Hochzeitgruß an Karl Grüneisen.

Berlin, den 18. September 1826.

Mein lieber Vetter!

Entweder kommt dieser Brief vor Deiner Hochzeit zu Dir, oder er kommt gerade recht dazu oder nachher. In beiden ersten Fällen begünstigt mich der Zufall, im letztern wirst Du auch post festum den guten Willen für die Tat nehmen. Ich möchte Dir nämlich recht viel Glück und Segen in diesem Stande wünschen, und diese, Du hast sie ja schon, sollen lange und ungetrübt bei Dir verweilen. Wie ich noch klein war, dachte ich mir das Heiraten als eine sehr leichte Sache und wußte nicht, warum die Leute so viel Wesen davon machen und sogar in die Kirche gehen. Ich dachte, sie ziehen zu einander, die beiden Brautleute; er sorgt dafür, daß Geld ins Haus kommt, und sie kocht ihm dafür allerlei, was er haben mag, und hält Haus. Es ging mir aber damit wie mit dem Konfirmieren. Auch bei diesem Aktus kamen mir die Menschen und ihre Zeremonien wunderlich vor; die Knaben und Mädchen blieben ja, was sie waren, und wuchsen unter der Hand des Pfarrers um keinen Zoll. Als ich aber selbst dabei war, da ging es mir in einem andern Lichte auf. Ich tat einen kurzen, aber ernsten Blick aufwärts und dann ins Leben vor mir, und da kam mir alles so feierlich vor und hatte eine andere Bedeutung gewonnen. Der Pfarrer trug nichts dazu bei, wohl aber ein anderer. So denke ich mir, wird es auch beim Kopulieren sein. Es gibt Augenblicke, wo der Vorhang vor unserer Seele auffliegt, wo wir ahnungsvoll in die Zukunft blicken. Welch reiche Aussicht hat in solchem Moment ein Hochzeiter! Liebe, treue innige Liebe, und Kindtaufschmäuse, und Weihnachtsbäume, die er anzündet und die dennoch auch ihm leuchten, und Spielsachen und das erste Wort des Kindes; und wenn es erst gehen kann, und wenn die Mutter es singen lehrt, singen die einfach schönen Lieder des Vaters, die er der Mutter dichtete in den Tagen der Jugend! Und wenn Deine Blicke weiter und immer weiter hinausgehen, wenn Enkel um Euch spielen und am goldenen Abend singen: »Und als Großvater die Großmutter nahm, da war Großvater ein Bräutigam.« Schöne Aussicht! und wie feierlich wird sie erst, wenn Dein Auge vorüberstreift am Krankenlager, am Kummer häuslicher Leiden, an mancher tränenschweren Stunde, die jedes wartet, so lange er auf der Erde geht. Da faßt wohl Deine Hand mutig die Hand der Geliebten, da schaut getrost Dein Auge in ihr Auge, da denkst Du wohl, geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Und Du hat recht; auch Leiden zu teilen mit der Geliebten, muß süß sein, denn unglücklich ist nur der Einsame.

Glück auf den Weg, mein lieber Vetter, Euch kann es nimmer fehlen, denn Eure Seelen haben sich in einem reinen, klaren Element, im Reiche der Töne, gefunden und verstanden, und gehört denn dieses Reich nicht mehr als jedes andere dem Jenseits an?

In meine innigen Wünsche für Dein Wohl stimmen alle Deine Freunde und Freundinnen in Bremen und Berlin ein; Hitzigs und der Frau v. Chamisso mußte ich Deine l. Frau oder Braut wiederholt beschreiben, und die Ohren müssen Euch geklungen haben, als wir in Bremen im alten Rheinwein Euer Wohl ausbrachten.

Wie gerne hätte ich meine Wünsche in einige Reime gebracht, weil nun einmal Karmina üblich bei derlei Gelegenheiten, aber Du weißt, man muß dazu aufgelegt sein, und einem Dichter möchte ich nicht gerne schlechte Verse zur Hochzeit schicken. Nimm mit diesen Zeilen vorlieb und mit einem redlichen Herzen, das Dir Gutes wünscht. Grüße mir Onkel, Tante und Base Luise; Deiner Liebsten aber küsse, Du tust es ja gerne, die schöne Hand und die blanke Stirne im Namen

Eures treuen Vetters
Wilhelm Hauff.


Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 82: einmal → einmal in der Woche (laut älteren Ausgaben)
welche regelmäßig [einmal in der Woche] des Abends

S. 186: schimmernde → schwimmende (laut älteren Ausgaben)
in Seligkeit [schwimmende] Bräutchen

S. 244: Sonne → Scene
Diese [Scene] zog mich an