Am Futterplatz
Still träumt der Wald in tiefem Schnee.
Ein weißer Dom schließt rings mich ein;
Durch seine Lücken in der Höh
Blickt grauer Winterhimmel drein.
Wie starr der Bäume Säulen stehn!
Von überall haucht’s kalt mich an;
Und doch: wie schön, wie wunderschön!
Ein Märchen, das der Tod ersann.
Zuweilen wie ein Glöcklein klingt’s:
Das ist der Meise Silberton;
Durchs weiße Netzwerk oben schwingt’s
Und ist im Nu dem Blick entflohn.
Und dort: ein Werk der Menschenhand –
Gestützte Dächer, dick verschneit –
Im unbarmherz’gen Winterland
Ein Tempel der Barmherzigkeit.
Im weißen Grunde scharrt das Reh
Und äugt und wittert langsam fort:
Kein nährsam Hälmchen überm Schnee,
Und drunter alles Grün verdorrt.
Und näher stampft es, da – und da –
Am nächsten Busche rührt sich’s schon.
Zum Tempel kommt von fern und nah
Die hungrig stumme Prozession.
Der Wärtel hat gedeckt den Tisch:
Die Raufen füllt das duft’ge Heu.
Nun quillt’s in schwärzlichem Gemisch
Und zupft behaglich sonder Scheu …
Ich späh versteckt; mein Auge hängt
An ihrer zierlichen Gestalt,
Bis alles satt und weiter drängt –
Und wieder einsam träumt der Wald.
Victor Blüthgen