Gewitter im Walde
»Steht nun, Brüder, wie ein Turm!«
Sprach im Forst die alte Eiche;
»In den Lüften rast der Sturm,
Und schon naht er unserm Reiche.
Junges Volk, noch reich belaubt,
Schließt euch dicht an uns, die Alten;
Stark den Stamm und hoch das Haupt,
Laßt uns fest zusammenhalten!«
»Kinder,« sprach die Weide, »dreht
Fügsam euch nach allen Winden;
Schmiegt und biegt euch, wie es geht,
Daß wir unversehrt uns finden!«
Rief das Moos: »Was das Gehölz
Schwatzt von Kämpfen, Schmiegen, Ducken!
Ich auf meinem grünen Pelz
Fühl nur ein behaglich Jucken.« –
Doch die Windsbraut fährt alsbald
In den Forst, die Bäume zittern;
Bis zum Grund erbebt der Wald,
Wipfel brechen, Stämme splittern.
Aus den Wolken, schwarz verhüllt,
Wirft der Sturm des Blitzes Schlange,
Und des Donners Stimme brüllt
Dumpf ihm nach auf seinem Gange. – –
Tief gespalten und zerfetzt
Steht der Baum, ein wunder Streiter;
Moos und Weiden, taubenetzt,
Grünen unbekümmert weiter.
Georg Scherer