Drittes Kapitel.
Um die fünfte Morgenstunde dämmerte Wilhelm Frobenius mit wüstem Kopf aus schwerem Traum empor. Es hatte erst sanft, dann recht energisch an die Tür geklopft — er fuhr auf, starrte in dem engen Gelaß umher, daß ihn umschloß, und konnte sich nicht enträtseln, wie er eigentlich in diese nüchterne, unbehagliche Umgebung geraten war.
Plötzlich fiel's ihm ein: ach, du lieber Himmel — du bist ja in der Garnison — und — o Schauder — gleich geht's zu Pferd!
»Herr Leu'nant — et is höchste Zeit für uffz'stehn!« mahnte von draußen eine ihm völlig fremde Stimme.
Das mußte der Bursche sein. Herrgott, wie der Schädel brummte.
Er fuhr mit den dünnen, haarigen Beinen aus der Decke hervor, fühlte sich geniert durch den ungewohnten Gedanken, nun im Nachthemde vor den fremden jungen Menschen hintreten zu sollen, zog erst Unterhosen und Strümpfe an und schlurrte dann zur Tür. Kaum hatte er sie geöffnet, da schoß mit energischem Ruck ein junger, rotblonder, sommersprossiger Gesell herein, die Feldmütze auf dem Kopf, die Drillichhose schon in den langschäftigen Stiefeln steckend. Er schlug krachend die Absätze zusammen und meldete: »Füselier Schmitz als Bursch bei de Herr Leu'nant kommediert!«
»Schön, schön,« sagte Frobenius verlegen, »also Sie sind Schmitz, schön, schön. Was gibt's denn heute morgen?«
»Sechs Uhr fufzehn Abmarsch in't Jelände zur Ausbildung im Entfernungschätzen!«
»Ach ja — ganz richtig — also sehen Sie, da ist mein Koffer — den packen Sie mal zuerst aus.«
Und während der Bursche sich anstellig und geräuschlos anschickte, die Habseligkeiten seines neuen Herrn aus dem vorsintflutlichen Reisekoffer zu entwickeln, kühlte Wilhelm Frobenius sein schmerzendes Haupt — immer neue Schwämme drückte er über den Nacken aus, daß das Stübchen schwamm, aber der dumpfe Druck im Schädel wollte nicht weichen — und noch weniger der dumpfe Druck in der Herzgegend — vor seiner Phantasie aber stand das Bild des Augenblicks, wo er das wilde, gefährliche Tier besteigen würde, das dem Menschen nach dem Leben trachtet.
Herrgott, wie die funkelnagelneuen Reitstiefel drückten — wie der steife Lederbesatz der Reithose die Schenkel scheuerte — wie entsetzlich das war, durch die Stube zu schreiten mit den klirrenden Sporen, die sich immerfort ineinander verfingen!
Füsilier Schmitz waltete indessen geräuschlos seines Amtes. Er betreute seinen Herrn wie eine erfahrene Kinderwärterin ihren Säugling.
Als er seinen Herrn in den Waffenrock gesteckt hatte, verschwand er auf Zehenspitzen und kam nach wenigen Minuten mit dem Frühstückstablett zurück.
Himmel, aber dieser Kaffee! — Mit Wehmut gedachte Wilhelm Frobenius seiner sorgsamen Haushälterin daheim, die ihm denn doch einen ganz andern Morgentrunk kredenzte — und verzehrte knurrend die mit einem Übermaß von Margarine bestrichene Frühstückssemmel, während Füsilier Schmitz Helm, Feldglas, Säbel und Schützenpfeife zusammensuchte.
Zehn Minuten später schritt Frobenius an dem präsentierenden Posten vor dem Kasernenportal vorbei in den Hof hinein und sah schon von weitem die dunkle Masse der in Zugkolonne aufgestellten Königlichen Zweiten. Noch war kein anderer der Offiziere auf dem Platze, und als der Leutnant sich der Kompagnie näherte, kommandierte der Feldwebel mit dröhnender Stimme:
»Stillgestanden! — Richt' euch! — Augen gerade — aus! — Die Augen links! — — Kompagnie beim Antreten!« meldete er dann dem Offizier.
»Danke, danke!« sagte Frobenius und überlegte, was er nun zu tun hätte. Das dauerte ungefähr eine Minute, während deren der Feldwebel regungslos neben ihm stand und ebenso regungslos die Kompagnie mit Augen links.
Frobenius verfiel in tiefes Sinnen. Herr Gott, was machte man denn nun jetzt nur?
Der Feldwebel kam ihm zu Hilfe: »Gestatten Herr Leutnant, daß ich rühren lasse?«
»Bitte, bitte, selbstverständlich — lassen Sie nur rühren!«
»Augen gerade aus — rührt euch!«
In diesem Augenblick schollen vom Kasernentor her hallende Pferdehufe, und Hauptmann Goll kam auf seinem riesigen Rappen herangesprengt, gerade auf Frobenius zu.
Frobenius riß den Schleppsäbel in die Höhe und salutierte seinen Kompagniechef. Der hielt dicht vor ihm, sah ihn von oben bis unten an, staunend, fassungslos.
»Na, Herr Leutnant, wollen Sie mir denn nicht freundlichst die Kompagnie melden?«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann!« Er fuhr herum und schrie mit einer Stimme, als sei er von Mördern überfallen und wolle die Welt um Hilfe zusammenrufen: »Stillgestanden — Augen links!«
Hauptmann Goll sah seinen Untergebenen abermals von Kopf bis zu Füßen an: »Herr Leutnant, Sie scheinen sich mit dem neuen Exerzier-Reglement noch nicht sonderlich beschäftigt zu haben, aber auch Ihre alte Weisheit haben Sie scheinbar einigermaßen verschwitzt, sonst würden Sie wohl die Kompagnie zunächst ausgerichtet haben — und dann heißt das Kommando nach dem neuen Reglement: die Augen links! — Also, bitte, stecken Sie gefälligst die Nase ins Reglement, damit Sie sich nicht vor den Kerlen blamieren — danke Ihnen! — 'Morgen, zweite Kompagnie!«
»'Morgen, Herr Hauptmann!« scholl es aus hundertundzwanzig Kehlen zurück, daß die Kasernenwände bebten.
»Augen gerade — aus — rührt euch!«
Frobenius schielte zur Kompagnie hinüber — ein fröhliches Grinsen lag auf allen Gesichtern.
Ja, da war nichts zu machen — der Respekt war von vornherein zum Teufel.
Schon nahte ein neues Schrecknis: ein Füsilier, den Frobenius natürlich nicht kannte, führte einen großen, starkknochigen Goldfuchs mit weißer Stirnblässe und unruhig schielenden Augen heran, der immerfort heftig den Kopf in den Nacken warf und von Zeit zu Zeit mit der Hinterhand nervös zusammenfuhr.
»Pferd für Herrn Leutnant zur Stelle!« meldete er.
Aha, dachte Frobenius, das ist der Bursche vom Oberleutnant Menshausen, dem muß ich jedenfalls ein Trinkgeld geben. Er suchte in seinem Portemonnaie, fand nur ein Zweimarkstück und drückte das dem Burschen in die Hand, obgleich er sich darüber klar war, daß das viel zu viel sei.
»Wollen Herr Leutnant gleich aufsitzen?«
»Jawohl!«
Der Bursche hielt den rechten Bügel, Frobenius trat an die linke Seite und hob das Bein, aber es gelang ihm nicht, den Steigbügel zu erreichen. Himmel, war das ein Elefant! Der Bursche mußte den Bügel länger schnallen, und nach einigen krampfhaften Anstrengungen saß Frobenius im Sattel. Im selben Augenblick stieg der Gaul hinten und vorne, und der Reiter schwankte hin und her — wie ein Wrack im Sturm.
Zwei Füsiliere sprangen auf Hauptmann Golls Befehl herzu und beruhigten die Bestie. Nun saß Frobenius steif aufgerichtet und wagte nicht, sich zu rühren, aus Furcht, der Gaul möchte wieder unruhig werden.
Leutnant Quincke kam und meldete sich beim Kapitän. Sein verkatertes Gesicht war fahl — mit einem unverschämten Grinsen begrüßte er den Reiter und stieß mit der Säbelscheide wie in harmlosem Scherz nach Kunos Flanken. Kuno machte einen mächtigen Satz zur Seite, und auf ein Haar hätte Frobenius das Gleichgewicht verloren.
»Donnerwetter — lassen Sie doch diese Scherze, Herr Quincke!«
»O, entschuldigen Sie, Herr Frobenius, wer konnte auch ahnen, daß der Schinder so nervös ist — liegt das an ihm oder an Ihnen?«
Zwei andere Gäule wurden vorgeführt. Der eine gehörte dem Oberleutnant, der erst im letzten Augenblick heranschoß, sich hastig beim Kompagniechef meldete und wie der Blitz im Sattel saß; den andern, einen zierlichen Apfelschimmel, bestieg Quincke, leicht und elegant, und ließ ihn ein paar kurze Gänge machen. Das begeisterte Herrn Kuno, sich anzuschließen, und so wurde Frobenius unfreiwillig über den Kasernenhof spazieren getragen, bis Hauptmann Goll die Kompagnie formiert hatte.
»Bitte, Herr Leutnant Frobenius, reiten Sie bei mir! Die Herren Menshausen und Quincke nehmen die Queue.«
Mit Mühe gelang es Frobenius, sich an die Seite seines Kapitäns zu dirigieren. Die Spielleute traten an die Tête, und der Hauptmann kommandierte:
»Stillgestanden — das Gewehr — über! — Gruppenkolonne rechts — erster, zweiter, dritter Zug — Kompagnie — marsch!«
Die Spielleute schlugen an. — Beim ersten Klang der Instrumente machte Kuno einen fürchterlichen Satz nach links, raste wie toll in weitem Bogen um den Kasernenhof, beruhigte sich aber dann und setzte sich wieder neben das Pferd des Hauptmanns.
Die Füsiliere platzten vor Vergnügen.
»Kompagnie — halt!« schrie der Kapitän. »Wenn ihr unverschämten Lümmels euch noch einmal untersteht, beim Exerzieren die Fresse zu verziehen, so reit' ich euch gliederweise in den Dreck — verstanden!? — Kompagnie — marsch!«
Und dann mit vernichtendem Blick zu dem unglücklichen Reiter an seiner Seite: »Herr Leutnant, wenn Sie nicht reiten können, dann sagen Sie's gefälligst gleich! und ruinieren Sie mir hier nicht die Disziplin!«
»Verzeihen Herr Hauptmann, ich weiß selbst nicht, was das ist — ich glaube, man hat mir da eine ganz gefährliche Bestie geschickt — aber ich werde mich schon gewöhnen!«
Und so kam es auch. Kuno klebte ganz zufrieden an dem ruhig und sicher schreitenden Rappen des Kapitäns und schien sich in sein Schicksal und seinen Reiter ergeben zu haben.
Zum muntern Spiel der Trommeln und Pfeifen ging's nun durch die stillen Straßen hinaus. — Ab und an schoben sich droben an den Fenstern die Vorhänge auseinander, und verschlafene Gesichter schauten auf die ausrückende Schar — hier ein verdrießliches Matronenantlitz, von wirren, grauen Haarsträhnen überhangen, dort ein freundliches Mädchenköpfchen mit süß verträumten Wangen. — Im Morgensonnenschein blinkten die frisch geputzten Knopfreihen und Helmbeschläge, blinkten wie gleißende Schlangenschuppen die taktmäßig leise pendelnden Gewehrläufe. — Die Pferde wieherten lustig in die Dunstschwaden der Frühe hinaus, und Frobenius fing an, sich überaus behaglich zu fühlen — wäre Hauptmann Goll etwas gesprächiger gewesen, es hätte sehr lustig sein können — aber des Kapitäns Miene dräute Unheil — er würdigte seinen Gefährten keines Wortes.
Indessen schließlich — wer war Hauptmann Goll? — Irgendein gleichgültiger Fleck in der spätsommerlichen Morgennatur — ein flüchtiger Schatten auf dem Glück der Stunde — wie konnte so was Bedeutungsloses ihn, Wilhelm Frobenius, um die frische Wonne dieses lustigen Frühritts bringen?
Ach, es war doch himmlisch, so auf einem feurigen Roß in die nebeldampfende Landschaft hinaus sich tragen zu lassen!
Allerhand literarische Erinnerungen fielen ihm ein — die Hohenstaufenkaiser auf der Fahrt über die Alpen — Goethes Besuche bei Friederike in Sesenheim:
»Es schlug mein Herz: geschwind zu Pferde!
Es war getan fast, eh's gedacht.«
Herrgott, daß man das bloß nicht früher gelernt hatte. — Ja, ja, da war die harte Jugend gewesen voll einsamen Schaffens, Grübelns und Sinnens im tabakdurchwölkten Studierkämmerchen — fern von den muntern Kommilitonen, die bei Becher und Schläger ihr Leben auskosteten.
Reiten! — Du lieber Himmel — dem Sohn des armen Volksschullehrers aus dem Westerwalddörfchen war das immer als ein Privileg der hoch droben hausenden Glückserkorenen erschienen.
Und nun war er, nicht fern den Vierzigen, doch noch auf den Klepper gekommen — das hatte sein Faustwerk, das hatten die zwanzig Auflagen seines Schiller-Volksbuches zum Jubiläum von 1905 zustande gebracht.
Ach ja — nun gehörte er selbst zu den Glückserkorenen. — Wie sagte doch das arabische Sprichwort:
»Alles Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde,
in der Gesundheit des Leibes
und am Herzen des Weibes.«
Ha — zwei von diesen Dingen nannte er nun sein eigen — gesund an Leib und Seele — beim Himmel! das war er — und auf dem Rücken des Pferdes saß er nun ja Gott sei Dank auch.
Nun fehlte nur noch das Ruhen am Herzen des Weibes — ja, dazu würde jetzt allerdings allmählich Rat geschafft werden müssen, sonst dürfte Wilhelm Frobenius am Ende doch den Anschluß verfehlen.
Indessen — wenn er so viel erreicht hatte, wenn er zwei Drittel alles Erdenglücks bereits besaß — warum sollte sich nicht auch noch das letzte Drittel erringen lassen?
Wilhelm Frobenius meinte, noch niemals eine solche Stunde leichtsinniger Hoffnungswonne — eine solche Stunde Versinkens im Augenblick durchgekostet zu haben.
Immer höher reckte sich seine eingefallene Brust — immer kecker warf er die Nase empor, ließ er die Blicke zu den Fenstern der nun schon spärlicher den Weg einsäumenden Häuser emporschweifen — und als schließlich aus dem ersten Stockwerk eines einsamen Forsthauses am Waldrande gar ein Mädchen hervorlugte, das er mit seinen, durch die großen, goldgefaßten Brillengläser geschärften Augen für über die Maßen hübsch hielt, da warf er der Schönen im Überschwang der Stimmung eine heimliche Kußhand zu, schielte aber gleich darauf erschrocken zu Hauptmann Goll hinüber.
Doch der hatte zum Glück nichts gemerkt — verschlafen blinzelten seine stechenden Augen zwischen den Pferdeohren hindurch in den Staub der Landstraße — verständnislos für all die Herrlichkeiten der Morgenfrühe — verständnislos für das süße Lebensglück, das wie ein feuriger junger Wein durch die Adern seines Gefährten rieselte.