Ich und die Rose warten

von

Detlev von Liliencron.

Vor mir

auf der dunkelbraunen Tischdecke

liegt eine große hellgelbe Rose.

Sie wartet mit mir

auf die Liebste,

der ich ins schwarze Haar

sie flechten will.

Wir warten schon eine Stunde.

Die Haustür geht.

Sie kommt, sie kommt.

Doch herein tritt

mein Freund, der Assessor;

geschniegelt, gebügelt, wie stets.

Der Assessor, ein Streber,

will Bürgermeister werden.

Gräßlich sind seine Erzählungen

über Wahlen, Vereine, Gegenpartei.

Endlich bemerkt er die Blume,

und seine gierigen,

perlgrauglacébehandschuhten Hände

greifen nach ihr:

„Äh, süperb!

Müssen mir geben fürs Knopfloch.“

„Nein!“ ruf ich grob.

„Herr Jess’ noch mal,

sind heut’ nicht in Laune,

denn nicht.

Empfehl’ mich Ihnen.

Sie kommen doch morgen in die Versammlung?“

Ich und die Rose warten.

Die Haustür geht.

Sie kommt, sie kommt.

Doch herein tritt

mein Freund, Herr von Schnelleben.

Unerträglich langweilig sind seine Erzählungen

über Bälle und Diners.

Endlich bemerkt er die Blume.

Und seine bismarckbraunglacébehandschuhten Hände

greifen nach ihr:

„Ah, das trifft sich,

brauch’ ich nicht erst zu Bünger.

Hinein ins Knopfloch.

Du erlaubst doch?“

„Nein!“ schrei ich wütend.

„Na, aber,

warum denn so ausfallend,

bist heut’ nicht in Laune.

Denn nicht.

Empfehl’ mich dir.“

Ich und die Rose warten.

Die Haustür geht.

Sie kommt, sie kommt.

Doch herein tritt

mein Freund, der Dichter.

Der bemerkt sofort die hellgelbe.

Und er leiert ohn’ Umstände drauf los:

„Die Rose wallet am Busen des Mädchens,

wenn sie spät abends im Parke des Städtchens

gehet allein im mondlichen Schein ...“

„Halt ein, halt ein!“

„Was ist dir denn, Mensch.

Aber du schenkst mir doch die Blume?

Ich will sie mir ins Knopfloch stecken.“

Und gierig greift er nach ihr.

„Nein!“ brüll’ ich wie rasend.

„Aber was ist denn?

Bist heut’ nicht in Laune.

Denn nicht.

Empfehl’ mich dir.“

Ich und die Rose warten.

Die Haustür geht.

Sie kommt, sie kommt.

Und — da ist sie.

„Hast du mich aber lange lauern lassen.“

„Ich konnte doch nicht eher ...

Oh, die Rose, die Rose.“

„Hut ab erst.

Stillgestanden!

Nicht gemuckst.

Kopf vorwärts beugt!“

Und ich nestl’ ihr

die gelbe Rose ins schwarze Haar.

Ein letzter Sonnenschein

fällt ins Zimmer

über ihr reizend Gesicht.