Vorrede.

Ist das Herz der modernen Naturforschung eine Schneegrube? Draußen lachender Frühling — und im Innern ein kalter Krater, in dem auch dann nur ein Stück Eiszeit dauert?

Ich habe in diesem Buche einmal von einem Besuch in den Schneegruben des Riesengebirges gesprochen: wie da im Näherkommen die vermeintliche Schneefläche sich als ein Teppich duftender weißer Blüten erwies.

Wird unsere Zeit diese weißen Blüten wiederfinden ...?

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Je nachdem, denke ich, wie sich ihr Natur-Begriff allmählich feststellt und klärt.

Eine Anzahl Tagebuch-Blätter vereinige ich hier, die wenigstens aus dem Ringen um diese Frage geboren sind. Sie sind durchaus subjektiv, aber ich tröste mich mit den schönen Worten, die Goethe einst als „Vorschlag zur Güte“ in seinen morphologischen Heften gesprochen hat.

„Die Natur gehört sich selbst an, Wesen dem Wesen; der Mensch gehört ihr, sie dem Menschen. Wer mit gesunden, offenen, freien Sinnen sich hineinfühlt, übt sein Recht aus, ebenso das frische Kind als der ernsteste Betrachter ... Erfahren, schauen, beobachten, betrachten, verknüpfen, entdecken, erfinden sind Geistestätigkeiten, welche tausendfältig, einzeln und zusammengenommen, von mehr oder weniger begabten Menschen ausgeübt werden. Bemerken, sondern, zählen, messen, wägen sind gleichfalls große Hülfsmittel, durch welche der Mensch die Natur umfaßt und über sie Herr zu werden sucht, damit er zuletzt alles zu seinem Nutzen verwende. Von diesen genannten sämtlichen Wirksamkeiten und vielen anderen verschwisterten hat die gütige Mutter niemanden ausgeschlossen. Ein Kind, ein Idiot macht wohl eine Bemerkung, die dem Gewandtesten entgeht und eignet sich von dem großen Gemeingut heiter, unbewußt, sein beschieden Teil zu.“

Während ich diese alten Sätze wieder einmal lese, lächelt mich der blühende Apfelbaum mit seinem weiß und roten Mädchenantlitz schalkhaft um die Giebelecke des kleinen Bauernhäusels an, in dem ich meine Sommermonate im Gebirge verbringe. Die Rotschwänzchen, die unter dem Dach ihr Nest haben, fliegen aus und ein. Im Talgrund liegt ein blaues Gewitter; die absteigende Bergwiese steht mit hartem Smaragdgrün dagegen, unzählige goldene und weiße Blumenpunkte funkeln naß darin; wo das Weiß der Dolden wie ein Schlänglein zusammenfließt, geht der kleine Quell leise summend und plätschernd hindurch.

Ob es sich nicht lohnt, um diese Natur zu ringen, bis sie uns segnet ....?

Haus Bölsche in Schreiberhau, Juni 1903

Wilhelm Bölsche.