Erster Abschnitt.

Reise von Dresden über Pillnitz oder Pirna nach Schandau, und durch den Kirnitschgrund über den Kuhstall und die Winterberge nach dem Prebischthor und Hirniskretschen.

Die meisten Reisenden begnügen sich, auf ihrer Wanderung durch die sächsische Schweiz der, in der Ueberschrift angedeuteten Linie zu folgen, so viele reizende Gegenden auch weiter hinaus auf beiden Seiten derselben liegen, und wenn sie, wie es gewöhnlich geschieht, nur drei bis vier Tage in ihrer Reise bestimmen, so können sie auch nur wenige Abschweifungen machen. Der achtstündige Weg von Dresden nach Schandau, entweder über Pirna, oder auf dem belohnenden Umwege über Pillnitz, Lohmen und Rathewalde gibt die erste Tagereise. Im ersten Falle reiset man, wenn die geradeste Richtung und der bequemere Fahrweg gewählt werden sollen, über Königstein, oder fährt von Pirna nach Lohmen, oder geht von Pirna zu Fuße über Wehlen und durch den Ottowalder Grund auf die Bastei, und von hier über Rathen, oder auf dem Fahrwege über Rathewalde, den Ziegenrück und Porschdorf nach Schandau. Im zweiten Falle besuchen wir von Pillnitz aus den Liebethaler Grund, Lohmen, den Ottowaldergrund, die Bastei, vielleicht auch den Amselgrund, und kommen auf dem angegebenen Fahrwege zum Ziele der Tagereise. Der zweite Tag ist der Wanderung durch das Kirnitschthal über den Kuhstall, die Winterberge, das Prebischthor nach Hirniskretschen gewidmet, wo eine Gondel uns aufnimmt, um uns nach Schandau zurück zu bringen. Wollen wir nicht schon am dritten Tage heim kehren, so besuchen wir die Umgegend von Schandau, oder machen eine von den, im zweiten Abschnitte angegebenen Wanderungen, oder gehen auf das jenseitige Elbufer über, besuchen den Zschirnstein, und wandern von hier nach Königstein, wo wir am Morgen des vierten Tages aufbrechen, um auf dem Rückwege nach Dresden vielleicht noch den Lilienstein zu besuchen. Wie die angegebene Reiselinie, der wir nun zunächst folgen wollen, durch Abschweifungen zu beiden Seiten sich verlängern lasse, wollen wir künftig andeuten. Wir theilen diese Linie zur bequemen Uebersicht in drei Abschnitte.

I. Reise zur Bastei.

Wir reisen über Pillnitz. Der gewöhnliche Weg von Dresden führt uns über die Dörfer Strießen und Tolkewitz, Laubegast vorbei in 2 Stunden zu einer fliegenden Brücke, die uns während des Sommeraufenthalts der königlichen Familie in Pillnitz, zu diesem Lustschlosse hinüber bringt. Wer zu einer andern Jahrzeit auf dem linken Ufer seinen Weg nimmt, muß sich, wenn er zu Wagen, oder zu Pferde reiset, in Blasewitz oder Laubegast übersetzen lassen, oder sich der Kahnfähren in Hosterwitz und Söbrigen bedienen; Fußgänger aber finden in jedem Elbdorfe bequeme Ueberfahrt.

Auf dem rechten Elbufer folgt der Fahrweg jenseit des Mordgrundes der, über Loschwitz führenden Pillnitzer Bergstraße, wo sich aber nur selten Aussichten in das reizende Stromthal öffnen. Der Fußpfad bringt uns gleich jenseit des Prießnitzbaches, am Linkeschen Bade vorbei, durch eine anmuthige Landschaft längs dem Elbufer zu dem freundlichen Loschwitz, dessen große Kirche außerhalb des Dorfes an der Straße liegt. Oberhalb Loschwitz führt uns ein Wiesenpfad nach Wachwitz, und fast immer an Gebäuden und Gärten hinwandernd, kommen wir, Nieder-Poyritz und Hosterwitz vorbei, in ungefähr anderthalb Stunden nach Pillnitz, wenn nicht die anmuthigen Seitenthäler, die aus dem Rebengebirge herabfallen, der schattige Ziegengrund bei Loschwitz, der Helfenbergergrund bei Nieder-Poyritz und der Keppgrund bei Hosterwitz aus zu einer Abschweifung einladen. Aus dem Keppgrunde können wir über den Zuckerhut auf einem kurzen Umwege in die, zu dem Lustschlosse führende Kastanienallee gelangen.

Pillnitz, seit dem Anfange des funfzehnten Jahrhunderts das Eigenthum verschiedener adeligen Geschlechter, und schon zu Ende des siebzehnten auf kurze Zeit in landesherrlichem Besitze, ist seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts ununterbrochen fürstliches Eigenthum gewesen, und seit 1763 der beständige Sommeraufenthalt des Hofes. Die älteren Gebäude, die bereits Friedrich August I. verschönert hatte, wurden unter des jetzigen Königs Regierung theils abgetragen, theils verändert, und erhielten in den Jahren 1788 bis 1792 eine neue Gestalt. Der einzige Ueberrest des alten, 1616 erbauten Schlosses, dessen Speisesaal in frühern Zeiten Venustempel hieß, brannte 1818 ab, worauf in demselben Jahre nach dem Plane und unter der Aufsicht des Oberlandbaumeisters Schuricht der Bau eines neuen Schlosses begann, das weiter als das alte, nach Morgen verlegt wurde. Wir treten in den, durch das ganze Gebäude gehenden Speisesaal, der mit einer Kuppel bedeckt ist, die auf zwanzig freistehenden Säulen ruht, und theils von oben, theils durch hohe Seitenfenster erleuchtet wird. Zwischen der Kuppel und dem Gebälke befinden sich vier Dreiecke, sogenannte Pendentifs, und vier halbrunde Felder (Tympans), welche Professor Vogel mit Frescogemählden ziert. Für diese Felder sind die allegorischen Darstellungen der Mahlerei, Bildhauerkunst, Baukunst und Musik bestimmt; in den Dreiecken aber die zu jenen gehörenden allegorischen Figuren der Dichtkunst, der Liebe, der Philosophie und der Grazien auf blauem Hintergrunde in hoher Vollendung und heiterer Farbenpracht bereits ausgeführt. Die hellblau mit weißen Arabesken verzierten Wände des Saales enthalten zwischen den Säulen noch Füllungen, die späterhin gleichfalls mit Gemählden geschmückt werden sollen. — Die andern, den Schloßhof einschließenden Gebäude bestehen aus vier großen, einzeln stehenden Pavillons, die zwar nicht hoch, aber im Ebenmaaß gebaut, und mit Säulenreihen und sinesischen Kupferdächern verziert sind. Zwischen den nördlichen Pavillons steht das Bergpalais, zwischen den südlichen das Wasserpalais. Diese, ein großes Viereck bildenden, und im Innern geschmackvoll eingerichteten älteren Gebäude enthalten die Wohnungen der königlichen Familie. Hinter dem Bergpalais und dem anstoßenden Pavillon liegt der, schon 1769 angelegte, aber seit 1804 sehr erweiterte und verschönerte Garten, wo man eine reiche Sammlung ausländischer Gewächse findet. Eine Vestale aus carrarischem Marmor, von Trippel’s Meisterhand, ziert diese Anlagen, und ein geschmackvolles Gartengebäude enthält ansehnliche Sammlungen von Sämereien, trefflich gemahlten Pflanzen und seltenen Schmetterlingen.

Die umliegenden Berge, und die Thäler, welche sie durchschneiden, hat die Natur mit mannigfaltigen Reizen geschmückt, die feiner Kunstsinn erhöhte. Der Friedrichsweg am Eingange des Pillnitzer Grundes bringt uns zuerst zu einem wohlerhaltenen Weinberge und einer schön angelegten Eisgrube, und den Windungen des Pfades folgend, kommen wir zu dem Raubschlosse, künstlichen Trümmern, die geschmackvolle Zimmer enthalten, wo man die Umgegend von Pillnitz und das lachende Elbthal überschaut. Ein anmuthiger Waldpfad führt uns dann über eine dicht beschattete Brücke zu einem Wasserfalle im einsamen Friedrichsthale, der 138 Fuß hoch herabstürzt. Den schattigen Pfad verfolgend, kommen wir in einer Stunde auf den mit Fichten und Birken bewachsenen Gipfel des Borsberges, eine Granitkuppe, die 811 Pariser Fuß über der Elbfläche bei Dresden und 1161 Paris. Fuß über dem Meere liegt. Im nahen Dorfe Borsberg finden wir einen Führer, der uns die Eremitage öffnet, eine künstliche Felsenmasse, die eine Grotte und ein freundliches Zimmer enthält. Eine, in den Trümmern verborgene Treppe führt uns auf den Altan über der Grotte, wo wir eine entzückende Aussicht genießen, die den Lauf der Elbe von Königstein bis Meißen und die Felsenberge des meißnischen Hochlandes umfaßt, über welche in der Ferne die waldigen Bergrücken des Erzgebirges, der Rosenberg in Böhmen und die Höhen bei Zittau hervorragen.

In der Nähe dieses Gebäudes führen steinerne Stufen in das Thal hinab, wo uns ein neu angelegter Jagdweg nach Klein-Graupe bringt. Auf dem gewöhnlichen Fahrwege von Pillnitz aber führt uns ein langer Baumgang längs dem Dorfe Ober-Poyritz, durch Graupe und ein Wäldchen zu der Grundmühle, wohin sich unweit der Schäferei in Groß-Graupe auch ein Fußpfad über Hinter-Jessen wendet. Wir lassen unsern Wagen von Graupe nach Liebethal fahren, und treten oberhalb jener Mühle in den

Liebethaler Grund,

über dessen steile zerrissene Wände das Dorf Liebethal auf der Höhe hervorblickt. Auf beiden Seiten der Wesenitz, die das Thal durchströmt, ziehen sich die schroffen, bis zu 60 Ellen emporsteigenden mächtigen Felsengestalten gegen Morgen hinan, und erheben sich immer höher, je weiter wir wandern. Das Thal ist seit mehren Jahrhunderten bis in die Hälfte seiner Ausdehnung durch Sandsteinbrüche nach und nach erweitert worden. Weiter aufwärts drängen sich die Felsenwände so nahe zusammen, daß der Pfad am Ufer des rauschenden Baches verschwindet. Reissende Fluten, welche Felsenmassen fortwälzten und Steinhaufen aufschwemmten, haben überdies die Wanderung durch das Thal beschwerlicher gemacht. Die Steinbrüche gehören zu den ältesten des Landes, und liefern einen vesten und grobkörnigen Sandstein, wovon die weichern Massen zu Mühlsteinen, die mit Eisenadern durchzogenen aber nur zu geringerm Gebrauche taugen. Von den in frühern Zeiten gangbaren funfzig Brüchen wird kaum noch ein Fünftheil bearbeitet. Wir verweilen bei dem Bruche, von dessen hoch ansteigenden Wänden der Thurm von Liebethal und einige Häuser des Dorfes herabblicken, und finden wir die Arbeiter gerade beschäftigt, so wird uns die Kühnheit und Betriebsamkeit, womit sie ihr Gewerbe treiben, auf einige Augenblicke Unterhaltung gewähren. Ein großer Block, ein sogenannter Satz, wird allmählig von dem Hauptfelsen gelöset, was oft die Arbeit eines halben Jahres, ja noch mehr Zeit kostet. Täglich arbeiten die Steinbrecher verwegen unter der drohend überhangenden Masse, ist aber endlich der Block herabgestürzt, so beginnt ein fröhliches Gelage, und mit leichterer Mühe wird dann das Stück in kleinere getrennt. Der Reisende muß auf die Warnung achten, die eine Inschrift über der Thür des letzten Hauses in Hinter-Jessen ihm zuruft, denn wenn er eines der eisernen Werkzeuge der Steinbrecher aufhöbe, oder den Ruf: Lauf zu! hören ließe, so müßte er büßen. Dieser Ruf ist die Losung, womit die Arbeiter in Lebensgefahren ihre entfernteren Gefährten zum Beistande auffodern, und hätte ein Wanderer, aus Unkunde oder Muthwillen, sie verleitet, von ihrer Arbeit zu eilen, so dürften sie, wofern der Fliehende innerhalb einer bestimmten Gränze eingehohlt wird, ihn zu einer Geldstrafe nöthigen.

Aus dem Thale führt uns ein beschatteter Weg am Kemnitzbache, oder ein rauherer Pfad durch die Steinbrüche zu dem Dorfe Liebethal hinauf, das vor Zeiten ein vestes Schloß hatte, welches gegen Anfang des sechzehnten Jahrhunderts zerstört wurde. Wir gehen durch das Dorf, an der Kirche vorbei, auf einem anmuthigen Wege am Rande des Felsenthales zu dem nahen Mühlsdorf, und verweilen bei einer Oeffnung des Gesträuches auf der vorspringenden Wand, um einen Blick in die furchtbare Tiefe zu werfen, wo die Lochmühle an der schäumenden Wesenitz zwischen Felsen eingeklemmt liegt. Bei den ersten Häusern von Mühlsdorf führt ein Weg zu der Mühle hinab. Wir gehen durch die Mühle, und finden auf der schmalen Brücke hinter derselben, wo der Bach über das Wehr stürmt, den günstigsten Standpunkt zur Ansicht der wilden Landschaft. Die Stelle, wo die Felsen so nahe zusammenrücken, daß kein Pfad am Ufer bleibt, heißt die Rabenteufe.

Der Mühle gegenüber steigt eine, zwischen den Felsen angelegte Treppe auf die jenseitige Höhe zu dem Dorfe Daube hinan. Oben am Ausgange der Treppe führt ein Pfad durch das Gebüsche auf eine vorspringende Felsenwand, die uns einen neuen Standpunkt zur Ansicht der wilden Felsenschlucht darbietet und Ueberreste von altem Gemäuer zeigt. Ein angenehmer Weg bringt uns von da gerade nach Lohmen, wenn wir nicht auf einem bequemern Pfade zur Daumühle im Wesenitz-Thale hinabsteigen und dann aufwärts nach Mühlsdorf wandern wollen, dessen Häuser, von Gärtchen umgeben, die dem Felsen abgewonnen wurden, auf dem Rande der steilen Höhe sich zeigen. Wählen wir diesen Umweg, so gehen wir durch Mühlsdorf an den Rand des Liebethaler Wäldchens, wo wir ein Landschaftbild überschauen, das Lohmen und dessen anmuthige nächste Umgebungen, die Gegend von Dohna bis Dresden, den Königstein und Lilienstein umfaßt, und in der blauen Ferne von Böhmens und Sachsens Gränzgebirgen umschlossen wird. Bei Mühlsdorf steigen wir dann einen felsigen Weg hinab, und kommen bald zu einer Brücke über die Wesenitz, die uns nach

Lohmen

führt. Dieser Flecken von ungefähr 800 Einwohnern, der im 17ten Jahrhundert Städtlein hieß, und noch im Besitze mehrer städtischen Gerechtsame ist, hat seinen Nahmen vielleicht von den Edlen von Chlumen oder Chlomen, welche auch das alte Schloß erbaut haben mögen. Die Geschichte dieses Geschlechts, das in dieser Gegend früh ansässig gewesen zu sein scheint, ist jedoch sehr dunkel, und es läßt sich nicht mit Gewißheit bestimmen, daß die Burg Lohmen ihm zugehört habe, die selbst zu der Zeit, als ein Edler von Chlomen in der letzten Hälfte des 15ten Jahrhunderts die ganze Herrschaft Wehlen besaß, einen andern Besitzer aus dem alten meißnischen Geschlechte von Köckeritz hatte, dessen Vorfahren Wehlen lange eigen gewesen war, und der später jene Herrschaft wieder erwarb, wozu Lohmen seit den ältesten Zeiten als Beisitz oder Nebengut gehört zu haben scheint. Nach mehren Besitzveränderungen kam die Herrschaft an die Herren von Schönburg, von welchen dieselbe mit Lohmen und Hohnstein um die Mitte des 16ten Jahrhunderts an den Herzog Moritz von Sachsen überging. Später kam das Schloß Lohmen wieder in den Besitz von Privatpersonen, bis es 1620 fürstliches Eigenthum ward. Seit dem Tode der Gemahlinn des Kurfürsten Johann Georg II, deren Witwensitz es war, und die hier 1687 starb, blieb es landesherrliches Kammergut. Wir sehen es in seiner kühnen und mahlerischen Lage auf dem Gipfel eines überhangenden, in der Mitte zerklüfteten Sandsteinfelsens, wenn wir, von Mühlsdorf kommend, jenseit der Brücke am Ufer der Wesenitz hingehen. Folgen wir dem Wege aufwärts an der Wesenitz, der durch die verheerende Ueberschwemmung im Sommer 1822 sehr gelitten hat, so kommen wir bald zur Hintermühle. In der Nähe derselben öffnet sich der Lohmner Grund, dessen Felsenumgebungen in seltsamen Gestalten empor steigen, bis sie endlich zusammen rücken und den Weg sperren. Wir kehren zu der Mühle zurück, und es öffnet sich uns bald ein Weg in die anmuthigen Gartenanlagen, die sich zu dem Schlosse hinan ziehen und uns überall angenehme Ruheplätze darbieten. Einen der günstigsten Standpunkte finden wir hier auf dem Felsenvorsprunge über der Hintermühle, wo wir einen Blick in das Thal der Wesenitz werfen. Das Schloß besteht aus zwei Hauptgebäuden, die durch einen Altan zusammen hangen, der auf einer Felsenspitze angelegt ist. Nur an der Hinterseite sieht man noch in den kleinen Erkern und Fenstern Ueberreste des Alterthums. Das Schloß ist jetzt der Sitz einer bedeutenden Landwirthschaft, mit welcher eine Schäferei verbunden ist. Wir verweilen einige Augenblicke auf dem Altan, wo wir eine reizende Aussicht genießen. Vor ungefähr 40 Jahren stürzte ein junger Landmann, der arbeitmüde auf diesem Altan eingeschlummert war, als er mitten in der dunklen Nacht aus dem Schlafe auffuhr, von dem 76 Fuß hohen Felsen in die Tiefe und wurde dennoch glücklich geheilt. Eine gereimte Inschrift auf einer hier eingemauerten Tafel erzählt diese Lebensrettung.

Unweit des Schlosses sehen wir die freundliche Kirche, eine der schönsten ländlichen Kirchen Sachsens. Das Pfarrhaus und die Försterwohnung sind mit wohlfeilen, aus Blechstreifen gemachten Blitzableitern versehen; eine Erfindung des vormahligen Pfarrers Nicolai in Lohmen, dessen Wegweiser durch die sächsische Schweiz[1], als eine der ersten Beschreibungen des meißnischen Hochlandes, viel beigetragen hat, diese Gegenden bekannt zu machen.

Folgen wir oberhalb der Kirche der, nach Stolpen führenden Straße, so kommen wir in den obern Theil des Lohmner Grundes, welchen uns, auf dem Wege von der Hintermühle, die Felsenwände versperrten. Diese enge wilde Schlucht, durch welche die schäumende Wesenitz hinab stürzt, heißt die Brausenitz. Auf beiden Seiten steigen die prächtigen Felsenwände in seltsamen Gestalten hinan. Es gibt hier mehre Steinbrüche, die sich bis gegen Porschendorf hinauf ziehen, wo das Wesenitz-Thal sich erweitert. Der Sandstein dieser Brüche ist feinkörniger, aber auch weicher als im Liebethaler Grunde, und mit vielen dunkelbraunen eisenschüssigen Adern durchzogen. Es werden hier große Schleifsteine gebrochen, die bis nach Dänemark ausgeführt werden.

Im Gasthofe zu Lohmen, wo man gute Bewirthung findet, und gewöhnlich, wenn man bei Tagesanbruche die Bastei besuchen will, das Nachtlager nimmt, treffen wir mit Reisenden zusammen, die aus andern Gegenden kommen. Wer aus der Gegend von Radeberg, oder Stolpen die sächsische Schweiz bereiset, kommt über Porschendorf und Liebethal dahin. Von Pirna führt eine gute Fahrstraße über die Anhöhe von Doberzeit, wo sich eine reiche Aussicht nach Dresden, Pillnitz, Pirna und Königstein vor uns öffnet, und selbst die Felsengruppen um Schandau in der Ferne hervor ragen. In der Umgegend von Doberzeit, ungefähr 3 Viertelstunden von Lohmen, findet man viele Geschiebe von Kalzedon, Jaspis, Avanturin und schöne Versteinerungen. Hat man Zeit, hier zu verweilen, so lasse man sich zu den Felsenwänden am linken Ufer der Wesenitz hinab führen, wo man nach einem halbstündigen Wege, dem Dorfe Hinter-Jessen gegenüber, eine Sandsteinwand erblickt, worein viele Steinkohlentrümmer gemengt sind, welche, wie man glaubt, das Dasein eines Kohlenflötzes verrathen. Nicht weit davon entspringt eine Quelle, die im Winter nie zufriert, im Sommer aber sehr kalt ist, und viele kleine Kohlentrümmer auswirft. Als im Jahre 1770 nach anhaltendem Regen die Oeffnung der Quelle zu klein war, die Wassermasse auszuströmen, öffnete sich der Ueberfluß weiter aufwärts am Fuße jener Sandsteinwand einen andern Weg, floß einige Jahre lang, und warf auch hier Steinkohlentrümmer aus, welche zum Brennen gebraucht, den eigenen Kohlengeruch gaben.

Unweit Doberzeit führt ein Fußpfad zu einem Felsenthale, von dessen jenseitiger Höhe das Dorf Mockethal herab blickt. Unten am Eingange eines andern Thales liegt ein einzelnes Wirthshaus, der graue Storch, und gegenüber unter den Felsenwänden das Dörfchen Zatzschka. Eine Vertiefung in einem Felsen, wird der Riesenfuß genannt, weil nach der Sage ein Riese hier den Abdruck seines Fußes hinterlassen hat. Der nächste Weg von Pillnitz über Ober-Poyritz und die Dietzmühle nach Wehlen geht über diese Höhe. Unweit des Riesenfußes öffnet sich ein Felsenthal, welches von dem am Elbufer, Pirna gegenüber liegenden Dorfe Posta den Nahmen Alte Poste erhalten hat. Vom grauen Storche senkt sich ein enges Felsenthal zur Elbe hinab. Die alte Poste zieht sich zwischen Sandsteinfelsen hinan und führt auf die Hochebene von Lohmen, wo eine sanft ansteigende Höhe, der Kohlberg, sich erhebt, auf dessen Spitze, die ein einzelner Baum bezeichnet, eine ungemein anziehende Aussicht vor uns liegt, welche die Umgegend von Lohmen, die Felsen von Rathen, den Lilienstein, Königstein, Pfaffenstein und Quirl und in der Ferne den dämmernden Gipfel des Schneebergs, die Gebirge um Altenberg und die Höhen von Dresden bis Meißen einschließt.

Wer zu Wagen reiset, fährt von Lohmen über Rathewalde auf einem bequemen Wege bis nahe vor den Felsenvorsprung der Bastei, oder läßt, wenn er vorher den Ottowalder Grund besuchen will, den Wagen nach Rathewalde fahren. Wir lassen uns von Lohmen, oder wenn wir auf dem Kohlberge verweilten, gleich von hier in den

Ottowalder Grund

führen. Es öffnen sich uns zwei Wege in dieses Felsenthal. Der eine läuft längs dem Dorfe Ottowalde, das eine Viertelstunde von Lohmen, auf der südlichen Felsenwand liegt, über eine von Gebüschen eingeschlossene Wiese, zu einer Treppe von 114 Stufen, welche mit vielen Wendungen in die Tiefe hinab führt; der andere aber bringt uns quer durch das Dorf in einen Arm des Thales, der die Kluft genannt wird. Wir folgen diesem Wege und stehen bald zwischen steilen Wänden, die auf beiden Seiten, oft wunderbar gestaltet, und senkrecht zerklüftet, über 110 Fuß empor ragen. Gruppen von Sträuchern und Bäumen, Farrenkräuter und goldfarbiges Moos bedecken mahlerisch diese Felsenwände. Ein Bach fließt durch die Tiefe. Die engen geschlossenen Wände, worein oft nur ein schmaler Bogen des Himmels hinab blickt, treten bald auf beiden Seiten aus einander und bilden ein breiteres Thal. Links zieht sich eine Felsenschlucht, der Schleifgrund nach Lohmen. Dem Laufe des Hauptthales folgend, sehen wir nicht weit von jenem Grunde die oben erwähnten Stufen, die nach Ottowalde hinan führen. Hier und an einigen andern Stellen, wo das Thal sehr schmal ist, hohlen die Bewohner von Ottowalde vom jenseitigen Ufer Holz und Steine, auf großen Handschlitten, Rappern genannt, die man an einem, um zwei Bäume diesseit und jenseit geschlungenen, schräg über den Grund laufenden Seite hinüber und zurück gleiten läßt. Durch die zusammenrückenden Felsenwände windet sich nur ein schmaler Durchgang, über welchem drei herab gestürzte Blöcke wie ein Thor sich wölben. Jenseit dieses Thores wird das Thal breiter, bald aber wieder verengt. Das steinerne Haus nennt man einige, wie Dächer gelegte Steinblöcke, welche Höhlen decken, wo die Bewohner der umliegenden Gegend in Kriegeszeiten ihre geflüchtete Habe bargen. Nicht weit von hier finden wir eine Höhle, die sich durch zusammen gefallene Felsen zieht, welche eine schornsteinartige Oeffnung haben. Sie wird die Teufelsküche genannt. Ein anmuthiges Thal, von einem kleinen Felsenbache Zschirregrund genannt, öffnet sich nicht weit von hier, und zieht sich zwischen Felsenwänden hinan, die mit Farrenkräutern und Moosen bekleidet sind.

Wir sind hier auf dem nächsten und bequemsten Wege zur Bastei, und gelangen an eine Felsenecke, wo sich der Zschirregrund in zwei Arme spaltet. Ein links auslaufendes Thal, der Holzengrund, führt nach Rathewalde. Unser Weg läuft rechts durch ein sehr rauhes, von feuchten Wänden eingeschlossenes Thal, das die Hölle genannt wird. Ehe wir es betreten, zeigt uns der Führer die Stelle, wo der Königstein, der Lilienstein und der Pfaffenstein durch eine Waldblöße sichtbar sind, und auf einem Thalrande sehen wir die große und kleine Gans. Nach dem kurzen Wege durch die Hölle, kommen wir auf eine große Wiese, die Wehle, wo wir unter Bäumen an der Felsenwand einen steinernen Tisch mit Bänken finden, der im Anfange des vorigen Jahrhunderts bei Gelegenheit eines Jagdfestes gesetzt wurde. Hier liegt der Pfad vor uns, der uns bald auf die Bastei und nach Rathen bringt.

Die bereits erwähnte, durch einen Wolkenbruch erzeugte Flut im September 1822 hat in diesem Thale, besonders in dem Hauptthale, das sich nach der Elbe hinab senkt, große Verheerungen angerichtet. Dieses Hauptthal, der Raingrund genannt, theilt sich in drei Arme. Rechts zieht sich der Teufelsgrund, dessen obere Ecke die Bärecke heißt, auf eine Anhöhe, über welche der Weg nach Lohmen, und zum Dorfe Wehlen geht. Der mittle Grund bringt uns zu diesem Dorfe und zum Städtchen Wehlen. Der dritte, links hinauf laufende Arm öffnet sich in ein breites freundliches Thal, das uns bald in dieses Städtchen führt.

Reisende, die sich von Pirna auf das rechte Elbufer übersetzen lassen, um von hier die Bastei und Rathen zu besuchen, gehen auf anmuthigen Wiesenpfaden, unter stets wechselnden Ansichten einer reich geschmückten Landschaft, aufwärts über die Dörfer Nieder-Posta, Ober-Posta und Zeichen nach Wehlen, das von Obstpflanzungen und Hopfengärten umgeben, am Ausgange des Ottowalder Thales unter hohen Felsenwänden längs der Elbe liegt, deren schöner Spiegel sich in sanften Krümmungen zwischen den felsigen, jenseit dicht bewaldeten Ufern hinab zieht. Ueber dem Städtchen, wo 700 Einwohner sich von Leinweberei, Baumwollespinnen, Obst- und Hopfenbau und besonders auch vom Korn- und Steinhandel nähren, ragen die ansehnlichen Trümmer des alten Schlosses hervor. Die Geschichte dieser Burg ist dunkel. Ursprünglich wurde sie vielleicht schon von den Sorben angelegt, später aber, als die Ansiedelung der Teutschen jene verdrängt hatten, wahrscheinlich in eine Burgwarte verwandelt, und in der Folgezeit der Hauptsitz der Herrschaft Wehlen. Diese gehörte bereits im 13ten Jahrhundert zum Markgrafthum Meißen, ward aber später böhmisches Lehen, bis sie zu Anfange des 15ten Jahrhunderts mit Pirna vom König Wenzel an Meißen verpfändet wurde. Schon im 16ten Jahrhundert, als die damahligen Besitzer dieser Herrschaft, die Herren von Schönburg, das Schloß Lohmen neu erbauten und es zu ihrem Wohnsitze machten, scheint das Schloß verfallen gewesen zu sein, und wurde seitdem so ganz verödet, daß 1788 eine Mauer einstürzte und ein Haus von der Stelle schob.

Von Wehlen führt ein sehr anmuthiger, aber nur für Fußwanderer gangbarer Weg längs der Elbe am Fuße der hohen Felsenwand in 3 Viertelstunden nach Rathen, wenn man sich nicht auf das jenseitige Ufer übersetzen lassen, und auf einem angenehmern Wege, im Angesichte der Felsen von Rathen, bis Ober-Rathen wandern will, wo man wieder auf’s rechte Ufer hinüber fährt. Die Reisenden, die von Pirna nach Wehlen gekommen sind, gehen nun entweder durch das Ottowalder Thal und den Zschirregrund auf dem bereits beschriebenen Wege, oder über Rathen auf die Bastei. Jener ist vorzuziehen, da sich uns hier die überraschende Aussicht von dem hohen Felsenvorsprunge auf einmahl öffnet, die wir auf dem letzten Wege theilweise von mehren Standpunkten betrachten. Wer aber diesen Weg wählt, wandert von Rathen in dem anmuthigen Grünbachthale hinauf, wendet sich dann in den felsigen Wehlergrund und kommt aus diesem auf den, in neuern Zeiten bequemer gewordenen Pfad, der durch die Vogeltelle zwischen hohen Felsen hinan führt.

Endlich stehen wir auf dem, kaum 10 Fuß breiten Gipfel des vorspringenden, gegen 600 Fuß über die Elbfläche und 973 Par. Fuß über das Meer sich erhebenden Felsenhornes, das wegen der Aehnlichkeit mit Bevestigungen den Nahmen

Bastei

erhalten hat. Ein reiches Landschaftbild liegt vor unsern Blicken. Die Elbe zieht sich im Thale zwischen Wiesenufern und Saatfeldern, am Fuße der Sandsteinwände hinab. Rathen, Wehlen, und jenseit eine Reihe von Dörfern, liegen längs ihrem Gestade. An den beiden Bogen, die der Strom hier bildet, ragen die Bärsteine, der Königstein und der Lilienstein empor, und über ihre Felsenstirnen blicken der Pfaffenstein, die Kuppelberge, der Zschirnstein und aus blauer Ferne der Schneeberg und der Sattelberg in Böhmen, und der Geisingsberg im Erzgebirge. Hinter dem großen Winterberge und dem Zirkelstein wölbt sich der mächtige Rücken des böhmischen Rosenberges. Ueber Rathen hinaus nach Morgen und Mitternacht erheben sich die Felsenwände des Hohnsteiner Forstes, das Schloß Hohnstein und in der Ferne die Berge bei Neustadt. Kehrt unser Blick zu den nächsten Felsenumgebungen zurück, so sehen wir den Neu-Rathen empor ragen, den ein tiefer Abgrund, die Mardertelle von uns trennt, aus welchem wir einen aufgemauerten Pfeiler hervor ragen sehen, der die Brücke trug, die vor Zeiten das Felsenschloß mit der Bastei verband, und auf den Weg nach Rathewalde führte. Von den nächsten Felsen erblicken wir vor uns: die große und kleine Gans, das Blankhorn, den Amselstein und den Gamrichstein.

Wer die Reise nach der Bastei zu Wagen über Rathewalde gemacht hat, wird vielleicht, wenn er an demselben Tage wieder zurück nach Dresden geht, den Rückweg durch den Zschirregrund nehmen und weiter nach Ottowalde wandern, wo sein Wagen ihn erwartet. Geht er wieder über Rathewalde, so verweilt er hier, um die, 1 Viertelstunde entfernte Hohburkersdorfer Linde zu besuchen, welche eine Höhe krönt, wo sich eine der reichsten und reizendsten Aussichten öffnet.

[1] Zuerst Pirna 1803. und in der 4ten Aufl. Dresden 1821.

II. Reise von Rathen nach Schandau.

Wollen wir von der Bastei unsre Reise weiter östlich fortsetzen, so bieten sich uns verschiedene Wege dar. An einem günstigen Sommertage haben wir vielleicht Zeit, mit der Reise zur Bastei eine Wanderung zu den nächsten Felsengestalten zu verbinden, wohin von hier am Rande des Abgrundes ein Weg führt. Wir kommen zuerst zur großen Gans, die sich an dem, von hohen Felsengruppen umgebenen Wehlergrund erhebt. Die Aussicht von dieser Felsenhöhe zeigt uns eine wilde Landschaft, aber am Ausgange jenes Grundes werfen wir einen Blick in das anmuthige Grünbachthal und auf die Häuser von Rathen, über welche der Königstein und Lilienstein hervorragen. Unweit der großen Gans erhebt sich eine zerrissene, orgelförmig gestaltete Felsenwand, die kleine Gans, welche gleichfalls ersteigbar ist. Wir sehen uns hier von dem Blankhorne, dem Amselstein, Honigstein, Feldstein, Neu-Rathen und der Bastei umgeben, während in der Tiefe der Tümpelgrund, der Rabengrund, und die furchtbaren Schwedenlöcher, die in dem dreißigjährigen Kriege den Umwohnern eine Zuflucht gewährt haben mögen, sich öffnen. Ueber diese Felsenwildniß hinaus sehen wir Rathewalde, Hohnstein, und rechts das Dorf Walthersdorf, worüber die böhmischen Gebirge hervor ragen.

Wer so weit gegangen ist, geht durch den Wehlergrund zurück, um sich nach Rathen zu wenden, und erblickt auf diesem Wege die früher gesehenen Felsen in veränderten Gestalten. Man nähert sich bald der furchtbaren Mardertelle, worein man früher auf dem Wege von Rathen nach der Bastei einen Blick warf. In dieser wilden Schlucht stoßen die Wände des Neu-Rathen mit den höhern Wänden der Bastei zusammen; und außer dem aufgemauerten Pfeiler, den wir bereits von oben herab bemerkten, erblicken wir noch mehre ähnliche, welche die früher erwähnte Brücke trugen. Man soll hier, wie eine alte Ueberlieferung erzählt, einst Menschengebeine ausgegraben haben, welche man den Sorben zuschreiben wollte, die bei der Eroberung des Neu-Rathen in den Grund hinab stürzten.

Treten wir aus dem Wehlergrunde in das freundliche Thal, wo der Grünbach hinab fließt, so sehen wir auf der jenseitigen Höhe den Feldstein empor ragen, eine, vom Wald umgebene Felsenwand, welche Burgtrümmern ähnlich und von einer natürlichen Höhle durchbrochen ist, wo man auf vorspringenden Felsenspitzen ruhend, die umliegende Landschaft überschaut, die das nahe Rathen mit seinen Trümmern, die Elbe, den Königstein und Lilienstein umfaßt. Gegenüber erheben sich die zerrissenen Pfeiler der kleinen Gans. An den Feldstein gränzt der Honigstein, der auf allen Seiten von tiefen Schluchten umgeben, und am bequemsten vom nassen Gründel bestiegen wird, wenn man die, besonders gegen Ost und Südost reiche Aussicht von seinem Gipfel genießen will, die uns ein beinahe so herrliches Landschaftgemählde zeigt, als wir auf dem Felsenhorne der Bastei gesehen haben. Lassen wir den Blick über die furchtbare Schlucht des nassen Grundes, die sich vor uns öffnet, hinweg gleiten, so blickt uns vom jenseitigen Rande des Abgrunds die freundliche Landschaft von Hohnstein und Rathewalde entgegen. Ueber Hohnstein ragen die Wände des tiefen Grundes hervor, und über diese schaut der große Winterberg mit seinen böhmischen Nachbarn. Die beiden Gränzhüter des Elbthals, der Königstein und Lilienstein, erheben sich gegen Mittag und die Höhen des Erzgebirges dämmern im Hintergrunde.

Der Rückweg vom Honigstein geht durch den Saugrund, der uns wieder in das Grünbachthal bringt, wo wir mit den Wanderern zusammen treffen, die auf dem nächsten Wege von der Bastei durch die Vogeltelle (s. oben [S. 31].) herabkommen, um mit uns nach

Rathen

zu gehen. Dieses Dorf, wo wir im Lehngerichte, Bewirthung und Nachtlager finden, liegt auf beiden Ufern der Elbe, der kleinere Theil, Ober-Rathen, auf dem linken, der größere aber, Nieder-Rathen, zieht sich auf dem rechten in den Felsengrund hinauf. In der Umgegend wächst sehr guter Hopfen, den man dem böhmischen gleich setzen, und dem bei Wehlen erbauten vorziehen will. Wir verweilen zuerst vor dem freundlichen Wirthshause an der Elbe, des herrlichen Landschaftgemähldes uns zu erfreuen, das die Ufer des Stromes, in welchem links der Lilienstein seine Felsenkrone spiegelt, vor uns entfalten.

Wer den Besuch der schönen Umgegend von Rathen mit der Reise nach Schandau verbinden will, kann den bereits beschriebenen Weg zur Bastei und die noch rückständige Wanderung nicht in einem Tage zurücklegen, sondern muß am ersten Reisetage entweder in Lohmen, oder in Rathen sein Nachtlager nehmen, und die Frühstunden des zweiten Tages der neuen Bergwanderung widmen. Ein Führer, den wir im Wirthshause finden können, bringt uns in den, sich gleich hinter dem Hause öffnenden Rathner Grund, wo diejenigen, welche zuerst die oben beschriebenen Felsen am Wehler-Grund besehen wollen, sich bald von uns trennen. Auf die Trümmer der Burg von Alt-Rathen, die sich über dem Dorfe auf einem vorspringenden Felsen erheben, werfen wir nur einen Blick. Es ist nichts als ein runder Thurm mit kaum zugänglichen Kellern davon übrig. Die Burg wurde wahrscheinlich schon von den Sorben angelegt, und später, nach teutscher Art bevestigt, in eine Burgwarte umgewandelt. Nach den ältesten geschichtlichen Spuren stand Rathen gegen Ende des 13ten Jahrhunderts unter Raubold von Niemancz, welcher vom König von Böhmen abhängig, Burggraf des Schlosses Königstein war, später aber kam es vielleicht mit dem Königstein an die Burggrafen von Dohna. Im 15ten Jahrhunderte, bald nach Vertreibung dieses mächtigen Rittergeschlechts, finden wir Rathen im Besitze der Edlen von Oelsnitz, die in eine, von Glaubenshaß entzündeten Fehde, mit ihrem Nachbar, dem hussitisch gesinnten Hinko Berk von Duba auf Hohnstein verwickelt waren. Dieser Krieg machte es den Landesherrn, dem Kurfürsten Ernst und dem Herzog Albert nicht schwer, sich endlich 1468 der Burg Rathen zu bemächtigen.

Wir besuchen zuerst den Neu-Rathen, die Ueberreste einer Felsenburg, welche vielleicht schon im 12ten Jahrhundert angelegt wurde, als der Raum in Alt-Rathen zu beschränkt geworden war, und die mit dieser nach der Eroberung gleiches Schicksal hatte. Wenn wir eine kurze Strecke am Grünbach hinauf gegangen sind, bringt uns ein steil ansteigender Pfad zu dem Wachhäusel, einer in den Felsen gearbeiteten vierseitigen Höhle, die vielleicht einst einem Wächter zum Aufenthalte diente. In der Oeffnung der Felsen, durch welche der Weg dahin führt, verrathen uns Falze am Eingange, daß sie einst durch ein Thor verschlossen war. Am Abhange des Berges läuft der Weg im Gehölze fort, wo links die Elbe aus der Tiefe herauf blickt, und ein Vorsprung, der Rosengarten, oder das Rosenbett genannt, einen günstigen Standpunkt zur Aussicht in’s Thal darbietet. An dem hohen Mönchstein vorbei wandernd, kommen wir bald zum Eingange des Neu-Rathen, der als eine, von zwei senkrecht stehenden Felsenkegeln gebildete, gegen 6 Fuß breite Kluft erscheint, wo man die Falze und Löcher ehemahliger Fallgitter und Riegel deutlich erkennt. Haben wir dieses Felsenthor hinter uns, so führt uns ein angenehmer Weg zwischen hohen Felsenwänden aufwärts, und wir erblicken bald am Abhange des Berges die Trümmer alter, erst im siebenjährigen Kriege zerstörten Mauern, welche die Sage zu dem Ueberreste der Burgkapelle macht. Von hier ersteigen wir den Gipfel des Berges. Ein Felsenstück, wahrscheinlich von Menschenhänden in eine Bank verwandelt, das Kanapee, bietet uns einen Ruheplatz, wo wir die Aussicht über den Strom genießen, der sich in der Tiefe zwischen seinen Felsenufern fortwindet, ungefähr dasselbe Landschaftgemählde, das sich auf der Bastei vor uns ausbreitet, nur minder umfassend, und gegen Nordwest durch vorspringende Berge und Wälder beschränkt. Wir sehen hier die Trümmer von Alt-Rathen in der Nähe, und über uns erhebt sich der steil ansteigende, über 140 Fuß hohe Mönchstein mit dem Mönchsloche, einer selbst vom Elbufer sichtbaren, gegen 5 Fuß breiten Höhle, die vor Zeiten vielleicht zur Burgwarte diente. Man hat diesen Felsen auch in neuern Zeiten mit Leitern erstiegen, die auf den vier Absätzen, woraus er besteht, angelegt wurden.

Auf dem Gipfel des Neu-Rathen erblicken wir ein von Felsenwänden spitzig gewölbtes Thor, das den Haupteingang der alten Burg bildet, und finden deutliche Spuren ehemahliger Gemächer, einen von Menschenhänden angelegten Brunnen und mehre Ueberreste alter Bevestigungen. Am Ausgange des Felsenthores schauen wir in den Abgrund der Mardertelle hinab. Betrachten wir hier die ganz nahen, auf Felsenspitzen gemauerten Brückenpfeiler, die aus der Tiefe hervor ragen, so scheint vom Thore zum ersten Pfeiler eine Zugbrücke gegangen zu sein, über die entferntern Pfeiler aber bis zur jenseitigen Wand zog sich vermuthlich eine hölzerne Brücke. Unweit der Brückenpfeiler zieht sich queer über den Grund eine Felsenerhöhung, die alte Schanze genannt, auf welcher in der Länge hier eine Vertiefung läuft; wahrscheinlich auch eine Spur ehemahliger Bevestigungen. — In neuern Zeiten hat man die halb verschütteten Stufen wieder aufgegraben, die unweit des Thores auf die höchste Felsenwand führen. Oben auf der Fläche lagen mehre große steinerne Kugeln, und da einige Spuren die Vermuthung zu begründen scheinen, daß man diese Kugeln von hier mittels einer Schleuder auf die Feinde geworfen, so nannte man den Felsen die Steinschleuder.

Die Trümmer der Burg Neu-Rathen, wovon nach der Zerstörung im Jahre 1468 nichts als die Felsenmauer übrig blieben, dienten im dreißigjährigen Kriege, besonders im Jahre 1639, als Banner mit seinen Kriegsvölkern Pirna und den Sonnenstein belagerte, den verzagten Bewohnern der Umgegend als vester Zufluchtort, und eine Inschrift im Felsen verräth, daß auch bei dem schwedischen Einfall im Jahre 1706 Flüchtlinge hier Schutz gesucht haben, die vielleicht zu jener Zeit einige neue Bevestigungen zu ihrer Sicherheit anlegten.

Wer Zeit hat, sich in der Gegend von Rathen aufzuhalten, oder auch über Rathewalde nach Hohnstein zu wandern, kann von dem Neu-Rathen gleich in den nahen

Amselgrund

gehen. Der Weg dahin von Rathen am Grünbach hinauf, ist leicht zu finden. Auf einem steilen Pfade ansteigend, sehen wir rechts den Gamrichstein und den Feldstein, links die Bastei und die Felsenwände des Neu-Rathen empor ragen. Wir gehen an einer engen Schlucht vorüber, die Dachsenhälter genannt, aus welcher ein Waldbach (dürre Bach) hervor strömt, und stehen bald vor dem Amselstein, wo der Grünbach über eine, gegen 30 Fuß hohe Wand hinab stürzt. Im Felsen wölbt sich eine Grotte, über deren Decke der Bach rauscht. Diese 10 Fuß hohe und 5 Fuß breite Höhle heißt das Amselloch. Der Wasserfall ist bei trocknem Wetter unbedeutend, wenn nicht der Müller in der Lohmühle bei Rathewalde bewogen wird, die Schlucht seines Teiches zu öffnen, um den Fall zu verstärken. Ein ansteigender Pfad zur Linken führt uns über das Amselloch hinaus, und wir kommen bald zu einem neuen Fall, wo der Bach sich bis zum Amselstein über Felsenblöcke fortwälzt. Den anmuthigen Weg am Grünbach verfolgend, treten wir nun aus der Felsenschlucht in ein breites waldiges Thal und sehen jenseit der Lochmühle das Dorf Rathewalde auf dem Rande der steilen Felsenwand.

Wir verlassen die Wanderer, die von hier den Hockstein besteigen und nach Hohnstein gehen, oder die Reise nach Schandau auf der Fahrstraße fortsetzen wollen, und kehren nach Rathen zurück, um andere Reiseplane zu besprechen. Am Eingange des Rathner Grundes folgen wir dem Pfade, der uns am jenseitigen Ufer des Grünbaches zwischen den Häusern des Dorfes Rathen hinan führt, ehe wir die Anhöhe erstiegen haben, fesseln unsern Blick reizende Aussichten. Die Felsen, die wir auf unserer frühern Wanderung sahen, die große und kleine Gans, der Neu-Rathen, die Bastei, der Feldstein und Honigstein, erscheinen von diesem Standpunkte gleichsam in ein Ganzes zusammen gedrängt. Zwischen dem Feldstein und dem rechts emporragenden Gamrichstein treten die hohen Wände des Ziegenrücks hervor, über welche die höhern Felsen der Hohnsteinwände, die das Polenzthal einfassen, herab schauen. Auf dem Rücken der Anhöhe stehen wir endlich vor dem sogenannten

Backofen,

einem, aus ungeheuren Blöcken tempelartig erbauten, mit einem platten Dache bedeckten Felsen, durch welchen eine, auf beiden Seiten offne, rund gewölbte Höhle geht, auf deren Hinterseite man in die furchtbare Tiefe des Abgrunds blickt. Am Eingange der Halle überschauen wir eines der reizendsten Landschaftbilder, durch welches sich die Elbe, zwischen waldigen Ufern von Königstein herabströmend, in einem sanften Bogen zieht. Jenseit auf dem hohen östlichen Uferrande liegt anmuthig das Dorf Weissig, hinter welchem die Bärsteine und der Rauenstein empor ragen. Wald und Gebüsch, Berge und Thäler, Kornfelder, Wiesen und Obstbaumpflanzungen ziehen sich auf jenem Uferrande in reizender Abwechselung hinab, während am Fuße des Gebirges einzelne Häuser aus Baumschatten hervor blicken. Auf dem diesseitigen Ufer lachen Wiesen am Fuße nackter Felsenwände und Waldhöhen, die in einem Halbkreise bis Wehlen laufen, und links blicken über den Strom und sein bunt geschmücktes Ufer die Felsengipfel des Liliensteins und Königsteins.

Vom Backofen zurückkehrend, kommen wir auf einem kurzen Wege an der Elbe, wo wir jene Halle von einem andern Standpunkte sehen, zu einem vorspringenden Felsenhorn, dem man Ludwigs XVI Nahmen gegeben hat, weil man in dem Umriß des Felsens eine Aehnlichkeit mit des Königs Kopfe auf Münzen finden will.

Reisende, die der Linie folgen, welche wir in diesem Abschnitte beschreiben, würden nur im Falle eines längern Aufenthalts in Rathen noch einige Seitenwanderungen in die Gegenden machen können, die wir nach unserm Plane erst auf künftigen Reisen besuchen. Für diejenigen, die nicht so eilig sind, ihr nächstes Ziel Schandau, zu erreichen, können wir hier nur Andeutungen geben. Die anziehendsten Punkte, die noch von Rathen besucht werden können, sind der Lilienstein und Hohnstein, und über beide könnte, wenn man den Umweg nicht scheut, die Reise nach Schandau fortgesetzt werden. Der nächste Weg von Rathen zum Lilienstein führt vom Ufer der Elbe auf den, durch das Gebüsch die Höhe hinan steigenden Lottersteig, der zu dem Dorf Ebenheit am Fuße des Felsens uns bringt. Die Fahrstraße von diesem Dorfe geht über Walthersdorf, und von hier über den Ziegenrück nach Rathewalde, oder nach Hohnstein, wohin Fußgänger durch den steilen Neuweg, eine enge und furchtbare Felsenschlucht, auf einem beschwerlichen Pfade hinan steigen. Ueber Porschdorf geht der Weg von Walthersdorf nach Schandau. Wollen wir den Besuch des Königsteins mit der Reise zum Lilienstein verbinden, so lassen wir uns in Rathen auf das linke Elbufer übersetzen und geben über Petzscha und längs den Bärsteinen über Weissig, oder über den Diebskeller nach Königstein, und von hier nach Ebenheit auf dem jenseitigen Elbufer. Wer von Rathen nach Hohnstein gehen will, wandert entweder auf dem oben beschriebenen Wege durch den Amselgrund nach Rathewalde, und geht dann auf der von Lohmen kommenden Straße über den Wartenberg nach Hohnstein, oder wendet sich von Rathen gleich auf die Straße über den Ziegenrück. Von Hohnstein führt der Weg durch den tiefen Grund in 3 Stunden nach Schandau; Fußwanderer aber werden vielleicht den Umweg über den Brand, den Kikelsberg, den Waizdorfer Berg, den tiefen Grund und den Ochelgrund wählen. Alle diese Gegenden beschreiben wir im folgenden Abschnitte, wenn unsre Wanderungen von Schandau aus uns dahin bringen.

Die Reisenden, welche auf den Abschweifungen, die wir nach der Rückkehr von der Bastei gemacht haben, uns nicht begleiten, sondern ihren Weg nach Schandau fortsetzen wollten, finden wir in Rathewalde wieder. Hier besteigen wir mit ihnen die oben erwähnte Anhöhe bei dem nahen Hohburkersdorf, wo wir einer Aussicht uns erfreuen, welche nördlich bis über Neustadt und Stolpen reicht, und besonders über Lohmen und Pirna bis nach Dresden ein herrliches Landschaftgemählde umfaßt, über dessen Rand die Höhen des Erzgebirges bis Altenberg und Böhmens blaue Bergrücken hervor blicken.

Der Fahrweg von Rathewalde zieht sich über eine steinige Anhöhe, den Ziegenrück, längs den mächtigen Felsenwänden, die über dem Hohnsteiner Grunde sich erheben. Wir blicken zuweilen in das Thal, an dessen hohem Rande der Weg läuft, und sehen es bald von Waldschatten verdüstert, bald von anmuthigen Wiesenmatten erheitert, durch welche die Polenz sich windet. Steil abwärts senkt sich die Straße nach Porschdorf, wo eine bedeckte Brücke über den Lachsbach führt, welcher aus der Vereinigung der Polenz und der Sebnitz entsteht. Jenseit der Brücke verweilen wir auf einem schönen Standpunkte, wo die Wände des Ochelgrundes, aus welchem die Sebnitz hervor strömt, sich an die Felsenreihen des tiefen Grundes schließen. Der Weg zieht sich am Lachsbach hinab, der bei Wendischfähre in die Elbe fließt, und wenn wir hier um den Bergvorsprung uns gewendet haben, sehen wir

Schandau

vor uns. Das freundliche Städtchen von 170 Häusern und 1000 Einwohnern liegt, am Ausflusse des Kirnitschbaches, längs der Elbe, östlich und westlich von hohen Bergen und Sandsteinfelsen umgeben, deren Gipfel mit Nadelholz bekleidet sind, aus dessen dunkeln Wipfeln nur zuweilen heitres Laubholz hervor blickt. Der westliche Theil, der sich nach Wendischfähre zieht, heißt die Zauke und wird von Einigen für die älteste Anlage des Ortes gehalten, dessen Nahme auf sorbischen Ursprung deutet. Auf dem Kiefericht, einem nördlich sich erhebenden Berge, findet man die Trümmer des alten Schlosses, um welches sich allmählig die Stadt gebildet haben mag, die schon 1467 im Besitze städtischer Gerechtsame war. Im dreißigjährigen Kriege, besonders in dem für die Umgegend so furchtbaren Jahre 1639, erlitt sie große Drangsale, wurde 1704 nach einem verwüstenden Brande fast ganz neu aufgebaut und häufig, zumahl 1784 und 1799, durch Ueberschwemmungen beschädigt, welchen sie durch ihre Lage stets ausgesetzt ist. Die beßten Häuser, deren mehre zur Aufnahme von Fremden eingerichtet sind, stehen am Markte, wo auch Ullrichs Gasthof liegt. Im Bade findet der Fremde sehr gute Aufnahme. In der Nähe desselben gibt es auch einige freundliche Wohnungen, und überhaupt hat in den letzten Jahren die Betriebsamkeit der Bewohner des Städtchens sich bemüht, den zahlreichen Gästen, welche die Sommermonate hier zubringen, einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten.

Die Bewohner nähren sich vorzüglich durch den Elbhandel. Die nahen Sandsteinbrüche liefern den Schiffern Steine, womit sie den Strom hinabfahren, und besonders die böhmischen Wälder Holz für das Ausland, da das inländische nicht ausgeführt werden darf. Mit dem Getreide, das sie die Elbe hinaufbringen, oder aus Böhmen einführen, wird ein ansehnlicher Handel getrieben. In frühern Zeiten war der Elbhandel von hier abwärts sehr ausgebreitet, bis die hohen preußischen Durchgangzölle, die fast 50 vom 100 betrugen, ihn beschränkten. Die Schifffahrt ist jedoch wegen der Nähe von Böhmen und der günstigen Lage der Stadt, noch immer beträchtlich, und die Vortheile, die der frei gewordene Strom darbietet, werden die Nachwehen des letzten Krieges, dessen Zerstörungen im J. 1813 besonders gegen die Schiffe wütheten, auch hier immer mehr heilen. Schon früher war hier wegen des lebhaften Schiffverkehrs mit Böhmen der erste sächsische Elbzoll, den die Elbschifffahrt-Akte (1821) bestätigt und zu einem der verfassungmäßigen 14 Elbzollämter gemacht hat. Zur Beförderung der Gewerbsamkeit dient auch die Kirnitschflöße, die um 1568 angelegt wurde. Es werden jährlich gegen 6000 Klaftern hartes und weiches Scheitholz aus den Forsten des Amtes Hohnstein auf der Kirnitsch bis Schandau geflößt, wo sie in Flosse gebunden und auf der Elbe weiter nach Dresden und Meißen geschafft werden.

Mit einer gesunden Gebirgluft empfing Schandau aus der Hand der Natur das wohlthätigste Geschenk in einer kräftigen Heilquelle, die kaum eine Viertelstunde von der Stadt am Eingange des Kirnitschthales auf einer Wiese am Fuße eines Sandsteinfelsens entspringt. Man fand beim Nachgraben, daß unter diesem Sandsteine eine, gegen 6 Zoll starke Schale Granit durch den Sandstein setzt, der dem, eine Viertelstunde oberhalb des Bades mit dem Sandstein gränzenden Granit ganz ähnlich, aus röthlich weißem Feldspath, grauem Quarz und grauem Glimmer besteht, und fein eingesprengten Schwefelkies enthält. Schon gegen Anfang des vorigen Jahrhunderts kannte man die Quellen, deren Wässer sich auf der sumpfigen Wiese sammelten, und die der Gesundbrunnen hießen. Im Jahre 1730 wurden die Quellen, um die Wiesen trocken zu legen, in eine Cisterne gefaßt, und schon die ersten, damahl vorgenommenen unvollkommenen Untersuchungen ihres Gehalts[2] brachten sie so sehr in Ruf, daß das Wasser häufig zum Trinken und Baden gebraucht und sogar auf der Elbe abwärts versandt wurde. Die Quelle bewies sich zwar seitdem gegen manche Krankheiten wirksam, blieb aber mangelhaft gefaßt und wurde auffallend vernachlässigt, selbst als sie im Besitze eines Arztes war, bis endlich der neue Besitzer der Wiese, der Kaufmann Hering, mit bedeutendem Aufwande und rühmlicher Thätigkeit seit 1799 das Bad empor zu bringen wußte. Er veranlaßte in jenem Jahre eine neue chemische Prüfung des Wassers, ließ mehre Quellen im Felsen selbst auffassen, und statt des alten mangelhaften Behältnisses auf der Wiese ein neues Brunnengebäude bauen, wo sie, von wilden Wässern befreit, gereinigt wurden. Später wurden neben dem Brunnenhause auch Wohnungen für Badegäste angelegt. Im Jahre 1803 wurde eine neue Quelle entdeckt, die sich vor den ältern durch Gehalt an Schwefelwasserstoffluft auszeichnet, und es sind jetzt überhaupt neun Quellen gefaßt. Die neu entdeckte gehaltreichste enthält nach den 1803 vorgenommenen Untersuchungen des Professors Lampadius in Freiberg[3] in 100 Pariser Kubikzoll, oder 4 Pfund, 6 Loth 1 Quentchen, 20 Gr. kölln. Gewicht des Wassers: Salzsaure Talkerde 8¾, schwefelsaure Kalkerde 5¼, Kieselerde 1⅛, Eisenoxyd 18¼ Gran, kohlensaure Luft und Schwefelwasserstoffluft 11⅓ Par. Kub. Zoll.

Das Wasser ist sehr hell, wird aber durch Kochen getrübt, hat einen zusammenziehenden Geschmack und erregt Aufstoßen. In der Wärme entwickelt es Luftblasen und wird trübe. Es setzt Eisenoker ab und färbt die metallenen Hähne in den Badestuben schwarz. Der Geruch der Schwefelwasserstoffluft ist auffallend, wenn das Wasser in einer halb gefüllten Flasche geschüttelt wird. Bei 18–22 Grad Luftwärme hat das Wasser im Schatten 10 Grad Reaumur. Die Quelle hat sich vorzüglich bei Nervenschwäche, Hämorrhoidalleiden, geschwächter Verdauung, Gicht, Krämpfen und bei Störungen des weiblichen Organismus wirksam bewiesen.

Die Quellen geben, seit der verbesserten Fassung, in jeder Stunde 180 Kubikfuß Wasser. Der steinerne Behälter, welcher die Quelle aufnimmt, faßt 640 Kubikfuß, wie denn die Quelle überhaupt während der täglichen Badezeit weit über den Bedarf liefert. Das Badehaus enthält 8 einfache und 3 Doppelbäder, die mit allen Bequemlichkeiten versehen sind. Das Wasser kommt unmittelbar aus der Quelle in die 12 Zoll tief versenkten Badewannen. Das zur Erwärmung der Bäder nöthige Wasser wird durch eine Pumpe gleichfalls aus dem Behälter gehohlt und stets in Siedehitze erhalten, damit nur wenig heißes Wasser zu dem kräftigern kalten gemischt zu werden brauche. Der Preis jedes Bades ist 4 Groschen. Für das Trinken des Wassers wird nichts bezahlt. Das für Badegäste und Reisende bestimmte Gebäude enthält mehre bequeme Wohnungen, ein Gesellschaftzimmer und einen großen Saal, der im Sommer zu Bällen gebraucht wird. Die Vorderseite des Hauses ist nach der, mit freundlichen Anlagen geschmückten Wiese gewendet. Nicht weit davon ließ der Besitzer des Bades 1823 ein neues Gebäude aufführen, das bloß Wohnungen für Badegäste enthalten soll.

Die gewöhnlichen Lebensmittel liefert die Umgegend. Obst kommt aus den benachbarten Dörfern, vorzüglich aber aus Böhmen. Treffliche Forellen und Lachskunzen geben die nahen Bäche, Wildpret die umliegenden Wälder. Bei dem Speisewirth im Bade findet man im Sommer eine gesellige Wirthstafel, gute Weine und fremde Mineralwässer, und auch in Ullrichs Gasthofe ähnliche Befriedigung.

Ein Schiff geht im Sommer wöchentlich nach Dresden. Der Besitzer des Bades hält 5 Gondeln zur Bequemlichkeit der Gäste, und auch bei andern Bewohnern des Ortes findet man Kähne zu Lustfahrten. Briefe besorgt ein Postbote von Pirna.

Die Genüsse, welche die Reize der Natur darbieten, müssen die gewöhnlichen Badezerstreuungen ersetzen, die man hier nicht suchen darf; sie geben aber dem Aufenthalte eigne Annehmlichkeiten, die nicht nur den wohlthätigen Einfluß der Heilquelle erhöhen, sondern auch dazu beitragen mögen, eine freundliche Geselligkeit zu erwecken und jene schroffen Absonderungen zu verhüten, die in andern Bädern so störend sind. Während den rüstigen Wanderer nahe und ferne Thäler in ihre Schatten und die Felsen auf ihre hohen Gipfel rufen, findet auch der schwächere Badegast sanftere Pfade in der nächsten Umgegend. Gleich links vom Badehause zieht sich ein viel besuchter Weg zur Berghöhe hinan. In einer Felsenblende sehen wir Luthers Büste, mit der Inschrift: „Eine veste Burg ist unser Gott. Den 31. October 1817;“ ein Andenken an die Jubelfeier der Reformation. Ein Pfad, den man leider alles Schattens beraubt hat, bringt uns auf einen Felsenvorsprung über der Mündung der Kirnitsch, die Karlsruhe genannt, und unser Auge schweift über die anmuthige Landschaft, wo der Lilienstein, von Bergfernen überragt, in ernster Pracht hinab schaut, während Schandau, Postelwitz und Krippen, und die Ufer des Stromes, von der Thätigkeit der Schiffer und der Arbeiter in den Steinbrüchen belebt, unten im Thale in dem anmuthigsten Bilde sich verbinden. Verfolgen wir den Weg auf dem hohen Ufer der Elbe, so stehen wir bald auf der Höhe über Postelwitz, wo wir Schandau von einem der günstigsten Standpunkte erblicken. Steigen wir von der Karlsruhe aufwärts, und in einer Viertelstunde haben wir die Höhe bei dem, über dem Bade auf dem Uferrande der Kirnitsch liegenden Dorfe Ostrau, die sogenannte Ostrauer Scheibe, erreicht. Wir übersehen hier einen großen Theil des mahlerischen Felsenlandes, das über dem heitern Vorgrunde sich erhebt, und uns über dreißig Gipfel zeigt. Gegen Morgen blicken über die, aus dem Zahngrunde aufsteigenden Tannenwipfel der Felsenkegel des Falkensteins und die Schrammsteinwände, hinter welchen der grüne Rücken des Winterberges hervor ragt. Gegen Mittag erheben sich der Kahlstein, der Zirkelstein, und in blauer Ferne der Rosenberg. Ueber die Fluren von Schönau und Reinhardsdorf am jenseitigen Elbufer herrscht der mächtige Zschirnstein. Zwischen den Kuppelbergen schaut das Dörfchen Klein-Gießhübel hervor, und im Hintergrunde winkt die Kirche von Papstdorf. Der Papststein, der Gorischstein, der Quirl, die Bärsteine, der Rauenstein und der Gamrichstein bilden einen Felsenring, der die Ferne deckt, und nur hinter dem Lilienstein blicken die Anhöhen von Pillnitz hervor. Seitwärts vom Gamrichstein ragen die Hohnsteiner Wände empor, woran die Felsen des Ochelgrundes sich lehnen, über welche der Waizdorfer Berg und der Kikelsberg sich erheben. Ueber Ulbersdorf, Altendorf und Mittelndorf schauen der Unger und der Buchberg bei Sebnitz hervor, und schließen das prachtvolle Rundgemählde.

Von hier führt uns ein Weg über Feld und Wiesen nach dem Walde, und es öffnet sich ein Felsenthal, das uns in den Zahngrund bringt, vor dessen Ausgange an der Elbe das Dorf Postelwitz unter Baumschatten am felsigen Abhange liegt. Die Sandsteinbrüche, die sich von diesem Dorfe am Strome gegen Schmilka hinaufziehen, gehören zu den vorzüglichsten des Sandsteingebirges und liefern einen feinkörnigen vesten Stein. Der Naturforscher findet in einer, hier vorkommenden Sandstein-Breccie viele merkwürdige Versteinerungen.

An der Ecke dieser Steinbrüche erblickt man ein vorspringendes Felsenstück, das die Königsnase genannt wird. Rechts vom Eingange des Zahngrundes ziehen sich die Gärten den Dorfes Postelwitz nach Schandau. Durch die anmuthige Landschaft, die das mahlerische Krippen am jenseitigen Ufer verschönert, wandern wir am Strome hin, bis wir vor einem Garten, den ein ehemahliger reicher Bewohner von Schandau auf der nackten Felsenwand mit großem Kostenaufwande und eigensinniger Beharrlichkeit angelegt hat, einen Augenblick verweilen.

Eben so belohnend sind Wanderungen abwärts an der Elbe nach Wendischfähre, oder in die freundliche Umgegend des Dorfes Prossen, oder bis zu den ersten Mühlen in dem reizenden Kirnitschthale, wo wir gleich oberhalb des Bades links einen Freiplatz unter einer Felsenwand sehen, der im Jahre 1818 zum Andenken der Jubelfeier des Königs den Nahmen Friedrich Augusts Platz erhielt. Links vom Eingange des Thales steigt ein Pfad den Bergabhang hinan, der uns zunächst zu einem Standpunkte leitet, wo wir das Bad und die Oeffnung des anmuthigen Thals überschauen, und dann weiter auf die nach Altendorf und Lichtenhain führende Fahrstraße bringt.

[2] S. das Schandauer Gesundheitsbad, beschrieben von K. F. Montag. Pirna (1799) 8. 6.

[3] S. dessen Beiträge zur Erweiterung der Chemie, Band 1. (Freiberg 1804) S. 318. John bemerkt dagegen (Wörterbuch der Chemie, IV, 126) wenn das Wasser kein schwefelsaures Eisen enthalte, sei der Eisengehalt zu beträchtlich angegeben. Von neuern Untersuchungen der Quelle ist, so viel ich weiß, wenigstens öffentlich nichts bekannt geworden. Billig sollten Heilquellen von Zeit zu Zeit wiederhohlten Prüfungen unterworfen werden.

III. Reise durch den Kirnitschgrund über den Kuhstall, die Winterberge und das Prebischthor nach Hirniskretschen.

Wir brauchen einen vollen Tag zu dieser Reise, wenn wir von Hirniskretschen nach Schandau zurück kehren wollen, und müssen sie, den kurzen Weg bis zu Heidemühle im Kirnitschthale abgerechnet, in der angenommenen Richtung ganz zu Fuße machen. Wer bis zum Kuhstall fahren will, wählt die Straße über Altendorf, Mittelndorf und Lichtenhain, wo ein Weg zur Lichtenhainer Mühle abwärts, und dann der Münzweg bis zum Eingange der Felsenhalle führt.

Wir treten gleich hinter den Gebäuden des Bades in das Thal, und wandern auf dem linken Ufer der Kirnitsch, die uns entgegen rauscht. Das Thal wird bei jedem Schritte reizender. Rechts schließen es die hohen Ostrauwände ein, über deren waldige Felsengipfel einige Häuser des Dorfes Ostrau herabsehen. Links begränzt den Weg die felsige Uferwand, über deren Höhe sich die eben erwähnte Straße nach Lichtenhain zieht. Während der Fahrweg im Thale bis zur Heidemühle fort läuft, führt uns der Fußpfad bald über einen Steg auf das jenseitige Ufer, wo wir die Gränze zwischen dem Sandstein und dem links von der Höhe herab einfallenden Granit bemerken, der wahrscheinlich weit in die Tiefe unter dem Sandstein einschießt. Wir wandern auf einem Wiesenpfade, bis wir bei den waldigen Umgebungen der Ostraumühle wieder auf das rechte Ufer des Baches kommen. Die Mittelndorfer Mühle, wo man Bewirthung und im Nothfall ein Nachtlager findet, umgibt ein Kranz von Obstbäumen, unter dem Schatten des dunklen Waldes. Unweit dieser Mühle läuft der Weg an dem Stollen eines Kupferbergwerks hin, das der neue Segen Gottes hieß, um die Zeit des siebenjährigen Krieges aber in Verfall gerieth, und auch nach einem spätern Versuche zu einem neuen Bau ganz aufgegeben wurde. Wald und Wiesen laufen am linken Ufer des Baches fort, während am jenseitigen eine nackte Granitwand sich erhebt, bis bald auch hier wieder Sandsteinfelsen vorspringen. Jenseit des Baches öffnen sich die kahlen Felsenwände der Kroatenschlüchte, und bald kommen wir um eine vorspringende Felsenwand in ein breites heiteres Wiesenthal, das ein üppiger Wald umgibt, aus welchem graue Sandsteinfelsen hervor blicken. Die höher emporragenden Felsen, von Fichten und Tannen gekrönt, drängen sich bald wieder an die Wiesenufer des Baches, aber die Thätigkeit in den Steinbrüchen auf beiden Seiten, wo der Naturforscher viele Muschelversteinerungen findet, belebt die Landschaft.

An der linken Bergwand sehen wir bald einen Waldbach, das Beuthenwasser, herab eilen, der zwischen dicht beschatteten Felsenblöcken einen Fall bildet, und uns vielleicht anlockt, in der Schlucht hinauf zu gehen, die uns nach Lichtenhain bringt. Dem Falle gegenüber führt ein Steg über den Bach in den Dietrichsgrund, der zwischen hohen Felsenwänden zum kleinen Winterberge sich zieht, und aus welchem südlich die nassen Schlüchte zu den beiden Speichenhörnern laufen.

Ohne uns zu diesen Abschweifungen verlocken zu lassen, setzen wir die Wanderung im Kirnitschthale fort, wo links am Wege eine Höhle, durch welche wir gehen können, die Metze genannt wird. Wir kommen nach wenigen Schritten zu der anmuthigen Heidemühle. Wer in dieser Mühle, der letzten, die wir auf unserm Wege finden, und die uns mit wohlschmeckender Milch bewirthet, ausruhen will, kann die, eine Viertelstunde von hier entfernte Höhle am Wildenstein besuchen, und geht dann vielleicht durch den Habichtsgrund auf den Kuhstall.

Von der Heidemühle führt der Weg wieder auf das jenseitige Ufer und steigt dann am vorspringenden Felsen aufwärts, bis wir zum Fall des Lichtenhainer Baches kommen, der bei einer Grotte, der hohle Stein genannt, zwischen hohen, von Flechten, Moosen und andern Pflanzen mahlerisch bekleideten Felsenwänden herab stürzt, und dann über Wiesen zur Kirnitsch rinnt.

Unweit der Grotte fällt ein Fußpfad herab, der von Lichtenhain zum Kuhstall führt. Wer von Schandau zum Kleinstein und Arnstein geht, verfolgt hier den Weg aufwärts an der Kirnitsch, die ihn zur Lichtenhainer Mühle bringt. Wir werden künftig auf diesen Weg zurück kommen, und gehen jetzt auf das linke Ufer der Kirnitsch hinüber, wo wir am Abhange des Berges ansteigend, auf den oben erwähnten Münzweg kommen, der in einen, um den Fuß des Hausberges sich ziehenden Weg in den großen Zschand fällt. An der Münze, wo die gleichnahmige Pflanze häufig wild wächst, bietet uns der Münzborn ein treffliches Quellwasser, und wir ersteigen dann auf einem Pfade, den ein Geländer bequemer macht, den Hausberg. Ein auf beiden Seiten von Nadelholz eingefaßter Weg öffnet sich uns, und bald ragt die prächtige Felsenhalle, der

Kuhstall

empor, durch dessen weiten Bogen eine waldige Felsenlandschaft schaut. Gebüsch und Farrenkraut umgrünen das, 20 Fuß hohe und 28 Fuß breite Eingangsthor. Das Innere der Halle wölbt sich weiter und höher; an der jenseitigen Oeffnung aber, die 80 Fuß hoch und 70 Fuß breit ist, steigt die schroffe Wand aus einer tiefen waldigen Felsenschlucht empor, über welche die zackigen Gipfel des kleinen Winterbergs hervor ragen. Die merkwürdige Bildung dieser Felsenhalle ist ohne Zweifel das Werk der Naturgewalt; ob aber hier, wie man vermuthet hat, die Burg Neu-Wildenstein gestanden, ist sehr ungewiß, da sich selbst das Dasein dieser Burg keineswegs erweisen läßt. Während der Schrecknisse des dreißigjährigen Krieges, die seit dem Jahre 1631 über ein Jahrzehend lang diese Gegend verheerten,[4] war das ganze Felsengebiet oberhalb Schandau bis an die böhmische Gränze oft der Zufluchtort der vertriebenen Bewohner, und wie die Ueberlieferung erzählt, erhielt die Halle, wo das gerettete Vieh Sicherheit fand, in jener Zeit ihren Nahmen.

Aus der innern Wölbung treten wir links in einen Gang, wo uns ein schmaler Weg um die schroffe Wand des Felsens führt. Große Falze, die wir hier im Felsen erkennen, scheinen Spuren alter Bevestigungen zu sein, wenn auch nicht aus frühern Zeiten, doch aus der Zeit, wo die Halle Zufluchtort war. Links trennt die Felsenwand ein enger Spalt, der Weg, der auf den Gipfel des Felsens führt. Nicht weit von hier öffnet sich eine Höhle, woran ein Felsengewölbe stößt, welches das Wochenbett heißt, weil hier in der Kriegszeit unglückliche Mütter geboren haben sollen.

Der früher sehr beschwerliche Weg durch die enge Felsenschlucht ist seit mehren Jahren durch Balkenstufen bequem gemacht worden, und nach kurzer Anstrengung haben wir den Gipfel erstiegen, der 965 Par. Fuß über dem Meere und 615 Par. Fuß über dem Elbspiegel bei Dresden liegt. Wir finden hier ein verfallenes Wasserbehältniß, einen Keller und andere Spuren ehemaliger Bewohnung. Diese Zeugnisse früherer Ansiedelung scheinen auch durch einige Groschen aus dem 14ten Jahrhunderte, die man vor mehren Jahren auf dem Gipfel ausgrub, bestätigt zu werden.

Haben wir von diesem Standpunkte das umliegende Felsengebiet überschaut, so kehren wir nicht durch den Spalt, sondern auf einem, in neuern Zeiten bequemer gemachten Weg durch eine westliche Schlucht zurück, der uns zu andern Felsengewölben und zu günstigen Standpunkten führt. Wir gehen auf einer Felsenbank bis an den Rand des Abgrundes, wo zwischen den hohen Wänden eine schöne Ferne durchblickt, die uns den Lilienstein, die Bärsteine und den Pfaffenstein zeigt. Eine tiefe Schlucht trennt den Kuhstall von einem andern hohen Felsen, wo wir eine Oeffnung mit einer angemahlten Schere erblicken, die das Schneiderloch genannt wird, wie die Sage erzählt, vor Zeiten die Zuflucht eines geächteten Räubers. Wir verweilen hier einige Augenblicke, um ein starkes, vielfach nachhallendes Echo zu hören. In einer ähnlichen Höhle, nicht weit davon, die das Pfaffenloch heißt, fand, wie die Sage will, im 15ten Jahrhundert ein Priester aus Lichtenhain Schutz gegen die Verfolgungen seiner hussitisch gesinnten Gemeine, bis man ihn entdeckte, und in die nahe Kluft, die noch jetzt Pfaffenklunst heißt, hinab stürzte. Am Rande dieser tiefen Kluft verweilen wir einige Augenblicke, den Anblick der Landschaft zu genießen, die sich hier vor unsern Augen ausbreitet. Auf dem Rückwege finden wir einen vorspringenden Felsen, welcher die Kanzel heißt, weil man hier im dreißigjährigen Kriege gepredigt haben soll. Ein bequemer Pfad führt uns bald zum Eingange der Halle.

Links vom Eingange senkt sich ein steiler, durch Stufen bequem gemachter Weg in eine Schlucht, die in den Habichtsgrund führt. Wir verweilen an einer klaren Quelle und blicken zum Kuhstallfelsen hinauf, der hier, über 700 Fuß hoch, prächtig sich erhebt. Links aber wendet sich der Weg, der über das Reinertshau zum Arnstein und Kleinstein bringt, und den wir später beschreiben werden. Wir folgen dem rechts laufenden Pfade und in einer Viertelstunde liegt der

kleine Winterberg

vor uns. Vom Fuße des Berges steigen wir nun auf einem, in neuern Zeiten bequem gemachten Wege, der im Zickzack auf die steile Felsenkuppe führt, durch Nadelholzwaldung aufwärts und auf einigen Ruhesitzen, die für den Wanderer hier angebracht wurden, genießen wir schöne Aussichten auf die entfernten Felsen. Der mit Basalttrümmern besäete Weg führt uns zu dem Winterhause, das auf einem Felsenvorsprunge unter dem Gipfel liegt, und seine ursprüngliche Entstehung einem Jagdabenteuer verdankte. Kurfürst August von Sachsen, von seinem Sohne Christian begleitet, verfolgte im Jahre 1553 einen mächtigen Hirsch bis auf die steilste Kuppe. Er stand hier auf einem schmalen Felsenpfade am Rande des Abgrundes, und über ihm, auf der höheren Wand, der von Hunden gehetzte Hirsch, im Begriff auf den Fürsten herab zu springen. Mit den Worten: „Entweder treff’ ich dich, oder du bringst mich um“ er legte an, und der glückliche Schuß stürzte den Hirsch in die Tiefe. Sein Sohn ließ späterhin zum Andenken dieser Rettung einen, seit längerer Zeit herab gestürzten Denkstein errichten, und auf der, 30 Fuß höhern Felsenfläche ein Jagdhaus erbauen, auf dessen Dach man das Geweih des erlegten Hirsches setzte. Auf der Stelle des verfallenen alten Gebäudes wurde 1818 ein neues errichtet, wo über dem Eingange von außen eine lateinische, inwendig eine teutsche Inschrift an das Jagdabenteuer erinnert. Die Aussicht aus den Fenstern des Hauses ist so reich und weit, daß wir einige Augenblicke hier ausruhen, ehe wir den Gipfel vollends ersteigen, der nach neuern Messungen 1556 Par. Fuß über dem Meere liegt. In südlicher Richtung setzen wir unsern Weg fort, der erst über Basaltstücke sanft ansteigt, und dann ebener durch schattige Pflanzungen fortläuft, bis wir endlich unter die hohen Buchen treten, die der

große Winterberg

auf seinem Rücken trägt. Der Weg zieht sich bis zu dieser Waldhöhe über üppige Wiesen, die von Quellen getränkt werden, unter welchen eine, die am südlichen Abhange entspringt, dem Wanderer die angenehmste Erquickung spendet. Auf der offnen Kuppe, die nach neuern Messungen 1416 Par. Fuß über der Elbfläche bei Dresden, oder 1766 Par. Fuß über dem Meere liegt, stehen nur noch an der östlichen Seite Ueberreste der Buchen, die einst den ganzen Gipfel beschatteten. Eine Landschaft von unbeschreiblicher Herrlichkeit liegt hier vor unsern Blicken, aber besonders reich ist die Aussicht gegen Süden und Südost nach Böhmen, dessen Gränze am Fuße des Berges hinläuft. Gegen Abend senkt sich der Bergabhang in einen tiefen waldigen Abgrund, wo die Elbe zwischen Felsenwänden hervorbricht, um ihren Lauf durch ein fröhlich geschmücktes Gelände fortzusetzen, das rechts, vom Fuße des Winterberges an, die mächtigen Goskenwände, der Reischenstein und die Schrammsteine begränzen. Dringt der Blick in die Ferne, so wird der Gesichtskreis gegen Mitternacht vom Falkenberge, den Gebirgen bei Arnsdorf und Wilthen und dem Augustusberge bei Königsbrück geschlossen. Ueber Hohnstein ragen bei heiterm Himmel die Zinnen des Schlosses Moritzburg hervor. Gegen Nordwest verfolgen wir den Lauf der Elbe über Pillnitz bis Dresden, und sehen die Höhen um Meißen hervor ragen, über welchen der Colmberg bei Oschatz, 11 Meilen von unserm Standpunkte, in blauer Ferne dämmert. Ueber die Felsengestalten auf dem jenseitigen Ufer des Stromes sehen wir links vom Nonnenstein die Höhen bei Kesselsdorf und die Berge um Tharand. Hinter Königstein blickt der Tharander Wald hervor, an welchen sich hinter Maxen die Gebirge bei Kreischa schließen, bis der Luchberg den Gesichtskreis begränzt. Der Geißingberg bei Altenberg sieht über die Kuppelberge herab; über den nahen Zschirnstein ragt der Kahlenberg, und über den Kahlstein der Sattelberg hervor. Vom Schneeberg, der sich links vom Sattelberge erhebt, zieht sich nach Süden und Südost eine Gebirgskette, in welcher die Paszokopole, der Donnersberg bei Bilin, der Hasenberg über Theresienstadt, der Göltsch bei Ausche, der Gräber, welcher hinter dem nahen Rosenberg hervor blickt, und der Forstberg mit dem Schlosse Kemnitz sich auszeichnen. Südöstlich erhebt sich der Kaltenberg, und über dem Rücken des Kreybitzer Gebirges der Kleisberg bei Zwickau in Böhmen, der Falkenberg bei Gabel, und in blauer Ferne der Jeschkenberg im Bunzlauer Kreise. Der Tollenstein, der Nesselberg und die Lausche ragen gegen Nordosten hervor und links blickt über einen waldigen Bergrücken der Spitzberg bei Oderwitz. Im Nebel der Ferne endlich dämmert ein Theil des Riesengebirges. Die längste Durchschnittlinie des Kreises, den man hier überschaut, vom Riesengebirge bis zum Colmberg, hat man zu beinahe 24 Meilen gerechnet.

Die ganze Kuppe des Winterberges besteht aus Basalt, dessen schwarzgraue Massen in einem langen Rücken gegen Mitternacht zu Tage ausgehen. Auf mehren Seiten am Abhange des Berges, wie nach dem kleinen Winterberge, nach dem Zeughause im großen Zschand, und nach Hirniskretschen und Schmilka, liegt der Basalt in großen Haufen aufgethürmt. Häufig findet man ihn in Säulen, wie in dem gegen Mitternacht sich hinziehenden Rücken, die jedoch nicht die regelmäßige Gestalt des Basalts von Stolpen haben, meist 4 bis 6 Zoll stark und gewöhnlich fünfseitig sind. Er zeichnet sich durch starkes Polarisiren aus.

Auf dem Gipfel des Berges wurde vor einigen Jahren, als Obdach für Reisende, ein einfaches hölzernes Gebäude angelegt, wo während der Sommermonate ein Wirth wohnte. In den ersten Frühlingswochen des Jahres 1821 ward es boshaft in Brand gesteckt. Seitdem wurde es durch zwei schnell erbaute Hütten ersetzt, man ist aber jetzt im Begriff, ein neues steinernes Gebäude aufzuführen. Vielleicht wird dann auch der Wunsch erfüllt, auf der Brustlehne eines, oben um das Haus laufenden Altans eine Tafel zu finden, welche alle Punkte des reichen Rundgemähldes bezeichnete.

Wer die Reise zum Prebischthor, das eine Stunde vom Winterberge entfernt ist, nicht machen will, kann entweder durch das Heidelbeergründel, oder den steileren Heuweg nach Hirniskretschen, oder auf einem nähern Wege nach Schmilka hinab steigen, um in 2 Stunden nach Schandau zu kommen. Wer vom Winterberge zum Reischenstein wandern will, geht durch die Zwiesel und den Reischengrund. Ueber den Roßsteig, oder durch Richters Schlüchte (s. den IIten Abschnitt), kommen wir vom Winterberg in den großen Zschand.

Wir wenden uns von dem Standpunkt bei den, zu Tage ausgehenden Basaltmassen südöstlich. Der Fußpfad läuft durch den Wald an einer klaren Quelle vorbei, über die böhmische Gränze auf den Brand, eine Felsenfläche, wo einst ein Waldbrand wüthete. Wählen wir hier den rechts durch eine öde Schlucht sich hinziehenden Pfad, der mahlerischer ist, als der Weg über die nackte Fläche. Durch einen dunklen Wald kommen wir bald an den Jordan, wo sich links ein Seitenweg durch Heidelbeerkraut zu dem Rande des dunkeln Prebischgrundes wendet, der über 1200 Fuß hinab fällt. Aus der Tiefe erhebt sich, von der steilen Wand im Hintergrunde abgesondert, und mehre hundert Ellen hoch, ein ungeheurer Felsenkegel, der Prebischkegel, der oben rund zuläuft, nach der viereckigen Grundfläche hin, aber abnimmt. Wir kehren auf demselben Pfade zurück, und verfolgen den, vom Jordan rechts ablaufenden Hauptweg, der uns auf eine Felsenzunge führt, die links in den eben so tiefen Hirschgrund sich hinab senkt. Die gegenüber liegende Wand des Prebischgrundes, die Stimmersdorfer Wand genannt, trägt eine vom Hauptfelsen getrennte, einer Warte ähnliche Felsengestalt, das Prebischhorn. Wir überschauen von diesem Standpunkt eine reizende Landschaft, die sich jenseit des Prebischgrundes nach Böhmen bis zum Elbthale bei Tetschen zieht. Die böhmische Gebirge ragen in der Ferne bis zur Paszokopole empor.

Endlich treten wir aus dem Gebüsche auf den Rand des Abgrunds, und finden einen Standpunkt, wo wir die, 120 Fuß hohe und eben so breite Wölbung in der Felsenwand über die Tiefe hinaus ragen sehen. Es ist das

Prebischthor.

Ein bequem gemachter Weg führt uns auf die Decke der Wölbung, die ein 60 Fuß langer Schlußstein bildet. Wir sind hier 1402 Par. Fuß über dem Meere. Ueber den tiefen, waldigen Thorgrund blicken wir auf eine schöne Gebirglandschaft, die vom Kaltenberge anfängt und sich über die Gebirge bei Kreybitz, Hohenleipa und den Kamnitzer Schloßberg zum nahen Rosenberg fortzieht, an dessen Fuße ein herrlich angebautes Gelände sich ausbreitet, über dessen ansteigenden Hintergrund die Berge bei Aussig in blauer Ferne hervor ragen. Die Elbe zieht sich unsichtbar in der Tiefe durch ihr waldiges Felsenthal hinab. Auf ihrem linken Ufer sehen wir rechts den Kahlstein und den Zirkelstein, über welche der Zschirnstein hervor ragt, und von diesem steigt der Bergzug bis zum Schneeberg und zu dem Rücken des Erzgebirges.

Wir steigen zu der innern Wölbung des Thores hinab, und ruhen unter dem Felsenbogen, wo wir einen reizenden Abschnitt des von der Wölbung gesehenen Landschaftbildes überblicken. Auf einem jetzt minder beschwerlichen Pfade ersteigen wir die, der Wölbung gegenüber sich erhebende Felsenwand, das Böchhorn, wo wir das Thor von einem sehr günstigen Standpunkte betrachten.

Der Weg läuft nun anfänglich ziemlich steil abwärts durch das Harzgründel. Am Fuße des Berges wollen wir einige Augenblicke verweilen und in das prächtige Felsenamphitheater, das über himmelhohe Tannen sich erhebt, zurück sehen. Diese anziehende Stelle hat man die heiligen Hallen genannt. Nach einer halben Stunde kommen wir auf die, aus dem großen Zschand nach Hirniskretschen führende Straße. Nicht weit von hier öffnet sich links der Prebischgrund, wo wir, wenn Zeit zu einer Abschweifung von etwa fünf Viertelstunden übrig ist, das Prebischthor auf der Zinne der Thalwand, und den Prebischkegel sehen können.

Das vom Bielbach durchströmte Hauptthal, worin wir den Weg fortsetzen, heißt der Bielgrund, und unter freundlichen Landschaftbildern fortwandernd, kommen wir an den Kamnitzbach, der den Bielbach aufnimmt, und bald in das böhmische Gränzdorf

Hirniskretschen,

das sich vom Ausgange des Kamnitzthales nach dem Ufer der Elbe hinabzieht. Das Dorf, das lebhaften Holz- und Steinhandel treibt, liegt in der, dem Fürsten Clary gehörenden Herrschaft Binsdorf. Wollen wir länger hier verweilen, so wandern wir aufwärts am rechten Ufer der Elbe, und kommen in einer Viertelstunde zu dem Belvedere, einem Standpunkte, wo eine reizende Landschaft vor uns liegt.

Wir verlassen die Reisenden, die uns so weit begleitet haben, werden aber künftig zu ihnen zurück kehren, wenn wir, von Schandau aus, die östlichen Felsengebiete, oder die angränzenden Gegenden von Böhmen besuchen, und sie endlich hier abhohlen, um eine Wanderung auf das jenseitige Elbufer mit ihnen zu machen. Eine Gondel, die wir gewöhnlich hier finden, soll uns durch ein reizendes Uferland, das die Strahlen der sinkenden Sonne herrlich schmücken, nach Schandau zurück bringen.

[4] Mehr darüber in Götzingers Geschichte und Beschreibung des Amtes Hohnstein (Freiberg 1786) S. 233 ff.