Vorderindien.

Vgl. die Karten S. [64] und [96].

Allgemeines über die Tropen. Mit Vorderindien oder Ceylon betritt der Weltreisende, der der in unserm Führer beschriebenen Route folgt, zum erstenmal ein auch seinem äußern Ansehen nach tropisches Land. Zwar gehören, rein klimatisch betrachtet, auch das Rote und das Arabische Meer der Tropenzone an, aber die Pracht und Fülle der Pflanzenwelt, die das Wesen und den Hauptreiz der Tropen ausmacht, fehlt den öden Gestaden des Roten Meeres gänzlich.
Die Vegetation ist ihrerseits abhängig von den Klimaverhältnissen, in erster Linie von Temperatur und Niederschlag. Ein allen Tropengebieten der Erde gemeinsames Merkmal ist die hohe Temperatur, die durch den hohen Stand der Sonne hervorgerufen wird. Zugleich ist aber auch die Schwankung der Temperaturverhältnisse im Laufe des Jahres viel geringer als bei uns, denn der Sonnenstand wechselt viel weniger als in unsern Breiten, und damit bleibt ihre Strahlungskraft und auch die Tageslänge während des ganzen Jahres ziemlich gleich. Der höhere Stand, den das Tagesgestirn am Himmel erreicht, offenbart sich durch die Kleinheit der Schatten, die auch hohe Gegenstände um die Mittagszeit werfen, und vor allem in der Kürze, mit der sich der Auf-und Untergang der Sonne vollzieht. Bei der Steilheit ihres Auf- und Abstieges sind die Übergänge zwischen Tag und Nacht viel plötzlicher als bei uns, und eine eigentliche Dämmerung fehlt fast ganz. Wenn nun auch in einem großen Teile der Tropen trotz der ziemlich gleichbleibenden wärmespendenden Kraft der Sonne ein Wechsel der Jahreszeiten vorhanden ist, so ist dies auf den zweiten Hauptklimafaktor zurückzuführen, die Niederschlagsverhältnisse. Die Hauptjahreszeiten sind nicht wie bei uns Winter und Sommer, sondern Regenzeit und Trockenzeit. Der Regenfall aber ist wieder abhängig von den Luftströmungen im indischen Klimagebiet, also von den Monsunwinden, die schon (S. [40]) erläutert worden sind. Die Niederschläge drücken die Temperaturen herab, und infolgedessen geht die größte Hitze der Regenzeit voraus, tritt also in Vorderindien im März bis Mai ein. Man unterscheidet zwar in Indien gewöhnlich drei Jahreszeiten, nämlich die kühle (während unsers Herbstes und Winters), die heiße (März bis Mai) und die Regenzeit; aber der Unterschied zwischen den beiden ersten ist viel geringer als der zwischen der trocknen und der Regenzeit. Innerhalb dieser Jahreszeiten ist das Wetter in den Tropen viel gleichmäßiger als in Mitteleuropa, dessen Witterung hauptsächlich durch die westöstl. wandernden Gebiete hohen und niedrigen Luftdruckes beherrscht wird. Während bei uns »gutes« und »schlechtes« Wetter so unregelmäßig aufeinanderfolgen, daß man die kommende Witterung kaum über einen Tag hinaus mit einiger Sicherheit voraussehen kann, besteht in den Tropen ein ähnlicher Wechsel nur in den Übergangszeiten zwischen den Jahreszeiten. Innerhalb der letztern aber ist der Witterungsverlauf mit seltenen Ausnahmen Tag für Tag derselbe, so daß man z. B. in Manila in der Regenzeit einen Spaziergang vor oder nach dem täglichen Nachmittagsgewitterregen zu verabreden pflegt.
Das Tropenklima bedingt nun überall da, wo zur Wärme auch die Feuchtigkeit kommt, jenes üppige Pflanzenkleid, das gemeinhin als Hauptcharakterzug der Tropen betrachtet wird. Dieses Pflanzenkleid ist freilich innerhalb der Tropen je nach den Niederschlagsverhältnissen wieder sehr verschieden. Dauerndes Wachstum und das ganze Jahr hindurch fortdauernder Laubschmuck ist dem Tropenwalde nur in den räumlich beschränkten Gebieten beschieden, die Regen zu allen Jahreszeiten empfangen, wie in Vorderindien z. B. am Westabfall des Dekhans und in Sikhim.


Der größere Teil der Tropenwälder aber steht zur Trockenzeit ebenso entlaubt da wie unsere Laubwälder zur Winterszeit, und die Trockengebiete haben in den Tropen nicht weniger Steppen-und Wüstencharakter wie in den andern Klimagürteln der Erde auch. Den immergrünen wie den regengrünen Laubwald der Tropen unterscheidet von den Wäldern höherer Breiten vor allem die äußerste Mannigfaltigkeit der ihn bildenden Gewächse, während unsre europäischen Wälder aus nur wenigen Arten zu bestehen pflegen; zwar ist auch im gemäßigten und subtropischen O. Nordamerikas der Wald sehr mannigfaltig zusammengesetzt, aber diese Vielheit von Waldbäumen hat sich auch nur aus einer Periode mit tropischem Klima in unser Zeitalter herübergerettet.
Im Tropenwald wird das Durcheinander der Pflanzenarten wieder einigermaßen ausgeglichen durch das Einerlei der ungeteilten, glänzend lederartigen, dunkelgrünen Blätter, die den meisten Tropenbäumen eigen sind. Man bezeichnet den Tropenwald meist schlechthin als Urwald, und in der Tat ist eine geregelte Forstkultur auch in den unter engerer europäischer Verwaltung stehenden Tropenländern kaum in den ersten Anfängen vorhanden. Trotzdem werden die meisten Reisenden wirklich unberührten »jungfräulichen« Urwald kaum zu sehen bekommen oder wenigstens sein Inneres nicht betreten. Der ursprüngliche, geschlossene Tropenurwald ist in seinem Innern vielfach kaum schwerer zu durchwandern als etwa der Buchenhochwald in unsern Breiten; das Laubdach, gebildet durch die mächtigen Baumkronen und noch verdichtet durch üppiges Lianengewirr, ist so geschlossen, daß unter ihm tiefe Dämmerung herrscht und Unterholz aus Lichtmangel wenig aufkommt. Anders ist es freilich an den sehr zahlreichen Stellen, wo alte, morsch gewordene Bäume gestürzt sind und bei ihrem Fall die Nachbarn mit zu Boden gerissen haben; in diesen Lücken entfaltet sich am Boden sofort der üppigste Pflanzenwuchs, den man nur mit Hilfe des Buschmessers durchdringen kann, und ebenso ist es überall da, wo der Mensch in den Urwald Breschen geschlagen hat, wo er Pflanzungen angelegt und vielleicht zum Teil wieder verlassen, wo er Straßen hindurchgebaut und auf beiden Seiten noch einen Urwaldstreifen niedergeschlagen hat, kurz, an den Stellen, die der Reisende meist berühren wird. Hier und an den ursprünglichen Waldrändern, namentlich entlang den Flußläufen sowie in den niedrigen Sumpfwäldern (in Indien Dschangel genannt), sind die Hauptstandorte für die niedrigern Palmen, die Musazeen (Bananen), Bambusarten und andre Gewächse, die uns als besonders charakteristische Vertreter der Tropenflora gelten, die aber doch nur die Kulissen für den Hochwald bilden. Im Hochwald selbst kommen an Palmen nur die ganz hochstämmigen Arten und die Kletterpalmen vor, die mit Hilfe ihrer Haftorgane bis hinauf ins Licht zu gelangen verstehen. Neben deren strickförmigen, blattlosen Stämmen enthält aber der Tropenurwald in seinen untern Partien auch zahlreiche Gewächse, die das Auge erfreuen: das sind die Epiphyten, Pflanzen, die an den Stämmen und auf den Bäumen wachsen, ohne doch auf ihren Wirtspflanzen zugleich zu schmarotzen und ihnen Nährstoffe zu entziehen. Sie entsprechen also nicht unsrer einheimischen Mistel, sondern unsern Flechten. Es sind vor allem Bromeliazeen und Orchideen, letztere häufig mit prachtvollen, stark duftenden Blüten, die vielerlei interessante Anpassungen an ihre eigenartige Lebensweise zeigen. Ein besonderer Schmuck des Tropenwaldes der höhern Bergzonen sind die hochstämmigen Baumfarne, die, zierlichen Palmen vergleichbar, unter den Kronen höherer Bäume anmutige Gruppen bilden.— Eine besondere Art des tropischen Waldes ist der Mangrovenwald, der Flachküsten und die Flußmündungen innerhalb des Bereiches von Ebbe und Flut begleitet. Er hat sich den wechselnden Wasserständen durch Stelzwurzeln angepaßt, zwischen deren Geflecht das Wasser unschädlich ein-und ausströmt.


Vorderindien zerfällt seinem Aufbau nach in drei große Gebiete, die auch in ihrem landschaftlichen Charakter stark voneinander abweichen: das Hochland des Dekhans, das aus sehr alten Gesteinen besteht und schon längst landfest war, als Hindostan und der Himalaja noch vom Meer bedeckt wurden; das Punjab und Hindostan, ein Tiefland jungen Ursprungs, in seinen oberflächlichen Schichten von den mächtigen, dem Himalaja entströmenden Flüssen aufgebaut; und endlich den Himalaja, ein gewaltiges Faltengebirge, dessen Gebiet aber ebenfalls bis ins Tertiärzeitalter hinein vom Meer bedeckt war und das sich somit erst in verhältnismäßig sehr kurz verflossener Zeit emporgerichtet hat.


Dieser Entstehungsgeschichte entspricht der allgemeine landschaftliche Charakter der drei Gebiete: Das Dekhan, in seinen obern Partien aus flach gelagerten Gesteinsschichten bestehend und seit unvordenklichen Zeiten der nivellierenden Tätigkeit von Wind und Wasser preisgegeben, hat trotz seiner ziemlich bedeutenden Erhebung über das Meeresniveau keinen Gebirgs-, sondern mehr Hochlandscharakter, und nur die Abfälle dieses Hochlandes gegen den Arabischen und den Bengalischen Meerbusen, die sogen. Ghats, erwecken den Eindruck von Gebirgen. Entlang diesen Steilrändern ist einst die Fortsetzung des Dekhans in die Tiefe gesunken. Nach N. zu fällt das Hochland langsam ab und geht schließlich ohne schroffen Abfall in die Tiefländer des Punjabs, Hindostans und Bengalens über. Ihre weiten Ebenen reichen bis an den Fuß des Himalaja im N. und des Grenzgebirges gegen Beludschistan und Afghanistan im W.
Der Himalaja zeigt alle Merkmale eines jungen Faltengebirges. Tiefeingeschnittene, steilwandige Längstäler verlaufen dem Gebirgsrande parallel ostwestl. und sind mit der Ebene durch enge, zuweilen schluchtartige Quertäler verbunden, deren schmale Sohlen fast ganz von rauschenden Flüssen eingenommen werden; Straßen wie Ortschaften sind dann auf die steilen Talflanken angewiesen. Von der Alpenlandschaft unterscheidet sich die Himalajalandschaft vor allem durch das Fehlen eiszeitlicher Spuren unterhalb 2500 m Seehöhe, wie Gebirgsseen, Kare etc. Die Bergketten steigen in so rascher Folge hintereinander bis zur Zentralkette, die die höchsten Gipfel der Erde trägt, auf, daß man vom tropischen Tieflande des östl. Gangesgebietes aus vielfach in nur 75 km Entfernung die Schneegipfel erblickt. Im Westen, z. B. in der Gegend von Simla, sind die mittelgebirgsartigen Vorketten des Himalaja breiter, und die Schneegipfelzone ist weiter zurückgerückt.
Für Vorderindien besitzt der Himalaja in zweifacher Hinsicht eine ungeheure Wichtigkeit: einmal hält er die eisigen Winterwinde Zentralasiens ab, die z. B. den in gleicher Breite gelegenen Küstenorten Chinas rauhe Winter bringen, und sodann fangen seine Südhänge gewaltige Niederschlagsmassen auf, die dem nördl. indischen Tiefland in Gestalt der Ströme des Fünfstromlandes (Punjab) sowie des Ganges und des Brahmaputra nebst ihren Nebenflüssen wieder zugute kommen und die Kultivierung weiter Flächen des an sich trocknen nordwestl. Indiens überhaupt erst ermöglichen.
Klima. Die beste Jahreszeit für den Besuch Indiens bildet unser Winter, etwa von Mitte November bis Mitte März (vgl. S. [2]). Dann ist in der Regel nicht nur schönes, regenfreies Wetter, sondern die Temperaturen weichen auch, wie die kleine Tabelle auf S. [45] zeigt, von europäischen Verhältnissen kaum ab. Der kühlste Monat, im größten Teile des Landes der Januar, hat an den Küsten des Dekhans immer noch dieselbe Mitteltemperatur wie der wärmste Monat in Oberitalien; die Dezember-oder Januartemperatur im Dekhan und auch in Calcutta entspricht der Julitemperatur in Süddeutschland, und erst im mittlern Hindostan und östlichen Punjab sinkt die Wintertemperatur etwa auf die unseres Mai oder Juni herab. Am kühlsten wird es im nordwestl. Winkel Vorderindiens, gegen die afghanische Grenze hin.


Im Sommer dagegen muß man im Himalaja schon auf 2000 m Seehöhe hinaufsteigen, um mitteleuropäische Temperaturverhältnisse anzutreffen; auch ist in dieser Jahreszeit die regelmäßige Abnahme der Temperaturen von S. nach N. und NW. nahezu aufgehoben; aus der Tabelle ist zu entnehmen, daß Agra, Peshawar und Allahabad sogar höhere Julitemperaturen aufweisen wie selbst Bombay und Madras: die weite Entfernung vom Meer und von den Seewinden steigert im Punjab die Temperaturgegensätze zwischen Winter und Sommer in demselben Maße wie etwa in Rußlands Steppen gegenüber Nordwesteuropa. Ebenso ist an diesen Orten auch die tägliche Temperaturschwankung, also der Gegensatz zwischen Mittags-und Nachttemperatur, viel größer als an den Küsten; einer sengenden Mittagshitze steht daher im Punjab in der heißen Jahreszeit wenigstens in den allerersten Morgenstunden eine erfrischende Kühle gegenüber.
Im folgenden geben wir (im Anschluß an Jul. Hanns »Handbuch der Klimatologie«) eine kleine Liste der Mitteltemperaturen des wärmsten und des kühlsten Monats an je einem Orte der Hauptlandschaften Indiens sowie an zwei Bergorten am Abhang des Himalaja, in die man sich zurückziehen kann, wenn es im Tiefland zu heiß wird. Die dritte Spalte gibt die hygienisch besonders wichtige mittlere tägliche Schwankung an.

OrtHeißester
Monat
Kühlster
Monat
Mittlere tägl.
Schwankung
Vorderindien:
Bombay (Westküste)29,2°Mai23,6°Jan.6,1°
Agra (östl. Punjab)34,4° -15,6° -12,8°
Peshawar (Nordwestgrenze)32,9°Juni9,8° -14,7°
Simla (2160 m; Vorberge des westl. Himalaja)19,4° -3,8° -6,1°
Srinagar (1586 m; Kaschmir)22,8°Juli-0,7° -12,2°
Allahabad (mittleres Hindostan)33,6°Mai15,8° -13,0°
Calcutta (Bengalen)29,8° -18,4° -8,9°
Darjeeling (2255 m; Vorberge des östl. Himalaja)16,4°Juli4,5° -6,1°
Nagpur (Zentralprovinzen)34,7°Mai19,5°Dez.12,9°
Bangalore (920 m; südl. Dekhan)27,6°April19,7° -11,1°
Madras (Ostküste)31,5°Mai24,1°Jan.9,1°

Ceylon:
Colombo27,8° -26,1° -6,4°

Hinterindien:
Rangoon (Niederbirma)29,4°April23,7° -9,3°
Mandalay (Oberbirma)31,8° -20,4° -7,4°
Singapore (Malakka)27,5°Mai25,7° -
Bangkok (Siam)28,6°April23,8°Dez.

Wie schon oben (S. [40]) erwähnt, wird ganz Indien samt den umgebenden Meeren von dem Wechselspiel der Monsune beherrscht, im Sommer vom feuchten Südwestmonsun, im Winter vom trocknen Nordostmonsun. Der Sommermonsun ist für den größten Teil Indiens der Regenbringer, wenngleich seine Spenden in den einzelnen Landesteilen sehr verschieden ausfallen; sie sind um so größer, je weniger der Monsun noch abgeregnet und je mehr er zum Aufsteigen an Gebirgen gezwungen ist. Da er nun zunächst das Dekhan von dessen Südwestseite her bis nach Assam und dem Himalaja hin überweht, durch diesen aber abgelenkt wird und nun nach NO. zum Punjab weiterzieht, so sind am regenreichsten die Südwestabdachung des Dekhans, der Himalaja und der davorliegende Landstreifen, namentlich Assam, das auch aus dem Bengalischen Meerbusen direkt die Regenwinde zugeführt erhält. Hier, in den Khasiabergen, liegt bei Cherrapunchi die regenreichste Stelle des Erdballs, die eine jährliche Regenhöhe von 121/2 m hat (Deutschland 1/2-1 m). Das Innere des Dekhans und sein Ostabfall sind schon viel regenärmer, und am trockensten ist der Nordwesten des Landes. Die Regenzeit beginnt in Südindien zu Ende Mai oder Anfang Juni und breitet sich im Laufe des Juni über das ganze Land hin aus; ihr Ende fällt im allgemeinen in die erste Oktoberhälfte.


Bei der großen Abhängigkeit der Pflanzenwelt von den Niederschlägen könnte eine Karte der Niederschlagshöhen Indiens beinahe auch zur Darstellung der wechselnden Üppigkeit des Pflanzenkleides dienen. Eigentlichen tropischen, immergrünen Regenwald tragen nur die Westghats (s. S. [42] die Bemerkungen über die Tropen). Das Innere des Dekhans und dessen Ostabfall sind schon mehr steppenartig und großenteils von lichtem Wald und von Grassavanne überzogen. Hier begegnet man Wäldern aus Teakbäumen, die in der Trockenzeit blattlos stehen, und Hainen der schönen Palmyrapalmen. Üppiger ist die Vegetation wieder in Assam und in Bengalens Niederungen, die großenteils von dichtem, teilweise sumpfigem Wald bedeckt sind, dem Jungle (Dschangel). In diesen Gebieten wuchert der Lotos in den Gewässern und wächst der Banyanfeigenbaum, der aus seinen Ästen rings Luftwurzeln zur Erde sendet und dadurch allmählich einen Säulenhain um sich herum aufbaut, sowie sein Verwandter, der Bobaum, ersterer den Brahmanen, letzterer den Buddhisten heilig. In Hindostan wird das Pflanzenkleid westwärts immer spärlicher, die laubabwerfenden Bäume nehmen immer mehr zu, und das Punjab gehört schon ganz dem vorderasiatischen Trockenraum an: Dattelpalme, Mangobaum und Gummiakazie sind seine Charakterbäume, die lange Dürrezeiten zu überstehen vermögen, in denen sonst alles oberirdische Pflanzenleben abstirbt. Nur in der Regenzeit bedeckt hier frisches Grün die weiten Ebenen, deren Kultur zum großen Teil nur durch künstliche Bewässerung möglich ist. Das untere Indusgebiet ist sogar großenteils gänzlich wüstenhaft und vegetationslos (Wüste Thar). Eigentliche Höhenzonen der Vegetation sind nur im Himalaja vorhanden, wo hinter einem Sumpfgestrüppsaum, dem Tarai, die untersten 1000 m von tropischem Regenwald bedeckt sind, der in den Flußtälern auch tief ins Gebirge eindringt. Darüber folgt bis 2500 m der schönste Teil des Himalajawaldes, ein äußerst mannigfaltig zusammengesetzter tropischer Gebirgswald, in dessen Gebiet unter anderm auch Simla und Darjeeling liegen. Ihm schließen sich bis 3700 m hinauf nichttropische Wälder an, dann die Zone der Alpenrosen (Rhododendren) und Alpenkräuter bis zur Montblanchöhe, und dann erst beginnt der ewige Schnee. Der Artenreichtum der gesamten indischen Flora wird auf etwa 20000 geschätzt.
Die hauptsächlichsten Charaktertiere Vorderindiens: Elefant, Tiger und Pfau, sind Bewohner der Urwälder und Dschangeln, die auch Affen, Tapir und Wildschweine, verschiedene Wildrinder, Fasanen, zahlreiche Papageienarten, in Südindien außerdem Nashornvögel und Halbaffen (Makis) beherbergen. In den Savannen und lichten Wäldern des Dekhans streifen das Nashorn, verschiedene Antilopenarten, die gestreifte Hyäne, der Lippenbär und das Schuppentier umher. In den Gewässern hausen Krokodile und Gaviale. Zahlreich sind die Schlangen, namentlich die Giftschlangen (Brillenschlange!) des Dekhans, an deren Biß jährlich etwa 12000 Menschen zugrunde gehen. Der Löwe kommt nur noch in den Gebirgen des Indusgebietes vereinzelt vor.
Die Bevölkerung ist so dicht wie kaum sonst in einem großen Ländergebiet der Erde, China und Westeuropa ausgenommen. 1901 lebten im eigentlichen Vorderindien auf 3,5 Mill. qkm etwa 280 Mill. Menschen, d. h. 81 auf 1 qkm (Europa ohne Rußland: 4,4 Mill. qkm, 300 Mill. Einw., etwa 70 auf 1 qkm). Die Volksverdichtung Vorderindiens würde aber viel höher sein, wenn nicht selbst jetzt noch, unter der geordneten Verwaltung der Engländer, Pest, Cholera und Hungersnöte (letztere hervorgerufen durch die namentlich im Nordwesten öfters ausbleibenden Regenzeiten und darauffolgende Mißernten) alljährlich zahlreiche Opfer forderten.
Trotz der Abgeschlossenheit der Halbinsel, die von zwei Seiten durch schwer überschreitbare Gebirgszüge, von den beiden andern durch inselarme Meere isoliert ist, ist die heutige indische Nation aus sehr mannigfachen Bestandteilen erwachsen, die größtenteils durch die einzige Zugangsstraße zu Lande, die Kabulpforte im NW., eingedrungen sind; erst seit dem 15. Jahrh. kamen sie übers Meer herüber (Portugiesen, Franzosen, Engländer).


Zu Beginn der geschichtlichen Zeit kam um 2000 v. Chr. das Viehzüchter-und Kriegervolk der Arier, die Träger der Sanskritsprache, aus Iran ins Indusgebiet, und ihnen sind im Laufe von vier Jahrtausenden noch viele Völkerwellen—Perser, Griechen, Skythen, Araber, Afghanen, Turktataren —gefolgt. Aber schon die Arier fanden sowohl im Indusgebiet als auch im Gangestal, in das sie vom 14. Jahrh. v. Chr. an vorrückten, zahlreiche ältere Völkerschaften vor, die sie großenteils in die Himalajawälder und ins Dekhan verdrängten. Heute ist daher die Völkergruppierung im wesentlichen die folgende: das ganze Indus-und Gangesgebiet und das nordwestliche Dekhan nehmen die Hindu ein, die im Tropenklima schlaff und weichlich gewordenen und stark mit andern Völkerstämmen vermischten Nachkommen der alten Arier. Den Südostteil der Halbinsel bewohnen die Drawida oder Südindier, häufig auch nach einem ihrer Hauptstämme Tamulen genannt; sie sind länger in Indien heimisch als die Arier. Eine noch ältere Völkerschicht stellen die Mundavölker in der Nordostecke des Dekhans und dem angrenzenden Stück des Gangestales dar, die noch heute auf ziemlich primitiver Kulturstufe leben, und einige Naturvölker Südindiens, besonders die Toda im Nilgirigebirge um Ootakamund (S. [130]). Mongolische Völkerstämme, Verwandte der Tibeter, wohnen im Himalaja, sowohl im W., in Kulu und Spiti, wie namentlich im O., in Nepal, Sikhim und Bhutan. Bei einem Ausflug nach Darjeeling kann man sie kennen lernen.
Unter den außerordentlich mannigfaltigen Erscheinungsformen der indischen Halbkultur treten besonders das Kastenwesen und die religiösen Verhältnisse in den Vordergrund. Die Kasten, die auf die Berufsteilung und auf die Rassenunterschiede zurückgehen, sind unzählige, vom Brahmanen, dem Angehörigen der einstigen arischen Herrenschicht, bis zum verachteten Paria. Äußerlich unterscheiden sich die Kasten durch gewisse Abzeichen in der Tracht. Viel stärker als die Kasten machen sich die religiösen Gegensätze im Volksleben wie in den Volkstrachten bemerkbar. Die Religionsgeschichte Indiens ist so reich, wie wohl die keines andern Landes der Erde. Am weitesten verbreitet ist heute der Brahmanismus oder richtiger der Neu-Brahmanismus (Hinduismus). Die Idee des Brahma, der Weltseele, geht auf den in den Veden niedergelegten Dämonen-und Naturgötterglauben der alten Arier zurück. Diese Vedenreligion ist einerseits zu einem hochstehenden philosophischen System weitergebildet worden, anderseits aber durch Aufnahme immer neuer Ideen aus den religiösen Vorstellungen der ältern Volksstämme Indiens, wozu namentlich der Seelenwanderungsglaube und die Verehrung von Wischnu und Schiwa und ihrer Gemahlinnen Lakschmi und Kali zu rechnen sind, zu dem heutigen Hinduismus herabgesunken, der sich scheinbar ganz in Äußerlichkeiten, Prozessionen zu den prächtigen Tempeln, religiösen Aufführungen, Bajaderentänzen, Wallfahrten zum heiligen Gangesflusse, Fakirtum, erschöpft und in zahlreiche Sekten zerfällt. Indien ist ferner um 500 v. Chr. die Geburtsstätte des Buddhismus geworden, der aber nach 1200 Jahren dem ältern Brahmanismus wieder hat weichen müssen; nur Tempel- und Klosterruinen halten die Erinnerung an seine indische Blütezeit wach. Bis heute hat sich dagegen der Islam erhalten, der in Nordwestindien über 60 Mill. Bekenner zählt, und in Bombay und Umgegend die an Mitgliederzahl (etwa 95000) kleine, aber einflußreiche Sekte der Parsen, d. h. der Anhänger der Lehren Zoroasters (vgl. S. [61]). Mohammedaner wie Parsen unterscheiden sich von den Hinduisten scharf durch ihre Kopfbedeckungen, die Mohammedaner durch den Turban, die Parsen durch ihre hohen schwarzen Glanzstoffhüte.
Wirtschaftliche Verhältnisse. Die Nahrung der indischen Eingebornenbevölkerung ist fast ausschließlich vegetabilisch, und so ist auch der Bodenbau die Grundlage von Indiens Reichtum. Reis, Weizen, Hirse und Sorghum sind die wichtigsten angebauten Nahrungspflanzen.


Davon werden die beiden letztgenannten im Lande verbraucht, während der Reis, die Hauptfrucht des östlichen, besonders des nordöstlichen Indiens (Bengalens und Assams), und der Weizen, der besonders im nw. Trockengebiet und den angrenzenden Teilen des Dekhans und des Gangestales angebaut wird, auch in großer Menge ausgeführt werden. Wichtige Zweige der Bodenkultur gelten den Genußmittel liefernden Pflanzen, nämlich dem Mohn (zur Opiumgewinnung) und dem neuerdings in Assam mit großem Erfolg eingeführten Teestrauch. Noch weit bedeutungsvoller ist aber der Anbau von Industriepflanzen, nämlich der Baumwolle in größern Teilen des Dekhans und des Indusgebiets und der Jutepflanze im untern Gangestal und einiger Ölpflanzen. Jute und Baumwolle und die daraus hergestellten Waren stehen in der Ausfuhr mit mehr als 1 Milliarde Mark Wert an erster Stelle. Ein nicht geringer Teil der Baumwolle und Jute wird nämlich im Lande selbst verarbeitet, die Baumwolle in Bombay, die Jute in und bei Calcutta; beide Industrien beschäftigen zusammen etwa 400000 Arbeiter, und wenn man von Malabar Hill auf den Fabrikteil Bombays herabblickt, kann man sich nach Manchester versetzt glauben.—Die Tierzucht (hauptsächlich Büffel und Buckelrind; das Schwein wird von allen Indern verabscheut) liefert große Mengen Häute sowie die berühmte Ziegenwolle aus Kaschmir.
Gegenüber den Produkten der Landwirtschaft treten die des Mineralreiches in bezug auf volkswirtschaftliche Bedeutung stark zurück; es werden Gold, Steinkohlen, Manganerze und Petroleum gewonnen sowie Edelsteine, während die früher beträchtliche Diamantengewinnung jetzt nur noch sehr geringfügig ist.


Staatswesen. Das Britisch-ostindische Kaiserreich umfaßt an unmittelbaren Besitzungen 2815743 qkm mit 232 Mill. Einw. Die einheimischen Staaten (zus. 1759556 qkm mit 62 Mill. Einw.) sind Vasallen-, Schutz-oder Bundesstaaten; die wichtigsten: Kashmir mit Baltistan, Sikhim, die Fürstentümer der Rajputen und der Mahratten, Hyderabad, Baroda, Mysore, Cochin etc. Die allgemeine Aufsicht des indobritischen Reiches führt (mit Ausnahme von Ceylon, das einen eignen Gouverneur hat) der Generalgouverneur (Vizekönig) in Delhi, dem ein Ausführender und ein Gesetzgebender Rat zur Seite stehen; die Präsidentschaften Madras, Bombay und Bengalen stehen unter selbständigen, nicht vom Vizekönig ernannten Gouverneuren mit besondern Gesetzgebenden Räten, die vereinigten Provinzen von Agra und Audh, das Punjab, Birma und die neue Provinz Behar unter stellvertretenden oder Lieutenant-Governors, endlich die Zentralprovinzen, die nw. Grenzprovinz, Assam, sowie die Andamanen und Nikobaren unter Oberkommissaren.—Armee 73668 Mann englische und 166090 Mann einheimische Truppen, außerdem 190000 Mann militärisch organisierte Polizei.
Geschichtliches (vgl. auch S. [47]). Die Europäer begannen in Vorderindien alsbald nach Auffindung des Seewegs nach Ostindien (1498) festen Fuß zu fassen. Zahlreiche Forts und Faktoreien wurden an den Küsten Indiens durch die Portugiesen gegründet, die gegen Ende des 16. Jahrh. durch die Holländer und Engländer verdrängt wurden. Letztere stifteten 1600 die Englisch-Ostindische Kompanie und kämpften seit dem 18. Jahrh. mit den Franzosen und den einheimischen Fürsten um die Herrschaft in Ostindien. Lord Clive begründete durch den Sieg bei Plassey (26. Juni 1757) über den Nabob von Bengalen die britische Macht in Ostindien. Die englische Macht wuchs dann durch die Kämpfe mit den Mahratten (seit Ende des 18. Jahrh.), die 1818 mit deren Ruin endigten. Ende 1843 wurde auch der Maharadscha Sindiah unterworfen. Das Reich der Sikh im Punjab wurde 1845-46 erobert. Der Aufstand, der im Mai 1857 unter den Sepoys zu Meerut ausbrach und, von den Mohammedanern genährt, sich rasch verbreitete, ward nur durch die größte Energie und Grausamkeit der Engländer bewältigt. Im September wurde Delhi, im März 1858 Lucknow, im Dezember Audh wiedererobert und im Februar 1859 der Aufstand unterdrückt. Schon vorher war 1. Nov. 1858 die Ostindische Kompanie aufgelöst und Ostindien unter Verwaltung der Krone genommen worden.


Der Vizekönig Lord Lytton proklamierte 1. Jan. 1877 in Delhi die Erhebung zum Kaiserreich Indien und begann 1878 Krieg mit Afghanistan, in dem ein Grenzstrich am Chaiberpaß erworben wurde. 1886 kam Birma hinzu.
Reiseliteratur für Indien: Katharina Zitelmann, Indien (Leipzig 1905); Dahlmann, Indische Fahrten (Freiburg 1908); Eustace Reynolds-Ball, The Tourist's India (London 1907); Murray, Handbook for Travellers in India, Burma and Ceylon (7. Aufl., London 1911); O. Kaufmann, Aus Indiens Dschungeln (Leipzig): H. Zache, Mit dem Kronprinzen durch Indien (Berlin 1911); Winternitz, Geschichte der indischen Literatur (Leipzig 1909); Fergusson, History of Indian and Eastern Architecture (London 1910); Havell, Ideals of Indian Art (London 1911).
Reisen in Indien.
Beste Reisezeit, s. S. [2].
Reiseausrüstung wie für jede Tropengegend. Vm. Leinen-oder Rohseideanzug u. Tropenhelm, nach 4 Uhr leichter wollener Jackettanzug und Strohhut, abds. Frack oder Smoking; schwarzer Rock und Zylinder sind nicht gebräuchlich. Für Winterreisen ins Innere sind dicke Überröcke nötig, dazu wasserdichte Reitmäntel. Man beachte, daß der Abendtau die Kleidung naß macht, und daß Nächte und Morgen kalt sein können, wenn auch der Tag heiß war. Im südlichen Indien und an der Küste genügt leichtere Kleidung; Anzüge erhält man billig und gut überall von tüchtigen Schneidern und in guten Geschäften für europäische Bedürfnisse. Für Gebirgsreisen ist wollenes Unterzeug und lange wollene Leibbinde (»Kummurbund«) unentbehrlich. Derbe Reithosen nicht vergessen; Tropenhelm ist überall in indischen Häfen zu haben. In Ceylon ist leichteste Kleidung erforderlich, nur in den Bergen ist es kühl. Bettzeug (ein Kopfkissen, zwei Steppdecken nebst Laken sowie einige warme Decken, das Ganze in wasserdichtem Sack verpackt) muß man stets mit sich führen, auch auf der Eisenbahn (Razais, s. S. [16]) und wenn man Bekannte besucht. In den Gasthäusern und den Dâk Bungalows im Innern findet man meist gar kein oder unsauberes Bettzeug. Wegen der Feuchtigkeit schimmeln verpackte Gegenstände leicht, das gesamte Gepäck, Kleidung, Wäsche, Bettzeug, Schuhzeug, muß also oft in der Sonne an trockenen Tagen gelüftet werden, Vorräte und Medikamente etc. müssen luftdicht verpackt sein. Auch Bücher und Papiere sehe man gelegentlich nach, damit sie nicht schimmeln. Moskitonetz findet man in den meisten Hotels und Bungalows vor.
Geld. Goldwährung; Einheit ist die Rupie, 1,33-1,38 Mark. 15 Rupies = 1 £ = 20,40 M. 1 Rup. = 16 annas; 1 anna = 12 Pie (= 4 Pice). Silbermünzen zu 2, 4, 8 annas und 1 Rupie. Nickelmünzen zu 1 anna (etwa 8 Pf.), Kupfermünzen zu 1 Pie, 1 Pice (1/4 anna), 1/2 anna. Goldmünze (Pfund Sterling) kann nur in größern Geschäften gewechselt werden. Der Gold-Mohur (= 16 Rup.) ist nur noch im Sprachgebrauch (wie die englische Guinea) vorhanden. Banknoten zu 5, 10, 20, 50, 100, 500 und 1000 Rupies gibt es von Bombay, Calcutta, Madras und Rangoon, deren Noten über 50 Rupies meist nur in der betreffenden Provinz ohne Abzug genommen werden. Man lasse sich bei größern Summen nur die jetzt für ganz Indien gültigen Banknoten mit rotem Aufdruck, payable at any office, geben!—Kreditbriefe (Letters of credit, circular notes), zahlbar bei Thos. Cook's Offices, sind für Reisende sehr bequem (vgl. auch S. [7]); sie werden von Cook's Banking Department (London, Ludgate Circus) ausgegeben. Die Agenturen wechseln indisches Geld.
Zoll. Eigne Kleidung ist frei; sonst zahlt alles, auch Bettwäsche und Handtücher, photographische Geräte nebst Zubehör etc., etwa 5 Proz. vom Werte (in Bombay); Sportswaffen 10 Proz.; Tabak, Wein etc. wird ebenfalls höher verzollt; Opium 12 Rupien das Pfund.
Eisenbahn. Das Bahnnetz ist weit verzweigt, das Reisen trotz der großen Entfernungen bequem und billig. Man sei mindestens 10 Min. vor Abfahrt zur Stelle; auf einigen Hauptstationen sind die Schalter den ganzen Tag offen zum Verkauf von Fahrkarten und zur Gepäckaufgabe.


Man benutze stets den neuesten Fahrplan, da häufig Änderungen in den Zeiten und Wegen eintreten. Am besten sind Newman's Indian Bradshaw (9 annas), erscheint monatlich neu; ferner Indian ABC-Guide und Indian Railway Traveller's Guide; sie geben auch Auskunft über Fahrposten und andre Fahrgelegenheiten sowie über Flußdampferfahrten und andres mehr.
Einen Platz im Zuge bestelle man sich, besonders für Nachtfahrten, schon einen Tag oder an der Abgangsstelle des Zugs mehrere Stunden vor Antritt der Reise beim Stationsvorsteher; auf Zwischenstationen so frühzeitig, daß telegraphische Bestellung bei der Abgangsstelle vor Abfahrt des Zugs noch möglich ist. Am Zuge weist der Stationsvorsteher (station master), nicht der Schaffner, die Plätze an. Wenn man zu viert reist oder vier Fahrkarten I. Kl. bezahlt, kann man ein Abteil für sich haben, in II. Kl. zu sechs. Die Abteile I. Kl. haben geräumige Längssitze und Liegestätten (2 obere, 2 untere), II. Kl. hat noch eine Mittelbank; Waschraum etc. ist neben jedem Abteil I. und II. Kl. Es gibt Damenabteile (Ladies only) I. und II. Kl. in allen Schnellzügen und vielen andern Zügen. In Schnellzügen dürfen Reisende I. Kl. drei eingeborne Diener, solche II. Kl. zwei Diener zum Preise III. Kl. in besondern Räumen mitführen. Alle Wagen sind hoch und luftig, mit Doppeldach und Jalousiefenstern. Für richtiges Aussteigen muß man selbst sorgen, die Stationen werden nicht ausgerufen, die Türen auch nicht überall geöffnet. Die Sicherheit des Reisenden und seines Gepäcks ist so gut wie in Deutschland.
Eisenbahnzeit (Indian Standard Time) geht 41/2 St. vor gegen mitteleuropäische Zeit, 39 Min. vor gegen Bombay-Ortszeit, 9 Min. vor gegen Madras-Ortszeit, 24 Min. nach gegen Calcutta-Ortszeit. Man achte also auf die Bahnhofsuhren! Die Eisenbahngesellschaften und ihre Fahrpläne rechnen den Tag (wie in Italien) zu 24 St., von Mitternacht zu Mitternacht gezählt (also 12 Uhr ist Mittag, 24 Uhr ist Mitternacht).
Fahrkarten. Gültigkeitsdauer für Strecken bis 25 M (40 km) 2 Tage, bis 300 M (483 km) 4 Tage, bis 450 M (724 km) 9 Tage, bis 600 M (966 km) 12 Tage, bis 750 M (1207 km) 15 Tage und auf größern Strecken 18 Tage.
Außer den einfachen Fahrkarten gibt es zusammengestellte Fahrscheinhefte (Specimen Tours) mit zweimonatiger Gültigkeit, die Fahrtunterbrechung an allen interessanten Plätzen unterwegs gestatten. Bei gewöhnlichen Fahrkarten (single journey tickets) ist Fahrtunterbrechung nur für einen Tag für je 100 M (161 km) und auch nur an Orten, die mindestens 101 M vom Abfahrtsort entfernt sind, erlaubt; deshalb sollten sich Vergnügungsreisende stets von Cooks Reisebureau ein Fahrscheinheft (Specimen Tours) zusammenstellen lassen, weil sie dann billiger reisen, als wenn sie abschnittweise die Fahrkarten von Ort zu Ort (wo längerer Aufenthalt geplant ist) nehmen.
Gepäck. Jeder Reisende hat in I. Kl. 11/2 maund (etwa 56 kg) frei, in II. Kl. 30 seers (etwa 28 kg). Überfracht kostet zwischen Bombay und Calcutta über Delhi etwa 15 Rup. das maund (für je 37 kg), über Nagpur nur 7 Rup. 6 annas, zwischen Bombay-Delhi, Bombay-Madras, Delhi-Calcutta etwa 71/2 Rup. Schweres Gepäck, Deckstühle etc. übergebe man Cook zur Versendung als Frachtgut (etwa halber Preis). Gepäck, das man unterwegs nicht braucht, kann gleich bis zur Endstation aufgegeben werden und lagert dort frei, solange der Fahrschein gültig ist; später kostet Tag und Stück 4 annas Lagergeld. Gepäckaufbewahrung für kurze Zeit auf Zwischenstationen übernehmen die Stationsvorsteher gegen Gepäckschein.
Handgepäck. Erforderlich für längere Fahrten sind ein wasser-und staubdichter Sack mit Bettzeug (weil Nachtfahrten oft sehr kühl sind), wollene Decken, eine seidene Decke und ein »Razai« (Baumwollsteppdecke, als Matratze dienend, zu 6 Rup., einige weiße Laken und Handtücher, Kopfkissen aus Leder mit Überzug; gesamte Reisebettausrüstung ist in den größern europäischen Geschäften der Hafenstädte für 20-25 Rup. zu kaufen); sehr zu empfehlen ist die Mitnahme von Mundvorrat in geschlossenem Frühstückskorb (tiffin basket), auch Rotwein, Sodawasser, einer Flasche mit abgekochtem Wasser zum Mundspülen (in den Zügen nicht zu haben), Kognak und Teekocher oder kaltem Tee sowie Körbchen mit Früchten, denn nur die Schnellzüge (mail trains) haben zuweilen Speisewagen.


Für alle Züge geben die Fahrpläne die Aufenthaltsorte für Frühstück und Mittagessen an, aber die Bahnhofswirtschaften (refreshment rooms) sind nur auf Hauptlinien gut, sonst oft schlecht und gesundheitsgefährlich; rohe Milch sollte man stets selbst abkochen. Mahlzeiten bestelle man in den Bahnhofswirtschaften telegraphisch (gratis) beim Zugführer, Schaffner oder Bahnhofsvorsteher voraus, da bei großem Andrang diese Wirtschaften nicht genügend vorbereitet sind; meist wird einige Stationen vorher angefragt, ob Vorausbestellung gewünscht wird.
Gepäckträger erhalten etwa 2 annas für nicht schweres Gepäck.
Die Gasthöfe sind in letzter Zeit besser geworden, auch in kleinen Orten findet man jetzt meist gute Hotels. Man erkundige sich unterwegs bei europäischen Geschäftsreisenden, die das Land öfters besuchen, welche Häuser zurzeit am besten sind. Das Reisen ist in Indien nicht unverhältnismäßig teuer, aber man braucht viel Fahrgelegenheit, weil vieles Gehen in der Hitze gesundheitsschädlich ist.
Die Unterkunftshäuser für Reisende (Dâk Bungalows) in den Dörfern gehören der Regierung; man erkundige sich vorher, ob sie frei sind, meist muß man nach 24 Stunden seinen Platz an Neuankommende abgeben; einzelne haben einen Wärter, der gute Verpflegung (Tee und Eier fast stets vorhanden) liefert sowie Beleuchtung, aber manche sind fast leer und ohne Bedienung.
Ein Reisediener (Boy) muß mit Sorgfalt, womöglich durch Vermittelung des Konsuls oder eines Reiseagenten (S. [54]), am besten durch Cook oder den Hotelmanager ausgewählt werden und zuverlässige Zeugnisse beibringen; man miete nur nach genauer Prüfung des Dienstbuches, gebe außer 10 Rup. für Kleidung keinen Gehaltsvorschuß und nur Geld für kleine Auslagen, die der Boy billiger als man selbst macht. Auch als Dolmetscher muß der Boy dienen. Gute Boys, die Englisch, Singhalesisch, Tamulisch, Hindostanisch und Malaiisch sprechen, sind kaum unter 11/2 Rup. tägl. zu haben; es empfiehlt sich (außer wenn man besonders zufrieden ist), den jeweiligen Boy in Indien, Ceylon, Birma, Siam etc. zu entlassen, um Reisekosten (hin und zurück für den Boy) zu sparen. Der gewöhnliche Monatslohn ist 35-40 Rup., worin Selbstbeköstigung inbegriffen, dazu beim Dienstantritt 10 Rup. für »warme Kleidung«. Fahrkarte für den Boy auf den indischen Bahnen kostet ein Viertel der Fahrkarte I. Kl.; Heimreise muß ihm voll gezahlt werden. Einzelne gewandte Reisende mit nicht zu hohen Ansprüchen sehen neuerdings vom Mieten eines Boys ab; sie helfen sich für Gepäck etc. mit den in allen Hotels herumlungernden Boys, die gegen kleines Trinkgeld sehr dienstwillig sind und meist auch etwas Englisch verstehen. Nach Erfahrung einzelner Reisenden sind die Fremdenboys »eine dauernd auf den Geldbeutel ihrer Herren schielende, mit allen Hunden gehetzte Tagediebkaste« — also ist Vorsicht mit ihnen geboten. Bei gutem Dienst verspreche man ein Extrageschenk zum Schluß. Diener aus dem Innern (Up-country servants) sind oft zuverlässiger und billiger als die der Hafenstädte; doch die Madras-Boys gelten als die besten in Indien. Hat man solchen sprachkundigen Eingebornen als Diener, kann man mit englischen Sprachkenntnissen überall auskommen. Den vollen Lohn zahle man erst bei der Entlassung.
Die Verpflegung ist in Indien meist nicht gut, der Genuß frischer Milch und Butter ist gefährlich, Wasser muß filtriert und abgekocht werden (Filter allein genügt nicht!). Abseits von Hauptreisewegen führe man stets gut gefüllten Eßkorb (tiffin basket, in allen Ausrüstungsgeschäften zu haben) und Sodawasser mit, vgl. oben.



Die Lebensweise soll in allem mäßig sein; nicht zu viel Schlaf; gymnastische Bewegungen zur Förderung des Blutumlaufs nicht versäumen, aber nur morgens vor der großen Hitze; früh aufstehen, zeitig zu Bett. Morgenspaziergänge und -ritte sind am besten, abends kann man sich im starken Tau leicht erkälten. Nach den Mahlzeiten ruhe man! Man bade täglich, aber nie mehr als zweimal. Wollene Leibbinde sollte man namentlich nachts tragen; sie schützt gegen Darmerkrankungen. Nachts schlafe man in Nachtanzug (Pyjamas) aus Rohseide oder leichtem Wollen-oder Baumwollenstoff und nie auf fremden Matratzen oder Kissen ohne reine Bezüge. Man hüte sich vor Zugwind, weil Europäer in Indien viel unter Rheumatismus zu leiden haben, und sitze nicht im Abendtau im Freien! Nicht zu schwere Fleischkost, nicht viel Bier, überhaupt wenig Alkohol. Unreife Früchte und rohe Früchte, deren Wirkung man nicht kennt, saure Weine, auch rohe indische Austern, trotzdem sie wohlschmeckend sind, sollte man stets meiden. Sehr stärkend für den Magen ist der indische Curry mit Reis, auch wenn er dem, der ihn noch nicht aß, zu scharf schmeckt. Sekt auf Ei (»Scrupkin«) wird als Mittel gegen Dysenterie empfohlen. Durchfall soll man nicht gleich stopfen, sondern nur durch Diät (nur Reis essen und gekochtes Reiswasser trinken!) mildern; wo ein Arzt ist, ziehe man ihn rechtzeitig zu Rate, weil er die klimatischen Einflüsse zu beurteilen versteht; auch Verstopfung nicht vernachlässigen! Tee genügt als Stimulans völlig.
Landreisen sind auf Hauptstraßen im Anschluß an die Bahn mit Postwagen (Dâk) oder andern ortsüblichen Fuhrwerken ausführbar. Die eigne Verpflegung nehme man mit, für die Eingebornen ist fast in jedem Dorfe das Nötigste zu haben. Moskitonetz; übrige Ausrüstung dem Reiseziel anpassen. Chinin ist nötig. Als Vorbeugungsmittel wird Chinin in größerer Dosis (bis zu 1 g) an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wöchentlich oder jeden fünften Tag 1/2 g zu nehmen empfohlen; kleine Dosen täglich sind unwirksam. Während Fieberanfall nehme man Phenazetin nach ärztlicher Vorschrift.—Empfehlungsbriefe an englische Beamte oder Klubs und an Radschas sind nützlich und bei Reisen in Birma unentbehrlich.
Gefahren für Reisende. Bisse wilder Tiere (Pariahunde, Schakale) muß man, falls Wutverdacht vorliegt, im Pasteur-Institut in Kasauli nahe bei Kalka (S. [75]) und in Coonoor (Nilgiris) behandeln lassen. In Bombay wird ein Pasteur-Institut eingerichtet. —Schlangen (namentlich Cobras, Brillenschlangen) zeigen sich gelegentlich (auch noch auf Malabar Hill in Bombay), Europäer verscheuchen die Tiere aber meist durch das Geräusch ihrer Schuhe. Schlangenbisse werden ähnlich wie Kreuzotterbisse behandelt: man verhüte, daß das Gift zum Herzen gelangt, durch Abschnüren des gebissenen Gliedes; die Wunde öffnen, ausbluten lassen, auswaschen mit Lösung von übermangansaurem Kali oder (falls dies nicht zur Hand ist) mit heißem Eisen oder Pulver ausbrennen, dazu tüchtig Bewegungen machen, Alkohol trinken etc., um das Gift »auszuschwitzen«. Als Gegengift erhält man in Indien »Calmette's Antivenene Serum« oder Chlorpastillen. — Skorpionbisse sind schmerzhaft, aber selten gefährlich; man wasche sie mit Ammoniak oder Essig aus.—Bestreichen mit Eukalyptusöl schützt vor den wegen Malaria-Ansteckung gefährlichen Moskitostichen, die man auch mit Ammoniak oder Essig behandelt.
Krankheiten, denen Reisende in Indien ausgesetzt sind: Cholera (Ansteckung meist durch Wasser); Verstopfung (man nehme Cascara-Tabletten); Durchfall (nie vernachlässigen); Dysenterie; Malariafieber; Augenentzündung; Typhus; Geschlechtskrankheiten. —Die Pest (engl. plague) ist fast überall in Indien heimisch, tritt unter den Eingebornen mehr oder minder stark auf, im März am schlimmsten. Europäer bleiben ziemlich verschont, wenn sie nicht in nahe Berührung mit dem Volke kommen. Die religiösen Feste der Hindus tragen viel zur Verbreitung der Pest bei.