VORLAGEN ZU SONNENUHREN VON GEORG BRENTEL VON LAUINGEN.
(Zu Andresen, Der deutsche Peintre-Graveur IV, 216 f.)
VON TH. HAMPE.
Von dem Maler und Bürger zu Lauingen Georg Brentel kennt Andresen nur zwei Kupferstiche, die sich seiner Angabe zufolge in zwei kleinen Schriften, an denen Brentel beteiligt war, finden sollen, nämlich in »Georgij Galgemairs... Vnderricht, Wie der Künstliche Proportional-Circul außzutheilen vnd auffzuzeichnen sey... in Truck gegeben Durch Georgen Brentel ... Laugingen... MDCX« und in der »Fabrica et vsvs cylindri... Durch Georg Brentel... Laugingen... MDCXI«[1]. Indessen handelt es sich, wie die mir von der kgl. Hof- und Staatsbibliothek in München zum Zweck dieser Studie freundlichst geliehenen seltenen Originaldrucke zeigen, nur in der zweiten der beiden Schriften, der »Fabrica et vsvs cylindri«, um einen Kupferstich, das Schema einer Sonnenuhr, die zugleich für verschiedene andere astronomische, astrologische und mathematische Zwecke nutzbar gemacht ist. Gewissermaßen als Hintergrund dient eine zierliche Ansicht der Stadt »Laugingen (Lauingen) in Schwaben«, über der das bayerische Wappen und zu beiden Seiten desselben je ein Schild mit dem gekrönten Mohrenkopf, der Wappenfigur von Lauingen, schwebt. Der andere Traktat jedoch ist lediglich mit einigen Holzschnitten von größtenteils rein geometrischen Figuren ausgestattet, die vermutlich auch von Georg Brentel herrühren, aber in der That »keinen Liebhaber (der Kunst) reizen können«[2].
Allein mit diesen wenigen Blättern erschöpft sich das Werk G. Brentels keineswegs. Er hat vielmehr noch eine größere Anzahl von Kupferstichen geschaffen, die sich sämtlich als Vorlagen für die Anfertigung von Sonnenuhren darstellen und, zumeist sehr sauber ausgeführt, in manchen Einzelheiten auch nicht ganz ohne künstlerischen Wert sind. Ich fand sie unter den Depotbeständen der Bibliothek des Germanischen Museums in einem Sammelbande, der ehemals wohl in der Hand eines Uhrmachers oder Mechanikers praktischen Zwecken gedient hat. Darauf deuten die manche Blätter füllenden, fast ausschließlich geometrischen Zeichnungen, die vielfachen Reste von Überklebungen mit anderen Blättern, unter denen auch die Stiche Brentels hie und da gelitten haben, endlich überhaupt der desolate Zustand des ganzen Buches, das nach einer Eintragung auf dem ersten Blatt früher, wie es scheint, 112 Stück (Vorlagen oder überhaupt Stiche), darunter solche von Michael Herr und einem Mitgliede der Künstlerfamilie Rugendas enthielt, von denen indessen nur wenige und auch diese zum Teil defekt auf uns gekommen sind.
Gerade derartige alte Vorlagen-Sammlungen aber, die sich oft Jahrhunderte hindurch im Werkstattgebrauch erhalten haben, ja uns noch heute bisweilen als mehr oder minder geschätztes Vätererbe in den Werkstätten von Handwerkern und kleinen Kunstgewerbetreibenden begegnen — sie bilden ein besonderes Jagdobjekt für den Sammler und den Museumsbeamten — gerade sie enthalten häufig genug Seltenheiten, die im Kupferstichhandel nur noch schwer und mit erheblichen Kosten erhältlich sind. So wird denn auch den sogleich näher zu betrachtenden Stichen Georg Brentels, die ich bisher nirgends erwähnt gefunden habe, der Vorzug wenigstens der Seltenheit kaum bestritten werden können. Auch scheinen sie nicht etwa einem Buch als Tafeln beigegeben worden zu sein — ich habe die mir zur Verfügung stehende ältere Litteratur über Sonnenuhren vergeblich darnach durchsucht — sondern einzeln als Vorlageblätter gedient zu haben. Schon das ganz verschiedene Format der Blätter deutet darauf hin. — Ein hervorragender Künstler freilich war unser Georg Brentel nicht, und nicht etwa als eine Ehrenrettung, sondern nur als eine Ergänzung zu den mangelhaften Angaben Andresens will die Aufzählung seiner Stiche aufgefaßt sein. Ehe ich jedoch zu dieser schreite, sei es mir gestattet, noch mit ein paar Worten auf den übrigen Inhalt des Bandes und den Gebrauch von Sonnenuhren einzugehen.
Indem ich die verschiedenen, zum Teil nur ganz flüchtigen, teilweise auch sorgfältiger ausgeführten, aber sämtlich des künstlerischen Interesses entbehrenden Handzeichnungen, die sich gleichfalls großenteils als Entwürfe zu Sonnenuhren, Hülfskonstruktionen u. s. w. darstellen, übergehe und ebenso die Stiche und Holzschnitte rein geometrischen Charakters, zu denen unter anderm zwei Blätter von dem berühmten Nürnberger Mathematiker Georg Hartmann, dessen vielfältige Verdienste bisher keine genügende Würdigung erfahren haben, aus den Jahren 1539 und 1562 gehören, wie auch einige offenbar aus Lehrbüchern stammende Tafeln unberücksichtigt lasse, erwähne ich nur in Kürze eines großen leider sehr defekten italienischen Stiches, einen ansprechend verzierten Schiffskompaß darstellend, aus dem Jahre 1567. Die Widmung des Verfertigers lautet — unter Auflösung der Abkürzungen —: »Magnifico Nobilique genere et virtute praestanti D. Joanni Baptistae Cornelio Domino suo, de se et suis omnibus optime merito in signum deuoti animi dicabat Joannes Pavlvs Cimerlinus Veronensis.« Die Anfangsbuchstaben des Künstlers I P C wiederholen sich noch einmal innerhalb eines Laubornaments, über dem sich ein Band mit der Jahreszahl hinschlingt.[3] — Ein anderes teilweise ornamentiertes Blatt stellt wiederum — ähnlich wie jenes bereits besprochene Blatt von G. Brentel — einen »Cylindrvs horarivs concavvs« dar. Es ist bezeichnet: »Joachimus Tanckius Perleb[ergensis] Doctor A. 1596«; dies ist der Name eines Mechanikers, der die Anfertigung zylindrischer Sonnenuhren als Spezialität betrieben zu haben scheint. Das Museum hat deren zwei von ihm. — Den Schluß unseres Bandes endlich bildet ein zusammengeschlagener Einblattdruck in gr.-fol. aus Georg Brentels Verlage und von ihm verfaßt. Er trägt die Überschrift »Kurtzer Bericht vnd Erklärung deß Zollstabs«, dient wiederum vorzugsweise zur Feststellung der Zeit und zu Höhenmessungen mit Hilfe der Sonne und ist bezeichnet: »Anno 1609 Die 1. Octobr. Georgivs Brentel Lauinganus«. Künstlerische Qualitäten weist das Blatt nicht auf.
Angesichts der Scharen von Künstlern, Kunsthandwerkern und Gelehrten, die namentlich während des 16. und 17. Jahrhunderts noch für die Herstellung aller Arten von Sonnenuhren thätig gewesen sind und angesichts der großen Zahl solcher Uhren, die sich eben aus jenen Zeiten erhalten hat — auch das Germanische Museum besitzt davon bekanntlich eine sehr ansehnliche Sammlung —, muß man sich in der That über die Beliebtheit wundern, deren sich diese Zeitmesser, die, so kompliziert sie oft waren, doch stets nur bei Sonnenschein gebraucht werden konnten, offenbar noch lange nach Erfindung der Taschenuhren allgemein erfreut haben. Sehr charakteristisch ist dafür unter anderm auch die Stelle in einem Briefe, der allerdings noch der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts angehört. Jeronimus Imhoff nämlich, damals, wie oft lange Monate hindurch zum Zweck des Safranhandels des von ihm vertretenen großen Imhoff’schen Handelshauses »im Adler« d. h. in Aquileja, schreibt unterm 14. Januar 1547 an Paulus Behaim in Nürnberg:
»Ich dir für diesmall auch dester minder zu schreiben ways, vnd dies mein schreiben hiemitt allain, das mein pidtt vnd begern an dich ist, mir ein baynenen compas, darauff die deutsch vnd welsch vhr stand, kaufft vnd mitt erstem gesanndtt hest. Der mayster, so solche machtt, ist genanndtt Linhartt Gressell; hab dergleichen vhr pey der Hans Welsser diener alhie gesehen, ist ein sonnencompas, verstast wol, was ich nun mayn vnd beger; was solcher cost zall ich dir hernach zu danck. Es hatt alhie schier weder vnd sonderlich kein sonnen- oder deüttende, deßgleichen wenig vnd kein gerechtte schlagende vhr, höre pey vnsserm wallen vnd in vnsserer stanzia kein vhr schlagen, das dessen also gleich wol bedarff«[4].
Zwar war Nürnberg der Hauptort für die Herstellung von Sonnenuhren, und die »Kompaßmacher« bildeten daselbst ein ansehnliches Handwerk. Dennoch würde man in Fällen, wie dem vorliegenden, ohne die ausdrückliche Erklärung des Briefschreibers wohl eher angenommen haben, derselbe hätte sich eine zur Tages- wie zur Nachtzeit brauchbare Uhr, etwa eine jener Taschenuhren, wie sie einige Jahrzehnte zuvor eben in Nürnberg erfunden worden waren, kommen lassen. Diese scheinen sich indessen nur langsam durchgesetzt zu haben und überhaupt in ihrer Konstruktion zunächst noch so mangelhaft und unzuverlässig gewesen zu sein, daß man für den gewöhnlichen Gebrauch immer wieder auf die Sand- (oder »reisenden«) und Sonnenuhren zurückkam.
Fig. 2. Vorlage zu einer Sonnenuhr von Georg Brentel
(vgl. [Nr. 1 im Text]).
Nach dieser kurzen Abschweifung mag nunmehr die Aufzählung der in unserem Bande enthaltenen Stiche Georg Brentels folgen.
1. Sonnenuhr in Becherform mit spärlichem Pflanzenornament und figürlichem Schmuck; zur Seite links in barocker Umrahmung ein herzförmiges Schild mit dem Kopf eines Einhorns über einer heraldischen Rose, möglicherweie das Wappen des Nürnberger Mathematikers Caspar Uttenhofer († 1621)[5], dem unser Kupferstich gewidmet ist (»Domino Caspare Uttenhofero Norimbergensi amico suo singulari dedicat Author«), und von dessen nahen freundschaftlichen Beziehungen zu dem Lauinger Künstler uns auch sonst Zeugnisse erhalten sind[6]. Längs der Peripherie des kleineren inneren Kreissegments liest man: »Georgius Brentel Lavinganus pictor faciebat«. Ganz rechts an der Peripherie des großen äußeren Kreissegments die Jahreszahl MDCVIII. Plattengröße: 220: 130 mm (vgl. [Fig. 2]).
2. Die fünf Teile einer mehrfachen Sonnenuhr zur Bestimmung der Stunden und der Tag- und Nachtlängen mit dem Schema der Zusammenfügung der Platten oder der Aufstellung der Sonnenuhr (»Forma Instrumenti«) auf einem Blatte vereinigt; mit zwei allegorischen (die Zeit und die Wissenschaft?), einer biblischen (»2. Reg. 20«), sowie Wappen- und sonstigen Darstellungen. Auf dem größten der Teilstücke auf einem längs des Randes angeordnetem Bande die Widmung: »Magnifico Viro M. Simoni Rettero Hembauensi Civi Augustano Rectori Nordling[ensi] Domino suo colendo«; auf einem andern Teil der Sonnenuhr im Kreis die Inschrift: »Georgius Brentel Lavinganus pictor faciebat Anno 1619«; dazu auf einem anderen Teile in kleiner, kaum leserlicher Schrift: »Nooeh(?)Ae. 18« und auf einem dritten die Buchstaben BW.[7] Plattengröße 172: 216 mm.
Fig. 3. Aus einer Folge von Vorlagen zu einer Sonnenuhr, nach Zeichnung G. Brentels gestochen von C. Senft (vgl. [Nr. 4 im Text]).
3. Die neun Teile einer ähnlichen Sonnenuhr, von denen jedoch drei durch rücksichtslose Beschneidung des Blattes leider nur zum kleineren Teil erhalten sind, samt der dazu gehörigen Forma instrumenti. Das vorliegende Exemplar ist in einem braunroten Druck ausgeführt und reich mit figürlichen (z. B.: Auferstehung Christi) und landschaftlichen Darstellungen (See- und Flußbilder[8]), sowie ornamentalem Schmuck ausgestattet. Auf einem der Stücke im Kreis die Inschrift: »Georg Brentel pictor Laving. f. Ao 1619« und am unteren Rande desselben Stückes: »C. Senft (C und S verschlungen) scalp.« Gegenwärtige Größe des Blattes: 215:260; die Plattengröße mag etwa 305:260 mm gewesen sein.
4.-10. Vermutlich zur Konstruktion einer mehrfachen Sonnenuhr zusammengehörige Folge von sieben Kupferstichen. Nr. 4 bietet eines der Hauptstücke, das mit figürlichen Darstellungen geziert ist, und außerdem die Forma Instrumenti. Das Blatt ist unbezeichnet, kreisrund und hat 188 mm im Durchmesser. Vgl. [Fig. 3]. — Nr. 5: Windrose, unterzeichnet, 61:70 mm. — Nr. 6: Anderes Teilstück der Sonnenuhr. Bez.: »Georg Brentel f. Lauingae« 75:95 mm. — Nr. 7: Desgleichen, mit dem bayerischen Wappen, dem Wappen von Lauingen, der Aufschrift »Lavingae Suevorum« und den Monogrammen CS (unten links) und GB (unten rechts). Vgl. [Fig. 1] an der Spitze dieses Aufsatzes. Plattengröße 75:75 mm; Größe des Stichs 67:50 mm. — Nr. 8: Desgleichen, mit geflügeltem Totenkopf, auf dem die Sanduhr steht, darüber das Motto: »Respice finem«. Unten in kleiner Cartouche: »G. Brentel L.« Plattengröße 81:110, Stichgröße 62:108 mm. — Nr. 9: Desgleichen, mit dem Spruch: »Vt Vitta sic fugit hora«; unbezeichnet. Unten leerer Raum zur Anbringung einer längeren Inschrift (vermutlich für den Verfertiger der Sonnenuhr). 68:100 mm (Platten- und Stichgröße ziemlich gleich). — Nr. 10: Konstruktion des Globus, unbezeichnet. 120:45 mm.
Es erübrigt noch, ein kurzes Wort über die Mitarbeiter Georg Brentels hier anzufügen. Wir bemerkten, daß verschiedentlich außer seiner eigenen, zumeist großen und deutlichen »Künstlerinschrift« noch andere Bezeichnungen auf den im Vorstehenden besprochenen Blättern vorkamen, und schon die Verschiedenheit der Ausführung der Stiche läßt mit Sicherheit darauf schließen, daß sie häufig, vielleicht stets anderen Händen überlassen worden ist. Nr. 1 und 2 stehen jede für sich, sind aber dennoch in ihrer Technik, die in der Hauptsache die Anwendung des Grabstichels zeigt, näher mit einander als mit der Gruppe 3–10 verwandt, deren Blätter alle eine ausgiebigere Anwendung der kalten Nadel aufweisen und entschieden erheblich künstlerischer ausgeführt sind. Der Kupferstecher, der sie gestochen, ist offenbar C. Senft, dessen Name uns auf Blatt 3 begegnet und dessen Monogramm auf Nr. 6 (vgl. Fig. 1) neben demjenigen Brentels erscheint. Schon Heller (Monogrammen-Lexikon, Bamberg 1831 S. 325), kannte »C. Senft« als »Kupferstecher zu Lauingen um 1603« und ebenso sein Monogramm. Nagler dagegen (Künstlerlexikon Bd. XVI 1846 S. 272) nennt ihn »Graveur und Ciseleur«[9]. Die beiden anderen Gehülfen Brentels sind ohne künstlerische Bedeutung.
Daß aber Brentel die Zeichnungen zu sämtlichen Kupferstichen gefertigt hat und nicht etwa nur als Verleger, der er freilich wohl zugleich war, aufzufassen ist, ergiebt sich — auch abgesehen von dem seinem Namen mehrfach hinzugefügten »faciebat« — schon aus der Gleichmäßigkeit des überall zur Verwendung gekommenen Ornaments, der sich schlängelnden Bänder, Barockcartouschen, Wappenschilder, Putten u. s. f. Sein Monogramm wird durch unsere Nr. 7 sicher gestellt. Schon Heller (a. a. O. S. 144), schrieb es ihm zu; Nagler (Monogrammisten II, 973) brachte dann durch Verwechselung mit einem doch etwas anders signierenden Formschneider um 1561 (Georg Balk?) Verwirrung in die Sache. — Im übrigen lasse ich das Leben und Wirken des wackeren Meisters für diesmal auf sich beruhen, wie ich es auch geflissentlich vermieden habe, die Frage nach seiner etwaigen Verwandtschaft mit dem Miniaturmaler Friedrich Brentel (vgl. Andresen, Peintre-Graveur VI, 185 ff.) und die damit zusammenhängende Frage nach Beider Lebenszeit in Obigem zu berühren. Daß Andresens Ausführungen hierzu, wonach Friedrich »im Jahre 1580 das Licht der Welt erblickte« (a. a. O. S. 186), als Georg »bereits ein Alter von 58 Jahren erreicht hatte« (S. 216), derselbe Georg Brentel aber erst 1638 gestorben ist (ebenda), wenig Wahrscheinlichkeit für sich haben, leuchtet wohl ohne weiteres ein. Wo steckt der Fehler?
Aus Georg Brentels Vorlagen zu Sonnenuhren (vgl. [Nr. 3 im Text]).
Zierleiste von Virgil Solis.