7.

Als die Sängerin geendet hatte, ergriff der Medizinalrat lebhaft ihre Hand. »Ich wünsche mir Glück,« sagte er, »den wenigen Menschen, die Sie auf Ihrem Lebensweg gefunden haben, beitreten zu können. Meine Kräfte sind zwar zu schwach, um für Sie tun zu können, was die treffliche kleine Exzellenza für Sie tat, aber ich will suchen, Ihr trauriges Geschick entwirren zu helfen; ich will den Brausewind, Ihren Freund, zu versöhnen suchen. Aber sagen Sie mir nur, was ist denn Herr Boloni eigentlich für ein Landsmann?« – »Da fragen Sie mich zu viel,« erwiderte sie ausweichend: »ich weiß nur, daß er ein Deutscher von Geburt ist und, wenn ich nicht irre, wegen Familienverhältnissen vor mehreren Jahren sein Vaterland verließ. Er hielt sich in England und Italien auf und kam vor etwa drei Vierteljahren hierher.«

»So, so; aber warum haben Sie ihm das, was Sie mir erzählen, nicht schon früher selbst gesagt?«

Giuseppa errötete bei dieser Frage; sie schlug die Augen nieder und antwortete: »Sie sind mein Arzt, mein väterlicher Freund, es ist mir, wenn ich zu Ihnen spreche, als spräche ich als Kind zu meinem Vater. – Aber konnte ich denn dem jungen Mann von diesen Dingen erzählen? Und ich kenne ja seine schreckliche Eifersucht, seinen leicht gereizten Argwohn, ich habe es nie über mich vermocht, ihm zu sagen, welchen Schlingen ich entflohen war.«

»Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie sind ein gutes Kind; glauben Sie mir, es tut einem alten Manne wohl, auf solche dezente Gefühle aus der alten Zeit zu stoßen; denn heutzutage gilt es für guten Ton, sich über dergleichen wegzusetzen. Aber noch haben Sie mir nicht alles erzählt; der Abend auf der Redoute, jene schreckliche Nacht? –«

»Es ist wahr, ich muß Ihnen noch weiter sagen. Ich habe, so oft ich im stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorsehung gepriesen, daß man in jenem Hause glaubte, ich habe mich selbst getötet, denn es war mir nur zu gewiß, daß, wenn jener Schreckliche nur die entfernteste Ahnung von meinem Leben habe, er kommen werde, sein Opfer zurückzuholen oder es zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankstück für mich bezahlt haben. Deswegen habe ich, solange ich in Piacenza war, manches schöne Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich mich scheute, öffentlich aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb Jahre dort war, brachte mir eines Morgens Seraphine ein Pariser Zeitungsblatt, worin der Tod des Chevalier de Planto angezeigt war.«

»Chevalier de Planto?« unterbrach sie der Arzt: »hieß so jener Mann, der Sie aus dem Hause Ihres Stiefvaters führte?«

»So hieß er; ich war voll Freude, meine letzte Furcht war verschwunden, und es stand nichts mehr im Wege, meinen Wohltätern nicht mehr beschwerlich zu fallen. Schon einige Wochen nachher kam ich nach B. Ich ging vorgestern abend auf die Redoute, und ich will Ihnen nur gestehen, daß ich recht freudig gestimmt war. Boloni durfte nicht wissen, in welchem Kostüm ich erscheinen würde, ich wollte ihn necken und dann überraschen. Auf einmal, wie ich allein durch den Saal gehe, flüstert eine Stimme in mein Ohr: ›Schepperl! was macht dein Onkel?‹ Ich war wie niedergedonnert; diesen Namen hatte ich nicht mehr gehört, seit ich den Händen jenes Fürchterlichen entgangen war. Mein Onkel! Ich hatte ja keinen, und nur einer hatte gelebt, der sich vor der Welt dafür ausgab, der Chevalier de Planto. Ich hatte kaum so viel Fassung, zu erwidern: ›Du irrst dich, Maske!‹ Ich wollte hinwegeilen, mich unter dem Gewühl der Menge verbergen, aber die Maske schob ihren Arm in den meinigen und hielt mich fest. ›Schepperl!‹ sprach der Unbekannte, ›ich rate dir, ruhig neben mir herzugehen, sonst werde ich den Leuten erzählen, in welcher Gesellschaft du dich früher umhergetrieben.‹ Ich war vernichtet, es wurde Nacht in meiner Seele, nur ein Gedanke war in mir lebhaft: die Furcht vor der Schande. Was konnte ich armes, hilfloses Mädchen machen, wenn dieser Mensch, wer er auch sein mochte, solche Dinge von mir aussagte? Die Welt würde ihm geglaubt haben, und Carlo! ach, Carlo wäre nicht der letzte gewesen, der mich verdammt hätte. Ich folgte dem Manne an meiner Seite willenlos. Er flüsterte mir die schrecklichsten Dinge zu; meinen Onkel, wie er den Chevalier nannte, habe ich unglücklich gemacht, meinen Vater, meine Familie ins Verderben gestürzt. – Ich konnte es nicht mehr aushalten, ich riß mich los und rief nach meinem Wagen. Als ich mich aber auf der Treppe umsah, war diese schreckliche Gestalt mir gefolgt. ›Ich fahre mit dir nach Hause, Schepperl,‹ sprach er mit schrecklichem Lachen; ›ich habe noch ein paar Worte mit dir zu reden.‹ Die Sinne vergingen mir, ich fühlte, daß ich ohnmächtig werde, ich wachte erst wieder im Wagen auf, die Maske saß neben mir. Ich stieg aus und ging auf mein Zimmer, er folgte; er fing sogleich wieder an zu reden; in der Todesangst, ich möchte verraten werden, schickte ich Babette hinaus.

»›Was willst du hier, Elender?‹ rief ich voll Wut, mich so beleidigt zu sehen. ›Was kannst du von mir Schlechtes sagen? Ohne meinen Willen kam ich in jenes Haus; ich verließ es, als ich sah, was dort meiner warte.‹

»›Schepperl, mache keine Umstände; es gibt nur zwei Wege, dich zu retten. Entweder zahlst du auf der Stelle zehntausend Franken, sei es in Juwelen oder Gold, oder du folgst mir nach Paris; sonst weiß morgen die ganze Stadt mehr von dir, als dir lieb ist.‹ Ich war außer mir. ›Wer gibt dir dieses Recht, mir solche Zumutungen zu machen?‹ rief ich. ›Wohlan! sage der Stadt, was du willst; aber auf der Stelle verlasse dieses Haus! Ich rufe die Nachbarn.‹

»Ich hatte einige Schritte gegen das Fenster getan, er lief mir nach, packte meinen Arm. ›Wer mir das Recht gibt?‹ sprach er, ›dein Vater, Täubchen, dein Vater.‹ Ein teuflisches Lachen tönte aus seinem Mund, der Schein der Kerze fiel auf ein Paar graue, stechende Augen, die mir nur zu bekannt waren. In demselben Moment war mir klar, wen ich vor mir hatte; ich wußte jetzt, daß sein Tod nur ein Blendwerk war, das er zu irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm seine Maske abreißen. ›Ich kenne Euch, Chevalier de Planto,‹ rief ich, ›aber Ihr sollt den Gerichten Rechenschaft über mich geben müssen.‹ – ›So weit sind wir noch nicht, Täubchen,‹ sagte er, und in demselben Augenblick fühlte ich sein Eisen in meiner Brust, ich glaubte zu sterben –«

Der Doktor schauderte; es war heller Tag, und doch graute ihm, wie wenn man im Dunkeln von Gespenstern spricht. Er glaubte, das heisere Lachen dieses Teufels zu hören, er glaubte, hinter den Gardinen des Bettes die grauen, stechenden Augen dieses Ungeheuers glänzen zu sehen. »Sie glauben also,« sagte er nach einer Weile, »daß der Chevalier nicht tot ist, daß es derselbe ist, der Sie ermorden wollte?«

»Seine Stimme, sein Auge überzeugten mich; das Tuch, das ich Ihnen gestern gab, machte es mir zur Gewißheit. Die Anfangslettern seines Namens sind dort eingezeichnet.«

»Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu handeln? Darf ich alles, was Sie mir sagten, selbst vor Gericht angeben?«

»Ich habe keine Wahl, alles! Aber, nicht wahr, Doktor, Sie gehen zu Boloni und sagen ihm, was ich Ihnen sagte? Er wird Ihnen glauben, er kannte ja auch Seraphine.«

»Und darf ich nicht auch wissen,« fuhr der Medizinalrat fort, »wie der Gesandte hieß, in dessen Haus Sie sich verbargen?«

»Warum nicht? Es war ein Baron Martinow.«

»Wie?« rief Lange in freudiger Bewegung. »Der Baron Martinow? Ist er nicht in …schen Diensten?«

»Ja, kennen Sie ihn? Er war Gesandter des …schen Hofes in Paris und nachher in Petersburg.«

»O, dann ist es gut, sehr gut,« sagte der Medizinalrat und rieb sich freudig die Hände. »Ich kenne ihn, er ist seit gestern hier; er hat mich rufen lassen; er wohnt im Hotel de Portugal.«

Eine Träne blinkte in dem Auge der Sängerin, und von frommen Empfindungen schien ihr Herz bewegt. »So mußte ein Mann,« sagte sie, »den ich viele hundert Meilen entfernt glaubte, hierher kommen, um die Wahrheit meiner Erzählung zu bekräftigen! Gehen Sie zu ihm; ach, daß auch Carlo zuhören könnte, wenn er Ihnen versichert, daß ich die Wahrheit sprach!«

»Er soll es, er soll mit mir, ich will es schon machen. Adieu, gutes Kind; seien Sie ganz ruhig, es muß Ihnen noch gut gehen auf Erden, und nehmen Sie die Mixtur recht fleißig, alle Stunden zwei Löffel voll!« So sprach der Doktor und ging. Die Sängerin aber dankte ihm durch ihre freundlichen Blicke. Sie war ruhiger und heiter; es war, als habe sie eine große Last mit ihrem Geheimnis hinweggewälzt; sie sah vertrauensvoller in die Zukunft, denn ein gütiges Geschick schien sich des armen Mädchens zu erbarmen.