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Unsere frische und gesunde Augenblicksarbeit wird nicht unmittelbar bestimmt durch Vermutungen über ganz ferne Dinge der Vergangenheit oder Zukunft.

Zu jeder Kraft gehört wohl ein gewisser Glaube. Aber dieser Glaube wurzelt in tieferen Erfahrungs- und Gefühlswerten als grübelndem Vermuten. Wenn ein tapferes, kraftbewußtes Volk gegen ein Heer von Gegnern um seinen Platz an der Sonne ringt, so vertraut es im Moment auf sein Geschichtsrecht und seine Zukunftsaufgabe, und daran kann ihm keine Theorie etwa über urälteste Herkunft seiner Rasse oder entlegenste Endschicksale menschlicher Rassen überhaupt rütteln. Und so ist es auch mit der Menschheit im Ganzen.

Jeder echte und einigermaßen tiefe Mensch in unserer Kultur, sei er schlicht oder hoch, gelehrt oder bloß mit dem einfachsten Bildungsanteil, – er pflegt auf einer gewissen Reife seines Lebens seinen Menschheitsglauben zu haben. Er hat sein Teil Dinge erlebt, gute und schlechte. Viel schlechtes, enges, beschränktes. Er hat das Bruchstück erlebt, das in jedem kurzen Menschendasein inmitten von so viel Nacht und Schwierigkeiten liegt. Er schwelgt nicht in überflüssigem Schönfärben. Dennoch zieht er als Summe den Glauben, daß neben der Nacht auch Licht ist; daß die Dinge nicht bloß im Trüben stecken bleiben und das Gute sich auf die Dauer doch einigermaßen durchsetzt, wenn auch in schwerer Arbeit und nicht als leichtes Geschenk; daß es, mit einem Wort, trotz alledem vorwärts gehe. Ohne diesen Glauben könnten wir nicht leben, – wir können es aber, denn er gestaltet sich eben als letzter Rückstand aller Erfahrungen immer wieder in uns. Wenn wir durch das Volk gehen und die schlichtesten Leute fragen oder bloß bei ihrem Handeln beobachten, Leute, die eine gewisse Lebensarbeit ernst hinter sich haben und doch still weiterschaffen, so stoßen wir überall auf diesen Glauben; unzählige lebensgeprüfte Männer und Frauen haben nicht die Redegabe, ihm Ausdruck zu verleihen, aber ihre Arbeit ist ihr Ausdruck, und auf dem vertrauenden Geiste dieser Stillen ruht unsere edelste Volkskraft. Zu diesem Glauben gehört aber auch etwas, das über das Bruchstück des Einzellebens hinausgreift. Es gehört der besondere Glaube noch dazu an etwas weiteres, dauernderes, – Kinder, Nachkommende, Volk, Kultur, zuletzt Menschheit; der Glaube, daß auch da etwas weiter sich durchsetze irgendwie von Nacht zu Licht, ein Aufstieg, eine Fortentwickelung, ein Besserwerden.

Man verlangt auch da nichts Überschwengliches, verlangt nicht morgen das Paradies; aber doch etwas, das unserer harten Arbeit mit ihren ungezählten Entsagungen noch einen weiteren Sinn gibt. Auch diesen weiteren Blick haben wir nötig, und auch er hat in seiner Weise etwas Felsenfestes, an dem uns nichts rütteln kann. Auf diesen ganzen stillen Zuversichten baut sich unser praktischer Idealismus auf, den man so bescheiden ausdrücken mag, wie man will, so bleibt er doch zuletzt der Herzschlag unseres ganzen geistigen Lebens im einzelnen wie in der Öffentlichkeit. Und diesen Idealismus, soweit er auch an einen Fortgang oder Fortschritt oder, was dasselbe ist, an einen Sinn der Menschheit glaubt, können, meine ich, weder Untersuchungen und Vermutungen über das fernste natürliche Werden dieser Menschheit in der Vergangenheit noch über ihr vielleicht schließliches Schicksal in der Zukunft unmittelbar berühren. Dieser praktische Idealismus hat sich für die entlegenste Vergangenheit lange vertragen mit der Idee, daß die Menschheit zu Anfang der Dinge in einem lichten Sonnengarten schon einmal im ganzen Glück gewesen sei und daß sie dann erst durch ein Verhängnis auf diesen langen, langsamen Arbeitsweg erst wieder von Nacht zu Licht gebracht worden sei; er hat sich damit vertragen, weil auch so doch der praktische Weg durch Nacht zu Licht für ihn blieb und die sittliche Tat eine Fortschrittstat darin blieb, einerlei, wie es nun zu Anfang gewesen war. Er verträgt sich aber meines Erachtens auch damit, wenn heute der Naturforscher ihm zu zeigen versucht, daß dieses langsame Heraufringen und Herauftasten wahrscheinlich noch viel weiter gegangen ist; daß der Mensch selber erst eine Stufe darin war, die in mühsamer Entwickelung erkämpft werden mußte und hinter der schon eine lange, lange Kette natürlicher Werdegestalten noch unterhalb seiner Bildung heraufkam. Am Trost seiner Arbeit kann es ihm wohl kaum rütteln, daß diese Arbeit noch viel tiefer begonnen hat in der Natur, noch viel mehr überwinden mußte und doch zu dem immerhin gekommen ist, was wir heute haben. Im übrigen würde er aber auch auskommen, vertrauen und seine Arbeit tun, wenn er von all diesen entlegenen Dingen nichts wüßte.

Und so und nicht anders steht es mit ihm auch bei der Zukunft der Menschheit. Es genügt ihm, daß sie zunächst vor dem einzelnen weiter dahinflutet, aller Art zäher Lichtarbeit in ihrem Dunkel auch weiter voll. Zu gewissen Zeiten hat dieser praktische Idealismus seine Arbeit getan und seinen Menschenglauben und Menschheitsglauben und Lichtglauben bewährt, obwohl er hörte, es wären dem Wiederaufwärtsringen der Welt nur noch tausend Jahre angesetzt. Man weiß, wie die früheren christlichen Jahrhunderte unter diesem Druck gestanden haben. Als die Tausend aber um war und die Welt doch noch stand ohne Termin, hat der schlichte Tatidealismus einfach rüstig weiter geschafft, auch damit. Und er würde schaffen, wenn ihm heute wieder mit zwingendem Schluß bewiesen werden sollte, daß auch die natürlich gewordene Menschheit nach natürlichem Gesetz in Billionen oder wieviel Jahren wieder in den tieferen Schoß der Natürlichkeit und Naturarbeit irgendwie zurückgenommen werden müßte. Wir haben ihn uns doch errungen aus dem kleinen Bruchstück unseres armen Menschenlebens, – aus dem winzigen Zuge zum Licht, der in diese Armut hineinbrannte. Wir haben dieses kleine Menschenleben dann angeschlossen an die Arbeit der Menschheit als ein Größeres. Nun, ist auch diese Menschheit zuletzt nur ein Bruchstück, so werden wir den Glauben nicht verlieren. Auch sie ist dann nur wieder ein Symbol gewesen eines wohl noch Umfassenderen, das wir vielleicht im kosmischen Zusammenhang ahnen, wenn zu dieser Menschenerde heute der nächtliche Sternenhimmel mit seinen tausend und tausend Weltenaugen herniederbrennt, – der aber vielleicht selber auch nur noch ein Gleichnis des ganz Unbeschreiblichen ist.

Inzwischen tun wir aber auch wieder unsere Arbeit durch die Jahre, wie viele es sein sollen, – immer im nächsten Ziel zum Licht, ob so, ob so.

Wie mancher von uns hat grade in diesen schweren Zeiten wieder das Gewaltige an sich selbst erfahren, das darin liegt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders; ich frage nicht, ich schaue nicht nach rechts, noch links; ich tue meine Pflicht; mag die Welt zerbrechen; ich tue meine Pflicht. Das ist es, was auch unser großer Dichter meinte, als er seinen Faust, der in ruhelosem Begehren die ganze Welt durchstürmt hatte, zuletzt die Heiligkeit des Augenblicks erkennen ließ.

»Ja diesem Sinne bin ich ganz ergeben,
Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient die Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.«