X. Reisen nach Böhmen.

Wir haben die Wanderungen, die wir von Schandau aus, als dem Mittelpunkte eines großen Kreises, machen wollten, nun vollendet, und bis auf die Gegend, welche wir auf dem Rückwege nach Dresden besuchen werden, das ganze meißnische Hochland bereiset. Bei längerm Aufenthalte in Schandau aber werden wir uns auch in Böhmens reizende Thäler hinüber locken lassen. Eine Reiselinie in die nordöstlichen Gegenden haben wir bereits ([S. 96.]) angedeutet. Weit anziehender aber sind zwei Reisen, wozu wir, von Schandau aus, nicht mehr als eine, bis anderthalb Tagereisen brauchen.

1. Reise durch den obern Kirnitschgrund zum Tollenstein.

Wir gehen in 4 Stunden nach Hinterhermsdorf ([S. 115.]), wo wir übernachten, und am folgenden Morgen kommen wir auf dem früher ([S. 116.]) angedeuteten, sehr anmuthigen Wege an das Ufer der Kirnitsch. Der Wald wird dichter; hohe Felsenwände steigen empor, unter welchen einige, zu Hinterhermsdorf gehörende Häuser unter Obstbäumen liegen. Unser Weg geht aufwärts am Bache, und führt uns zu einem einsamen, zur böhmischen Herrschaft Kemnitz gehörenden Jägerhause, der Jäger genannt. Bald sehen wir uns wieder von mahlerischen Felsen umgeben, an deren Fuße der Bach hinab rauscht, und unter reizenden Abwechselungen führt uns das bald offene, bald wieder von hohen bewaldeten Wänden eingeschlossene Thal über die Dörfchen Khaa und Langengrund zu dem freundlichen Städtchen Schönlinde, wo das Thal der, hier entspringenden Kirnitsch sich in eine anmuthige Gegend öffnet. Das freundliche Städtchen, das Zwirnmanufacturen und ansehnliche Bleichen hat, und viele Wechselgeschäfte für den innern Verkehr treibt, liegt dritthalb Stunden von Hinterhermsdorf, in einem heitern Thale, welches ein Gebirgkranz einfaßt, der von Rumburg längs der Lausitzer Gränze läuft. Ueberall sehen wir in diesem einspringenden Theile des Leitmeritzer Kreises die Spuren reger Betriebsamkeit. In dem großen Dorfe Niedergrund, das sich in einem langen Bogen durch das Thal zieht, ist eine bedeutende Manschestermanufactur und eine ansehnliche Kattunfabrik, deren Erzeugnisse neuerlich durch Walzendruck zu höherer Vollkommenheit gebracht worden sind, jedoch nur im Inlande abgesetzt werden. Wir kommen bald auf die von Rumburg nach Prag führende Straße, und immer reizender wird die Landschaft, über welche die hohen Rücken der Lausitzer Gebirge hervor ragen. Das Städtchen Georgenthal, anderthalb Stunden von Schönlinde liegt freundlich am Abhange des Kreuzberges, und hat seinen Nahmen von Georg von Schleinitz, der es im 16ten Jahrhundert erbaute. Auf der Spitze des Berges steht die Georgskapelle, ein viel besuchter Wallfahrtort. Eine Viertelstunde südlich von der Stadt, nahe an der sogenannten Kaiserstraße, erheben sich auf einem steilen, meist nackten Porphyrfelsen die Trümmer der Burg Tollenstein, die im Mittelalter dem mächtigen Geschlecht Schleinitz gehörte, das in diesem Theile Böhmens und im angränzenden Meißen ansehnliche Güter (s. [S. 73].) besaß. Im Jahre 1337 und vollends 1475 wurde das Schloß, auf Befehl des Kaisers, von Zittau’s Bürgern mit Hilfe der Schlesier zerstört. Man sieht noch einige verfallene Ringmauern, mehre Keller und Thürme. Gegen Mittag ist das Hauptthor. Westlich ruhen die Burgmauern auf Felsen. Südwestlich hinter der Burg ragt der hohe Dammberg empor. Das Volk erzählt sich allerlei Sagen von wunderbaren Schätzen, die besonders im nahen Meisengrunde verborgen sein sollen.

Wir haben von hier noch anderthalb Stunden bis zu dem sächsischen Waltersdorf, einem ansehnlichen Weberdorfe, am Fuße der Lausche, und auf dem, durch herrliche Aussichten anziehenden Wege über Johnsdorf und den Johnsberg kommt man von Waltersdorf in 2 Stunden auf den Oybin. Wir aber kehren von Georgenthal entweder auf dem angegebenen Wege über Schönlinde und Hinterhermsdorf, oder auch über Lichtenberg, Carlstein und Hirnischkretschen nach Schandau zurück, oder machen den anziehenden Umweg über Rumburg, Ehrenberg, Zeidler, und die Thomschenke nach Lichtenhain, oder von Ehrenberg durch das Kirnitschthal nach Hinterhermsdorf.

Wollen wir die Reise nach Tetschen, das 3 Meilen vom Tollenstein entfernt ist, mit dieser Wanderung verbinden, so gehen wir von Georgenthal zu dem freundlichen Marktflecken Kreybitz. Wir sind hier am Fuße des nach Ost und Südost laufenden Zuges der sächsisch-böhmischen Sandsteingebirge, der vom Hochwalde bis an die Elbe gegen 7 Meilen lang ist und das Elbgebirge mit dem Sandsteingebirge um Zittau verbindet. Der Sandstein wird in diesem Landstriche zuweilen von andern Gebirgarten, bald von Hornstein und bald von Granit, am häufigsten von Basalt unterbrochen, bei Kreybitz aber sehen wir wieder die, dem Sandsteine eigenen nackten, zerrissenen Felsenbildungen aufsteigen, die sich hier durch mehre schroffe Seitenthäler fortsetzen. Der Tannenberg, wo wir einen großen Theil der Oberlausitz und Schlesiens überschauen, und der Kaltenberg, auf dessen Gipfel wir bis Königstein sehen, ragen unter den umliegenden Bergen hervor. Wir gehen weiter über Wendisch-Kemnitz am Fuße des Rosenbergs, dessen schöne Kuppe wir auf unsern frühern Wanderungen von so vielen Standpunkten erblickt haben. Der kegelförmige Berg steigt ziemlich steil hinan, aber reich ist die Aussicht, die zwischen den Buchen, die seinen Gipfel krönen, sich uns öffnet. Die Abhänge sind mit schwarzgrauem Basalt bedeckt, der auf der Sandsteinkuppe in vesten, fünf- und sechsseitigen Säulen zu Tage ausgeht. Der Lauf des Kemnitzbaches, der den Fuß des Berges bespült, zeigt uns den Weg nach Hirniskretschen, setzen wir aber unsre Wanderung in südwestlicher Richtung fort, so kommen wir bald auf eine Höhe, wo wir Tetschen und das reizende Elbthal erblicken.

2. Reise von Schandau nach Tetschen.

Wir brauchen zu dieser Wanderung nur eine Tagereise, und kommen auf der Elbe, oder auf einem der oft angegebenen Wege nach Hirniskretschen. Längs dem Strome hinan gehend, bleiben wir, ehe wir das Belvedere (s. [S. 66].) erreichen, vor der Oeffnung stehen, wo der dürre Grund sich hinabsenkt, und finden uns reichlich belohnt, wenn wir dem Thale bis zu der Mühle folgen, die wir zwischen ungemein mahlerischen, frisch begrünten Felsen eingeklemmt sehen. Wir setzen den Weg an der Elbe fort. Oberhalb Elbleiten liegt jenseit des Flusses zwischen schroffen und dürren Felsen das Dorf Niedergrund, wo das östreichische Gränzzollamt, oder die zweite Elbzollstätte stromabwärts ist, und die Prager Handels- und Schiffahrt-Assecuranz-Gesellschaft seit 1822 ihren Sitz hat, wiewohl gegen die Wahl dieses Ortes als Zollstätte und Umladeplatz, besonders wegen der, aus der Lage desselben hervorgehenden Schwierigkeiten einer Verbindung mit dem Innern Böhmens, gegründete Einwendungen gemacht worden sind. Von hier kommen wir in 2 Stunden nach

Tetschen,

das ungemein anmuthig auf dem rechten Elbufer am kleinen Flusse Polzen im Leitmeritzer Kreise liegt. Das Städtchen, schon im 12ten Jahrhundert als Veste bekannt, gehörte mit der gleichnahmigen Herrschaft um die Mitte des 11ten Jahrhunderts den mächtigen Berka von Duba und Leipa, fiel aber nach der Schlacht am weißen Berge bei Prag, wo der damahlige Besitzer, Rudolf von Bünau, nach Sachsen flüchtete, an das gräfliche Haus von Thun, das es noch besitzt. Ein hoher Sandsteinfelsen über der Stadt trägt das schöne Schloß, das theils gegen Ende des 17ten Jahrhunderts, theils erst im vorigen Jahrhunderte neu erbaut wurde, eine aus dem Felsen gehauene, 936 Fuß lange und 32 Fuß breite Einfahrt und einen, über 70 Klafter tiefen Felsenbrunnen hat. Die Büchersammlung ist ziemlich ansehnlich und die Rüstkammer reich an alten Waffen. Ein Lustgarten umgibt das Schloß, und das Ganze wird von dem geschmackvollen Besitzer immer mehr verschönert. In dem Städtchen, das 1600 Einwohner, eine Kattundruckerei, Baumwollenspinnerei, und viel Handel und Schiffahrt hat, besuchen wir die, im 17ten Jahrhundert erbaute, Lorettokapelle auf dem schönen Marktplatze, die Sakristei in der Stadtpfarrkirche mit guter Bildhauerarbeit, und den Wasserthurm, wo ein vom Mühlbache getriebenes Rad über 40 Eimer füllt und eine in den Schloßgarten geführte Röhre sich ausgießt. Der Fluß Polzen, der hier in die Elbe fällt, hebt gewöhnlich im Frühlinge zuerst die Eisdecke des Stromes und veranlaßt dadurch die Ueberschwemmung in Sachsen, während die Moldau bei Prag noch zugefroren ist. Die seit 50 Jahren bekannte Heilquelle, das sehr gut eingerichtete Josefsbad, liegt nahe bei dem Dorfe Weyer.

Wir sind hier in einer Gegend, die man mit Recht Böhmens Paradies nennt, und gewiß ist kein Theil des Elbthales schöner, als das Uferland von Tetschen bis Aussig, wo zwischen mahlerischen Felsengestalten ein reizendes, fröhlich geschmücktes Gelände sich durchschlingt, und hier Felsenstirnen mit Burgtrümmern, dort Weinberge mit Winzerhütten, dort freundliche Dörfer mit ihren Kirchthürmen sich in dem still bewegten Strome spiegeln, den Schiffe und leichte Kähne beleben. Alles ladet uns ein, in dem Städtchen länger zu verweilen, wo ein guter Gasthof uns alle Bequemlichkeiten darbietet. In der Nähe und Ferne locken uns reizende Gegenden. Wir besuchen die anmuthige Meierei Liewerda, 3 Viertelstunden von Tetschen. Der 2 Stunden entfernte Schneeberg (s. [S. 126].) ist von hier am bequemsten zu besteigen. Wir gehen durch Tichlowitz, eine Meile aufwärts am rechten Elbufer, zum Zinkenstein, auf dessen Gipfel wir von sieben verschiedenen Standpunkten die bezauberndsten Aussichten genießen. Auf dem halben Wege nach Aussig, eine Viertelstunde ostwärts von der Elbe, erhebt sich unweit des Dorfes Nieder-Welhottin der schroffe Spaltenstein, eine auf grauem Sandstein aufsitzende, dreimahl gespaltene Basaltkuppe, die aus Laubholz- und Tannenwipfeln, gegen 700 Fuß hoch über der Elbe, mahlerisch hervor ragt. Nicht weit von hier ziehen sich am Elbufer die Podskalsky-Weinberge nach Aussig hinan, die einen, im ersten Jahre wie Champagner schäumenden weißen und rothen Wein liefern. Oberhalb Aussig, das auf dem linken Elbufer liegt, erhebt sich der Schreckenstein, ein nackter Porphyrfelsen, dessen von den Hussiten zerstörte Burg auf das blutige Schlachtfeld hinabschaut, wo im Brachmonat 1426 gegen 12000 Meißner und Thüringer, die Friedrichs des Streitbaren großherzige Gemahlinn, Katharina, zum Schutze des Vaterlandes gesammelt hatte, im Heldenkampfe erlagen.

Haben wir uns verleiten lassen, so weit unsere Wanderung fortzusetzen, so miethen wir in Aussig einen Kahn, der uns nach Schandau zurück bringt.