Die Republik des Südkreuzes

Artikel der Spezialnummer des „Nordeuropäischen Abendblattes“

In letzter Zeit erschien eine ganze Reihe von Beschreibungen jener entsetzlichen Katastrophe, welche die Republik des Südkreuzes heimsuchte. Sie sind einander überraschend unähnlich und geben nicht wenig offenbar phantastische und unwahrscheinliche Begebenheiten wieder. Die Zusammensteller dieser Beschreibungen verhielten sich augenscheinlich zu leichtgläubig gegenüber den Berichten jener Bewohner der Sternenstadt, die sich gerettet hatten, und die, was ja bekannt ist, alle von einer psychischen Störung betroffen wurden. Darum also halten wir es für nützlich und zeitgemäß, die Summe aller glaubwürdigen Nachrichten, die uns bislang von der Tragödie auf dem Südpole bekannt wurden, zu ziehen.

Die Republik des Südkreuzes entwickelte sich vor etwa vierzig Jahren aus 300 in den südpolaren Gebieten gelegenen Stahlfabriken. In einem Zirkular, das allen Regierungen des Erdballes zugesandt wurde, erhob der neue Staat Ansprüche auf alle Länder, ob sie nun kontinentalen oder insularen Charakters waren, die in dem Bezirke des südpolaren Kreises lagen, wie auch auf jene Teile dieser Länder, die über dieses Gebiet hinausragten. Er erklärte sich bereit, diese Länder von den Regierungen käuflich zu erwerben, unter deren Protektorate sie standen. Die Prätensionen der neuen Republik begegneten keinem Widerstand von seiten der fünfzehn Großmächte der Erde. Einige strittige Punkte betreffs weniger Inseln, die außerhalb des Polarkreises lagen, dennoch aber eng an das südpolare Gebiet grenzten, erforderten besondere Traktate. Nach Erfüllung verschiedener Formalitäten wurde die Republik des Südkreuzes in die Familie der Weltherrschaften aufgenommen und ihre Vertreter bei den in Frage kommenden Regierungen akkreditiert.

Die Hauptstadt der Republik, die den Namen der Sternenstadt erhielt, war am Pole gelegen. An jenem gedachten Punkte, den die Erdachse berührt und wo alle Meridiane zusammentreffen, stand das städtische Rathaus, und die Spitze seines Fahnenmastes war zum Zenith des Himmels

emporgerichtet. Die Straßen der Stadt entfernten sich vom Rathaus in der Richtung der Meridiane, und die Meridionalen wurden von anderen durchschnitten, die in der Richtung der Parallelkreise strebten. Die Höhe und das Äußere aller Baulichkeiten waren gleichartig. Die Wände hatten keine Fenster, denn das Innere der Gebäude war durch Elektrizität beleuchtet. Elektrizität beleuchtete auch die Straßen. In Anbetracht des rauhen Klimas war über der Stadt ein das Licht abschließendes Dach errichtet worden, in das mächtige Ventilatoren eingelassen waren, zum beständigen Erneuern der Luft. Jene Länder des Erdballes kennen im Laufe des Jahres nur einen Tag von sechs Monaten und eine lange Nacht von gleichfalls sechs Monaten, doch die Straßen der Sternenstadt wurden beständig vom gleichen und klaren Lichte beschienen. Ganz ebenso, wie zu allen Jahreszeiten die Temperatur auf den Straßen künstlich auf der gleichen Höhe gehalten wurde.

Nach der letzten Zählung erreichte die Zahl der Sternenstadtbewohner die Höhe von 2500000 Menschen. Die ganze übrige Bevölkerung der Republik, die auf 50000000 geschätzt wurde, verteilte sich auf die Hafenstädte und Fabriken. Diese Punkte bildeten gleichfalls Ansammlungen von Millionen Leuten und erinnerten in ihrem Äußeren an die Sternenstadt. Dank einer geistvollen Anwendung elektrischer Kraft, waren die Einfahrten aller offenen Häfen das ganze Jahr über eisfrei. Elektrisch betriebene Hängebahnen verbanden die bewohnten Orte der Republik miteinander und auf ihnen wurden täglich Zehntausende von Menschen und Millionen Kilogramm Waren aus einer Stadt in die andere befördert. Was das Innere des Landes anbetrifft, so blieb es unangesiedelt. Vor den Blicken der Reisenden, die durchs Waggonfenster schauten, zogen nur einförmige Wüsten vorbei, die im Winter völlig weiß und nur in den drei Sommermonaten von spärlichem Grase bewachsen waren. Wilde Tiere waren schon längst ausgerottet, und für das Leben fehlte dort jegliche Existenzmöglichkeit. Doch um so erstaunlicher war das angeregte Leben in den Hafenstädten

und Fabrikzentren. Um einen Begriff von diesem Leben zu geben, sei nur erwähnt, daß in den letzten Jahren etwa sieben Zehntel allen Metalles, das auf der Erde zutage gefördert wurde, in den staatlichen Fabriken der Republik zur Umarbeitung gelangten.

Die Konstitution der Republik schien äußerlich die völlige Verkörperung von Volksherrschaft darzustellen. Als die einzig voll berechtigten Bürger galten die Arbeiter der metallurgischen Fabriken, die etwa 60 Prozent der Bevölkerung bildeten. Diese Fabriken waren Staatseigentum. Das Leben der Arbeiter auf den Fabriken war nicht nur mit allen möglichen Bequemlichkeiten ausgestattet, sondern sogar luxuriös. Zu ihrer Verfügung standen außer den wundervollen Räumlichkeiten und einem erlesenen Tische noch die verschiedensten Bildungsmittel und Zerstreuungen: Bibliotheken, Museen, Theater, Konzerte, Säle für alle Arten Sport usw. Die tägliche Zahl der Arbeitsstunden war eine äußerst geringe. Um Erziehung und Bildung der Kinder, um medizinische und juristische Hilfe, um Gottesdienst aller Religionen bekümmerte sich die Regierung. Die in der Befriedigung aller ihrer Nöte, ihres Bedarfes, ja selbst ihrer Wünsche ganz sorglos gestellten Arbeiter der staatlichen Fabriken erhielten allerdings für ihre Arbeit keine Geldentschädigung; doch die Familien der Bürger, die mehr als 20 Jahre auf einer Fabrik gedient hatten, wie auch jene der im Dienste gestorbenen oder arbeitsunfähig gewordenen, erhielten eine reiche lebenslängliche Pension unter der Bedingung, die Republik nicht zu verlassen. Aus der Zahl der Arbeiter wurden auf dem Wege allgemeiner Stimmabgabe Vertreter gewählt für die gesetzgebende Kammer der Republik, die alle Fragen des politischen Lebens im Lande entschied, ohne allerdings das Recht zu haben, es in seinen Grundgesetzen zu verändern.

Dies demokratische Äußere verhüllte eine rein selbstherrliche Tyrannei der Mitglieder und Begründer des früheren Trustes. Den anderen die Plätze der Deputierten in der Kammer überlassend, wählten sie immer nur ihre Kandidaten zu Direktoren der Fabriken. In den Händen des Rates

dieser Direktoren konzentrierte sich das ganze ökonomische Leben des Landes. Sie empfingen alle Bestellungen und verteilten sie an die Fabriken; sie kauften Material und Maschinen für die Arbeit; sie führten die ganze Haushaltung in den Fabriken. Durch ihre Hände flossen ungeheure Summen Geldes, die nach Milliarden zählten. Die gesetzgebende Kammer hatte immer nur die ihr vorgelegten Quittungen der Ausgaben und Einnahmen in der Fabrikverwaltung zu bestätigen, obgleich oftmals die Balance dieser Quittungen das ganze Budget der Republik weit überwog. Der Einfluß des Direktorenrates auf die internationalen Verhältnisse war ungeheuer. Seine Entschlüsse konnten ganze Länder arm machen. Die Preise, die er aufstellte, bestimmten den Verdienst von Millionen arbeitender Menschen auf der ganzen Erde. Gleichzeitig war, wenn auch nicht so direkt, der Einfluß des Rates auf die inneren Geschicke der Republik immer entscheidend. Die gesetzgebende Kammer vollstreckte im Grunde nur gehorsam den Willen des Rates.

Diese Gewalt konnte der Rat nur durch ein unerbittliches Reglement des ganzen Lebens im Lande in seinen Händen erhalten. Bei anscheinender Freiheit war das bürgerliche Leben bis herab zu den kleinsten Kleinigkeiten normiert. Die Gebäude aller Städte in der Republik wurden nach ein und demselben vom Gesetz bestimmten Muster gebaut. Die Ausstattung aller Räumlichkeiten, die den Arbeitern zur Verfügung standen, war bei all ihrer Pracht doch aufs strengste einförmig. Alle erhielten die gleiche Speise zur gleichen Stunde. Die Kleidung, welche die Staatsspeicher hergaben, war unveränderlich und immer zehn Jahre von gleicher Art. Nach einer bestimmten Stunde, die ein Signal vom Rathaus her ankündigte, war es nicht gestattet, aus dem Hause zu gehen. Die ganze Presse war einer strengen Zensur untergeordnet. Kein Aufsatz, der gegen die Diktatur des Rates gerichtet war, wurde durchgelassen. Übrigens war das ganze Land so sehr von der Wohltätigkeit eben dieser Diktatur überzeugt, daß die Setzer sich weigerten, Zeilen zu setzen, welche den Rat kritisierten.

Alle Fabriken waren voll Agenten des Rates. Bei der geringsten Unzufriedenheit mit dem Rat beeilten sich diese Agenten auf eilig versammelten Meetings, in leidenschaftlichen Reden alle Zweifelnden zu überzeugen. Der wirkungsvollste Beweis war natürlich jener, daß das Leben der Arbeiter in der Republik für die ganze Welt ein Gegenstand des Neides sei. Man sagt auch, daß der Rat, im Falle unentwegter Agitation einzelner Personen, einen politischen Mord nicht verschmähte. Jedenfalls aber wurde, so lange die Republik besteht, bei der allgemeinen Stimmabgabe noch kein Direktor von den Bürgern in den Rat gewählt, der den Gründern feindlich gewesen wäre.

Die Einwohner der Sternenstadt bestanden hauptsächlich aus Arbeitern, die ihre Zeit abgedient hatten. Das waren, sozusagen, Rentiers des Staates. Die Regierung gab ihnen Mittel und Möglichkeit, komfortabel zu leben. Darum ist es nur natürlich, daß die Sternenstadt in den Ruf einer der fröhlichsten Städte auf der Welt kam. Für verschiedene Entrepreneure war dies ein gefundenes Fressen. Die Berühmtheiten der ganzen Welt trugen ihre Talente hierher. Hier waren die besten Opern, Konzerte, Kunstausstellungen; hier erschienen die bestunterrichteten Zeitungen. Die Magazine der Sternenstadt überraschten durch reiche Auslagen, die Restaurants durch Pracht und Erlesenheit der Gedecke; die Freudenhäuser betörten durch alle Formen des Lasters, welche die alte und neue Welt erdacht hatten. Trotzdem war das von der Regierung ausgehende Reglement des Lebens auch in der Sternenstadt zu bemerken. Es ist wahr, die Ausstattung der Wohnungen, die Moden der Gewänder waren nicht eingeschränkt, doch auch hier blieb das Verbot des Ausgehens nach einer bestimmten Stunde in Kraft, gleichwie die Strenge der Preßzensur, und der Rat hielt sich auch hier eine ganze Armee von Spionen. Die Ordnung wurde offiziell von der Volkswacht aufrecht erhalten, doch Seite an Seite mit ihr existierte die geheime Polizei des allwissenden Rates.

In den allgemeinen Zügen war dies das Leben in der Republik des Südkreuzes und ihrer Hauptstadt. Aufgabe

eines künftigen Historikers dürfte es sein, zu bestimmen, in wieweit dieses Leben auf die Entstehung und Verbreitung jener unheilvollen Epidemie einwirkte, die zum Untergange der Sternenstadt führte und vielleicht auch zu dem des ganzen jungen Staates.

Die ersten Fälle einer Erkrankung am „Widerspruche“ wurden schon vor etwa 20 Jahren in der Republik bemerkt. Damals trug diese Krankheit noch einen zufälligen und sporadischen Charakter. Die dort ansässigen Psychiater und Neuropathologen interessierten sich für sie, gaben ihre genaue Beschreibung und es wurden ihr auch auf dem damals in Lhassa stattfindenden internationalen Medizinerkongreß mehrere Berichte gewidmet. Allein man vergaß sie später, obwohl es in den psychiatrischen Kliniken der Sternenstadt niemals an von dieser Krankheit Befallenen mangelte. Seinen Namen erhielt dies Leiden daher, daß die an ihm erkrankten beständig sich selbst und ihren Wünschen widersprachen, das eine wollten, aber ein ganz anderes sagten oder taten. (Der wissenschaftliche Name dieser Krankheit ist mania contradicens.) Sie setzt gewöhnlich mit schwach angedeuteten Symptomen ein, vorwiegend in einer Art eigentümlicher Aphasie. Der Erkrankte sagt anstatt „Ja“ — „Nein“; an Stellen von freundschaftlichen Worten, überschüttet er den anderen mit Schimpfreden usw. Größtenteils beginnt der Kranke gleichzeitig zu sich selbst und seinen Handlungen in Widerspruch zu treten; will er links gehen, so wendet er sich nach rechts; gedenkt er seinen Hut abzunehmen, um besser sehen zu können, so drückt er sich ihn um so tiefer in die Stirne usw. Bei einer Weiterentwicklung der Krankheit erfüllen diese Widersprüche das ganze körperliche und seelische Leben des Kranken, dabei natürlich mit großer Mannigfaltigkeit und der individuellen Eigenheit eines jeden entsprechend auftretend. Im allgemeinen sind die Reden des Kranken unverständlich, seine Handlungen töricht. Auch die

Regelmäßigkeit der physiologischen Verrichtungen des Organismus wird gestört. Das Unvernünftige seines Handelns erkennend, gerät der Kranke in äußerste Erregung, die oft an Ekstase grenzt. Sehr viele beenden ihr Leben durch Selbstmord, was zuweilen in einem Wahnsinnsanfall geschieht, zuweilen aber auch in Minuten seelischer Klarheit. Einige sterben durch einen Bluterguß ins Gehirn. Fast immer führt die Krankheit zu einem letalen Ende; Fälle der Wiederherstellung sind äußerst selten.

In der Sternenstadt nahm die mania contradicens erst in den mittleren Monaten dieses Jahres ihren epidemischen Charakter an. Bis zu dieser Zeit war die Zahl der an Widerspruch erkrankten niemals größer als 2 Prozent der überhaupt Erkrankten. Doch dieses Verhältnis stieg im Mai (dies ist ein Herbstmonat in der Republik) plötzlich auf 25 Prozent und wurde in den folgenden Monaten immer größer, während gleichzeitig auch die absolute Zahl der Erkrankungen proportional wuchs. In der Mitte des Juni waren schon 2 Prozent der ganzen Bevölkerung, d. h. etwa 50000 Menschen offiziell als am Widerspruch erkrankt erklärt. Nach dieser Zeit fehlen alle statistischen Daten. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Das Kontingent der Ärzte war bald zu klein. Dazu kam noch, daß auch die Ärzte sowie die Krankenwärter der Krankheit erlagen und sehr bald schon war es vielen Kranken unmöglich, ärztliche Hilfe zu erlangen, und deshalb wurde eine genaue Registrierung der Krankheitsfälle illusorisch. Übrigens treffen die Berichte aller Augenzeugen darin zusammen, daß man bereits im Juli keine Familie mehr sehen konnte, in der nicht ein Erkrankter gewesen wäre. Zu diesem kam noch, daß die Zahl der Gesunden sich beständig verringerte, da eine Massenemigrierung aus der Stadt, wie aus einem verseuchten Orte, begann, und die Zahl der Kranken zunahm. Es läßt sich denken, daß jene nicht weit von der Wahrheit entfernt sind, welche behaupten, daß schon im August alle, die in der Sternenstadt zurückgeblieben waren, von einer psychischen Störung ergriffen waren.

Das erste Auftreten der Epidemie kann man in den dortigen Zeitungen verfolgen, die das alles in eine ständig anwachsende Rubrik eintrugen: Mania contradicens. Da es so schwierig ist, die Krankheit in ihren ersten Stadien zu erkennen, so ist die Chronik der Tage im Beginn der Epidemie voll von komischen Episoden. Ein erkrankter Kondukteur der Metropolitaine nahm kein Geld von den Passagieren, sondern zahlte es ihnen. Ein Straßenwächter, dessen Pflicht es war, die Bewegung auf der Straße zu regulieren, hemmte und verwirrte sie im Verlaufe eines ganzen Tages. Ein Museumsbesucher nahm in den Sälen, die er durchschritt, alle Bilder herunter und hängte sie umgekehrt wieder auf. Eine Zeitung, deren Korrektur von einem erkrankten Redakteur gelesen wurde, war voll lächerlicher Versehen. Im Konzerte störte plötzlich ein erkrankter Geiger durch fürchterliche Dissonanzen, die vom Orchester ausgeführte Pièce usw. Eine lange Reihe solcher Zufälle gab den dortigen Feuilletonisten Stoff zu witzigen Ausfällen. Doch einige Ereignisse anderer Art brachten bald die Spötter zum Schweigen. Das erste bestand darin, daß ein Arzt, der am „Widerspruch“ erkrankt war, einem Mädchen ein unbedingt tödliches Mittel verschrieb, und daß seine Patientin starb. Ganze drei Tage waren die Zeitungen mit diesem Vorfall beschäftigt. Dann waren es zwei Ammen, die im Stadtkindergarten in einem Anfall des Widerspruchs einundvierzig Kindern die Gurgel durchschnitten. Die Nachricht von diesem Fall erschütterte die ganze Stadt. Doch am selben Tage rollten zwei Erkrankte aus dem Hause, in dem die Stadtmilizen einquartiert waren, eine Mitrailleuse und überschütteten die friedlich wandelnde Menge mit Kartätschen. An 500 Menschen wurden getötet oder verwundet.

Nach diesem Vorfall begannen alle Zeitungen, sowie die ganze Gesellschaft stürmisch nach sofortigen Maßregeln gegen die Epidemie zu verlangen. In einer Extrasitzung des Stadtrates und der gesetzgebenden Kammer wurde beschlossen, Ärzte aus den anderen Städten und dem Auslande aufzufordern, sofort die alten Krankenhäuser zu vergrößern, neue zu

eröffnen, sowie Häuser zur Isolierung der am „Widerspruch“ Erkrankten zu gründen, eine Broschüre über die neue Krankheit, in der auf alle Anzeichen und Heilungsmethoden hingewiesen werden sollte, in 500000 Exemplaren drucken und verteilen zu lassen, und endlich in allen Straßen spezielle Jouren von Ärzten und ihren Gehilfen zu organisieren, sowie auch regelmäßige Besuche in den Privatquartieren zum Erweisen der ersten Hilfe usw. Es wurde auch beschlossen, täglich ausschließlich für Kranke bestimmte Züge auf allen Strecken verkehren zu lassen, da die Ärzte als bestes Mittel gegen die Krankheit eine Ortsveränderung empfahlen. Ähnliche Mittel wurden gleichzeitig auch von verschiedenen Privatassoziationen, Vereinigungen und Klubs ergriffen. Es wurde sogar eine besondere „Gesellschaft zum Kampf mit der Epidemie“ begründet, deren Mitglieder schon bald eine wirklich aufopfernde Tätigkeit entwickelten. Doch ungeachtet dessen, daß all diese und ähnliche Mittel mit unermüdlicher Energie durchgeführt wurden, wurde die Epidemie nicht schwächer, sondern mit jedem Tage stärker, betraf in gleicher Weise Kinder und Greise, Männer und Frauen, arbeitende Menschen und solche, die sich erholten, Asketen und Wüstlinge. Und bald wurde die ganze Gesellschaft von unüberwindlichem, elementarem Grauen vor diesen unerhörten Nöten ergriffen.

Die Flucht aus der Sternenstadt begann. Anfangs beeilten sich einige aus der Zahl der hervorragenden Beamten, Direktoren, Mitgliedern der gesetzgebenden Kammer und des Stadtrates, ihre Familien in die südlichen Städte Australiens oder nach Patagonien zu schicken. Nach ihnen kam dann die zufällig angereiste Bevölkerung: Ausländer, die sehr gerne „die allerlustigste Stadt der Südhemisphäre“ besuchten, Artisten aller Professionen, Abenteurer verschiedenster Art, Frauen von leichter Aufführung. Als die Epidemie trotzdem neue Fortschritte machte, flohen auch die Kaufleute. Ihre Waren verkauften sie eiligst und ihre Magazine überließen sie dem Schicksale. Gleichzeitig mit ihnen flohen die Bankiers, die Besitzer von Theatern und Restaurants, die

Herausgeber von Zeitungen und Büchern. Endlich trat die Notwendigkeit auch an die Stammbevölkerung heran. Nach dem Gesetze durften die gewesenen Arbeiter die Republik nicht ohne eine besondere Erlaubnis verlassen, unter Androhung des Verlustes der Pension. Doch um sein Leben zu retten, kümmerte sich keiner mehr um diese Drohung. Man desertierte. Es flohen die in den staatlichen Behörden dienenden, es flohen die Glieder der Volksmiliz, es flohen die Schwestern in den Krankenhäusern, die Pharmazeuten, die Ärzte. Das Bestreben zu fliehen, wurde seinerseits fast zur Manie. Es flohen alle, die fliehen konnten.

Die Stationen der elektrischen Bahnen waren beständig von riesigen Volksmengen umlagert. Die Billette zu den Zügen wurden für enormes Geld gekauft, und es wurde um sie gekämpft. In der Minute der Abfahrt des Zuges brachen neue Menschen in die Waggons und traten die eroberten Plätze nicht ab. Die Menschen hielten die nur für Kranke bestimmten Züge an, zogen sie aus den Waggons, nahmen ihre Zellen ein und zwangen den Maschinisten zu fahren. Der ganze bewegliche Bestand an Eisenbahnen in der Republik arbeitete seit Ende Mai nur auf den Linien, welche die Hauptstadt mit den Häfen verbanden. Die aus der Sternenstadt kommenden Züge waren überfüllt; die Passagiere standen in den Gängen, wagten es sogar, draußen zu stehen, obgleich bei der Schnelligkeit der heutigen elektrischen Bahnen die Gefahr des Erstickungstodes drohte. Die Dampferkompagnien Australiens, Südamerikas und Südafrikas machten verhältnismäßig gute Geschäfte bei der Überfahrt der Emigranten aus der Republik in andere Länder. Zur Sternenstadt aber fuhren die Züge fast leer. Für kein Geld konnte man Menschen bereit finden, einen Dienst in der Hauptstadt zu übernehmen; nur zuweilen besuchten exzentrische Touristen und Liebhaber starker Emotionen die verseuchte Stadt. Man hat berechnet, daß vom Beginn der Emigrierung bis zum 22. Juni, als der regelmäßige Bahnverkehr aufhörte, etwa 1500000 Menschen die Sternenstadt

auf den sechs Bahnlinien verließen, also fast zwei Drittel der gesamten Einwohnerschaft.

In dieser Zeit hat sich der Vorsitzende des Stadtrates, Horace Divile, durch seine Unternehmungslust, Willenstärke und Männlichkeit ewigen Ruhm erworben. In der Extrasitzung vom 5. Juni übertrug der Stadtrat im Einvernehmen mit der Kammer und dem Rate der Direktoren dem Divile die diktatorische Gewalt über die Stadt mit dem Titel des Befehlhabers, übergab ihm die Stadtkasse zur Verfügung, die Volksmiliz und die städtischen Unternehmungen. Hierauf wurden die Regierungsinstitutionen und das Archiv aus der Sternenstadt in den Nordischen Port übergeführt. Der Name Horace Divile müßte mit goldenen Buchstaben zu den alleredelsten Namen der Menschheit geschrieben werden. Im Verlauf von 1 ½ Monaten kämpfte er unablässig mit der fortschreitenden Anarchie in der Stadt. Ihm gelang es, sich eine Schar mutiger Gehilfen zu bilden. Ihm gelang es unter der Volksmiliz und den städtischen Beamten, die das Grauen vor der allgemeinen Not ergriffen hatte, und deren Zahl durch die Epidemie fortwährend dezimiert wurde, noch lange die Disziplin und Subordination aufrecht zu erhalten. Hunderttausende verdanken Horace Divile ihre Rettung, da es ihnen nur dank seiner Energie und seinen Anordnungen abzureisen gelang. Anderen Tausenden von Menschen erleichterte er die letzten Tage, gab ihnen die Möglichkeit im Krankenhause bei guter Pflege und nicht unter den Schlägen der entmenschten Menge zu sterben. Ferner hat Divile der Menschheit die Chronik dieser Katastrophe erhalten, denn nicht anders kann man diese kurzen aber inhaltsreichen und genauen Telegramme nennen, die er täglich und auch mehreremale am Tage aus der Sternenstadt nach der zeitweiligen Residenz der republikanischen Regierung beförderte: nach dem Nordischen Port.

Bei Übernahme des Postens eines Stadtbefehlshabers war Diviles erstes Werk der Versuch, die aufgeregten Gedanken der Bevölkerung zu beruhigen. Er gab Manifeste heraus, die darauf hinwiesen, daß die psychische Ansteckung

am ehesten auf erregte Menschen wirke, und welche die gesunden und gemütsstarken Leute aufforderte, auf die Schwachen und Nervösen den Einfluß ihrer Autorität geltend zu machen. Gleichzeitig trat Divile in Verbindung mit der „Gesellschaft zur Bekämpfung der Epidemie“ und verteilte unter deren Mitglieder alle öffentlichen Orte, Theater, Versammlungen, Märkte, Straßen. In diesen Tagen verging kaum eine Stunde, in der nicht an irgend einem Orte eine Erkrankung konstatiert wurde. Bald hier, bald dort bemerkte man Menschen, oder ganze Gruppen von Menschen, deren Benehmen offenkundig ihre Abnormität bewies. Größtenteils hatten die Kranken, die ihren Zustand erkannten, den unmittelbaren Wunsch, jemand um Hilfe anzugehen. Aber unter dem Einfluß ihrer gestörten Psychen verwandelte sich dieser Wunsch in feindliche Handlungen gegen die in der Nähe Weilenden. Die Kranken wollten zu sich nach Hause laufen oder ins Krankenhaus, flohen aber statt dessen in die entfernten Stadtviertel. Ihnen kam der Gedanke, jemand um Trost zu bitten, statt dessen packten sie die zufällig Vorübergehenden an die Gurgel, würgten sie, schlugen und verwundeten sie oft mit Messer oder Stock. Deshalb flohen alle Menschen, sobald sich jemand in der Nähe zeigte, der vom „Widerspruch“ befallen war. In solchen Minuten kamen die Mitglieder der „Gesellschaft“ zu Hilfe. Einige von ihnen überwältigten den Kranken, beruhigten ihn und transportierten ihn in das nächstliegende Krankenhaus; die anderen beruhigten die Menge und erklärten ihr, daß keine Gefahr vorhanden sei, daß nur ein neues Unglück geschehen wäre, mit dem alle nach dem Maße ihrer Kraft zu kämpfen hätten.

In den Theatern und Versammlungen führten die Fälle plötzlicher Erkrankungen sehr oft zu tragischen Endspielen. Anstatt den Sängern ihr Entzücken auszudrücken, stürzten einige hundert Zuschauer, die in der Oper von plötzlichem Massenwahnsinn ergriffen wurden, plötzlich auf die Szene und prügelten die Darsteller. Ein Artist, dessen Rolle mit einem Selbstmorde schließen mußte, schoß in einem Anfall plötzlicher Erkrankung im großen dramatischen Theater

mehrere Male in den Zuschauerraum. Der Revolver war natürlich nicht geladen. Doch unter der Einwirkung dieser Nervenerschütterung brach bei mehreren Personen im Publikum die Krankheit, die sie schon heimlich ergriffen hatte, offen aus. Bei dem entstehenden Gewühl, während dessen die natürliche Panik durch die Handlungen der „Widerspruchsvollen“ noch verstärkt wurde, wurden an 100 Menschen getötet. Doch am allerfurchtbarsten war das Ereignis im „Feuerwerktheater“. Die dorthin zur Beaufsichtigung des Feuers gesandte Truppe der Stadtmiliz zündete in einem Anfall der Krankheit die Szenerie an, sowie jene Schleier, welche die Lichteffekte verteilen. Vom Feuer und im Gedränge kamen nicht weniger als 200 Menschen um. Nach diesem Geschehnis verbot Horace Divile alle theatralischen oder musikalischen Ausübungen in der Stadt.

Eine für die Einwohner furchtbare Gefahr bildeten die Räuber und Diebe, die bei der allgemeinen Desorganisation ein weites Feld für ihre Tätigkeit fanden. Man beteuert, daß einige von ihnen erst zu dieser Zeit in die Sternenstadt aus dem Auslande gekommen seien. Um unbestraft zu bleiben, simulierten einige Wahnsinn. Andere hielten es nicht einmal für nötig, den offenen Raub durch Heuchelei zu bemänteln. Die Räuberbanden brachen in die verlassenen Magazine und trugen die wertvolleren Sachen fort, drangen in die Privatquartiere und verlangten Gold, hielten die Passanten an und nahmen ihnen ihre Kostbarkeiten, Ringe, Uhren, Bracelets fort. Zu den Räubereien gesellten sich Gewalttaten jeder Art und vornehmlich Vergewaltigungen der Frauen. Der Stadtbefehlshaber entsandte ganze Abteilungen der Miliz gegen die Verbrecher, aber diese erkühnten sich, in offenen Kampf zu treten. Es gab furchtbare Vorfälle, wenn unter den Räubern oder den Miliztruppen plötzlich am „Widerspruch“ Erkrankte auftauchten und ihre Waffen gegen die Kameraden wandten. Die arretierten Räuber sandte der Befehlshaber anfangs aus der Stadt. Doch die Bürger befreiten sie aus ihren Waggonzellen, um ihre Plätze einzunehmen. Da fühlte sich der Befehlshaber genötigt, die Straßenräuber

und alle Gewalttätigen zum Tode zu verurteilen. So wurde nach einer fast 300jährigen Unterbrechung auf der Erde aufs neue die unverhüllte Todesstrafe eingeführt.

Im Juni begann in der Stadt ein Mangel an Gegenständen der ersten Notdurft fühlbar zu werden. Die Lebensmittel reichten nicht aus und ebensowenig die Medikamente. Die Zufuhr auf der Eisenbahn begann sich zu vermindern; in der Stadt selbst hatte fast jegliches Gewerbe aufgehört. Divile organisierte städtische Brotbäckereien und verteilte an alle Einwohner Brot und Fleisch. In der Stadt wurden allgemeine Speisesäle nach dem Muster jener auf den Fabriken eröffnet. Doch es war unmöglich, Arbeiter in genügender Zahl zu finden. Die freiwillig Arbeitenden mühten sich bis zur Erschöpfung, doch ihre Zahl wurde stets kleiner. Die Krematorien hatten den ganzen Tag zu tun, doch die Zahl der Leichname in den Grabkammern wurde nicht geringer, sondern wuchs, und schon wurden auf den Straßen und in den Privatquartieren Leichen aufgefunden. Die städtischen zentralen Unternehmungen, der Telegraph, das Telephon, die Beleuchtung, Wasserleitung, Kanalisation, wurden von einer stets kleiner werdenden Zahl von Menschen bedient. Erstaunlich war es, wie Divile überall hingelangte. Alles verfolgte er, alles leitete er. Nach seinen Berichten kann man denken, daß er keine Ruhe kannte. Und alle, die sich aus der Katastrophe gerettet haben, bezeugen einstimmig, daß seine Tätigkeit über alles Lob erhaben war.

Mitte Juni begann es an Eisenbahnbeamten zu mangeln. Es waren zu wenig Maschinisten und Kondukteure da, um die Züge zu bedienen. Am 17. Juni fand auf der Südwestlinie die erste Eisenbahnkatastrophe statt, deren Ursache ein am „Widerspruch“ erkrankter Maschinist war. In einem Anfall der Krankheit stürzte der Maschinist den Zug aus dreißigfüßiger Höhe auf das Eisfeld herab. Fast alle Passagiere wurden getötet oder verstümmelt. Die Nachricht von diesem Fall brachte der nächste Zug in die Stadt und sie wirkte wie ein Donnerschlag. Sofort wurde ein Sanitätszug ausgesandt. Er brachte die Leichen und die verstümmelten

halblebendigen Körper zurück. Doch am Abend desselben Tages verbreitete sich bereits die Nachricht, daß eine analoge Katastrophe auch auf der ersten Linie geschehen sei. Nun waren bereits zwei der Eisenbahnlinien, welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, untauglich. Natürlich wurden aus der Stadt, sowie aus dem Nordischen Port Abteilungen zur Ausbesserung der Bahnen gesandt, doch im Winter ist es in jenen Gebieten fast unmöglich, zu arbeiten. Diese zwei Katastrophen waren nur Vorläufer der nun folgenden. Mit je mehr Furcht die Maschinisten an ihre Sache traten, desto sicherer wiederholten sie das Vergehen ihrer Vorgänger in einem Anfall der Krankheit. Eben darum, weil sie sich fürchteten, ein Unglück herbeizuführen, führten sie es herbei. Vom 18. bis zum 22. Juni, also in 5 Tagen, wurden sieben Eisenbahnzüge, die alle voller Menschen waren, in die Abgründe gestürzt. Tausende von Menschen fanden dort ihren Tod, da sie entweder zerschmettert wurden oder in Schneewüsten Hungers starben. Nur sehr wenige Menschen fanden die Kraft, zur Stadt zurückzukehren. Die sechs Magistralen (so hießen die elektrischen Bahnen), welche die Sternenstadt mit der Welt verbanden, waren untauglich geworden, die etwa 600000 Menschen zählende Einwohnerschaft der Stadt war von der ganzen übrigen Menschheit abgeschnitten. Einige Zeit hindurch verband sie nur noch der Telegraphendraht.

Am 24. Juni wurde der Verkehr auf der Stadtmetropolitaine eingestellt, da es an Beamten mangelte. Am 26. Juni wurde der Dienst am Stadttelephon eingestellt. Am 27. Juni wurden alle Apotheken außer der zentralen geschlossen. Am 1. Juli ordnete der Befehlshaber an, daß alle Einwohner in die Zentralteile der Stadt übersiedeln und die Peripherien verlassen müßten, damit die Aufrechterhaltung der Ordnung, sowie das Verteilen der Lebensmittel und die ärztliche Hilfeleistungen leichter vor sich gehen könnten. Die Leute verließen ihre Quartiere und bezogen fremde, von ihren Besitzern verlassene Wohnungen. Das Gefühl des Eigentums verschwand. Keinem tat es leid, das seine zu verlassen,

keinem kam es eigentümlich vor, fremdes zu benutzen. Übrigens fanden sich noch immer Marodeure und Räuber, die man schon eher als Psychopathen bezeichnen muß. Sie setzten ihr Plündern noch weiter fort und man findet gegenwärtig nicht selten in den leeren Sälen verlassener Häuser ganze Schätze von Gold und Kostbarkeiten, in deren Nähe der halbverfaulte Leichnam des Räubers liegt.

Es ist bemerkenswert, daß trotz des allgemeinen Ruins das Leben dennoch seine gewöhnlichen Formen beibehielt. Es fanden sich noch Kaufleute, die Magazine eröffneten und aus irgend welchen Gründen ihre der Plünderung entgangenen Waren zu unerhörten Preisen verkauften: Leckereien, Blumen, Bücher, Gewehre . . . . . Ohne zu murren, gaben die Käufer ihr unnütz gewordenes Gold fort, welches die geizigen Kaufleute dann törichterweise versteckten. Noch gab es heimliche Freudenhäuser mit Karten, Getränken, Lastern, wohin die Unglückseligen strömten, um dort die furchtbare Wirklichkeit zu vergessen. Die Kranken vermischten sich dort mit Gesunden und keiner hat die Chronik der Greuelszenen, die dort vor sich gingen, geschrieben. Noch erschienen zwei oder drei Zeitungen, deren Herausgeber bemüht waren, die Bedeutung des literarischen Wortes in dem allgemeinen Verfall ringsum aufrecht zu erhalten. Die Nummern dieser Zeitungen, die schon heute mit dem zehn- und zwanzigfachen ihres Anfangspreises bezahlt werden, müssen einst die größten bibliographischen Seltenheiten werden. In diesen Textspalten, die inmitten des herrschenden Wahnsinns geschrieben und von halbverrückten Setzern gesetzt wurden, ist ein lebendiges und furchtbares Bild all dessen enthalten, was die unglückliche Stadt erlebte. Es fanden sich Reporter, die über Stadtereignisse berichteten; Schriftsteller, welche die Sachlage erregt erörterten, und sogar Feuilletonisten, die in diesen Tagen der Tragik zu erheitern versuchten, aber die Telegramme, die aus anderen Ländern kamen, von wirklichem gesunden Leben sprachen, die mußten die Seelen der Leser, welche dem Untergang geweiht waren, mit Verzweiflung erfüllen.

Man machte hoffnungslose Rettungsversuche. Anfang Juli beschloß eine riesige Menge von Männern, Frauen und Kindern, die von einem gewissen John Lew geführt wurde, zu Fuß den nächsten besiedelten Platz Lundontown zu erreichen. Divile begriff die Torheit ihres Vorhabens, konnte sie aber nicht zurückhalten und mußte sie sogar mit warmer Kleidung und Lebensmitteln versorgen. Dieser ganze Trupp, es waren etwa 2000 Menschen, verirrte sich und verdarb in den Schneewüsten des Polarlandes, umgeben von schwarzer, sechs Monate währender Nacht. Ein gewisser Whiting begann ein anderes mehr heroisches Mittel zu predigen. Er schlug vor, alle Kranken zu töten, in der Annahme, daß alsdann die Epidemie aufhören würde. Er fand nicht wenig Anhänger, obgleich übrigens in jenen dunklen Tagen selbst der allerwahnsinnigste, allerunmenschlichste Vorschlag, sofern er nur Rettung versprach, Anhänger gefunden hätte. Whiting und seine Freunde durchsuchten die ganze Stadt, brachen in alle Häuser und töteten alle Kranken. In den Krankenhäusern vollführten sie Massenschlächtereien. In der Ekstase schlugen sie auch jene tot, die nur im Verdacht standen, nicht ganz gesund zu sein. Zu diesen Ideenmördern gesellten sich Wahnsinnige und Räuber. Die ganze Stadt verwandelte sich in eine Arena des Kampfes. In diesen schweren Tagen bildete Horace Divile aus seinen Mitarbeitern eine Truppe und begeisterte sie persönlich zum Kampf mit den Anhängern des Whiting. Mehrere Tage währte die Verfolgung. Hunderte von Menschen fielen auf dieser und jener Seite. Zum Schluß wurde Whiting selbst gefangen genommen. Er wurde als im letzten Stadium der mania contradicens befunden und darum nicht zur Hinrichtung geführt, sondern ins Krankenhaus, wo er auch bald darauf verschied.

Am 8. Juli traf die Stadt einer der härtesten Schläge. Die Beamten, welche die Tätigkeit der elektrischen Zentralstation beaufsichtigten, zerbrachen in einem plötzlichen Anfall der Krankheit alle Maschinen. Das elektrische Licht versagte und die ganze Stadt, alle Straßen, alle Wohnungen tauchten in absolute Finsternis. Da die Stadt keine Beleuchtung

und keine Beheizung außer der elektrischen kannte, so befanden sich jetzt alle Einwohner in absolut hilfloser Lage. Divile hatte eine solche Gefahr vorausgesehen. Er hatte ganze Lager von Pechfackeln und Beheizungsmaterial hergerichtet. Auf allen Straßen wurden Scheiterhaufen aufgestellt. Die Einwohner erhielten Fackeln zu Tausenden, doch diese kümmerliche Beleuchtung konnte unmöglich die gigantischen Perspektiven der Sternenstadt erhellen, die sich oft 10 km lang in geraden Linien und in der furchtbaren Höhe von 30 Etagen hinzogen. Mit Ausbruch der Finsternis floh die letzte Disziplin aus der Stadt. Alle Seelen wurden von Entsetzen und Wahnsinn erfaßt. Die Gesunden konnte man nicht mehr von den Kranken unterscheiden. Es begannen die furchtbaren Orgien der verzweifelten Menschen.

Mit erstaunlicher Schnelligkeit trat bei allen das Schwinden des sittlichen Gefühles zutage. Alle Kultur fiel von diesen Leuten ab, gleich einer dünnen, wenn auch jahrtausend alten Rinde, und sie waren wie jene wilden Menschen, Tiermenschen, die damals noch auf der jungfräulichen Erde lebten. Jeder Begriff von Recht verschwand, — nur die Kraft wurde anerkannt. Für die Frauen wurde der Durst nach Befriedigung das einzige Gesetz. Die allerbescheidensten Familienmütter führten sich wie Prostituierte auf, gingen willig von einer Hand in die andere über und redeten die unanständige Sprache der Freudenhäuser. Die Mädchen liefen auf die Straße, boten ihre Unschuld öffentlich aus, führten ihren Erkorenen in die nächste Türe und gaben sich ihm auf dem fremden Bette eines Unbekannten. Die Trinker veranstalteten in den zerstörten Kellern Feste, gar nicht darauf achtend, daß in ihrer Mitte oftmals unbestattete Leichname lagen. Das alles wurde durch die Anfälle der noch immer grassierenden Krankheit noch mehr kompliziert Furchtbar war die Lage der von ihren Eltern dem Schicksal überlassenen Kinder. Einige wurden von lasterhaften Elenden vergewaltigt, andere von Anhängern des Sadismus, die es plötzlich in großen Mengen gab, gefoltert. Die Kinder starben in ihren Kinderzimmern vor Hunger oder vor Scham und

Schmerzen nach der Vergewaltigung; viele wurden auch absichtlich oder zufällig getötet. Manche behaupten sogar, daß sich Unholde gefunden hätten, welche die Kinder fingen, um an ihrem Fleische ihre wiedererwachten Menschenfresserinstinkte zu befriedigen.

Während dieser letzten Periode der Tragödie konnte Horace Divile natürlich nicht der ganzen Bevölkerung helfen. Im Gebäude des Rathauses eröffnete er für alle, die noch ihren Verstand bewahrt hatten, ein Asyl. Der Eingang ins Gebäude wurde verbarrikadiert und beständig bewacht. Innen waren Proviant und Wasser für dreitausend Menschen auf 40 Tage hergerichtet. Doch um Divile sammelten sich nur etwa 1800 Männer und Frauen. Natürlich waren in der Stadt wohl auch noch mehr Menschen mit ungetrübter Erkenntnis, doch kannten sie Diviles Asyl nicht, und verbargen sich in ihren Häusern. Viele wagten nicht, auf die Straße zu gehen, und man findet jetzt in einigen Zimmern zuweilen Leichname von Menschen, die in der Einsamkeit Hungers starben. Es ist bemerkenswert, daß unter den ins Rathaus Geflüchteten sehr wenig Fälle der Erkrankung am „Widerspruch“ vorkamen. Divile verstand es, die Disziplin in seiner kleinen Gemeinde aufrecht zu erhalten. Bis zum letzten Tage führte er ein Journal aller Vorgänge und dieses Journal ist zusammen mit den Telegrammen Diviles wohl die beste Quelle, aus der wir unsere Kenntnisse von der Katastrophe schöpfen können. Dieses Journal wurde in einem Geheimschrank des Rathauses, zusammen mit besonders wertvollen Dokumenten aufgefunden. Die letzte Nachricht datiert vom 20. Juli. Divile berichtet in ihr, daß eine wahnwitzige Menge den Sturm aufs Rathaus begonnen habe und daß er genötigt wäre, den Angriff mit Revolversalven abzuschlagen. „Worauf ich hoffe,“ schreibt Divile, „weiß ich nicht. Vor dem Frühling Hilfe zu erwarten, ist undenkbar. Bis zum Frühjahr kann ich mich mit den Vorräten, die in meinen Händen sind, unmöglich halten. Doch ich werde bis zuletzt meine Pflicht erfüllen.“ Dies sind die letzten Worte Diviles. Welch edle Worte!

Es ist anzunehmen, daß am 21. Juli die Menge das Rathaus im Sturmangriff einnahm, und daß seine Verteidiger entweder getötet oder vertrieben wurden. Diviles Leichnam ist zurzeit noch nicht aufgefunden würden. Wir haben keine einigermaßen glaubwürdigen Nachrichten über das, was in der Stadt nach dem 21. Juli vorging. Nach den Spuren, die man jetzt bei der Reinigung der Stadt findet, ist anzunehmen, daß die Anarchie ihre äußerste Grenze erreichte. Man kann sich die Flucht halbdunkler Straßen vorstellen, beleuchtet vom Gewitterschein der Scheiterhaufen, die aus Stößen von Möbeln und Büchern errichtet waren. Feuer erhielt man, indem man Feuerstein auf Eisen schlug. Um die Scheiterhaufen drängten sich in wilder Fröhlichkeit die Scharen von Wahnwitzigen und Betrunkenen. Ein großer Becher machte die Runde. Dort tranken Männer und Frauen. Dort geschahen Szenen viehischer Sinnlichkeit. Dunkle atavistische Gefühle erwachten in den Instinkten dieser Stadtbewohner, und die Halbnackten, Ungewaschenen, Ungekämmten tanzten in Reigen die Tänze ihrer fernen Vorfahren, die noch Zeitgenossen der Höhlenbären waren, und sangen dieselben wilden Lieder, welche die Horden sangen, wenn sie mit ihren Steinbeilen das Mammut anfielen. Mit den Liedern, dem sinnlosen Geschwätz, dem idiotischen Lachen vermengten sich die Wahnsinnsschreie der Kranken, die schon die Möglichkeit verloren hatten, ihre Fieberträume in Worten auszudrücken, und das Stöhnen der Sterbenden, die sich dort selbst inmitten schon zerfallender Leichname wälzten. Zuweilen wurde der Tanz von einer Prügelei unterbrochen, um ein Faß Wein, um ein schönes Weib oder auch ganz ohne Anlaß in einem jener Wahnsinnsanfälle, die zu sinnlosen, widerspruchsvollen Handlungen trieben. Entfliehen konnte man nicht; überall waren dieselben Greuelszenen, dieselben Orgien, Kämpfe, dieselbe tierische Lust, tierische Wut — oder die absolute Finsternis, die noch furchtbarer zu sein schien und der erregten Einbildung noch unerträglicher.

In diesen Tagen war die Sternenstadt ein ungeheurer großer Kasten, in dem noch einige tausende lebender menschenähnlicher

Wesen im Gestanke von hunderttausend Leichnamen vegetierten, wo es unter den Lebenden schon keinen mehr gab, der seine Lage begriffen hätte. Dies war die Stadt der Verrückten, ein gigantisches Irrenhaus, das größte und abscheulichste Bedlam, das je die Welt gesehen. Und diese Verrückten rotteten einander aus, erdolchten einander, bissen sich die Gurgeln durch, oder starben vor Wahnsinn, starben vor Grauen, starben vor Hunger und an all jenen Krankheiten, deren Miasmen die verseuchte Luft beherrschten.

Es versteht sich, daß die Regierung der Republik durchaus nicht gleichmütig dem furchtbaren Unglück, das die Hauptstadt betroffen hatte, zuschaute. Doch schon sehr bald mußte man jeglicher Hoffnung, Hilfe zu bringen, entsagen. Ärzte, Diakonissinnen, Militärs, Beamte jeder Art — alles weigerte sich, in die Sternenstadt zu fahren. Nach der Einstellung der elektrischen Bahnfahrten war jede direkte Verbindung mit der Stadt unterbrochen, da das rauhe örtliche Klima keine anderen Verkehrswege gestattete. Außerdem wurde die Aufmerksamkeit der Regierung bald schon auf Erkrankungsfälle am „Widerspruch“ gelenkt, die in anderen Städten der Republik auftraten. In einigen von ihnen drohte die Krankheit gleichfalls epidemischen Charakter anzunehmen und es begann eine allgemeine Panik, die den Ereignissen in der Sternenstadt ähnelte. Dies führte zu einer Emigrierung der Einwohner aus allen bewohnten Punkten der Republik. Auf allen Fabriken wurde die Arbeit eingestellt und das ganze Handelsleben des Landes erlosch. Doch dank den energischen Maßnahmen, die in den anderen Städten zeitig getroffen wurden, gelang es, die Epidemie zum Stillstand zu bringen, und nirgends erreichte sie einen solchen Umfang wie in der Hauptstadt.

Es ist bekannt, mit welcher aufgeregten Aufmerksamkeit die ganze Welt das Unglück der jungen Republik verfolgte. Im Beginne, als noch niemand das bis zu so unerhörter

Ausdehnung erfolgende Anwachsen des Elendes erwartete, war die Neugierde das herrschende Gefühl. Die hervorragenden Blätter aller Länder (darunter auch unser „Nord-Europäisches Abendblatt“) entsandten in die Sternenstadt ihre Spezialkorrespondenten zum Berichterstatten über den Gang der Epidemie. Viele dieser tapfern Ritter von der Feder wurden ein Opfer ihrer professionellen Pflicht. Kaum aber, daß Nachrichten bedrohlichen Charakters auftauchten, boten sofort die Regierungen verschiedener Staaten sowie die Privatgesellschaften der republikanischen Regierung ihre Hilfe an. Die einen entsandten Truppen, die andern formierten Escadres von Ärzten, die dritten trugen Geldspenden bei, aber die Ereignisse entwickelten sich mit solcher Vehemenz, daß der größte Teil dieser Operationen nicht zur Ausführung kam. Nach der Einstellung des Eisenbahnverkehrs kamen als einzige Lebensnachrichten von der Sternenstadt nur die Telegramme des Befehlshabers. Diese Telegramme wurden sofort an alle Weltenden versandt und dort in Millionen von Exemplaren verbreitet. Nachdem die elektrischen Maschinen zerbrochen waren, funktionierte der Telegraph noch einige Tage, da sich auf der Station einige geladene Akkumulatoren vorfanden. Der genaue Grund, weswegen die telegraphische Verbindung völlig abbrach, ist bisher unbekannt: vielleicht waren die Apparate beschädigt. Das letzte Telegramm Horace Diviles trägt das Datum des 27. Juni. Von diesem Tage ab blieb die Menschheit fast 1 ½ Monate lang ohne jede Nachricht aus der Hauptstadt der Republik.

In den letzten Tagen des August erreichte der Äronaut Thomas Billie auf seiner Flugmaschine die Sternenstadt. Er fand auf dem Dach der Stadt zwei Menschen, die längst schon den Verstand verloren hatten und vor Kälte und Hunger halbtot waren. Durch die Ventilatoren sah Billie, daß die Straßen in absoluter Dunkelheit lagen, hörte aber auch wilde Schreie, die bewiesen, daß noch Lebewesen in der Stadt wären. In die Stadt selbst wagte Billie sich nicht herunter. Anfang September gelang es, die eine Linie der elektrischen Eisenbahn bis zur Station Lissis, die nur 105 km von der Stadt abliegt,

wieder herzustellen. Ein Trupp gutbewaffneter, mit ausreichendem Proviant und den Mitteln für die ersten Hilfeleistungen versehener Leute gelangte durch das nordwestliche Tor in die Stadt. Diese Truppe konnte sich allerdings infolge des furchtbaren Gestankes, der die Luft erfüllte, nicht über die ersten Quartale hinauswagen. Sie mußten faktisch Schritt für Schritt machen, die Straßen von Leichnamen säubern und die Luft durch künstliche Mittel reinigen. Die Menschen, die sie in der Stadt noch lebend antrafen, waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. In ihrer Wildheit glichen sie bösen Tieren und mußten mit Gewalt eingefangen werden. Endlich, es war etwa Mitte September, gelang es, eine regelmäßige Verbindung mit der Sternenstadt herzustellen, und konnte man mit der systematischen Renovierung beginnen.

Gegenwärtig ist der größte Teil der Stadt bereits von Leichnamen gesäubert. Die elektrische Beleuchtung und Beheizung sind wieder hergestellt. Unbesetzt sind bisher nur noch die Amerikanischen Quartale, doch man nimmt an, daß in ihnen keine Lebewesen sind. Im ganzen sind gegen 10000 Menschen gerettet, doch der größte Teil von ihnen hat eine unheilbare psychische Störung erlitten. Die, welche mehr oder weniger wieder genesen, sprechen nur höchst ungern von dem, was sie überlebten und von den grauenhaften Tagen. Zudem sind ihre Erzählungen voller Widersprüche und werden sehr oft vom dokumental Gegebenem nicht bestätigt. An verschiedenen Orten hat man Nummern der Zeitungen aufgefunden, die in der Stadt noch bis Ende Juli erschienen. Die letzte bis jetzt aufgefundene, vom 22. Juli datierte, enthält die Nachricht vom Tode Horace Diviles und den Aufruf, das Asyl im Rathaus wiederherzustellen. Allerdings wurde noch ein Blättchen gefunden, das vom August datiert, doch dessen Inhalt ist derart, daß man den Autor (der vermutlich seinen Irrsinn selbst gesetzt hat) entschieden für unzurechnungsfähig erklären muß. Im Rathaus wurde das Tagebuch Horace Diviles entdeckt, das in folgerichtiger Ordnung die Chronik der Ereignisse in in jenen drei Wochen vom 28. Juni bis zum 20. Juli enthält. Nach den furchtbaren Funden, die man auf den

Straßen und im Innern der Häuser gemacht hat, kann man sich eine klare Vorstellung von jenen Ungeheuerlichkeiten machen, die in den letzten Tagen in der Stadt geschahen. Überall sind furchtbar verstümmelte Leichen: Menschen, die des Hungertodes starben, Menschen, die gemartert und erwürgt wurden, Menschen, die von Wahnsinnigen in Anfällen der Ekstase getötet wurden, und endlich — benagte Körper. Die Leichen findet man in den allerunerwartetsten Orten: im Tunnel der Metropolitaine, in den Kanalisationsröhren, in unterschiedlichen Koffern, in Kesseln: überall suchten die ihres Verstandes beraubten Einwohner Rettung vor dem sie umgebenden Entsetzen. Das Innere fast aller Häuser ist zerstört und die Immobilien, die den Plünderern nutzlos erschienen, findet man in geheimen Zimmern und unterirdischen Räumen versteckt.

Zweifellos werden bis zur Wiederbewohnbarkeit der Sternenstadt noch einige Monate vergehen. Gegenwärtig ist sie fast leer. Die Stadt, die gegen drei Millionen Menschen beherbergen kann, wird augenblicklich von etwa 30000 Arbeitern bewohnt, die mit der Säuberung von Straßen und Häusern beschäftigt sind. Übrigens kamen auch einige der früheren Einwohner an, um die Leichen ihrer Verwandten aufzusuchen und die Reste ihres vernichteten oder gestohlenen Eigentums zu sammeln. Zugereist sind auch einige Touristen, die das ausschließliche Schauspiel der verwüsteten Stadt hingelockt hat. Zwei Unternehmer haben bereits zwei Hotels eröffnet, die schon recht flotte Geschäfte machen. In kurzer Zeit wird auch ein kleines Café chantant eröffnet werden, für welches die Truppe bereits engagiert ist.

Das „Nord-Europäische Abendblatt“ hat seinerseits einen neuen Korrespondenten, Herrn Andrew Ewald, in die Stadt gesandt und wird in genauen Berichten die Leser mit allen neuen Entdeckungen bekannt machen, die in der unglücklichen Hauptstadt der Republik des Südkreuzes gemacht werden sollten.