8.
Trompeter, nun zum Ende
Gewähre höhere Weise als bisher,
Sing meiner Seele zu, erneure ihr sehnendes Hoffen,
Rüttle den trägen Glauben empor, gib mir Vision der Zukunft,
Gib mir einmal ihr Bild und ihre Lust.
O froher, jauchzender, gipfelnder Sang!
Nicht aus der Erde quillt dir die Gewalt,
Siegsmärsche – der entjochte Mensch – der Überwinder,
Dem Weltengott des Weltenmenschen Hymnen – lauter Lust!
Die Menschheit neugeboren – die Welt vollkommen, lauter Lust!
Frauen und Männer gesund, unschuldig, weise – lauter Lust!
Lachende, rauschende Feste strotzend voll mit Lust!
Krieg, Elend, Kummer fort – Erde von Fäulnis rein – Lust einzig übrig!
Die Meere lusterfüllt – die Lüfte lauter Lust!
Lust! Lust! in Freiheit, Andacht, Liebe! Lust! Lust! Im Überschwang des Lebens!
Genug das bloße Sein! Genug zu atmen!
Lust! Lust! Überall Lust!
WANDL ICH DURCH DIE BREIT MAJESTÄTISCHEN TAGE
Wandl ich durch die breit majestätischen Tage des Friedens,
(Denn der Krieg, der Blutstreit ist aus, und du, o grauenvolles Ideal,
Nach ruhmvollem Sieg gegen gewaltige Übermacht,
Folgst nun deiner Bahn, bald aber vielleicht dichteren Kriegen zu,
Vielleicht um bald in furchtbarere Kämpfe und Nöte zu treten,
Längere Feldzüge und Krisen, der Arbeit vor allen andern,)
So höre ich um mich den Lärm der Welt, Politik, Produktion,
Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft, Technik,
Das erfreuliche Wachstum der Städte, die Flut der Erfindungen.
Ich sehe die Schiffe (sie dauern ein paar Jahre),
Die gewaltigen Fabriken mit Werkführern, Arbeitern,
Und höre all das akzeptiert und hab nichts dagegen.
Doch auch ich verkünde gediegene Dinge,
Politik, Wissenschaft, Technik, Schiffe, Städte, Fabriken sind nicht nichts,
Wie ein gewaltiger Zug, der Musik ferner Signale zuströmend, im Siegerschritt und Herrlicheres vor Augen,
Ersetzen sie Wirklichkeiten – alles ist, wie es sein soll.
Nun meine Wirklichkeiten;
Was sonst ist so wirklich wie meines?
Freiheit und göttliche Ausgleichung, jedes Sklaven Erlösung auf dem Antlitz der Erde,
Die entzückten Verheißungen und Lichtgebilde der Seher, die geistige Welt, zeitentrotzend diese Gesänge,
Und unsre Gesichte, die Gesichte der Dichter, die gediegensten Ankündigungen von allen.
HELLE MITTERNACHT
Dies ist deine Stunde, o Seele, die freie Flucht ins Wortlose,
Weg von Büchern, weg von Kunst, der Tag gelöscht, der Unterricht aus,
Hebst du dich völlig empor, schweigend, schauend, deine liebsten Gegenstände betrachtend,
Nacht, Schlaf, Tod und die Sterne.
JAHRE DES MODERNEN
Jahre des Modernen! Jahre des Unfertigen!
Euer Horizont erhebt sich, ich seh ihn schwinden für erhabnere Dramen,
Ich sehe nicht bloß Amerika, nicht bloß die Freiheitsnation, sondern andre Nationen bereit,
Ich sehe erschütternde Auftritte und Abgänge, neue Zusammenschlüsse, die Gemeinschaft der Rassen,
Ich seh diese Macht mit unwiderstehlicher Gewalt auf die Weltbühne treten,
(Haben die alten Mächte, die alten Kriege ihre Rolle gespielt? sind die Akte, die ihnen gemäß sind, zu Ende?)
Ich sehe die Freiheit, völlig gewappnet, siegreich und herrlich, links vom Gesetz und rechts vom Frieden geleitet,
Ungeheures Trio einig im Schritt gegen das Kastenwesen;
Was für geschichtlichen Schürzungen eilen wir zu?
Ich sehe Männer hin und wieder marschieren in raschen Millionen,
Ich sehe die Grenzen und Schranken der alten Aristokratien zertrümmert,
Ich sehe die Grenzsteine europäischer Könige entfernt,
Ich sehe den Tag, wo das Volk seine Grenzsteine setzt (alle andern verschwinden);
Nie wurden so scharfe Fragen gestellt wie heute,
Nie war der Durchschnittsmensch, seine Seele, energischer, näher an Gott,
Hört, wie er drängt und drängt und den Massen nicht Ruhe läßt!
Sein kühner Fuß ist allenthalben zu Land und See, den Stillen Ozean besiedelt er und die Inselmeere,
Mit dem Dampfer, dem elektrischen Telegraphen, der Zeitung, den Welthandels-Kriegsmaschinen,
Damit und mit den Fabriken in aller Welt verkettet er alle Länder zu einer Geographie;
Was für ein Flüstern, o Länder, läuft über euch weg, schlüpft unter den Meeren durch?
Sind alle Völker geeint? Soll der Erdball nur ein Herz noch haben?
Bildet sich Menschheit im großen? wahrlich, Tyrannen erzittern, Kronen verdüstern,
Ein neues Zeitalter setzt sich die störrische Erde, vielleicht allgemeinen heiligen Krieg,
Niemand weiß, was nächstens geschieht, solche Zeichen füllen Tage und Nächte;
Jahre der Prophetie! der Raum, wie ich vorwärts strebe und umsonst mich mühe, ihn zu durchdringen, ist voller Gespenster,
Ungeborene Taten, Dinge, die bevorstehn, werfen ihre Schatten um mich,
Diese unglaubliche Hast und Hitze, diese seltsam ekstatischen Fieberträume, o Jahre!
Eure Träume, o Jahre, wie durchbohren sie mich! (ich weiß nicht, schlaf ich oder wach ich;)
Das fertige Amerika und Europa verglimmen, fallen schattenhaft von mir ab,
Das Unfertige, riesenhafter als je, dringt auf mich, dringt auf mich ein.
STAUB TOTER SOLDATEN
Staub toter Soldaten, ob Freunde, ob Feinde,
Wie ich rückwärts sinne und in Gedanken ein Lied summe,
Stellt sich der Krieg wieder ein, stellt eure Gestalten vor mich,
Stellt den Marsch der Armeen wieder her.
Geräuschlos wie Nebel und Dünste,
Heraus aus ihren Gräbern in Gräben,
Aus Friedhöfen in ganz Virginien und Tennessee,
In jeglicher Himmelsrichtung aus zahllosen Gruben hervor,
In schwebenden Wolken, großen Kolonnen, Gruppen selbzweit und -dritt oder vereinzelt kommen sie an,
Und sammeln sich schweigend um mich.
Nun keinen Ton, ihr Trompeter,
Nicht an der Spitze meiner Kavallerie die mutigen Rosse getummelt,
Im Schimmer gezogener Säbel, mit Karabinern am Bein, (oh, meine wackern Reiter!
Schöne Reiter mit Lohe im Antlitz! was führtet ihr für ein Leben,
Stolz in Wagnis und Lust.)
Keinen Ton auch, ihr Trommler, nicht beider Reveille im Morgengraun,
Nicht den langen Wirbel zum Lageralarm, selbst nicht gedämpften Trauerschall,
Nichts von euch diesmal, o Trommler, die ihr meine Kriegstrommeln truget.
Abseits aber von diesen und den Märkten des Glücks und der wandelnden Menge,
Zieh ich eng Kameraden zu mir, nicht gesehn von den andern und stumm,
Die Erschlagnen, die sich erheben und noch einmal leben, lebend gewordenen Staub und Trümmer,
Und ich singe den Sang meiner stillen Seele im Namen aller toten Soldaten.
Bleiche Gesichter mit staunenden Augen, sehr liebe Freunde, tretet heran,
Dicht zu mir, doch redet nicht.
Gespenster zahlloser Verlornen,
Unsichtbar den andern werdet künftig meine Gefährten,
Begleitet mich immer – verlasst mich nicht, solange ich lebe.
Hold sind die blühenden Wangen der Lebenden – hold der melodische Klang redender Stimmen,
Doch hold, ach hold sind die stummen Augen der Toten.
Meine Gefährten, alles ist aus und lange vorbei,
Doch Liebe ist nicht aus, Freunde – und welche Liebe!
Duft, der von Schlachtfeldern steigt, aus dem Gestank sich erhebt.
Durchdufte meinen Gesang, Liebe, unsterbliche Liebe,
Gib mir das Gedächtnis der toten Soldaten zu baden,
Sie einzukleiden und süß zu salben und ganz zu decken mit zarter Pracht.
Durchdufte alle – mach alle heil,
Mach diesen Staub nährend und blühend,
Löse sie alle, Liebe, und mache sie fruchtbar mit feinster Chemie.
Gib mir Unerschöpflichkeit, mach mich zum Quell,
Daß ich Liebe aushauche, wo immer ich gehe, gleich ewig frischem Tau,
Für den Staub aller toten Soldaten, ob Freunde ob Feinde.
DANK IN HOHEM ALTER
Dank im Alter, Dank, eh ich gehe,
Für Gesundheit, Mittagssonne, zarte Luft – für Leben, bloßes Leben,
Für köstliches, nie vergehndes Gedenken (an dich, lieb Mutter mein, Vater, an dich, Brüder, Schwestern, Freunde),
Für all meine Tage – nicht bloß des Friedens – für die Tage des Kriegs desgleichen,
Für holde Worte, Liebkosungen, Gaben aus fremden Ländern,
Für Obdach, Wein und Fleisch, für süßes Verstehen und Grüßen,
(Ihr fernen, verschwimmenden, unbekannten, ob jung oder alten, zahllosen, ungeschiednen geliebten Leser,
Wir sahn uns nie und werden's nie – doch unsre Seelen küssen einander, lang, fest und lang;)
Für Geschöpfe, Gruppen, Liebe, Taten, Worte, Bücher – für Farben, Formen,
Für all die tapfern, starken, hingegebnen herzhaften Männer, die vorwärts sprangen, der Freiheit zu helfen, allerorten, allerzeiten,
Für tapfrere, stärkere Männer, hingegebnere Männer, (besondern Lorbeer, eh ich gehe, den Erwählten des Lebenskriegs,
Den Lied- und Idee-Kanonieren – großen Artilleristen – den vordersten Führern, den Kapitänen der Seele;)
Als verabschiedeter Soldat nach beendigtem Kriege – als Wandrer aus Myriaden, zu dem langen Zug der Rückschau.
Dank – frohen Dank! – Dank des Soldaten, des Wanderers Dank!
INHALT
| Einleitung | [5] |
| Das Selbst sing ich | [17] |
| Als ich schweigend brütete | [18] |
| In engen Schiffen zur See | [19] |
| An fremde Lande | [21] |
| An einen Historiker | [22] |
| Den Staaten | [23] |
| An eine Sängerin | [24] |
| Schließt eure Türen nicht | [25] |
| Künftige Dichter | [26] |
| An Dich | [27] |
| Ausgehend von Paumanok | [28] |
| Der Grundstein aller Metaphysik | [37] |
| Ich sah in Louisiana eine Eiche wachsen – | [38] |
| Salut au monde! | [39] |
| Lied der Landstraße | [41] |
| Ich sitze und schaue | [44] |
| Als ich lag, meinen Kopf in Deinem Schoß, Camerado | [45] |
| Leb wohl, Soldat – | [46] |
| Wende dich, Freiheit – | [47] |
| Heimkehr der Helden | [48] |
| Der mystische Trompeter | [49] |
| Wandl ich durch die breit majestätischen Tage | [53] |
| Helle Mitternacht | [54] |
| Jahre des Modernen | [55] |
| Staub toter Soldaten | [57] |
| Dank in hohem Alter | [60] |
[Anmerkungen zur Transkription:]
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
- [Seite 5]:
WALT WHITMANN
WALT WHITMAN - [Seite 22]:
Ich, Sasse der Alleghanyberge, der von ihm handelt, wie er
Ich, Sasse der Alleghenyberge, der von ihm handelt, wie er - [Seite 29]:
Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Jowa, Wisconsin und
Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Iowa, Wisconsin und - [Seite 39]:
slawischen Stämmen und Reichen! du Russe in Rußland!
slawischen Stämmen und Reichen! Du Russe in Rußland! - [Seite 48]:
stattlich und stark, Bauern-und Handwerkerschlag,
stattlich und stark, Bauern- und Handwerkerschlag, - [Seite 53]:
Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft Technik,
Anerkannter Dinge Ankündigungen, Wissenschaft, Technik, - [Seite 62]:
Ausgehend vom Paumanok
Ausgehend von Paumanok - [Seite 62]:
Wende dich, Freiheit
Wende dich, Freiheit –