Fing man vorzeiten einen Dieb...

von

Wilhelm Busch.

Fing man vorzeiten einen Dieb,

hing man ihn auf mit Schnellbetrieb,

und meinte man, er sei verschieden,

ging man nach Haus und war zufrieden.

Ein Wandrer von der weichen Sorte

kam einst zu solchem Galgenorte

und sah, daß oben einer hängt,

dem kürzlich man den Hals verlängt.

Sogleich, als er ihn baumeln sieht,

zerfließt in Tränen sein Gemüt.

Ich will den armen Schelm begraben,

denkt er, sonst fressen ihn die Raben.

Nicht ohne Müh’, doch mit Geschick,

klimmt er hinauf und löst den Strick;

und jener, der im Wind geschwebt,

liegt unten, scheinbar unbelebt.

Sieh’ da, nach Änderung der Lage

tritt neu die Lebenskraft zutage,

so daß der gute Delinquent

die Welt ganz deutlich wiederkennt.

Zärtlich, als wär’s der eigne Vetter,

umarmt er seinen Lebensretter,

nicht einmal, sondern noch einmal,

vor Freude nach so großer Qual.

„Mein lieber Mitmensch,“ sprach der Wandrer,

„geh’ in dich, sei hinfür ein andrer.

Zum Anfang für dein neues Leben

werd’ ich dir jetzt zwei Gulden geben.“

Das Geben tat ihm immer wohl.

Rasch griff er in sein Kamisol,

wo er zur langen Pilgerfahrt

den vollen Säckel aufbewahrt.

Er sucht’ und sucht’ und fand ihn nicht,

und länger wurde sein Gesicht.

Er sucht’ und suchte, wie ein Narr,

weit wird der Mund, das Auge starr,

bald ist ihm heiß, bald ist ihm kalt.

Der Dieb verschwand im Tannenwald.