Körper im Mondsichelschein
Die Sandkörner glühn wie Geschmeid und Gestein.
Von fern aus milchweißem Nebelflor
Tauchen Mauern und Türm einer Stadt empor.
Und er schlüpft, eine Welle sickert so fein,
In die mondhellen Gassen durchs Tor hinein.
Durch die Fenster die Menschen er sitzen sieht,
Beim Abendbrot und beim Abendlied.
Die Mutter erzählt im Kinderkreis
Ein grusliches Märchen, flüsternd leis.
Da tönt von den Türmen Spätglockengeläut,
Und der Sandmann ins Zimmer die Körner streut.
Er schleudert in Garben aus blinkender Hand,
Wie ein Regen von Sternen, den goldenen Sand.
Und den Kleinen, pausbäckig und märchenfrisch,
Sinken traumschwer die Wimpern über den Tisch.
Das sticht so dornig, das prickelt so spitz,
Sie reiben die Augen, da leuchtet’s wie Blitz.
Die Mutter den Ruf aber schallen läßt:
»Der Sandmann ist da! Flugs, Kind, ins Nest!«
Heinrich Vierordt