Ein Kontertanz

von

Carl Müller-Rastatt.

Im Saal voll Pracht und Lichterglanz

lädt die Musik zum Kontertanz.

Es stehen in der Tänzer Reihn

ein Jüngling und ein Jungfräulein:

Compliment!

„Hier fände ich mein Glück vielleicht!“

Der Jüngling denkt’s und sinnt und schweigt.

Und schweigend denkt das Mägdelein:

„Soll dieser wohl der Rechte sein?“

Balancez!

Die Augen beider grüßen sich.

Dem Jüngling wird so seltsamlich.

Der Jungfrau Busen hebt sich bang.

Mir scheint: die Sache kommt in Gang.

Tour de main!

Dem Frieden trauen soll man nie!

Die Dame seines Vis-a-vis

beäugt den Jüngling höchst kokett.

„Sieh!“ denkt er, „die ist auch recht nett!“

Chaîne anglaise!

Mit Staunen sieht die Jungfrau an

den bösen, wankelmütigen Mann.

Und allsogleich sie bei sich spricht:

„Der Rechte ist das wieder nicht!“

Dos-à-dos!

Der Jüngling merkt, daß sie sich grämt,

geht in sich und ist tief beschämt.

Er macht sich schnell zum Sturm bereit,

daß er versöhnt die holde Maid.

Le cavalier en avant!

Er schneidet ihr mit Macht die Cour

und schwört, daß sie alleine nur

die Sehnsucht seiner Träume stillt.

In ihrem Busen wogt es wild:

Moulinet!

Sie glaubte gern und zaudert doch.

Da wird er ungestümer noch

und fängt sie endlich glücklich ein.

Sie flüstert schämig: „Ich bin dein.“

En avant deux!

Er küßt, in heißer Lieb’ entbrannt,

verstohlen ihre kleine Hand

und spricht: „Ob’s stürmt, ob Sonne scheint,

wir ziehn durchs Leben nun vereint!“

Grande ronde!


Qui pro quo

von

Dr. Owlglaß.

Heute griff ich hinter meinen Kasten,

wo die Leier der Gefühle schwebt,

neben der mit schwarz-rot-goldnen Quasten

meine alte Tubakspfeife klebt.

Zwar — dies will ich lieber gleich gestehen —

tat ich’s zweifelhäftigen Gesichts:

von des Geistes heiligem Flügelwehen

spürt’ ich nämlich wenig oder nichts.

Doch ich sprach: „Wozu die innren Stimmen?

Soll ich warten, bis mich’s zärtlich rief?

Nein, ich flöte auf den pseudonymen,

auf den kategorischen Imperativ!“

— Aber sieh, die Leier hing zersprungen

an der zugehörigen grünen Schnur,

von der Sommerhitze tief durchdrungen!

... Weinend gab ich sie in Rep’ratur.

Und so säß’ ich traurig in der Seife,

von dem Kuß der Musen unberührt,

hätt’ ich nicht die alte Tubakspfeife,

die mich aushilfsweise inspiriert.