Erstes Kapitel.
»Dat is en janz schöne Jegend hier ... oben Regen ... unten Dreck ... nix im Magen — der Düwel soll't holen!«
In unaufhaltsamem Marsch schob sich das erste Bataillon des Regiments Prinz Heinrich der Niederlande dem »Feind« entgegen.
Unaufhaltsam strömte der Regen ... seit Tagen ... seit Wochen ...
Unaufhaltsam fluchten und wetterten die Unteroffiziere der Königlichen Zweiten:
»Ich glaub, hier regnet et überhaupt et janze Jahr!«
»Weiß der Kuckuck, die vierzehn Dag, dat mer als hier obe rumkrabbeln, hann mer noch kei' trockne Minute jehatt!«
»Ich sinn als janz aus em Leim ... die Buxen reißen wie Schafleder ... an de Stieweln platzen die Sohlen ab ...!«
»Und trocken kriegt man die Brocken überhaupt nit mehr!«
»Na, Friesen, Sie sagen ja gar nix!«
Der Einjährige schwieg.
Die Tragriemen des feldmarschmäßig gepackten Tornisters schnitten tief in die Achseln. Alle fünf Minuten wanderte das Gewehr von der rechten Schulter auf die linke und von der linken auf die rechte ... in den Stiefeln schwappte eine lehmige Flüssigkeit ... und hinter den Ohren entlang rieselte ein beständiges Rinnsal eiskalten Regenwassers in die Halsbinde hinein ...
Von dem allen merkte Hans Friesen in diesem Augenblick auch nicht das Mindeste ...
Hans Friesen merkte nicht einmal, daß ihm der kurze Pfeifenstummel zwischen den Lippen längst kalt geworden war ...
Hans Friesen dichtete.
Ach ... herrlich konnte man dichten auf solch einem endlosen Marsch ...
Den Kameraden, den aktiven Unteroffizieren, ging immer nach der ersten Stunde der Stoff für ihre Kommißgespräche aus.
Die Berichte über das letzte Quartier, die Klagen über den miserabeln Fraß, die Renommistereien über Abenteuer mit den Bauernmädeln, das reichte nie weiter als eine knappe Meile. Dann bemächtigte sich der Kilometerstumpfsinn der marschierenden Kolonne, zumal dann das Gewicht des gepackten Affen allmählich immer fühlbarer wurde ...
Dann aber begann Hans Friesens gute Zeit.
Wie mutwillige Schwalben schossen dann seine Gedanken der Marschkolonne voraus ... strichen durch die regennassen Wälder zur Rechten und zur Linken, wo in der triefenden Feuchte zwischen vermodernden Baumstümpfen und Farndickichten ganze Kolonien grauer, gelber, violetter Pilze aus dem Boden gewachsen waren und mit ihren breiten Schirmdächern in lustigen Gruppen beisammen hockten ...
Aber weiter flatterten des Poeten Träume ... zurück zur Garnison ... um das blonde Haupt eines gewissen jungen Mädchens, das chargenmäßig in unerreichbarer Höhe über dem Unteroffizier stand, das er räumlich in weiter Ferne wähnte ... und das in Wirklichkeit, ohne daß Hans Friesen etwas davon ahnte, nur einen Tagemarsch weit in süßträumender Ferienruhe unter den rauschenden Hunsrückwäldern weilte ...
Und Hans Friesen dichtete.
Eine Strophe nach der andern fügte er zusammen ... feilte Zeile auf Zeile in Gedanken durch und sprach sie sich so oft vor, bis sie sich unvergeßlich seinem Hirn eingeprägt hatten, damit er sie am Abend blank und sauber in sein Dienstnotizbuch eintragen könne ... zwischen Vermerken über Brotempfang ... Kompagniebefehle ... Vorposteninstruktionen ...
Nun wiederholte er noch einmal die ersten Strophen des Gedichts, das ihm aus den triefenden Nebeln zugeweht war:
»Bist du die Oreade,
die lauschend hinterm Felsen schwieg?
bist du des Quells Najade,
die aus der Plätscherwelle stieg?
Aus welcher Märchenferne
hast du dich in mein Sein verirrt?
Von welchem fernen Sterne
bist du an meine Brust geschwirrt?«
Ja, die zwei Strophen saßen! Das ließ sich nicht bestreiten! Nun mußte die Antwort kommen ... also munter weitergereimt ...!
»Was soll das zage Fragen?
Ich halte dich ans Herz gepreßt ...«
Ja, wahrhaftig, das hatte er getan, wenn es auch noch so märchenhaft klang ... er hatte sie gehalten, die schlanke, blonde Majorstochter, gehalten an seinem Herzen, das unterm Tressenrock des Unteroffiziers so verdammt unvorschriftsmäßig gepocht hatte ...
Ach, und als er seinen Arm zum ersten Male um den weichen Körper gelegt ... Richtig — so mußte es ja weitergehen:
»fühl' deines Herzens Schlagen ...«
Ach ... und dann ... dann war ja das Unvergeßliche ... das schier Unglaubliche gekommen ...
»und Lippe weilt auf Lippe fest ...«
Schau, da war ja wieder eine Strophe beisammen — und auch die stand fest auf ihren vierzehn Versfüßen ...
Vor dem Dichter trottete in mürrischem Schweigen sein Kompagnieoffizier, der Leutnant Quincke.
Scheußliche Sache, so ein Manöver! — Eigentlich Dienst von morgens früh um drei bis abends um zehn und von abends um zehn bis früh um drei ... Die Körperpflege wurde nur noch markiert ... aussehen tat man schon mehr wie ein Latrinenreiniger und nicht wie ein Angehöriger des ersten Standes der Nation ... Dabei seit vierzehn Tagen kein weibliches Wesen mehr zu Gesicht bekommen ... die dreckigen Bauerntrinen zählten nicht mit — die waren höchstens was für die Herren Burschen!
Und was das Lächerlichste war ... seit acht Tagen führte dieser krumme Landwehronkel, dieser Leutnant Frobenius, die Kompagnie an Stelle des Hauptmanns Goll, der seinerseits als ältester Kapitän des Regiments für den Major Blasberg die Führung des zweiten Bataillons übernommen hatte.
Blasberg hatte am Tage nach dem Regimentsfest, unmittelbar vor dem Ausrücken ins Manöver, in eine Nervenheilanstalt gebracht werden müssen. Die Schwermut, die ihn seit dem Tode seiner Frau zu Boden gedrückt hatte, war plötzlich als ausgesprochen krankhafte Melancholie zum Ausbruch gekommen.
Und so war nun der unmögliche Landwehroffizier der unmittelbare Vorgesetzte seines patenten Kameraden für die Dauer der Herbstübungen geworden ...
Und nun das Allerunglaublichste ... die Sache klappte —!
Auf seinem braunen, steifbeinigen »Roland«, der frömmsten Kuh aus dem Tattersall der Garnison, machte dieser Frobenius eine ganz leidliche Figur und hatte sich mit seinem vierbeinigen Freund auf ganz erträglichen Fuß zu stellen gewußt.
Der innere Dienst funktionierte tadellos ... na, Kunststück! — So ein Musterexemplar von Feldwebel — und der brillante Unteroffizierersatz!
Ja, darauf verstand sich der griesgrämige Hauptmann Goll ... Unteroffiziere erziehen, das war seine Spezialität! —
Übrigens war ja auch dieser Frobenius selber von einer kommissigen Gewissenhaftigkeit, daß es schon nicht mehr schön war!
In der Ortsunterkunft stelzte er wahrhaftig höchst eigenhändig von Quartier zu Quartier, steckte seine Nase in jede Eßschüssel und in jedes Bauernbett, um sich zu überzeugen, ob die Herren Füsiliere auch ordentlich zu essen kriegten und weich genug lägen.
Er selber, Quincke, hatte sich zum Glück eine etwas vornehmere Auffassung des Königlichen Dienstes zugelegt. Wofür waren denn die Korporalschaftsführer da?
Ja, Frobenius hatte sich in seine Pflichten als Kompagnieführer ganz famos eingearbeitet und war infolgedessen mit seiner militärischen Situation zufrieden wie nie zuvor.
Er sah sehr verändert aus, hatte sich am Tage vor dem Ausrücken die wenigen Haarsträhnen seines Schädels ganz kahl abscheren, seinen langen, struppigen Vollbart kurz verschneiden lassen.
Auch seine Uniform sah nicht mehr ganz so vorsintflutlich aus, seitdem ihr Träger eine etwas vorschriftsmäßigere Haltung gewonnen, und mit seinem braven, alten Roland vollends fühlte er sich verwachsen wie ein Zentaur.
Was tat's, ob es regnete von morgens früh bis abends spät und die ganze Nacht hindurch ...
»Alles Glück der Erde
liegt auf dem Rücken der Pferde,
in der Gesundheit des Leibes ...«
Freilich, damit war's nun auch Schluß ... Glück am Herzen des Weibes — damit würde es wohl niemals was werden ...!
Seit seinem Sturz im Tanzsaal hatte er jede Hoffnung aufgegeben. »Herrgott nein, mit Ihnen ist aber auch wahrhaftig gar nichts anzufangen«, das klang ihm noch immer im Ohr, und immer meinte er das hochmütige, zurückgeworfene Köpfchen, das empört aufstampfende Füßchen im Goldkäferschuh zu sehen ... ihr hastiges Vondanneneilen ... den Ausdruck der Wut über die gräßliche Blamage und den verdorbenen Abend im Klang ihrer Stimme ... in jeder Bewegung ...
Abschiedslos war sie ihm enteilt, und auch als Dienstag morgens um vier Uhr in der Dämmerung das Regiment von der Kaserne aus an der Wohnung des Majors vorbeimarschiert war zum Bahnhof hin, da hatte sie mit ihrer Mutter und Schwester auf dem Balkon gestanden und allen Herren einen freundlichen Abschiedsgruß gewinkt ... als aber er, Wilhelm Frobenius, auf seinem Roland den Säbel vor ihr gesenkt, da hatte sie kühl über ihn hinweggeschaut und dann Herrn Quincke, den Führer des vordersten Zuges der Zweiten, mit um so deutlicherer Freundlichkeit gegrüßt ...
Ade Hoffnung ... ade Träume ... ade süße, stolze Verkörperung des alten Amazonenideals ...!
Nein, es war vorbei ... keine Hoffnung mehr ...! Und selbst auf das Wiedersehen konnte er sich nicht mehr freuen ... auf das Wiedersehen, das wenigstens im Bereich der Möglichkeit lag. Denn er wußte ja von seinem Freunde Flamberg, daß die Amazone mit ihrer Schwester ebenfalls auf den Hunsrück hinaufgepilgert war ... Nein, hoffen und sich freuen — das gab's nicht mehr.
Und dennoch ...!
Wilhelm Frobenius zog die Manöverkarte aus seiner Packtasche. Der Regen prasselte auf das Zelluloidfutteral, und durch die Tropfen hindurch suchte der Reiter den Namen, um den sich trotz allem immer und immer seine Träume rankten ...
Am Allenbach entlang, einem Nebenwässerlein der Nahe, dessen Lauf auf der Karte durch zahllose kleine Sternchen begleitet war, welche Mühlen, Schleifmühlen darstellten, an der Einmündung des Beierbachs, war das Dörfchen Hettstein eingetragen und dicht daneben ein kleiner Kreis mit einem Fähnchen ... Das war das Schlößchen Hettstein, die neue Erwerbung der schönen Frau Cäcilie.
Hier hauste nun die stramme Reiterin ... die fesche Tänzerin ... die lächerlich Verehrte ...
Verrücktheit! — So ein Mädchen und seine Bücherexistenz ... die Lange-Pfeifen-Atmosphäre seiner winzigen Junggesellenbude ... sein demütiges, halbbäuerliches Mütterchen daheim im Westerwalddörfchen — und dieses Luxusgeschöpf ... dieses Freiluftwesen ...
Lächerlich! — Und doch ... und doch ...! Oh, Schloß Hettstein —!
Da horch —: Bum — und wieder: Bum —
Aus den triefenden Nebeln, welche bis tief über die langgestreckten Kuppenzüge des Idarwaldes niederhingen, war der erste Kanonenschuß gefallen ... Von dort war der »Feind« zu erwarten: Aufgabe des Regiments, ihn am Heraustreten aus dem dicken Forste zu verhindern ...
Und Leutnant Blowitz sprengte von der Tête her am Bataillon entlang: »Die Herren Kompagnieführer zum Herrn Major!«
Da faßte Frobenius Rolands Zügel kürzer, nahm den linken Schenkel zurück ... Ein ganz klein bißchen sträubte sich die faule Kreatur, dann hoppelte sie gemächlichen Äppelgalopp mit ihrem Reiter an der Zweiten und Ersten entlang auf den Bataillonskommandeur zu, der seinen Kompagnieführern die Gefechtslage erklären und seine Befehle ausgeben wollte.
Der Herr Major von Sassenbach ...
Der schaute dem Anreitenden entgegen mit Augen, die Frobenius kannte ... mit schelmisch blitzenden Reiteraugen ...
»Na, lieber Frobenius, wie war's Quartier?«
»Danke gehorsamst, Herr Major! — Waschen müssen hab ich mich auf dem Korridor: meine Schlafstube reichte nur fürs Bett!«
»Und ich hab' 'ne Art Tanzsaal gehabt ... mußte heut morgen 'ne halbe Stunde nach mir selber suchen, bis ich mich fand! — Sie sehen übrigens ganz vergnügt aus bei diesem Sauwetter!«
»Warum auch nicht, Herr Major!? — Man kann ja dabei an die schönsten Sachen denken!«
Der Major schmunzelte.
Eigentlich ein ganz prachtvoller Herr, dieser Don Quijote! — Schade, das Malheur im Tanzsaal! — Schließlich — Frau Professor wäre doch eigentlich durchaus standesgemäß gewesen ... und daß er ein Bürgerlicher war ... du lieber Gott, wenn ein Mädel mal sechsundzwanzig Jahre alt geworden ist ...
Dem Miniaturkrieg, welchen beide Brigaden, durch Kavallerie, Artillerie und Spezialwaffen verstärkt, im zweiten Manöverabschnitt gegeneinander zu führen hatten, lag eine überaus komplizierte Annahme für die allgemeine Kriegslage zugrunde. Aber diese Annahme existierte eigentlich nur für die beiden Detachementsführer. In das geliebte Deutsch der Unterführer und vollends der Mannschaften übersetzt verwandelte sich jede Gefechtsannahme, verwandelte sich überhaupt das ganze Manöver in das äußerst einfache Rezept:
Marschieren, bis man an den Feind heran ist — dann ausschwärmen, schießen, sprungweise vorgehen — marsch, marsch, hurra!
Na — und das hatte man ja gebimst bis die Schwarte knackte!
Für das sogenannte »gemeine Truppenschwein« — und unter diesen Begriff rechnete man mindestens alles, was »tippeln« mußte, auch die Herren Leutnants der Infanterie — war so das ganze Manöver nichts weiter als ein abwechslungsreicher, strapaziöser und wenig komfortabler Spaziergang mit mancherlei scherzhaften Unterbrechungen.
»Also, meine Herren,« schloß Major von Sassenbach eine längere Auseinandersetzung über jenes verwickelte und höchst theoretische Problem, das sich aus der allgemeinen Kriegslage ergab, »der Witz vons Janze ist folgender: Durch die Aufklärung ist festgestellt, daß der Feind durch den Idarwald im Anmarsch ist, und zwar auf der Chaussee, die von Bischofsthron über das ›Graue Kreuz‹ nach Bruchweiler führt. Wir stehen augenblicklich am Südeingang von Kempfeld, das Nest halblinks vorn ist Bruchweiler; das müssen wir vor dem Feind erreichen und von seinem Nordwestrande aus den Feind am Heraustreten aus dem Idarwalde verhindern. Das erste Bataillon ist vorn, das zweite und dritte folgt; das Schwesterregiment marschiert auf der Linie Schafbrücke-Schauren. Wir haben also Gefechtsanschluß rechts und sollen im Angriffsfalle links überflügeln, sonach bleiben wir im Vormarsch auf Bruchweiler, alles übrige entwickelt sich historisch — ich danke Ihnen, meine Herren —!«
Na, das strategische Geheimnis des Morgens hatte sich also gelüftet, und die Herren Kompagnieführer galoppierten zu ihren Kolonnen zurück.
Weiter ging's in strömendem Regen durch das stumme, ärmliche Dörfchen Kempfeld — laut kakelnd stoben die Hühner von der Landstraße herunter auf die bergenden Misthaufen; flachsköpfige Buben und Mädel sprangen aus den Türen, schrien den Kriegern die ewige Kinderfrage zu: »Saldat — kummen 'er noch mieh?«
Langsam ansteigend gen Bruchweiler zu schlängelte sich der lehmige Weg durch abgeerntete, teilweise bereits umgepflügte Felder, deren nasse Schollen, von der Pflugschar abgestochen, speckig glänzten ... eine lange, dunkle Wand, von grauer, zerfranster Wolkendecke überlagert, reckte sich der Idarwald. Von dort her klangen immerfort die dumpfen Schläge der Geschütze. Zur Rechten irgendwo, auf einer umnebelten Höhe vergraben, antwortete die Artillerie des Süddetachements ...
Willkommene Musik für das Soldatenohr! Sie bedeutete: Bald hat sich's ausgekilometert — und wir kriegen ihn am Kragen, den bösen Feind — dann geht's ins Quartier.
Ei verflucht, nein ... nicht ins Quartier ... Heute stand am Ende des Marschtages ein Biwak auf kotigem Stoppelfeld ...
Noch drei Kilometer bis Bruchweiler.
Inmitten eines Hages von leise herbstlich gebräunten Obstbäumen träumte das verschlafene Dörfchen unterm Schirm des Waldgebirgs ...
Plötzlich — rack ... tack, tacktack — Vom Dorfrand her knatterten die ersten Gewehrschüsse durch die brauenden Dünste.
Nach einigen Minuten stob in vollem Galopp ein Zug der diesseitigen Kavallerie, der Deutzer Kürassiere, den Anger entlang, in eiliger Flucht hinter der anrückenden Infanterie Deckung zu suchen.
Wie schmutzige Mehlsäcke sahen die weißen Koller aus im trüben Morgenlicht ...
Ihr Führer meldete im Vorbeirasen dem Major: »Bruchweiler wird soeben von abgesessener feindlicher Kavallerie besetzt!«
Hochauf richtete sich der Major in den Bügeln: »Herr Leutnant Blowitz!«
»Herr Major?!«
»Das Bataillon entwickelt sich links gestaffelt, links der Chaussee — vierte Kompagnie hinter der linken Flanke aufmarschiert, aber geschlossen, zu meiner Verfügung!«
»Zu Befehl, Herr Major!«
Der Adjutant preschte zurück.
Wie der Blitz war Hauptmann von Brandeis vom Gaul herunter, warf die Zügel seinem Burschen zu, der dienstkundig sogleich zur Hand war: »Die ganze Kompagnie nach links — schwärmen! Marschrichtung: der große Baum in der Mitte des Dorfes!«
Und in den Bügeln richtete sich auch Leutnant Frobenius auf ... Roland fuhr aus seinem Halbdusel mit Entsetzen empor und machte einen kleinen Seitensprung: »Exerzierordnung! mit Gruppen links schwenkt — marsch, marsch!«
Schon stob der Major heran. »Zum Donnerwetter, Herr Leutnant Frobenius, Sie wollen wohl hier im Bereich des feindlichen Feuers Kompagnieexerzieren abhalten —?!«
»Herr Major, ich wollte —«
»Ach was, zum Kuckuck — lassen Sie schwärmen und gar nichts weiter! — Auseinander mit den Kerls! Geben Sie einen Marschrichtungspunkt an — dann läuft die Karre von selber!«
Jesses — dieser Landwehrfritze —! zu nichts zu gebrauchen — höchstens zum Schwiegersohn, und auch dazu nur unvollkommen — —
»Stellung!« kommandierte Hauptmann von Brandeis.
Da purzelte die lange Schützenlinie der ersten Kompagnie wie hingemäht auf den Bauch in den triefenden Sturzackerlehm —
»Geradeaus am Dorfrand, Schützen! Visier 800 und 900! Schützenfeuer!«
Und — rack, tacktacktack rollte das Schützenfeuer die Front entlang — —
Der lustige Waffentanz begann. —
In hellen Massen waren die Schützen des feindlichen Detachements aus den dunkeln Hängen des Idarwaldes herausgetreten, verstärkt durch zwei Flaggenbataillone, das heißt: Bataillone, die in Wirklichkeit nicht existierten, sondern nur durch je eine blaue Flagge statt einer Kompagnie markiert wurden, und hatten mit dieser künstlich hergestellten Übermacht die »Niederländer« und ihr Schwesterregiment bis weit hinter Kempfeld zurückgeworfen.
Hier fand das Süddetachement an den bewaldeten Hängen des »Sandkopfes« und der »Marscheider Burr« einen Stützpunkt.
Darüber war es vier Uhr nachmittags geworden.
Allmählich war das lärmhafte Duett der Geschütze von hüben und drüben verstummt und die Verfolgung ermattet. Gegen fünf Uhr hatten die »Niederländer« jenseits des Höhenrückens Biwak bezogen.
Das zweite Bataillon hatte das zweifelhafte Vergnügen, die Vorposten zu stellen, die sich nun auf den felsigen Kuppen des Höhenrückens aufbauten. Dahinter biwakierte geschlossen das erste und dritte Bataillon in einer schmalen Lichtung der Waldes auf dem langsam sich senkenden Abhang gen Herborn zu.
Mit Zauberschnelle bauten sich hinter den Gewehrpyramiden die niedern braunen Zugzelte auf ... Kochlöcher wurden geschaufelt ... lange Züge zum Wasserholen, die klappernden Kochgeschirre der ganzen Kompagnie in der Hand, stiegen zum entfernten Dorf herunter; bald rollten auf der Chaussee die bereits während der Gefechtspause vorsorglich an den vorbestimmten Biwakplatz dirigierten Wagenkolonnen heran. Ganze Berge von Stroh und Holz wurden abgeladen. Der Küchenunteroffizier empfing schmunzelnd seine Portion Blechbüchsen mit Pökelfleisch, seinen Stapel Pappkartons mit Preßgemüsekonserven, seinen Anteil Salz und Kartoffeln ...
Rasch wurde alles in eine Leinwandplane gewickelt: denn der Regen drohte die ganze Herrlichkeit schon vor der Zeit zu einem Brei zusammenzurühren ...
Und bald knisterten und qualmten überall die Flammen, umschwelten das durchnäßte Stroh, das triefende Reisig, das die Füsiliere zusammengeschleppt.
Martin Flamberg hockte auf den Knien dicht neben dem just einen Meter hohen braunen Zelte, das die Burschen für die Herren der ersten Kompagnie aufgeschlagen hatten, und pustete mit aufgeblasenen Backen das immer wieder erlöschende Feuer an ... aus dem Kessel stieg der Duft zerkrümelter Erbswurst, die mit würfelförmig geschnittenem Cornedbeef vermengt und mit einem dicken Büschel kleingeschnittener Küchenkräuter vermischt war — die hatte Martins gerissener Bursche, der Füsilier Klomprich, beim Vorbeimarsch durch die Stakete der Bauerngärten hindurch erwischt ... das duftete verdammt appetitlich ...
Wenn nur das Feuer endlich mal ordentlich durchbrennen wollte ... Die sämtlichen Burschen hatten schon ihren letzten Atemzug verpustet ... nun pustete der Herr Leutnant selber ...
Er fühlte sich persönlich verantwortlich für das leibliche Wohlergehen seines Kompagniechefs, seines Kameraden Carstanjen und der beiden Gäste des Offiziertisches, des Kompagniefeldwebels und des jungen Fahnenjunkers von Erichsen.
Er pustete, pustete, pustete. — Dunkelrot schwoll ihm das Gesicht ... Aschenflocken stoben ihm um die Nase ...
Gott sei Dank! Endlich schwelte ein schwaches Flämmchen auf, qualmig fauchte es in das nasse Stroh hinein ... »Sauerei verfluchte —!« ... Er richtete sich auf.
In diesem Augenblick scholl hinter seinem Rücken ... scholl — — was —?! Das mußte ein Traum sein — scholl ein silbern schmetterndes, dreistimmiges Frauenlachen — —
Er fuhr herum.
Bei Gott ... da standen drei schlanke Gestalten ... drei glühende, regenfeuchte Gesichter strahlten aus den aufgeklappten Kragen der Gummimäntel unter unförmlichen Wachstuchmützen ... in nasse Strähnen zusammengepappt hingen die rötlichblonden Haare der einen, die weißblonden der beiden andern über die erhitzten Wangen ... Nelly und Molly von Sassenbach und ... sie.
»— Hahaha, Herr Leutnant Flamberg ... nein — wie Sie bloß aussehen ... einfach zum Wälzen, Herr Flamberg!«
Wahrhaftig — er sah ein bißchen anders aus als beim Ball unter den flimmernden Kerzen des Kasinosaales.
Die hohen Stiefel, die Kniee, die Schöße des Waffenrocks lehmüberkrustet, in steifen, groben Falten hing der graue Umhang um seine Schultern; der hochgeklappte Kragen zeigte sein schmutzig rotes Futter, die weiche Feldmütze saß beiderseits auf dem Ohr, der große, zerschrammte Schirm tief in der Stirn ...
Aber darunter ... darunter leuchteten die braunen Augen aus dem nun tiefgebräunten Gesicht so verwettert, so kriegerisch in sieghafter Männlichkeit ...
Frau Cäcilie war jählings verstummt, als diese braunen Augen mit ungewollter heißer Huldigung sich in die ihren gesenkt hatten ... als die heißen Lippen sich tief auf ihre regenfeuchte Hand niederbeugten ...
»Gnädige Frau — meine Damen — — wahrhaftig, die Sonne geht auf!!«
»Sie sehn, wir haben's nicht lange ausgehalten da unten in unserer Dreieinsamkeit auf Schloß Hettstein,« sagte langsam, stockend die schöne Frau.
»Nee wahrhaftig — wir hatten direkt krampfhafte Sehnsucht nach roten Kragen und blanken Knöpfen!« bestätigte Nelly Sassenbach.
»Na, und da konnte Ihnen geholfen werden — nicht wahr, meine Damen? Aber nun sagen Sie bloß, wie in aller Welt haben Sie sich denn hier heraufgefunden in diese gottverlassene Wald- und Bergesöde?«
Frau Cäcilie wies nach der Chaussee hinüber. Da blinkte durch die Nebelschwaden ein funkelnagelneues, schneeweißes Automobil: »Ein sehr nobles Geschenk meines Vaters zu unserm Einzug auf Schloß Hettstein!«
»Reizend von dem alten Herrn — was sagen Sie, Herr Flamberg? Ja, ja, solchen Vater muß man haben!« lachte Nelly.
Aber ihre Augen schweiften dabei ruhelos suchend über das buntwimmelnde Bild des muntern Biwaktreibens hin ..
»Wo ist mein Mann?« fragte Frau Cäcilie.
»Der sorgt für seine hundertzwanzig räudigen Schäflein!« meldete der kleine Carstanjen, der inzwischen herangekommen war und die Damen begeistert begrüßte. »Aber sieh — da kommt er ja schon!«
Ja, da kam er.
Die Hand im braunen Feldhandschuh am breiten Schirm der Manövermütze — sein gutes, ehrenfestes Gesicht strahlend in Glückseligkeit: »Welch seltner Glanz in unserer Hundehütte, meine Damen! — Na, komm her, Alte!«
Ehe Cäcilie sich's versah, hatte er sie an beiden Schultern gefaßt, unbekümmert um die ringsum gaffenden Füsiliere, Burschen, Unteroffiziere —
»Aber Fritz —!«
»Teufel auch — armer, verdursteter Landsknecht! — Ja, da lachen Sie, kleiner Carstanjen! Ist aber nur der Neid der besitzlosen Klasse!«
Flamberg lachte nicht ... er hatte sich abgewandt ... starrte einen Moment in die Nebelschwaden hinein, die um die Bergkuppen geisterten ...
»Na, sag bloß, wie kommt ihr denn an den weißen Quietschkasten da hinten?«
Frau Cäcilie gab Aufklärung.
»Donnerwetter — geht doch nichts über 'nen nobeln Schwiegeralten! — Na warte, werden wir ihm gleich eine Meldekarte schreiben mit unserm gehorsamsten Dank! — Na, Flamberg, und da werden Sie wohl noch ein paar Erbswürste und ein paar Büchsen Cornedbeef mehr spendieren müssen!«
»Ach was — Erbswürste, Cornedbeef! — Wir haben euch viel was Besseres mitgebracht!«
Umringt von den staunenden Füsilieren schleppte der Chauffeur einen wuchtigen Korb heran ... goldbekapselte Flaschenhälse ragten daraus hervor ... aus appetitlichen Papierhüllen entwickelte sich kaltes Geflügel ... alle möglichen Blechbüchsen mit Pasteten und Ragouts ...
»Pfui Teufel — total unkriegsmäßig! — Luxus und Wohlleben greifen um sich!«
»Halt, halt — nicht alles wegnehmen! — Der hohe Bataillonsstab muß auch was mithaben!«
Das Automobil hatte natürlich das ganze Biwak auf die Beine gebracht. Von allen Seiten strömten die Herren der beiden Bataillone heran, die Damen zu begrüßen, und in respektvoller Entfernung starrten die Unteroffiziere, glotzten die Füsiliere herüber zu den liebreizenden Gästen ihrer Herren, die nun, von Geplauder und Lachen umschwirrt, ihre Schritte dem Bataillonsstabszelt zulenkten.
Als die Gruppe am Biwak der zweiten Kompagnie vorüberkam, hemmte Nelly ihren Schritt ... schon von weitem sah sie, den ihr Blick suchte ...
Frobenius hatte seine Kompagnie beim Gepäck antreten lassen und hielt Gewehrappell ab ... gewissenhaft ging er von Mann zu Mann ... jeder mußte mit ausgestreckter Rechten die Waffe, aus der die Verschlußteile entfernt waren, in die Höhe halten, und der Kompagnieführer schielte durch den Lauf hindurch, ob er auch gründlich gesäubert sei ...
Tausend, wie er sich verändert hatte in den paar Manövertagen! — Ordentlich militärisch sah er aus ... ordentlich kriegerisch, der gelehrte Herr, trotz seiner großen Brille ... mit den kotbespritzten Reitstiefeln, dem kurzverschnittenen Bart, der zerknitterten Feldmütze überm tiefgebräunten Gesicht ...
Nelly wußte: jetzt durfte sie nicht stören! Und schnell folgte sie ihren Reisegefährtinnen, die, von einer ganzen Schar Offiziere umschwärmt, ihren Vater zu begrüßen gingen. —
Wo aber die Unteroffiziere der Zweiten um ihr Feuerchen hockten und sich ihre Erbswurstsuppe zurechtbrutzelten, da war ein junger Bursch halbleibs emporgeschossen ...
Himmel! — die Oreade, die lauschend hinterm Felsen schwieg! die Heldin all der zahllosen Lieder, welche ihm zugeflogen waren auf den Märschen der letzten Tage ...
Auf! — auf! ihr entgegen! — aber, Teufel nein, wer war man denn? — Ein armer Kommißknabe ... nichts als ein ganz gewöhnlicher Kaldaunenschlucker ...
Er in seiner schirmlosen Feldmütze, in seinem geflickten Tressenrock, mit seinen ungewaschenen Händen ... und sie ... sie wandelte fern, fern und unerreichbar ... wie ein leibhaft gewordener Dichtertraum ...
Aber suchten nicht ihre Augen? — suchten sie nicht —
Nun hatten sie gefunden ... ihn gefunden ...!
Die flaumigen Bäckchen flammten ... sie nickte ihm kurz und gemessen ...
Da sprang er auf ... stand stramm ... legte die Hand an die Feldmütze ... und warf sich dann wieder lang hin neben das qualmende Feuer ... überhörte die plumpen Späße seiner Kameraden, des Sergeanten Metzges, des Oberlazarettgehilfen Nattermüller, des Unteroffiziers Franzkowiak ...
Stumm und ausgehungert löffelte er aus dem blechernen Kochgeschirrdeckel seine Erbswurstsuppe in sich hinein — seine Seele aber formte den letzten Vers zu seinem Morgenliede:
»In Demut will ich pflücken,
was mir das Glück geoffenbart —
ganz ohne Sinn beglücken,
ist Glückes Art — ist — Glückes — Art.«
Vor dem Bataillonsstabszelt, der einzigen Behausung im ganzen Biwak, die mit den Wohnungen zivilisierter Menschen eine entfernte Ähnlichkeit hatte, unter dem Vordach, das wenigstens einen dürftigen Schutz gegen den immerzu munter niederströmenden Regen bot, hatte sich eine lustige Tafelrunde zusammengeschart ... ein paar hochkant gestellte Kisten bildeten Tische und Sitzgelegenheit ... das Service bestand aus groben Steinguttellern, aber die erlesensten Delikatessen der Saison gab's diesmal zu schmausen statt der üblichen Feldkost, der Preßgemüsesuppe, des halbverbrutzelten Konservengulasch ... Das heißt, auch diese kriegsmäßigen Speisen fanden ihre Abnehmer ... die drei Damen kosteten sie mit Begeisterung ... die mitgebrachten Herrlichkeiten überließen sie den Herren ...
Den Sekt trank man aus ramponierten Kaffeetassen ...
»An meiner is kein Henkel dran ...!«
»Schad' nischt — is Henkell drin!« schmunzelte der flaumbärtige Carstanjen.
Sassenbach hielt eine kleine Rede auf den holden Besuch: »Mit hold meine ich natürlich nur die gnädige Frau, nicht euch, ihr Mädels ... das bildet euch bloß nicht ein!«
Mit galantem, stürmischem »Oho!« protestierten die Leutnants.
Frau Cäcilie war still ... sie nahm sich zusammen; denn einmal hatte sie einen Blick ihres Gatten aufgefangen, der mit stummer, banger Beobachtung an ihr hing, als sie hingerissen ... selbstvergessen mit Martin Flamberg geplaudert ...
Doch immer verglich lechzend, qualvoll ihr armes Herz.
Hier ein friedlich knisterndes Herdfeuer — dort eine jetzt verhalten glostende, oft aber heiß und goldigrot auflodernde Glut.
Warum bin ich heraufgekommen? — Nutzlose Quälerei!
Und doch zählte sie angstvoll Viertelstunde um Viertelstunde, die verrann unter neckendem Geplauder, hin und wieder flatternden Scherzworten.
Der Sekt schäumte in blauen Emaillebechern, in zerbrochenen Tassen aus dem Fünfzigpfennigbasar. Gleichmäßig tropfte draußen der Regen aus den ziehenden Nebelschwaden hernieder. Die Dämmerung sank. Gesättigt, sangen draußen die Soldaten immer und immer wieder das Heimkehrlied:
»Es winket uns in weiter Ferne
Das liebe, teure Vaterhaus!
Wir war'n Soldaten, waren's gerne,
Doch jetzt ist unsre Dienstzeit aus!
Ihr Brüder, stoßt die Gläser an —
Es lebe der Reservemann!
Wer treu gedient hat seine Zeit,
Dem sei ein volles Glas geweiht!«
Und eine tief lastende Melancholie umwob das Haupt der schönen Frau ... Warum war sie nur heraufgekommen? Es hatte ja doch keinen Zweck.
Mit einem Male meldete von draußen her die Stimme des Postens vor der Fahne: »Der Herr Oberst kommt!«
Hei — das platzte wie eine Granate mitten hinein in die harmlos schmausende Gesellschaft!
Der Major sprang auf: »Herrschaften, laßt mich durch!«
Er stelzte mit seinen vom langen Reiten und langen Sitzen steifgewordenen Beinen aus dem Schutze des Zeltdachs heraus, dem Regimentskommandeur entgegen, der heute das Detachement führte.
Durch den Nebel kam's von der Chaussee herangetrabt ... der Regimentsstab, die Herren in Mützen ...
Oberst von Weizsäcker, neben ihm, unnahbar wie immer, Herr von Schoenawa, sein Adjutant, und Oberleutnant Menshausen, der als Ordonnanzoffizier zum Regimentsstabe kommandiert war — ein paar Trompeter und Meldereiter von den Deutzer Kürassieren in ihren mattblinkenden Stahlhelmen.
Der Oberst, stattlich und rosig, mit den braunweißen, beständig zuckenden Schnurrbartflämmchen, nahm die Meldung des Biwakskommandanten entgegen, tat ein paar Fragen über Nachrichten vom Feind, Sicherheitsmaßregeln, Verfassung und Gesundheitszustand der Mannschaften ...
Da hatte er unterm schützenden Dach des Stabszeltes die hellen Regenmäntel, die wehenden Schleier der Damen erspäht.
Neugierig, in ritterlicher Haltung trabte er heran und begrüßte die errötenden Gäste des Biwaks.
»Meine Damen — allerhand Respekt! Bei dieser Sintflut im rauhen Kriegsgetümmel?«
Einen hämischen Zug um die Mundwinkel, hielt Oberleutnant Menshausen zur Linken des Obersten.
Schau, schau, die schöne Frau Cäcilie im Biwak — und die beiden Fräulein von Sassenbach ... und selbstverständlich in der Nähe der schönen Frau der Herr Sommerleutnant und Maler aus Düsseldorf ... und neben dem schlanken Majorstöchterlein die Karikatur, der Gehirnfatzke aus Bonn ...
Ein Skandal, daß man durch das an sich ja sehr ehrenvolle Kommando verhindert war, die Entwicklung dieser interessanten Ereignisse aus der Nähe zu verfolgen.
Aber warte — nächstens im Korpsmanöver ... was sagte die Manöverquartierverteilungsliste? Samstag, den neunzehnten September bis Sonntag, den zwanzigsten September: Regimentsstab — Schloß Hettstein — Erstes Bataillon — Bataillonsstab, erste und zweite Kompagnie: Dorf Hettstein —
Dann werden wir also die ganze Gesellschaft dicht beisammen haben ... dann werden ja die Dinge mehr oder weniger zum Klappen kommen ... dann könnte man vielleicht gar ein bißchen nachhelfen ...!
Wie ... das würde sich finden! — Jedenfalls irgend etwas würde sich dann ereignen ... ein kleiner Spaß ... eine kleine Abwechslung in diesem verflucht eintönigen Kommißdasein ...
Dann würde man sich entschädigen können für so manchen Ärger, den man hatte schlucken müssen ...
Inzwischen mußte man freilich die Karre laufen lassen, wie sie laufen wollte ...
Wenn man nur einen Vertrauensmann wüßte —?
Ah — Quincke — auch in dieser Wildnis das unvermeidliche Monokel ins fahle Gesicht geklemmt ...
Menshausen winkte den jüngern Kameraden an die Seite seines Gaules, streckte ihm die braunbehandschuhte Rechte hin: »Sie, lieber Quincke — im Interesse unseres Offizierkorps — beobachten Sie doch mal die beiden Herren des Beurlaubtenstandes, den Flamberg und den Frobenius, ein bißchen genauer, wenn die Damen in der Nähe sind ... Brandeis hat ja ein Schlößchen hier in der Nähe gekauft — also werdet ihr wohl öfter das Vergnügen haben — Mir kommt's vor, als ob die beiden fremden Herren — —«
»Selbstverständlich, lieber Menshausen, hab's längst gemerkt ... Denken Sie, ich schlafe mit offenen Augen?!«
Leise tuschelten die beiden Herren ...
— Und Quincke paßte auf, als nun der hohe Stab von dannen getrabt war ...
Immer tiefer sank die Dunkelheit ... die Damen, von den Herren geführt, unternahmen noch einen Rundgang durchs Biwak, während die Azetylenlampen des Mercedes, vom Chauffeur entzündet, bereits weiße, gleißende Lichtkegel in die Abenddünste zeichneten ...
Aha ... Frau von Brandeis wieder zwischen ihrem Mann und Herrn Flamberg ... ja, ja, immer à trois ... unbegreiflich diese eselhafte Vertrauensduselei des Kapitäns ...
Und Fräulein Nelly von Sassenbach natürlich Seite an Seite mit dem hagern Landwehrleutnant ...!
Quincke schlich hinter den beiden her und lauschte ...
»— Ja, mein altes Mütterchen, gnädiges Fräulein — eine ganz, ganz einfache, einsame alte Frau! Sie hat sich nicht entschließen können, nach meines Vaters Tode das Dörfchen droben auf dem Westerwald zu verlassen, wo ihr Mann dreißig Jahre lang die Buben und Mädel in die Geheimnisse des ABC eingeweiht hatte ... ach ja, eine einfache Frau! Aber was für Augen, gnädiges Fräulein ... Augen wie so ein altes wundertätiges Waldweiblein aus dem Märchen ...«
»Ach ja ... die möcht ich wohl kennen lernen —!«
Feine Zusammenstellung, grinste Quincke: junge Dame von Stand, passionierte Reiterin und Tänzerin ... Tochter eines preußischen Stabsoffiziers — — und eine Bauernschulmeisterswitwe in einem Waldnest! — Na ja ... wenn die Menschen verrückt werden, fängt's im Kopf an —!
Aber es kam noch toller.
Im Halbdunkel gewahrte Quincke, daß das jüngere Fräulein von Sassenbach unauffällig zurückzubleiben suchte ...
Und wahrhaftig! — Da tauchte aus der Mitte der Mannschaften, die um ihre Lagerfeuer rasteten, die Gestalt eines Unteroffiziers auf ...
Aha, der Einjährige, der den langweiligen Quatsch zum Regimentsfest verbrochen hatte! —
Weiß der Himmel — er begrüßt sie wie ein Kavalier ... sie plaudert mit ihm ... und nun zieht der Einjährige ein Notizbuch aus der Tasche ... nimmt eine beschriebene Meldekarte heraus ... reicht sie der Dame ... Die errötet tief ... legt sie sorgsam zusammen und steckt sie in die innere Tasche ihres Regenpaletots ...
Warte, Bürschchen ... dich wollen wir mal auf deinen Standpunkt zurückbringen ...!
»Nun, gnädiges Fräulein ... wollen Sie sich nicht Ihrem Fräulein Schwester anschließen? Die Damen begeben sich bereits zum Auto zurück ... Bitte übrigens einen Moment um Verzeihung! — Sie, Einjähriger, hier haben Sie zwanzig Pfennige ... gehen Sie doch mal zum Marketender an den Kantinenwagen und holen Sie mir ein Schinkenbutterbrot ... Sie können's mir ans Offizierzelt bringen ...!«
Hans Friesen war einen Augenblick starr ... dann faßte er sich, wandte sich kurz herum, spähte in die Gruppe der Füsiliere hinein, die ums Lagerfeuer saß: »Makowiak!«
Der Angeredete, ein hübscher, polnischer Rekrut, stand sofort in strammer Haltung neben dem Unteroffizier: »Zur Stelle!«
»Herr Leutnant Quincke wünscht ein Schinkenbutterbrot vom Marketender ans Offizierzelt. Hier ist das Geld!«
»Einjähriger, ich habe Sie selber beauftragt, wie Sie gehört haben! — Ist das vielleicht unter Ihrer Würde, was?!«
»Jawohl, Herr Leutnant —!«
Quincke biß sich auf die schmalen Lippen: »Na — dann erteile ich Ihnen also hiermit den dienstlichen Befehl, mir das Butterbrot zu holen!«
Hans Friesen stand stramm ... regungslos ...
»Wollen Sie sich vielleicht der Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft schuldig machen —?!«
Hans Friesens Lippen bebten ...
Er erinnerte sich der Strenge der militärischen Gesetze: der Vorgesetzte hat in dem Augenblick, in dem er befiehlt, immer recht — — Er nahm dem Füsilier das Geld wieder ab, machte stramm kehrt und stapfte ins Dunkel, dorthin, wo die Laternen des Marketenderwagens gelblich aufleuchteten — — —
Dafür sollte der Frechling ihm Rede stehen — in vierzehn Tagen, wenn der bunte Rock abgestreift war ... Warte, du Affe! — Wollen sehen, wer am besten schießt von uns zweien! —
— Tränen der Wut und Empörung in den Augen, sprachlos hatte Molly dem Auftritt zugeschaut: »Das ist abscheulich, Herr Quincke!«
»Wieso?« näselte der Leutnant, »is doch höchstens 'ne Ehre für den Unteroffizier, wenn er seinem Zugführer einen Gefallen tun kann!«
»Ich sag' es meinem Vater — verlassen Sie sich drauf!«
Das Auto war von dannen gerattert ... und jählings sank die Nacht ... sank die Stille über das nebelumsponnene Feldlager ...
Schweigend, fest in ihre Mäntel gehüllt, saßen Brandeis und Flamberg auf den umgestürzten Wein- und Menagekisten vor dem niedern Zelt — —
Der kleine Carstanjen und der Fahnenjunker schnarchten bereits drinnen im Stroh — —
Beider Männer Blicke hingen an dem phantastischen Schauspiel der mählich verglimmenden Lagerfeuer, deren rötliches Glosten allein noch die Schwärze der Nebelnacht durchdrang — —
Und beide Männer träumten von Frau Cäcilie — —
»Sagen Sie, lieber Flamberg ... mögen Sie mich ein bißchen leiden?« fragte der Hauptmann auf einmal mit verschleierter Stimme.
»Wie meinen Herr Hauptmann —?!«
»Ob Sie mir ein bißchen gut sind, möcht' ich gern wissen?!«
»Herr Hauptmann, ich ... ich möchte unter Ihnen in den Krieg ziehen ... mit Ihnen zusammen fechten und bluten ... dann wollt ich's Ihnen beweisen ...«
»Das freut mich zu hören,« sagte der Hauptmann, »das freut mich zu hören ...«
Einen Augenblick Stille — tiefe Stille —
Martin hatte verstanden ...
Nein ... er durfte ganz ruhig sein, der brave, ehrenfeste Mensch da neben ihm ... er, Martin, würde sich künftig noch mehr zusammennehmen ... beim nächsten Wiedersehen ... seine Augen, seine Stimme noch mehr im Zaum halten ... noch mehr als heute ...
»Na ... nun kommen Sie —«
Freundschaftlich und vertrauensvoll klopfte der Kapitän dem Kameraden auf die Schulter — —
»Es ist Zeit ... morgen früh um vier wird abgebaut ... wollen ins Stroh kriechen ...!«