Das älteste Festungstor

In unseren Tagen des Weltkriegs ist die Ilias ein aktuelles Buch.

Um eine einzelne Burgstadt wird dort gerungen, und doch weiß der Dichter uns den Eindruck zu erwecken, daß es ein Entscheidungskampf der ganzen Menschheit sei. Alle Götter beschäftigen sich nur mit Ilion und den Griechen, als hinge das Schicksal von Recht und Kultur, von Himmel und Erde zuletzt davon ab. Und gerade das ist die ungeheure Stimmung, die wir heute verstehen, wo wirklich die ganze Erde brennt, während es damals nur um ein paar Mauern und Tore an der Schwelle Asiens ging.

Schliemann hat erst so viel später die Stätte selbst wieder ausgegraben, um die der Efeu der Trojasage webte, und es wurde nun doch auch ein starkes geschichtliches Bild – ein Zeugnis menschlicher Zähigkeit, die nicht bloß ein Jahrzehnt ausdauerte. Acht- oder neunmal haben sie immer wieder eine Burg auf den gleichen, durch eigene Trümmer wachsenden Hügel hier gesetzt und ihre Mauern und Tore verteidigt, viele, viele Jahrhunderte lang, und dabei auch einmal wohl (wenn auch in anderer Schicht, als Schliemann meinte) als wirkliche Trojaner.

Es hat doch immer wieder etwas Bezauberndes, wie der kühne Gräber kurz nach dem siebziger Kriege zum erstenmal auf die alten Pflasterplatten unter dem Brandschutt seiner »Goldstadt« stieß, nahe dem uralten Hause, das ihm den wunderbaren Schatz bot, den er den »Schatz des Priamos« nannte; wie er eine lange gespenstische Reihe mannshoher Krüge aufdeckte, groß, daß wirklich ein Mensch hineinkriechen konnte, die Proviantkammer irgendeiner dieser verschollenen Burgen; und wie er dann, dicht vor dem entscheidenden Goldfund, an den Unterbau zweier großer Festungstore geriet, in deren jedem noch der lange kupferne Riegel steckte, der einst die hölzernen Türflügel gegen Nacht und Feind schließen mußte.

Unwillkürlich verweilt die Phantasie bei solchem uralten Tor.

Einerlei, wer nun gerade hier gestürmt hat: an Güte oder Bruch solchen Tors hing einmal das Schicksal dieser ganzen Burg, bange Menschenherzen schlugen dahinter, ob es halte, rohe Siegesjauchzer schallten, wenn es splitterte. Sie ist verbrannt, die Stadt, und ihr Tor muß also gebrochen sein. Aber in ihrem Schutt fand Schliemann die scharfkantigen Trümmerteile vom Gehäuse eines im ganzen Altertum vielbegehrten Tieres, einer Purpurschnecke. In ihrer Weise bewohnt auch solche kleine Purpurschnecke eine Burg, deren Tor sie verteidigen muß. Und wie man an alten Burgtoren noch die unten offenen »Pechnasen« sieht, aus denen siedendes Pech auf die Angreifer herabgeträufelt wurde, so überschwemmt auch die gereizte Purpurschnecke ihren Gegner mit einem scheußlichen Stinksaft aus ihrem Tor. Er hat aber die Eigenschaft, am Lichte trocknend in herrliche Farbtöne auszuklingen, mit denen heute noch spanische Fischer ihre Hemden zeichnen, während einst hier der schlichte Ausgangspunkt der großen Purpurindustrie lag, der diesem eigentlich recht zuwideren Stinkschneckenvolk im alten Byzanz sogar einmal den offiziellen Titel der »kaiserlichen Purpurschnecken« eingetragen hat.

Er ist nie bis in ihre eigene dämmernde Seele eingedrungen, der pompöse Name, und wenn diese Purpurkinder in ihrer schwachen Burg überhaupt ein Bild des Menschenwesens führen, so wird es auch nur das eines großen Ungeheuers sein, das ab und zu durch ihr Tor will oder ihre ganze Burg schleifen will – wert aller Stinktöpfe dieser Burg. Solches Tier hatte aber nicht nur lange vor Schliemanns Goldstadt und ihren Schicksalen die Burg und die Pechnasen gefunden in seiner Art. Es hat in äußerst kunstvoller Weise, durchaus voraufeilend der Menschentechnik, an seine Burgen auch schon gelegentlich Türen gesetzt, regelrechte Festungstore, hinter denen es auch in gespannter Sorge stand, wie die Helden und Mädchen von Troja, und deren Splittern oder Bestehen auch ihm Glück oder Tod bedeutete. Den Weg dazu in höherer Ähnlichkeit zum Menschenwerk finden wir allerdings zunächst auch beim Tier nur, indem wir den Begriff der Burg selber bei ihm noch etwas vertiefen – das aber können wir leicht.

Das Haus unserer Purpurschnecke ist wohl eine kleine Burg, insofern es den weichen Körper hinter einer Art Zementmauer aus kohlensaurem Kalk einmauert bis auf die einzige nötige Türöffnung. Aber abgesehen vom Material dauern doch noch alle Zeichen dabei des rein persönlichen Panzers: es ist nur sozusagen ein steinerner Mauerpanzer, der immer am Leibe mit herumgetragen wird.

Auf dieser Stufe blieb indessen die organische Technik der Natur nicht überall stehen.

Lebhaft gedenke ich noch daran, wie mir selber einst aus antikem Schutt in Syrakus ein solcher Harnisch einer Purpurschnecke in die Hand fiel. Ordentlich gespenstisch hauchte es wie noch umgehendes Altertum daraus an. Zugleich aber rührten die Finger an eigentümliche lange äußere Dornen des Gehäuses, Zinnen gewissermaßen dieser kleinen Burg, wie ich sie im großen eben an der Menschenburg von Syrakus gesehen. Im Leben des Tieres mochten auch diese spitzen Auswüchse irgendeine Hilfe geboten haben neben Kalkwand und Stinktopf. Gerade das aber erinnerte lebhaft an ein anderes, nicht direkt molluskenhaftes, aber auf ähnlicher Mittelstufe stehendes Geschöpf der gleichen Gewässer, das auch in ähnlichem Mauerharnisch steckte und dazu noch diesen ganzen Mauerumfang mit dem wirksamsten Stacheldraht überzogen hatte: den Seeigel.

Wenn man solchem Seeigel in seiner bekanntesten Gestalt am Seestrande begegnet, so erscheint er als das wahre Ideal eines uneinnehmbaren kleinen Forts. Es zeigt nicht einmal das große Ausfalltor der Schneckenburg, sondern nur winzige Schießscharten, durch die feinste Saugfüßchen geschoben werden, wenn es gilt, das starre Fort in eine Art beweglichen Panzerautomobils zu verwandeln. Der Stacheldraht selber ist bisweilen vergiftet, und zwischen seinen Spitzen sitzen perfide Greifzangen, die im kleinen an die Wundermaschinen zum Packen der feindlichen Krieger erinnern, mit denen einst Meister Archimedes Syrakus verteidigt haben soll. Solcher Seeigel ist selber meist ein Räuber, und man ahnt nicht, was seinem so verbarrikadierten Raubnest gefährlich werden könnte. Und doch bemerkt man, daß diesen lebendigen Stacheldrahtfestungen vielfach ihr Fort allein nicht genügt und daß sie danach streben, es noch einmal unter den Schutz einer größeren Befestigungslinie zu stellen.

Mit Staunen sieht man die Seeigel an der harten unterseeischen Felsküste die Pfade der alten Diluvialmenschen gehen, die sich in Höhlen bargen. Diese Urmenschen suchten sich die natürlichen Höhlen ihres Landes aus. Die Seeigel, resoluter noch als sie, schaffen sich die Höhlen selber erst, indem sie das eisenharte Gestein buchstäblich anfressen, aufnagen mit den allerdings auch stahlharten Zähnen ihres mächtigen Kauapparats, den man die »Laterne des Aristoteles« nennt. Doflein, unserer prächtigsten Tierbeobachter und Tierschilderer einer, hat sie am Vulkanfels der japanischen Küste so bei der Arbeit gefunden, den Darm noch erfüllt mit den abgefressenen Gesteinssplittern dieses ungeheuerlichen Mahls. Ist das verwegene Werk aber geglückt, der Fels tunnelartig geöffnet, so fahren sie mit ihrem Panzerautomobil erst als zu ihrer fortan eigentlichen Schutz- und Trutzburg ein. Wer aber sind die Eroberer, die solche Stachelkugel zu solcher Doppelverwahrung zwingen könnten?

Hier beginnt das Kapitel von der vielleicht schrecklichsten Waffe der ganzen Natur.

Wir kehren noch einmal zur Schnecke selbst zurück. In der gangbaren Meinung ist Schnecke wie Muschel das harmloseste, hilfloseste Wesen, das weder Mensch noch Mittier zu schaden vermag. Als es einmal hieß, Hollands ganzer Schutz, das Holz seiner Dammpfähle, sei vom Bohrwurm (in Wahrheit einer Bohrmuschel) bedroht, konnte man mindestens im ersten Punkte doch stutzig werden. Ähnliche Bohrmuscheln wühlen aber nicht bloß im Holz, sondern sie graben auch ganz nach Seeigelart Höhlen in den härtesten Stein. Berühmt sind die antiken Säulen von Pozzuoli bei Neapel, die vermutlich einst aus einem Fischbassin ragten und damals an der Basis von solchen zähen Bohrern tief durchlöchert worden sind. In der Regel wird auch hier einfach mechanisch geraspelt. Wo aber reiner Kalkstein beliebt, da taucht noch ein unheimlicheres Mittel auf.

Das Molluskentier sondert eine scharfe Säure ab, die den Stein unmittelbar anätzt, löst, sozusagen chemisch verbrennt. Wir wissen, was das für Säuren sein müssen, denen selbst der Kalkstein einer Marmorsäule unterliegt, etwa Schwefelsäure. Vor rund sechzig Jahren hat der Bonner Zoologe Troschel denn auch zuerst festgestellt, daß gewisse Schnecken in ihrem Speichel in der Tat freie Schwefelsäure ausspritzten, so stark, daß sie den Marmor italischer Fußböden angriff. Eine kühne Sache, aber ein glänzendster Kunstgriff der Natur für ein Tier, das Felsen anbohren sollte. Gewisse Bohrmuscheln bewähren's denn auch, und gern möchte man es dem Seeigel drüben selber so gönnen. Aber gerade hier mischt sich ein neuer, überraschender Gedanke ein.

Wenn der schönste bunte Cipollinmarmor der himmelragenden Säule, die sonst der Jahrtausende spottet, machtlos zerfällt, verbrennt vor der Schwefelsäurespritze des Molluskentieres – wie hoffnungslos muß solcher furchtbaren Chemie die gewöhnliche Panzerwand eben auch des Seeigels verfallen sein, die doch auch ihre Stärke nur in der Kalkeinlage hat. Wie Wachs an der Sonne müßten ihre Platten vor einem Angriff dieser Art dahinschmelzen, die wehrlose Blöße des Insassen nackt offenbarend. Nun aber wissen wir: die vom Molluskenvolk sind keineswegs auch im Verhalten zu ihren Mitvölkern da unten alle sanfte Lämmer. Gewaltige Schnecken, jene allbekannten, oft als Kriegstrompeten verwendeten Tritonshörner, Ungetüme von selber schier uneinnehmbarer Burg, haben sich der Schwefelsäurespritze wirklich bemächtigt, nicht als harmloser Technik zum Einbrennen in den Fels, sondern als einer verheerenden Waffe.

Alle schauerlichsten Sagen kommen kaum gegen das Bild auf, das hier entsteht: der Drache, der mit seinem sengenden Atem und Geifer Wald und Haus verheert – die Teufelsspinne, die sich dem Ritter durch den Helm bis ins Hirn brennt. Unerbittlich, wo sie ihm im freien Wasser begegnen, halten diese Schwefelsäuredrachen den auf seinen Saugseilen und beweglichen Stacheln kunstvoll heranbugsierten Panzerwagen des Seeigels an, begießen ihn mit ihrer infamen Säure, öffnen die angeätzte Stelle vollends mit der Raspel ihrer Zunge und fressen den armen nackten Passagier heraus. Und auf der Flucht vor diesen Scheusalen geschah es also, daß die Seeigel sich noch einmal in besonderen Höhlenburgen wie in gesicherten Automobilschuppen zu bergen begannen, bereit, lieber harte Steinsplitter zu zerkauen, als sich dauernd den chemischen Stichflammen der Schwefeldrachen preiszugeben.

Sobald aber Tiere in künstliche Höhlen einfuhren, mußte auch das Problem gegeben sein, die Höhle durch eine künstliche Tür beliebig abzuschließen.

Den Diluvialmenschen wird das früh bewegt haben, wenn draußen der grimme Höhlenlöwe durch die Nacht brüllte. Der halbtierische Zyklop bei Homer wälzt wenigstens einen rohen Steinblock vor. Freilich, der Seeigel selber hat's noch nicht. Wenn man ihn herausziehen will, stemmt er sich mit aller Gewalt seines beweglichen Stacheldrahts gegen die Höhlenwände, als müsse das genügen. Aber er so gut wie die Schnecke haben ihren eigenen Leibespanzer doch aus Kalkmaterial körperlich selber aufgebaut, sozusagen ausgeschwitzt. Nun sitzt der Panzer noch einmal im Überpanzer, dem engen Höhlenhals. Sollte einer da drinnen nicht ebenso, wie die Schwefelsäureschnecke nach außen ins Fremde hinein zerstören konnte, so nach außen ins Fremde auch etwas weiter aufbauen? Etwa auch etwas absondern, das zeitweise den verdächtigen Höhleneingang ganz zubaute?

Am eigenen Häuslein kennt die Schnecke ja schon so etwas auf Widerruf. Nach zwei Methoden. Bald scheidet sie für ihre ungestörte Winterschlafzeit oder auch allzu dörrende Wüstenhitze einfach eine provisorische, wieder lösbare spanische Wand vor ihrer Schalentür aus ähnlichem Kalkschleim ab, wie er die Schale selbst erzeugt hat. Oder sie verwertet ein altes Schildbürgerprinzip: wie der dort sich ein Stück Blech in den Hinterboden der Hose als die im Kampf gefährdetste Stelle einnähen ließ, so führt sie vorsorgend schon ein hartes Schildstück in ihren sonst weichen Fußrücken, und das klemmt sie gegebenenfalls einfach wie ein Monokel in die Türrundung.

Zunächst das letztere Prinzip hat dann mehrfach Freunde gefunden. Bekanntlich lieben es manche Krebse, sozusagen auf Raub und Schummel sich nachträglich in leere Schneckenhäuser einzunisten. Solche Aftermieter bevorzugen nun auch, so gut es ihnen gegeben ist (sie können nicht so leicht Kalk sabbern wie der echte Hausherr, die Schnecke), die Schildbürgermethode – sie klemmen, oft doch auch höchst kunstgerecht, ihre Scheren und Beine in die ledige Türöffnung, zum Zeichen, daß sie nicht zu sprechen sind, und es langt auch so.

Aber in der selbstgegrabenen Burghöhle wird diese Methode doch schon schwerer. Gehen muß sie im Notfall ja auch. Bei den Kolobopsisameisen, die in hohlen Zweigen wohnen, muß stets ein treuer Soldat des Volkes sich mit dem vorne genau abgestutzten Dickkopf wie ein Pfropfen in die Tür zum Bau klemmen, wobei der lebendige Verschluß so gut paßt und in Farbe und Rauhigkeit der Oberfläche so genau von außen die Rinde fortsetzt, daß so leicht keiner hier eine Tür überhaupt ahnt. Bei einer Spinne (Cyclosoma), die sich senkrechte Erdschachte gräbt, wird gar das eigene Hinterteil so benutzt, das, aufgeblasen und dann ganz jäh völlig platt abgeschnitten, eine Art natürlichen Sektpfropfens bildet.

Aber wenn schon die Höhle ein selbstgefertigtes Fremdding an sich sein soll, wieviel besser wäre es, auch diese äußerliche Höhlentür wäre zuletzt wieder ein Fremdwerk, erst zweiter Hand aus irgendeinem gegebenen Material gezimmert. Und diese letzte praktische Folgerung hat endlich die sogenannte Minier- oder Tapezierspinne (Nemesia- und Cteniza-Arten Südeuropas) im Bann der Entwicklung gezogen. Sie gräbt sich Schutzschachte horizontal in Abhänge hinein, vor allem auch als wohlverwahrte Kinderstuben. Hier hat es Zweck, die Tür hinter sich zu schließen, auch wenn sie selber ausgeht. Ihre große Naturtechnik ist aber das Spinnen. Mit dichter Spinnseide hat sie schon den Schacht selber wie mit einer Tapete, die dem Abbröckeln der Wände wehrt, ganz ausgeklebt. Was kann es dieser Meisterin verschlagen, auch einen kreisförmigen Vorhang zu weben, der den Eingang deckt. Aber sie webt ihn nicht ganz zu, sie schafft ihn als lose bewegliche Platte, die bloß oben in einem Scharnier hängt. Sie webt Erde darein, so daß er selber auch als Tür von außen das Loch nicht verrät. Und sie klappt den Deckel auf, wenn sie hinaus will, hinter ihr fällt er an dem schrägen Hang dann von selber wieder zu. Ist sie aber daheim, so wendet sie für den, der doch das Versteck entdeckt hat, die gleiche Art noch obenein an wie jene Ameisenwache: sie krallt ihre Klauen in kleine Löcher der Türfüllung, stemmt sich fest im Schacht auf und hält krampfhaft die Pforte zu.

Es fehlte bloß noch, daß sie einen Riegel vorschöbe, so wären wir ganz wieder in Troja …