Nähterin Nacht
Nun naht die Nacht!
Eine alte, ergraute Nähterin,
Zieht sie die seidnen
Zwirnfäden der Dämmerung
Über die Dächer des Dorfes,
Räufelt sie hin und her
Und wickelt sie flink
Um Büsch und Bäume,
Buchen und Pappeln,
Daß sie starrn wie umsponnene Spulen …
Von der schwarzen Marmorkonsole
Der östlichen Berge
Hebt sie die weiße Milchglasglocke
Des Mondes empor
Und legt einen
Flimmernden Funken hinein:
Rötlich leuchtet zuerst
Der kohlende Docht,
Gelblich flackernd und unbestimmt,
Dann schimmert weiß und bläulich
Das matte, milde Lampenlicht
Der Nähterin Nacht …
Und sie steckt
Ins schwarze Sammetkissen des Himmels
Die silbernen Sternennadeln …
Nähend sitzt sie dann
An der leise summenden
Nähmaschine der Welt
Und zieht aus ihrem Gefüge,
Langsam breitend über die Lande
Von Osten nach Westen,
Die mit Goldzwirn gestickten,
Mit Silberseide besäumten
Purpurgewänder des Morgens …
Hans Benzmann