Die Geschichte von der grauen Stute

von

Felix Dahn.

(Nach einem englischen Motiv.)

In der Zeit, da noch Altengland

war das lustige Altengland,

da an William Shakespeares Scherzen

Kön’gin Beß sich weidlich freute,

führte Sir John Rash, ein junger

Ritter, Sir John Wises, des klugen

Alten, Tochter heim als Eh’frau.

Quer von Barmouth bis nach Yarmouth,

durch ganz England ging die Reise:

denn am Dee, dem schilfumbüschten,

lag das Schloß des Schwiegervaters,

doch des Eidams Halle ragte

ob dem weidengrünen Bure.

Übern Tanat und den Weaver

übern Terent und die Dove,

über Trent und über Welland,

über Ouse dahin und Yare

und noch andre Flüss’ und Bäche

zog die Fahrt durch’s ganze Eiland. —

Aber ach, noch kaum sechs Monde

waren in das Land gegangen,

als vor seinem Schwiegervater

wieder in dem Schloß bei Barmouth

stand der Schwiegersohn — allein.

„Gott zum Gruße, lieber Johnnie,“

sprach der Alte, „wo ist Ellen?

bist du ihr voraufgeritten?

folgt sie abends oder morgen?“ —

„Nein! nicht abends und nicht morgen

folgt sie, deine liebe Tochter!

denn sie — dieses eben ist es! —

denn sie folgt mir überhaupt nicht! —

Kurz und gut: ich bin gekommen,

dich zu bitten, deine Tochter

wiederum mir abzunehmen,

denn ich kann nicht mit ihr leben!“ —

„Setz’ dich, braver Johnnie, setz dich. —

Buttler, bring vom besten Welschwein!

Lieber Jung’, das ist ja schrecklich!

und gewiß ist sie im Unrecht: —

denn ich kenne meine Tochter,

und ich kenn’ auch meinen Johnnie,

der gewiß um kleiner Ursach’

willen nicht sein Weib verstieße.

Also frisch! Sprich von der Leber:

ist sie dir nicht schön genug, he?“ —

„Ach, sie ist ja schön wie keine!“ —

„Hat sie etwa schiefe Glieder,

oder schwarze Muttermale?“ —

„Tannenschlank ist sie gewachsen,

hat kein Tädelchen am Leibe!“ —

„Spürst zu ihr du keine Neigung?“ —

„Nur zu große, lieber Vater!“ —

„Weigert sie dir ihre Liebe?“ —

„Zärtlich kann sie sein, berückend!“

„Nun, dann weiß ich nicht — was willst du?“ —

„Ach, sie ist so eigensinnig!

Was sie will, das soll geschehen:

ja, was ärger: das geschieht auch,

ich bin nicht der Herr im Hause!“ —

Vor sich hin pfiff leis’ der Alte:

„Das ist alles, lieber Eidam?

Darum bist du hergeritten

über Yare und Ouse und Welland,

Trent und Dove, Terent, Weaver,

Tanat, Bure und andre Wasser?

Solches ist kein Grund zur Trennung!

Reite wieder heim, mein Johnnie,

über all’ die vielen Wasser,

glaube mir, du wirst’s gewöhnen!“ —

„Nein, ich kann es nicht ertragen.

Gehn zum Beispiel wir zu angeln,

ich verstehe mich aufs Fischzeug —

deine Tochter Ellen gar nicht ... —“ —

„Weiß es!“ sprach der Schwiegervater. —

„An dem Bure, dem weidengrünen,

schnell’ den Fisch ich aus dem Strudel,

sag’ ich: ‚Welche Prachtforelle!‘

Spricht schön Ellen: ‚Ja, mein Lieber,

schöner Fisch! Doch ist’s ein Karpfe!‘

Nun beschwör’ ich, Schwiegervater,

in dem ganzen Flusse schwimmt auch

nicht ein Karpfe, weil die Strömung ... —“ —

„Allzustark ist — weiß es, Johnnie!“ —

„Doch ein Karpfe muß es bleiben,

soll ich sie vergnügt erhalten.

Gehn wir in dem Wald spazieren,

in dem grünen Park am Abend,

flötet von dem Ulmenwipfel

wunderschön herab die Amsel,

ich verstehe Vogelkunde ... —“ —

„Meine Tochter Ellen gar nicht!“ —

„Horch’, sag’ ich, wie schön! Die Amsel! —

‚Herrlich!‘ flüstert deine Tochter,

‚aber ’s ist ein Hänfling, Männchen!‘

Nun beschwör’ ich dich, o Vater ...“ —

„Amsel sind und Hänfling wahrlich

gar nicht zu verwechseln, Johnnie!“

„Doch ein Hänfling muß es bleiben,

soll sie bleiben guter Laune! —

Reiten wir zur Jagd zusammen ... —“ —

„Du verstehst dich auf das Weidwerk,

meine Tochter Ellen gar nicht —

und erlegtest du ein Birkhuhn

und schön Ellen nennt es Wachtel —

eine Wachtel muß es bleiben,

sollst du Ruh’ im Hause haben!“

„Wie? Warst neulich du zugegen

heimlich?“ —

„Nein, das ist nicht nötig.

War ich selbst doch auch vereh’licht!“ —

„Doch es steht schon in der Bibel:

Und es soll der Mann dein Herr sein!“ —

„Neu’re Schriftgelehrte lesen

an der Stelle: und es sollte

eigentlich der Mann dein Herr sein.

Andre lesen: soll dein Narr sein!“ —

„Aber meine sel’ge Mutter

sagte oft, sie habe immer

meinem Vater nachgegeben!“ —

„Sagte solches auch dein Vater?“ —

„Niemals sprach er mir darüber.“ —

„Siehst du! Leere nun den Humpen!

Spät ward’s. Laß uns beide schlafen.

Morgen will ich dir verkünden,

Sohn, wie dir zu helfen ist!“

— — — — — — — — — —

Und am andern Morgen rief den

Gast Sir Wise in seinen Schloßhof,

wo gezäumt fünf Pferde standen

und ein großer Sack voll Eier.

„Reite nun, mein Sohn, nach Hause,

— Ralf, mein Knapp’, soll dich begleiten —

reite heimwärts quer durch England,

über all’ die vielen Wasser,

forsche nach in jedem Schlosse,

jedem Haus und jeder Hütte,

findst du, unter einem Dache

sei der Mann der Herr, so schenk’ ihm

eins der Pferde dort. Die graue

Stute ist das schlechtste!“ —

„Freilich!

Und der Fuchshengst ist der beste;

das erkennt, wer je ein Pferd sah.“ —

„Findst du aber, daß die Gattin

führt das Regiment im Hause,

nimm ein Ei aus jenem Sacke —

just fünfhundert sind darin, John! —

und der Hausfrau schenk’ es schweigend.

Wenn du früher die fünf Pferde

los wirst, John, als die fünfhundert

Eier, nehm’ ich dir die Tochter

wieder ab, mein armer Johnnie.

Wirst du aber früher fertig

mit dem halben tausend Eier,

als mit jenen fünf Stück Pferden —

dann behalte meine Tochter:

denn dann siehst du, lieber Eidam,

daß dein Los nicht ungewöhnlich!“

— — — — — — — — — —

Wohl zufrieden war’s der Eidam,

stieg zu Roß und ritt von dannen

mit den Pferden und den Eiern

und mit Ralf, dem alten Knappen.

Und an jedem Schlosse hielt er,

hielt an jedem Haus und Hüttlein,

überall mit Fleiß erforschend

bei dem Ritter, Bürger, Bauer,

wer im Haus die Herrschaft führe.

Übern Tanat und den Weaver,

übern Terent und die Dove,

über Trent und über Welland,

über Ouse dahin und Yare

kam er und die andern Wasser: —

vieler Eier ward er ledig,

daß der Sack schon beinah’ leer war.

Und inzwischen wuchs gewaltig

ihm die Sehnsucht nach der Süßen,

nach der Holden, nach der Blonden,

mit den blauen Heil’gen-Augen;

wie sie schwebet, wie sie ruhet,

wie sie lächelt, wie sie schmollet,

ach, im Schmollen noch so lieblich,

ach, und vollends, wie sie küsset —

Tag und Nacht mußt’ er’s gedenken.

Und so kam er, nah’ der Heimat,

mit fünf Pferden und fünf Eiern

in das Schloß des Grafen Warwick,

welchen Schotten und Franzosen

nur den „Lord von Eisen“ nannten,

dessen Wille nie gehemmt ward,

dessen grimmer Zorn gescheut ward

in Paris und Edinburgh.

„Hier werd’ ich das Pferdlein los doch!“

denkt der Gast und sieht mit Freude,

wie die kleine, zarte Lady —

Maud war eigentlich ihr Name,

Lady Demut nannt’ ihr Mann sie —

ganz zerschmilzt in eitel Sanftmut.

Niemals wagt sie andre Meinung:

Tritt der Lord nur in die Halle —

auch im Haus in Eisen geht er —

zittert alles: und am meisten

zittert vor ihm Lady Demut. —

Nach drei Tagen sagt der Gast den

Wirten offen seiner Einkehr

Ursach’ und ersucht den Hausherrn,

mit ihm in den Stall zu schreiten

und das Pferd sich von den fünfen,

das ihm ansteht, auszusuchen.

„Und Mylord, Ihr seid der erste

Eh’mann zwischen Bar- und Yarmouth,

dem ein Rößlein ich darf schenken.

Denn — bestätigt, Lord und Lady! —

wie ich’s fand in den drei Tagen,

so steht’s immer hier im Hause:

Widerspruch und Eigenwille

Lady Mauds wird nie geduldet?“ —

„Ei behüte, welche Sünde!“

ruft die Lady und verkriecht sich

stirnesenkend, augensenkend,

an der breiten Brust des Gatten.

Dieser aber, waffenklirrend,

ruft: „Bei Gott! ich heiße Warwick!

Fragt in Schottland, fragt in Frankreich,

was das heißt. — Und dieses Weiblein —

mit zwei Fingern bräch ich’s mitten ... —

sollte mir? —“ der Zorn erstickt ihm

beim Gedanken schon die Stimme.

In dem Stall stehn Gast und Wirte.

„Dort den Fuchshengst,“ sprach Lord Warwick,

„werd’ ich wählen; ’s ist das beste

von den fünfen unverkennbar.“ —

„Nein, du nimmst die graue Stute!“ —

„Aber Weibchen, nimm Vernunft an!“ —

„Brauch’ ich die erst anzunehmen?

Bin ich also regelmäßig

unvernünftig? Warwick, Warwick!

dort die graue Stute nimmst du,

’s ist das beste Tier von allen.

Nimm’s! Sonst — sonst wirst du’s lang bereu’n!

Nun, wie oft noch soll ich bitten?“

Und das kleine Füßlein stampfte,

daß die Streu im Stall umherflog.

„Ja, — ’s ist wahr,“ sprach zögernd Warwick,

„ja — wenn ich es recht erwäge, —

’s ist die beste von den fünfen.

Ja, die graue Stute wähl ich!“ —

Doch John Rash rief: „Ralf, den Sack her!“

Aus dem Sack zog er ein Eilein,

bot es zierlich dar der Lady:

„Dies gebührt Euch, Lady Demut,

und dazu mein Dank auf ewig!

Spornstracks reit’ ich jetzt nach Hause.

O wie freu’ ich mich auf Ellen!

Ralf, vier Eier und fünf Pferde

bring zurück dem Schwiegervater

und dazu des Eidams Segen!“ —

Nachschrift.

Diese Dichtung wollt’ ich widmen

meinem lieben Weib Therese,

hatte schon das Wort geschrieben.

Da jedoch sie — selbstverständlich

nur erraten konnt’ ich’s ahnend —

nicht so sehr dadurch erfreut schien,

als ich eigentlich erwartet,

hab’ ich’s wieder ausgestrichen:

ungewidmet bleibt das Werk! —