Hauffs Leben.
(Nach G. Schwab.)
Wilhelm Hauff ward zu Stuttgart, wo sein Vater als Regierungssekretär lebte, am 29. November 1802 geboren. Er war erst sechs Jahre alt, als sein Vater, der als »Anhänger des guten alten Rechts« (1799) acht Monat schuldlos im Gefängnis auf Hohenasperg saß, nach Tübingen an das Oberappellationstribunal versetzt wurde, 1808 als Ministerialsekretär wiederum nach Stuttgart berufen, dort im darauffolgenden Jahre starb. Seinen Großvater, der Landschaftskonsulent war, hat Hauff trefflich in dem alten, ehrenfesten, am Rechte haltenden Lanbek im »Jud Süß« gezeichnet. Die Witwe Hauff, Tochter des Obertribunalrats Elsäßer in Tübingen zog nach dem Tode ihres Gatten mit ihren Kindern nach ihrer Vaterstadt zurück. Diese vortreffliche Frau hatte durch ihre sittliche, veredelnde Erziehung einen wohltätigen Einfluß auf das weiche, empfängliche Gemüt des Knaben; sein Talent zu erzählen, bildete sich im häuslichen Kreise unter der Mutter, die selbst eine vorzügliche Erzählerin war, und der Schwester früh aus.
Er besuchte mit seinem älteren Bruder Hermann, der ein großes Sprachentalent und Gedächtnis vor ihm voraus hatte, die Schola anatolica – nach dem Mons anatolicus, einem Vorhügel des Oesterberges bei Tübingen benannt.
Eine rege Aufmerksamkeit auf alles und ein glückliches Auffassungsvermögen führten ihn zur selbständigen Ausbildung seines Geistes; auffallend war schon im zehnten und elften Jahre sein Hang zu den Gebilden der Phantasie und er schwärmte für leichte Historien und Romane; mit sehr viel Laune hat er später in seinem ersten Bande der »Memoiren des Satan« diese Neigung dargestellt und uns ein komisches Bild von seinem eigenen poetischen Treiben in der Schule gegeben. Wenig geneigt zu den lärmenden Spielen der Knaben im Freien, war den Brüdern der große Büchersaal des alten Großvaters der liebste Tummelplatz, wo die Knaben in mannigfaltigen Spielen darstellten, was sie in den Bildern der Folianten gesehen hatten; namentlich prägte sich ihnen das Mittelalter und die Zeit des Uebergangs in die neuere Geschichte lebhaft ein; auch die neueste Geschichte ging nicht leer aus, und hier waren es die Gespräche des Großvaters mit seinen Freunden, denen die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauschten; in seinen Novellen finden sich oft Eindrücke aus der napoleonischen Epoche wieder.
Auf diesem Wege schuf sich der jugendliche Geist aus den mannigfachen Bildern ein Bild der Natur und des Menschen, dessen Umrisse immer bestimmter und fester wurden; er gewöhnte sich früh daran, jene Bilder mit Sicherheit im Gespräche zu handhaben, und legte dadurch den Grund zu der Darstellungsgabe, die später sein Hauptverdienst war.
Sein überraschendes Deklamationstalent gab die Veranlassung, ihn zum künftigen Prediger zu bestimmen und er wurde mit ziemlich mittelmäßigen Kenntnissen 1817 in die Klosterschule zu Blaubeuren aufgenommen. Viel hatten zur Vernachlässigung der klassischen Studien eine zarte Konstitution und periodische Krankheit beigetragen und erst in dem prächtigen gesunden Albtale bei Blaubeuren fing seine Gesundheit an zu erstarken.
Mit mehr Sinn für Literatur und Kunst als für Theologie und Philologie bezog er 1820 die Universität Tübingen. – Wenn er auch wenig Geschick zu den ritterlichen Fertigkeiten des Burschenlebens zeigte, so nahm er doch an allem lebendigen Anteil, was jugendliche Gemüter in jener Periode begeisterte und er tat sich unter den Dichtern und Rednern der damals, wenigstens noch in Tübingen und anderen kleineren Universitäten, blühenden Burschenschaften hervor. Die Stimmung der Zeit, die wehmutsvolle Sehnsucht nach Freiheit, die Erinnerung an die zahlreichen Siege und Opfer spricht sich in vielen seiner Gedichte aus; auch wurden einige seiner Lieder bei dem Wartburgfeste vorgetragen.
Den engern Kreis seiner Freunde ergötzte er durch seine glücklichen Einfälle, seine Gesprächigkeit und Munterkeit, seine Extravaganz. Doch selbst im Zustande burschikoser und geselliger Exaltation ließ er nie Besonnenheit vermissen. Obgleich jugendlich-eitel, reizbar und empfindlich, hörte er doch mit seinem Humor nicht, wie so viele Humoristen, an sich selbst auf, sondern er war der erste, der seine eigenen kleinen Schwachheiten zu bespötteln und in ihrer Beharrlichkeit als Karikatur an sich selbst darzustellen kein Bedenken trug. Zuweilen warf er seine Einfälle aufs Papier mit seltener Leichtigkeit und Gewandtheit, weder eigene noch fremde Schwäche scheuend.
1824 machte er das Doktorexamen und sah sich als Kandidat der Theologie nach einer geeigneten Stelle um. Durch die Vermittlung eines älteren Freundes fand er in dem Hause des Kriegsrat-Präsidenten General Freiherr von Hügel in Stuttgart eine Stellung als Hauslehrer und bekleidete diese Stelle bis zum Frühjahr 1826. In dieser liebenswürdigen, feingebildeten Familie lernte er die Formen des höheren geselligen Lebens in der Nähe kennen; der heitere, natürliche Ton des Hauses erlaubte ihm, manches schöne, frische Bild aus dem Leben aufzufassen, und solche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar, nachdem er sie empfangen, als irgend eine anmutige Schilderung in seinen Dichtungen wieder auf. Seine Stellung ließ ihm Zeit zu Studien und Arbeiten; auch bestand er 1825 das zweite theologische Examen.
Das erste kleine Werk, mit dem er 1825 öffentlich auftrat, ist der »Märchenalmanach auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter Stände«. Zunächst für seine Zöglinge niedergeschrieben, beweist diese kleine Sammlung Hauffs eigentliches Dichtertalent; diese Märchen, deren ursprünglicher Stoff zwar nicht ihm selbst angehört, die jedoch mit freiem Phantasiespiel behandelt und schön abgerundet sind, gehören mit zu den besten seiner Werke; im Almanach für 1827 folgte eine weitere Reihe prächtiger Märchen. Die besten davon, die nicht allein jugendliche Gemüter fesseln, sondern auch von dem gereiften Manne mit immer neuer Freude gelesen werden können, gehören nicht rein dem Gebiete des Märchenhaften an – nein! diese sagenhaften Geschichten aus dem Spessart ergreifen das Herz und eine lebendige unvergängliche Jugendfrische steigt aus diesen Gebilden hervor.
Unmittelbar auf diesen ersten Märchenalmanach folgt der erste Teil der »Mitteilungen aus den Memoiren des Satan«, die reich an heller Phantasie und glücklicher Darstellungsgabe sind und in denen ein kecker Humor und treffende Satire walten. Die barocke Studentenwelt, von deren Anschauung der junge Mann eben erst herkam, gab ihm hier vielfache Gelegenheit, sein Talent zu üben; diese Satansmemoiren erregten Aufsehen und verschafften dem Verfasser einen ausgebreiteten Ruf, erzeugten aber auch seiner Zeit durch ihre satirischen Ausfälle manchen Aerger, manche Empfindlichkeit und besonders wurde ihm der Angriff auf Goethe und seinen Faust sehr verübelt. Manche dieser Skizzen, in denen er Figuren aus seinen Bekanntenkreisen gezeichnet hat, sind von zwingendem Humor und reicher Satire, in denen Hauff eine Meisterschaft besaß. Die Novelle »Der Fluch« scheint Hauff eingeflochten zu haben, weil er vielleicht die eigentliche Lust zur Fortsetzung dieser Mitteilungen verlor.
Da Hauff merkte, wie leicht ihm die Darstellung wurde und daß ihn seine Beobachtungsgabe auch für moderne Stoffe befähigte, entschloß er sich aus der idealen Märchen- und Phantasienwelt in die realere des Konversationslebens überzugehen. Im Winter 1825 bis 1826 schrieb er den »Mann im Mond«, einen kleinen Roman aus dem modernen Leben. Nach Andeutungen von G. Schwab und nach den Erinnerungen von Wolfgang Menzel scheint Hauff zuerst lediglich die Absicht gehabt zu haben, das große Publikum zu interessieren. Wolfgang Menzel, der das Manuskript gelesen hatte, machte ihm die größten Vorwürfe, ein Machwerk à la Clauren (Hofrat Heun in Berlin) geschrieben zu haben, und daß sein Flug nicht höher ginge als der des Berliner Hofrats. Er gab ihm den Rat, die Farben noch viel stärker aufzutragen und dann das Buch unter Claurens Namen erscheinen zu lassen. Hauff befolgte den Rat. Es steht jedoch noch in Frage, ob Menzels Darstellung eine richtige ist; sie wird von vielen neuerdings bestritten. Jedenfalls schaffte Hauff somit eine köstliche Satire auf Clauren, eine verkehrte und verwerfliche Manier mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung derselben bekämpfend.
Wilhelm Hauff fühlte jedoch später, was er sich denjenigen gegenüber schuldig war, die ernstere Rechenschaft von dem Schriftsteller fordern; er griff den Gegner in seiner durch Gesinnung und Ausdruck nicht minder als durch beißenden Witz und echten Humor ausgezeichnete »Kontroverspredigt« auf eine gründlichere und entschiedenere Weise an. Seine Kontroverspredigt ist eine von sittlicher Entrüstung getragene vernichtende Kritik der Claurenschen Manier.
Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch seinen »Mann im Mond« gefunden und die Lust, sich mit modernen Schriftstellern zu messen, führte ihn immer mehr den Darstellungen der modernen Welt und dem eigentlichen Konversationstone in der Novelle zu. So entstand eine Reihe von Erzählungen, die in belletristischen Zeitschriften und Taschenbüchern erschienen – nur »Jud Süß« schrieb er später – und der zweite Teil der Satansmemoiren.
Der Erfolg, den Walter Scott mit seinen historischen Romanen auch in Deutschland hatte, veranlaßte ihn, einen deutsch-historischen Roman zu schreiben, und er begann seinen »Lichtenstein,« den er in sehr kurzer Zeit beendete. Diese romantische Sage fand großen Beifall in ganz Deutschland. Der anmutige Stoff ist keine Sage, sondern reine Erfindung des Verfassers, die sich wie Efeu hinaufrankt an das alte Felsenschlößchen Lichtenstein. Trotz mancher Mängel der Anlage und Charakterzeichnung sind doch große Schönheiten im einzelnen und Hauff würde bei einem zweiten Romane dieser Art gewiß etwas Vollkommenes erreicht haben. Hauff ist in der Charakterisierung des Herzogs Ulerich von Württemberg bedeutend von der historischen Wahrheit abgewichen und hat ihn viel zu ideal geschildert, sich auch im ganzen große geschichtliche Licenzen erlaubt, doch spricht aus diesem Roman ein so edler, hoher Sinn, er ist so getragen von des Autors liebevoller Vertiefung in die Vergangenheit seines Heimatlandes, so viele erschütternde, poetische und auch komische Szenen schmücken das Werk, daß »Lichtenstein« stets eine Perle unseres Sagenschatzes bleiben und zu den Lieblingsbüchern unseres Volkes gehören wird.
Nach Vollendung seines Lichtensteins verließ Hauff seine bisherigen Verhältnisse. Der Ertrag seiner literarischen Arbeiten erlaubte ihm eine Reise zunächst über Frankfurt und Mainz nach Paris und dann durch Belgien und Norddeutschland. Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf diesen Wanderungen allenthalben, besonders in Dresden, Berlin und den Hansestädten persönliche Freunde unter allen Klassen der Gesellschaft.
Durch den Kriminaldirektor Hitzig in Berlin, den er in Hamburg kennen gelernt hatte, wurde dem jungen Württemberger der Aufenthalt in der preußischen Hauptstadt so angenehm wie möglich gemacht, namentlich dadurch, daß er ihn mit den literarischen Kreisen vorzüglich mit der berühmten Mittwochs-Gesellschaft und ausgezeichneten Männern in Verbindung brachte. Im Spätherbst 1826 kehrte er nach Stuttgart zurück, durch Eindrücke gestärkt und Erfahrungen bereichert. Für die Poesie trugen Hauffs Reisen nur eine zur vollen Reife gekommene Frucht, die prächtigen »Phantasien im Bremer Ratskeller«, womit er im Herbst 1827 den Freunden des Weines ein Geschenk machte. Diese glückliche Mischung von übermütigem Humor und poetischem Ernst, diese lebendige Charakterisierung der köstlichen Figuren sichern den Phantasien durch ihre echte, feurige Poesie einen dauernden Wert. Kurz vorher hatte er die Erzählung »Das Bild des Kaisers« geschrieben, in der historische und poetische Wahrheit zugleich enthalten ist; er hat hierin dem obengenannten Baron von Hügel ein Denkmal gesetzt, der seiner Zeit Adjutant von Napoleon war.
Nach der Heimat zurückgekehrt, übernahm Hauff am 1. Januar 1827 die Redaktion des im Cottaschen Verlage erscheinenden »Morgenblatts für gebildete Stände,« dem er einen neuen Aufschwung verlieh; er brachte in demselben einige Abhandlungen und Skizzen. Im Februar desselben Jahres verheiratete er sich mit einer Cousine seines Namens, mit der ihn längst eine zarte Neigung verbunden hatte. Seine Freunde erzählen heitere Geschichten von dem Bestreben des jungen Mannes, diese Liebe, die den Verhältnissen gemäß den allergeradesten Gang hätte nehmen müssen, ins Gebiet des Phantastischen und selbst der Intrige hinüberzuziehen, so sehr war ihm romantische Verwicklung auch im täglichen Leben Bedürfnis. Dieser Bund schien übrigens sein Lebensglück dauerhaft zu begründen und gab ihm neue Lust zur Arbeit. Er trug sich mit dem Gedanken, einen historischen Roman zu schreiben, dem die Kämpfe in Tirol im Jahre 1809 zugrunde liegen sollten, und zu diesem Zwecke machte er im Juli eine Reise nach Tirol. –
Leider nahte ihm im neuen, jungen Glücke ein früher Tod.
Die Freude über die Geburt eines Töchterchens fand ihn schon durch Unpäßlichkeit gedrückt, die durch angestrengte Dienste am Kranken- und Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten teueren Freundes verursacht war. Bei der Beerdigung eines andern lieben Freundes zog er sich eine heftige Erkältung zu, und ein tückisches Nervenfieber beschlich den Widerstrebenden, der gewaltsam zur gewohnten und ihm so lieben Arbeit zurückkehren wollte.
Wenige Stunden, so erzählt sein Bruder, bevor das Fieber seine Sinne in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum letztenmal seine Züge bei der Kunde von der Seeschlacht bei Navarin; das Ereignis, das so viele Dichter zu politisch-poetischen Erzeugnissen begeisterte und Freude in der ganzen gebildeten Welt erregte, konnte er nicht mehr besingen, er konnte sich nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des Fiebers Wahnsinn, und es war rührend zu hören, wie er, sich für den Schlachtboten nach dem Jenseits haltend, mehr als einmal rief: »Laßt mich, ich muß hin, ich muß es Müller sagen!« denn kaum vor zwei Monaten hatte er in Stuttgart Wilhelm Müller, den Sänger der Griechenlieder, persönlich kennen gelernt und seit wenigen Wochen seinen jähen Tod betrauert.
Wilhelm Hauff entschlief sanft, indem er von den Seinigen Abschied nahm und Gott »seinen unsterblichen Geist« empfahl, am 18. November 1827. Die Teilnahme an seinem frühen Tode war allgemein und sie sprach sich in Stuttgart durch eine sehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und rührend aus. Seine geistigen Mitarbeiter wetteiferten, ihn in Nachrufen zu feiern.
Den schönsten Nachruf widmete Wilhelm Hauffs frühem Hinscheiden Ludwig Uhland:
Dem jungen, frischen, farbenhellen Leben,
Dem reichen Frühling, dem kein Herbst gegeben,
Ihm lasset uns zum Totenopfer zollen
Den abgeknickten Zweig – den blütenvollen!
Noch eben war von dieses Frühlings Scheine
Das Vaterland beglänzt. – Auf schroffem Steine,
Dem man die Burg gebrochen, hob sich neu
Ein Wolkenschloß, ein zauberhaft Gebäu.
Doch in der Höhle, wo die stille Kraft
Des Erdgeists – rätselhafte Formen schafft:
Am Fackellicht der Phantasie entfaltet,
Sah'n wir zu Heldenbildern sie gestaltet;
Und jeder Hall, in Spalt und Kluft versteckt,
Ward zum beseelten Menschenwort erweckt.
Mit Heldenfahrten und mit Festestänzen,
Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen
Umkleidete das Altertum den Sarg,
Der heiter die verglühte Asche barg:
So hat auch er, dem uns're Träne taut,
Aus Lebensbildern sich den Sarg erbaut.
Die Asche ruht – der Geist entfleucht auf Bahnen
Des Lebens, dessen Fülle wir nur ahnen,
Wo auch die Kunst ihr himmlisch Ziel erreicht
Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht.
Hauffs literarischer Nachlaß war gering; die erste Ausgabe seiner sämtlichen Werke wurde durch Gustav Schwab veranstaltet, der mit ihm im persönlichen Verkehr gestanden hatte. Hauffs heiterer, phantasievoller Geist, sein sinnendes Gemüt, sein jugendfrisches, liebenswürdiges Wesen spricht lebendig aus allen seinen Werken, die hierdurch und durch das gewandte Erzählertalent ihren Wert erhielten und zu Schätzen deutscher Literatur wurden.
Alfred Weile.