Erstes Kapitel.

Unter der weiten Halle des Zentralbahnhofs der rheinischen Garten- und Künstlerstadt schritt in früher Spätsommermorgenstunde ein junges Paar den Bahnsteig auf und ab. Reisefreude leuchtete in den Augen des Mannes — doch er dämpfte sie um der Abschiedswehmut willen, die durch des Mädchens Worte zitterte und immer wieder von Zeit zu Zeit in raschen Perlen aus den hellen Augen auf das Spitzengewoge des lichten Sommergewandes niedertropfte.

Zwei schlanke Gestalten, so recht für einander gewachsen! Sie im Glanz ihres Sommerschmucks, in der zierlichen Grazie ihrer zwanzig Jahre das gehütete, gepflegte Kind einer von den Schranken der Satzung umhegten Welt. Er — nun ja, er ...

Die Uniform stammte aus dem ersten Schneideratelier, die Lackschuhe blitzten. Die Mütze, keck auf das rechte Ohr gesetzt, war neuesten Modells, die Haltung soldatisch straff.

Und dennoch: selbst ein nicht gerade militärisch geschultes Auge erkannte von weitem schon, daß der Träger dieser blinkenden Herrlichkeiten doch — kein so ganz richtiger Leutnant war. Es war nicht das helle Kolorit der Gesichtsfarbe allein — denn zu Anfang August weisen die berufsmäßigen Träger der Leutnantsuniform allesamt schon ein tiefes Braun auf — es war nicht allein eine gewisse Gezwungenheit der Haltung, die verriet, daß diese elegante Gestalt des Uniformtragens seit längerm entwöhnt sein mußte. Es waren nicht allein die lebhaften Bewegungen der vielfach mitredenden, energisch gestikulierenden Hände, es war auch in dem feurigen Gesicht mit dem militärisch verschnittenen Schnurrbart und dem vorschriftsmäßig durchgescheitelten Blondhaar ein Ausdruck von Selbständigkeit und kühnem Lebensdrang — all das miteinander verriet dem feiner beobachtenden Auge, daß dieser Leutnant eben ein Leutnant der Reserve war.

Das blieb auch den Soldaten nicht verborgen, die in dieser Morgenfrühe auf dem Bahnhof der Garnisonstadt zu schaffen hatten. Da waren Burschen, Ordonnanzen, Vizefeldwebel, die zu den Schießständen hinauswollten. Alle diese Uniformträger erwiesen dem Offizier pflichtschuldigst die Ehrenbezeugung, und zwar stramm; denn der in der Leutnantsuniform sah nicht aus, als ob er mit sich spaßen ließe. Aber wenn sie an dem Vorgesetzten vorüber waren und in ihren Schlendertrott zurückfielen, dann spielte doch um eines jeden Lippen ein gewisses Schmunzeln, das die Erkenntnis andeutete, man nähme diesen Offizier eigentlich nicht so ganz ernst.

Und auch das junge Weib an der Seite des Mannes schien die Uniformherrlichkeit ihres Erkorenen nicht allzu tragisch zu nehmen; denn jedesmal, wenn ein Unteroffizier oder Soldat in die maskenhaft erstarrte Haltung der Ehrenbezeugung vor ihrem Gefährten zusammenfuhr, konnte sie nur mit Mühe ein Lächeln verbergen, das plötzlich ihr tränenzuckendes Gesichtchen überzog; und diesem Gefühl gab sie Ausdruck: »Weißt du, Martin, ich will ja nicht behaupten, daß dir die Uniform nicht stände, aber — sei mir nicht böse — in Zivil gefällst du mir zehnmal besser!«

»Das glaub' ich«, lachte ihr Verlobter. »Ich hab' den Rock Seiner Majestät fünf Jahre lang nur mal gelegentlich zu Offizier- und Kontrollversammlungen getragen! — aber laß mich nur erst mal ein paar Wochen wieder drin stecken! Gib acht, wenn ich nächstens auf Urlaub zu dir komme, dann sollst du dich deines Reservemannes nicht zu schämen brauchen.«

»Ach ja,« sagte das Mädchen, »komm recht bald, sonst halt' ich's nicht aus ... du gehst ja fort, Liebster, du gehst fort ... ach, ich darf gar nicht dran denken, sonst —«

»Aber Mädel,« sagte Martin, »aber Mädel —«

Wieder blitzten Tränen aus den leuchtenden Augen der Braut.

»Weißt du denn nicht,« fuhr er fort, »was morgen in acht Wochen ist?!«

Da schlug Agathe die Augen nieder unter dem hoffenden, verlangenden Blick, der sie getroffen, und konnte nicht wehren, daß ein feines Rot immer tiefer ihre flaumigen Bäckchen überzog. »Ach, Martin, ich glaub's ja nicht eher, als bis wir endlich so weit sind ... eher glaub' ich's nicht ...«

»Na freilich, lang genug hat's gedauert, bis die Herren Eltern eingesehen haben, daß ein Maler nicht notwendig der Antichrist in Person ist —!«

Eine Wolke finstern Unmuts lag auf einmal unter dem blitzenden Lackschirm der Offiziermütze. Sie sprach von kaum verwundenen Bitterkeiten ... von harten Kämpfen um ein endlich doch ertrotztes Glück ... Die lachenden Lippen hatten sich jählings fest geschlossen, und unwillkürlich stieß die Linke die Säbelscheide klirrend auf die Fliesen des Bahnsteigs.

»Laß, Liebster,« mahnte die Braut erschrocken, »jetzt nicht daran denken ... ist ja nun alles überstanden!«

»Ach, Mädel,« sagte der Maler, »das alles vergess' ich erst, wenn ich dich hab' ... wenn ich dich ganz hab' ...«

»In acht Wochen,« hauchte die Braut, »morgen in acht Wochen!«

Sie richtete rasch das glühende Köpfchen auf, sah dem Geliebten tief ins Auge und sagte voll eindringlichen Ernstes: »Martin, ich weiß, was für ein toller Bursch du bist! — Versprich mir eines: Verspar dich für mich ... nicht zu wilde Sachen machen, verstehst du mich? ... keine zu unruhigen Pferde reiten ... nicht wieder durch jeden See schwimmen, der am Ruhetage gerade zu erreichen ist, und« — mit halb mütterlich besorgtem, halb schwesterlich schwärmerischem Lächeln — »nicht zu viel trinken, verstehst du? ... Jedesmal, wenn du eine Flasche Sekt bestellen willst, denk: ich werd' sie mir sparen, um sie hernach mit meiner kleinen Frau auf der Hochzeitsreise zu trinken! Willst du mir das versprechen, Schlingel du ...?«

Martin hätte in diesem Augenblick weit mehr versprochen, wenn es hätte sein müssen ...

Ach, wie rasch war dies Aufflackern schelmischer Mädchenlust von dem zierlichen Gesichtchen verflogen, als nun eine Bewegung unter der harrenden Menge der Fahrgäste, als ein hurtiges Rollen von Gepäckkarren und ein fernes Brausen die Ankunft des Zuges verkündete, der ihr den Ersehnten auf acht Wochen entführen sollte!

Fest schmiegte sich das liebe Kind an den blauen Überrock ihres Reserveleutnants. Wieder standen Tränen in ihren Augen, als sie mit dem Ausdruck rücksichtsloser Sehnsucht ihr Antlitz zu ihm emporhob: »Behalt mich lieb, du ... hörst du ... behalt mich lieb ...!«

Da faßte er ihre beiden Hände und gab ihr den Abschiedskuß. »Morgen in acht Wochen, du, morgen in acht Wochen!«


Als eine Wendung des Zuges den Bahnhof und den weißen, winkenden Fleck inmitten wimmelnder Menschenmenge dem Blick entrückt hatte, ließ der Reisende sich mit einem tiefen Aufatmen in die grausammetnen Polster fallen. Er war zum Glück allein — dehnte sich und streckte alle Glieder in einem Gefühl unbeschreiblichen Behagens. Herrgott, war er glücklich ...!

Endlich überstanden, dieser zweijährige Kampf um dies Mädchen, das er, er, der Verwöhnte, der vielgefeierte junge Künstler, aus den hundert Gestalten, die ihn werbend umdrängten, sich ersehen hatte zur Gesellin seines ruhelosen Daseins. Nach einer harten Jugend voller Kampf, die ihn aus der behaglichen Enge des evangelischen Pfarrhauses einer kleinen bergischen Stadt hinausgeführt hatte in das wogende Dasein eines werdenden, machtvoll sich aufwärts ringenden Künstlers, war er seit kurzem an einem ersten Ziel ... Im Hauptsaal der Sezession in Berlin hingen seit dem Frühjahr allbestaunt nebeneinander zwei große Damenporträts von seiner Hand, die er mit weisem Bedacht als verblüffende Pendants für die Ausstellung in gleichem Format und Stil geschaffen hatte, obwohl sie bestimmt waren, an ganz verschiedene Plätze zu gelangen. Zur Linken die blonde Brünhildengestalt der Gräfin Amalie von der Schulenburg, einer Vollblutgermanin, eines Sterns der niederrheinischen Aristokratie, und neben ihr: die tiefbrünette und ebenso tief dekolletierte Rasseschönheit der Frau Kommerzienrat Mannheimer, der elegantesten und interessantesten Frau der Börsenkreise in Frankfurt am Main ...

Die Kritik hatte beide Bilder schlechthin als meisterlich gefeiert. Das Publikum wurde nicht satt, die Werke zu bestaunen, die ihren Schöpfer zum berufensten Verkünder des modernen weiblichen Schönheitstypus stempelten und in die vorderste Reihe der zeitgenössischen Porträtmalerei geführt hatten.

Den ganzen Sommer über war Martin Flamberg von einem Hochsitz des Kapitals zum andern gezogen und hatte die erlesensten Exemplare glänzender Weiblichkeit mit einer Kunst festgehalten, die, weit entfernt von weichlicher Schmeichelei und Schönfärberei, doch ihre Gegenstände über die Sphäre gemeiner Wirklichkeit in eine Region idealer Kultur hineinzuheben verstand.

Und erst dieser junge Ruhm und seine notwendige Folge, das elementare Anschwellen seines Bankkontos, hatten den langjährigen Widerstand des Oberlandesgerichtspräsidenten, Geheimen Oberjustizrats Doktor van den Bergh und seiner freiherrlichen Gattin gebrochen und so dem trotzigen Zueinanderwollen zweier Menschen den Sieg gebracht, deren Verbindung ein Schlag ins Gesicht des Schicksals zu sein schien.

Der alte Präsident war der Typus eines starren ostelbischen Bureaukraten, und ihm wie seiner Frau war der Gedanke, ihre Einzige an der Seite eines Künstlers zu sehen, fast gleichbedeutend geworden mit dem völligen Verzicht auf die Liebe ihres Kindes.

Sie hatten es mit ansehen müssen, wie ihr Mädchen sich angesichts ihrer Weigerung schrittweise völlig von ihnen loslöste und in eine andere Welt hinüberwuchs, für deren Lebensgesetze ihnen auch der Schatten des Verständnisses abging. Sie hatten sich bis zur Verzweiflung gegen diese Schickung gewehrt und sich erst besiegt gegeben, als der Erwählte ihrer Tochter ihnen ziffermäßig beweisen konnte, daß seine Kunst wenigstens nicht eine brotlose sei, und daß sie für die materielle Zukunft ihres Kindes nichts zu befürchten haben würden, wenn sie schon seiner Seelen Seligkeit und das beglückende Bewußtsein innerer Zusammengehörigkeit in den Kauf hatten geben müssen.

Wie oft hatte sich Martin Flamberg in diesen Jahren der Kämpfe gefragt, ob es nicht richtiger sei, von dem raschen Bündnis, das eine Ballnacht besiegelte, zurückzutreten und sich den entsetzlich kraftvergeudenden Kämpfen nicht länger auszusetzen, die ihm jahrelang die Ruhe seines Lebens geraubt hatten — diese Ruhe, die er doch für seine Kunst so nötig brauchte.

Aber schließlich war es der gleiche zähe Künstlertrotz, der ihn in raschem Aufstieg zu der heute erklommenen Höhe geführt hatte — dieser selbe unbeugsame Trotz war es gewesen, der ihn an der einmal getroffenen Wahl hatte festhalten lassen, so oft auch in lockendster Gestalt von rechts und links die Versuchung an ihn herangetreten war, das Ziel seines Lebens auf mühelosere Weise zu erreichen.

Ach — das alles lag ja nun hinter ihm — das alles war verwunden — mußte und durfte vergessen werden. Der Termin seiner Hochzeit war festgesetzt. Auch hier hatte er den Sieg erzwungen, im Leben, wie in der Kunst.

Nun wollte er noch einer lange aufgeschobenen Pflicht genügen und seine vierte Reserveoffizierübung machen, um dann am Arme der Liebe die zweite Hälfte seines Lebens zu beginnen. Ja, diese achtwöchige Übung —! Er war ein begeisterter Soldat gewesen. Es hatte ihm Vergnügen gemacht, sich durch Luft und Sonne im Waffendienst herumzutummeln — es war ihm eine Wonne gewesen, von Zeit zu Zeit in die bunte Schlangenhaut des Kriegers zu schlüpfen und auch hier seinen Mann zu stellen.

Aber als nun langsam der Erfolg — als endlich jählings der Ruhm gekommen war — als er sich ganz durchdrungen hatte mit Künstlertum, da hatte er geglaubt, die militärische Phase seiner Jugend endgültig überwunden zu haben, und es war ihm schier ein unerträglicher Gedanke gewesen, sich nochmals für acht Wochen in den Zwang einer so ganz und gar anders gerichteten Lebensführung fügen zu sollen.

Oftmals hatte er vor dem Schritte gestanden, sich aus der Reserve des Regiments, dem er angehörte, gleich in die Landwehr zweiten Aufgebots überschreiben zu lassen und damit ein für allemal sich seinen militärischen Verpflichtungen zu entziehen ... und dann hatte er's doch nicht übers Herz gebracht; denn das Monogramm seines Regiments bedeutete für ihn zugleich die Erinnerung an fast zwei Jahre seines Lebens, denen er, das wußte er gar wohl, als Künstler sehr viel verdankte.

Verdankte vor allen Dingen seine genaue Bekanntschaft mit dem Wesen des Volkes, das sich ihm im erzwungenen Verkehr mit den Mannschaften und Unteroffizieren seines Regiments spielend erschlossen hatte.

Aber noch mehr verdankte er seinem Soldatentum:

Die sich dem Kulturmenschen sonst nur auf Reisen zu »kalt staunendem Besuch« erschließt ... die Natur ... zu ihr hatte er just als Soldat ein persönliches Verhältnis gewonnen, das seiner Kunst die reichsten Früchte getragen hatte. Er war ja nicht Landschafts-, sondern Porträtmaler, und die Richtung seines Strebens bannte ihn an den Salon, bannte ihn an eine Menschensphäre hoher Kultur, äußerster Verfeinerung und Naturentfremdung des gesamten Daseinsbetriebes — und so war es ihm geradezu ein Glück geworden, daß sein Dienstjahr und die Pflichtübungen in der Reserve ihn durch Jahre hindurch immer wieder in Zusammenhang mit dem Leben des Volkes und mit dem geheimnisvollen Wirken der Natur gebracht hatten. Er hatte fünf Manöver mitgemacht, und diese kriegerischen Übungen hatten ihm zahllose Bilder in die Seele geprägt, Bilder von taufrischen Sonnenaufgängen auf grüner Heide, in den Gebirgen der Eifel und des Hunsrücks — brütende Sonnenschwüle über flimmernden Ackerbreiten — traumstille Mondnächte — nebelverhangene, regentriefende Waldeinsamkeiten.

Und nun — da er wieder den bunten Rock angezogen — fühlte er wieder jene seltsame Wirkung, der er schon früher immer so gern sich hingegeben hatte — er fühlte sich plötzlich verwandelt werden — fühlte, wie er auf einmal ein anderer Mensch wurde — fühlte, wie das Gewand, das die Zugehörigkeit zu einer andern Kaste bedeutete, in ihm plötzlich Möglichkeiten seiner Seele freimachte, die unentwickelt geblieben wären in dem Leben seines eigentlichen und wahren Berufs.

Ach, wie schön, dachte Flamberg, nun einmal für acht Wochen nicht mehr der berühmte und umstrittene Künstler zu sein, sondern ganz wer anders!

Ein kleiner Leutnant — eine Nummer — ein Rad im großen Betrieb eines ungeheuren, wuchtig und sicher arbeitenden Mechanismus.

Untersinken in einer Menge — nicht mehr wollen dürfen, sondern einfach müssen — sich korrigieren und anschnauzen lassen müssen — hinter sich ein Fähnlein grobknochiger Söhne des Volkes — um sich herum die Bilder eines bunten und fremden Lebens.

Wieder im Gefecht sprungweise über den Stoppelacker und durch Waldesdickicht vorgehen müssen — umbrüllt vom rollenden Hurra und knatternden Schnellfeuer, umschrillt vom vorwärtsdrängenden Kreischen der Signalhörner, vom dumpfen Sturmmarsch der Tambours, um dann am Ziel, Auge in Auge mit dem friedlichen Feind, sich lachend und keuchend an die Erde zu werfen und in rasch gefundenem Schlummer zwischen braunen Schollen und gelbblühenden Ginsterstauden auszuruhen — und dann gestärkt und genesen heimzukehren — ein erneuter, verjüngter Mensch, wie Antäus aus der Umarmung seiner Mutter, um wieder zum Pinsel zu greifen und aufs neue Schönheitswelten aus dem Nichts zu schaffen.

Ach, und dann galt es ja bei dieser Heimkehr den Einzug in das Land des Menschenglücks — galt es die Vereinigung mit ihr, die er sich zur Gesellin seines Daseins erlesen — mit ihr, die er trotzig herausgerissen aus einer fremden, starren Welt, um sie mit sich hineinzuführen in die glückselige, heitere Region, in der sein eigenes Dasein sich sonnig entfaltete.

Mit ihr, von der seine Gefühle ihm beim ersten Anblick gesagt hatten, daß sie die Kameradin sei, die er brauche, sie der Mensch, der seinem wilden Herzen den Frieden schenken würde, die große Ruhe, in der allein das große Werk zur Reife gedeihen kann.

Wie schön das alles — wie reich und schön! Wie reich und schön dies selbstgeschaffene Leben mit all seinen wechselnden Gestaltungen!

Wie hell um ihn die Hoffnungsfülle — wie golden vor ihm die Zukunft in Nähe und Weite!

Welches Glück, ein Künstler zu sein!

Welches Glück aber auch, Soldat zu sein — von Zeit zu Zeit einmal untertauchen zu können von der flimmernden Oberfläche der Menschheit her in die ruhig treibende Tiefe hinab, dorthin, wo im Waffendienst ein Volk geschult wurde zur Wehrhaftigkeit in Krieg und Frieden, zu geschlossen starkem Ineinanderwirken, zu elementarischer Zusammenballung eines ungeheuern Kräftevorrats!

Und endlich, zu lieben und geliebt zu werden — welch ein Glück — welch eine Schönheit — welch überschwengliche Hoffnung und Gnade!

Ihm war's, als sitze sein Mädchen ihm gegenüber, als seien die tränenschweren, güteschweren braunen Augen auf ihn gerichtet mit der innigen Mahnung: Komm wieder — komm bald wieder — du weißt ja, ich harre dein!

Der reisende Mann legte den Kopf tief in die Kissen zurück, schloß die Augen und sprach leise vor sich hin: »Agathe — Agathe!« — —


Ratternd und fauchend hielt der Zug auf einer Kreuzungsstation. Martin fuhr auf, steckte den Kopf zum Fenster hinaus in der Absicht, die Einsamkeit seiner Fahrt gegen jeden Eindringling mit einem wahren Menschenfressergesicht zu verteidigen.

Da sah er in der Menge der andrängenden Fahrgäste eine abenteuerliche Gestalt. Seine erste Empfindung war: Aha, ein Kamerad — aber was für einer!

Ein lang und dürr aufgeschossener Herr mit goldgefaßter, funkelnder Brille und einem langen, struppigen roten Bart, die hagern Glieder umschlossen von einem Offizierüberrock, der, bei völlig unmodernem Schnitt, noch immer die schwarze Farbe zeigte, während Blau seit einigen Jahren Vorschrift war, auf dem Kopfe eine Mütze, wie er selber sie in seiner einjährig-freiwilligen Dienstzeit vor zehn Jahren getragen. Die Linke fuhrwerkte unbeholfen mit dem Säbel umher, der ihm jeden Augenblick zwischen die stelzengleichen, unruhig trippelnden Beine zu geraten drohte.

Neben dem Uniformierten stand mit kaum verhohlenem Grinsen ein rotbemützter Dienstmann, der einen ungeheuern, stark verschlissenen Handkoffer und eine Helmschachtel trug.

Nun hatten die hilflos hinter den Brillengläsern flackernden grauen Augen des Uniformierten den Maler erspäht. Die Rechte im Uniformhandschuh legte sich grüßend an den Schirm der vorsintflutlichen Mütze, und wie schutzsuchend steuerte die lange Gestalt auf den Wagen zu, an dessen Fenster Martin stand.

Der Dienstmann riß die Wagentür auf, stieg zuerst hinein und verstaute das Gepäck in den Netzen. Mühsam kletterte der Offizier hinterher, jeden Augenblick in Gefahr, über seinen Säbel zu stolpern. Nun suchte die ungelenke Linke des Herrn nach dem Portemonnaie, fand aber die Tasche nicht gleich, weil die langen Schöße des Rocks und der Riemen des Säbelkoppels den Zugang hemmten; aber endlich war die Börse doch erwischt, der Dienstmann bekam seine Vergütung, die nicht allzu reichlich ausgefallen zu sein schien; denn ohne Gruß mit einem knurrenden Laut verließ der Träger das Abteil.

Und nun wollte sich der Ankömmling dem Kameraden vorstellen; in demselben Augenblick aber zog der Zug an — und mit einem Ruck flog der schwarze Überrock gegen den hellblauen, so daß beide Herren auf die Polster plumpten.

In hilfloser Verlegenheit stotterte der Ankömmling eine Entschuldigung, und nachdem beide Herren ihre Säbel und Beine wieder aufgesammelt hatten, stellte er sich nun endlich vor, selbstverständlich ohne daß Martin den Namen des Kameraden verstand.

Tiefaufatmend lehnte sich der fremde Herr auf seinen Sitz zurück, nahm die Mütze ab, unter der ein nur noch von einem dürftigen braunen Haarkranz umsäumter kahler Schädel zum Vorschein kam, und tupfte mit einem gelbseidenen Taschentuch die quellenden Schweißtröpfchen von Stirn und Platte.

»Schauerliche Hitze —!« meinte er und fächelte sich mit dem Taschentuch.

Rasch kam das Gespräch in Gang. Es stellte sich heraus, daß der Ankömmling Privatdozent der Literaturgeschichte an der Universität Bonn sei, und als Flamberg ihm seinen Namen deutlicher wiederholte, wußte der andere sofort Bescheid. Respektvoll fragte er: »Flamberg? etwa gar der Schöpfer der beiden Porträts in der Berliner Sezession?«

»Ich kann's nicht länger verheimlichen,« lächelte Martin.

»Alle Wetter,« sagte der andere, »das nenn' ich ein glückliches Omen ... da ich doch nun wieder einmal sehr gegen meinen Geschmack aus meiner stillen Studierklause unter das Kriegsvolk verschlagen werde. Ich bin entzückt, gleich beim ersten Eintritt in diese langentfremdete Welt einem Vertreter sanfterer Regionen der Menschlichkeit zu begegnen ... Übrigens werden Sie meinen Namen auch nicht verstanden haben. Ich heiße Frobenius.«

Martin dachte einen Augenblick nach und sagte: »Frobenius, Wilhelm Frobenius ... ich habe vor kurzer Zeit eine Sammlung von Studien über Goethes Faust von einem Wilhelm Frobenius gelesen — wären das gar Sie?«

»Ich kann's nicht länger verheimlichen,« schmunzelte Frobenius.

Martin streckte ihm die Hand hin: »Ich freue mich,« sagte er, »Ihre Analyse der Gretchengestalt hat auf mich so stark gewirkt, daß ich kurz vor meiner Abreise ein Gretchen gemalt habe.«

»Schau — schau,« sagte Frobenius, »wo haben Sie das Modell aufgetrieben?«

»Da hab' ich nicht lang zu suchen brauchen,« lachte Martin, »meine Braut!«

»Ei der Tausend, dann freilich! — gratuliere, Herr Kamerad!«

»Sagen Sie, Herr Frobenius,« fragte der Maler, »Sie scheinen von der Aussicht, wieder mal acht Wochen im bunten Rock zubringen zu müssen, nicht so erbaut zu sein wie ich?«

»Ja,« sagte Frobenius, »das ist eine sehr berechtigte Frage. Ich kann mir wohl vorstellen, daß Sie mir es an der Nase ansehen, daß meine Liebe zum Kommiß eine einigermaßen unglückliche ist. — Sehen Sie, ich bin von Natur so etwas wie ein Pechvogel, fühle mich eigentlich nur hinter meinen Büchern so recht behaglich —«

»Dann verstehe ich nicht recht — Sie müssen doch schon in höhern Semestern sein und haben doch keinesfalls mehr die Pflicht zu üben — warum tun Sie's also?«

»Sie haben ganz recht zu fragen,« erwiderte der Privatdozent, »ich könnte längst außer Dienst sein. — Ich habe mich überhaupt erst in der Landwehr zum Offizier wählen lassen und mit Zittern und Zähneklappern vor sechs Jahren meine einzige achtwöchige Pflichtübung gemacht. Damals aber habe ich gefunden, daß mir diese Übung vorzüglich bekam, nicht nur körperlich, auch — ich möchte sagen — was meinen Charakter anbetrifft — — Wissen Sie, ein so fürchterlich ungewandter Mensch, wie ich nun leider Gottes einmal einer bin, für den sind solche acht Wochen beim Kommiß eine wahre Dressur. Wenn ich auch im bunten Rock eine ganz miserable Figur mache — ich weiß das leider nur zu gut — so hab' ich entdeckt: als ich damals nach Hause kam, da war für einige Zeit, etwa für zwei bis drei Jahre, jene lächerliche Scheu vor öffentlichem Auftreten und gesellschaftlichem Umgang von mir gewichen, die mich sonst zu einem wahren Einsiedlerdasein zwingt.«

»Aha, und darum sind Sie also in der Landwehr I geblieben — und wollen jetzt mal wieder acht Wochen 'ran, um sich sozusagen wieder mal ein bissel zurechtstutzen zu lassen!«

»Ja, allerdings, das war die Absicht«, meinte der Privatdozent. »Eigentlich ist die Übung für mich ein Martyrium, dem ich nur mit Grauen und Entsetzen entgegensehe — und ich weiß schon, daß ich während der ganzen Zeit aus einer Katastrophe in die andere taumeln werde — aber was hilft's — es muß nun einmal sein.«

»Ja,« lachte der Maler, »dann sind Sie allerdings zu bedauern — ich für meine Person freue mich, offen gestanden, ganz kolossal auf die Übung.«

»Das glaube ich,« sagte Frobenius, »Sie sehen auch so aus, als ob Sie Grund dazu hätten. Wenn mich der Schein nicht trügt, so sind Sie ein gerade so netter Kerl, wie Sie ein großer Künstler sind, und ich werde Ihnen etwas sagen: Sie werden mir einen Gefallen tun. Sie werden sich gelegentlich meiner ein bißchen erbarmen, wenn es mir gar zu jämmerlich geht, nicht wahr, Herr Kamerad?!«

Er streckte dem Maler die haarige Rechte hin, von der er den weißen Uniformhandschuh abgezogen hatte, und schallend schlug Martin ein.

»Das soll ein Wort sein, Herr Frobenius — ich denke, es soll recht nett werden, die acht Wochen hindurch — ich sehe gar nicht ein, was uns hindern könnte, uns die zwei Monate, die vor uns liegen, zu einem rechten Fest zu machen.«