Das Brückengespenst

von

Carl Spitteler.

Am Kreuzweg seufzt’ ein Brückengeist,

umringt von sieben Kleinen,

mit Wanderpack und Bettelsack,

und alle Kleinen weinen.

„Was fehlt dir, Vater? fasse Mut,

erzähle mir die Märe,

was dir geschah, und ob ich dir

vielleicht behilflich wäre.“

Der Alte ächzt’ und wischte sich

die tränenfeuchten Lider,

hernach mit kummervollem Blick

gab er die Antwort wieder:

„Ich lebt’ als ehrliches Gespenst

im trauten Uferloche

friedlich am heimatlichen Fluß

unter dem Brückenjoche.

Ach! war das eine schöne Zeit!

Die Brücke war in Stücken,

zwei Balken fehlten, einer wich,

die andern hatten Lücken,

der Mittelpfosten schaukelte

und tanzte vor Vergnügen;

kurz, selbst der strengsten Forderung

konnte der Bau genügen.

Und da einmal Gespensterpflicht

erfordert, wen zu necken,

so wählten wir die Profession,

die Pferde zu erschrecken.

’s ist eine angestammte Kunst

vom Urgroßvater ferne,

und wenn wir drinnen Meister sind,

das macht: wir tun’s halt gerne.

Zwar so ein Gaul am Wägelein

und solche kleine Dinge —

bewahr’! dergleichen lockt uns nicht,

das war uns zu geringe;

dagegen eine Jagdpartie,

ein Picknick meinetwegen

auf heißen Rasserossen! Hah!

da lohnte sich’s hingegen!

Man ließ das Trüpplein ungestört

tripp trapp im muntern Schritte,

mit Scherz und Sang tralli tralla

bis auf die Brückenmitte.

Dann, auf mein Zeichen, ging es los:

verborgen im Gebälke,

eröffneten zugleich den Krieg

die sieben süßen Schälke.

Der Leopold, der Barnabas,

der Klaus, der Sakranitsche

klatschten den Pferden um die Knie

mit Latten und mit Pritsche.

Der Wenzel zerrte sie am Schweif,

der Philipp, nach den Regeln,

wippt’ ihnen Balken an den Bauch,

die kitzelten mit Nägeln.

‚Ich komme auch!‘ rief Fridolin,

‚wart’ doch! nicht solche Eile!‘

nahm hurtig einen Span und stieß

und stach die Hinterteile.

War das ein Wirrwarr und Geschrei!

Das hätt’st du sehen sollen!

Vor Angst und Aufruhr wußte keins,

ob vor- ob rückwärtswollen.

Und war nun alles unterobs,

dann fuhr ich wie der Teufel

haushoch hervor mit „Holdridu“.

Da schwand der letzte Zweifel.

Links, rechts hinunter in den Fluß,

plumps über das Geländer.

Und lustig schwammen Sonnenschirm’

und Strohhüt’ und Gewänder.

„Ach Gott! was schwatz’ ich unnütz da!

Das sind vergang’ne Zeiten!

Es geht jetzt alles mit Benzin,

vorüber ist das Reiten.

Ein Maultier von Gemeinderat —

man sollt’ ihn „Unrat“ heißen —

ließ all’ die schöne Herrlichkeit

vandalisch niederreißen.

Statt des elastischen Gebälks

glotzt eine starre Mauer.

Ach was! was weiß von Pietät

und Heimatschutz ein Bauer.

Der kennt nur seinen Marktverkehr

und seine Dorfint’ressen.

Ich aber irre seither nun

verstoßen und vergessen

mit meinen Kindern durch die Welt,

ob ich vielleicht am Ende

für sie — ich denk’ ja nicht an mich —

Arbeit und Stellung fände.

Ansprüche, große, mach’ ich nicht,

sei’s eine hohle Eiche,

ein Kirchhof, ein verwunsch’nes Schloß,

es ist mir ganz das gleiche,

ich selber würde unterdes

etwa bei Spiritisten

als Klopfgeist oder Gabriel

zunächst mein Leben fristen.

’s ist furchtbar schwierig heutzutag’

für körperlose Seelen!

Drum falls du jemals etwas weißt,

so möcht’ ich mich empfehlen.“