Am 10. Februar.

Und wieder überschreibe ich ein Blatt der Chronik:

Elise.

Wir haben gejubelt und gelacht; auch wohl geweint über kleine Schmerzen und verunglückte Freuden! — Wie die Jahre kommen und gehen!

Der Efeu hat nun eine ordentliche, schattige, grüne Laube gebildet; rote und blaue Wachsbilder hat eine kleine schmückende Hand zwischen das Blätterwerk gehängt; wieder flattert ein zahmer Kanarienvogel in der Stube hin und her, von meinen Büchern und Schreibereien auf eine hübsche runde Schulter im Fenster, oder auf einen niedlichen Finger, der ihm winkend hingehalten wird. — Elise ist nun dreizehn Jahre alt auf den Blättern dieser Chronik. Oft wenn ein lustiger Sonnenstrahl über das Blätterwerk schießt, zwitschert wohl Flämmchen — so heißt der neue kleine Freund — fröhlich auf, hüpft aus seinem Bauer, dreht das Köpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen Äuglein einigemal hin und her und flattert dann zum offenen Fenster hinaus. Einen Augenblick glänzt es, hin und her schießend, wie ein Goldpünktchen im Sonnenschein, dann flattert es nach der jenseitigen Häuserreihe und verschwindet in einem Fenster des mittleren Stockwerkes in Nr. Zwölf. Von dort ward es herübergebracht, auch dort hat es ein kleines Messingbauer.

Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fäden schlingen sich wundersam in unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage auch in diese Blätter.

Was tot war, wird lebendig; was Fluch war, wird Segen; die Sünde der Väter wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied!

Eine helle frische Stimme erschallt unten im Hause; ein leichter Schritt kommt die Treppe herauf — Elise horcht. Nach einigen Minuten erschallt plötzlich draußen ein Gepolter, Marthas Stimme läßt sich hören, klagend und ärgerlich. Da ist er — der Taugenichts der Gasse!

Die Tür wird halb aufgerissen, und herein schaut ein lachendes, kerngesundes, mit unzähligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht.

„Nun, Gustav, was gibt’s wieder?“

„O gar nichts!“ sagt das mauvais sujet, den Mund von einem Ohr bis zum andern ziehend, während Martha jetzt kläglich draußen nach Elisen ruft. „Was mag er nur angefangen haben?“ sagt diese aufspringend und hinausgehend. Ein helles herzliches Gelächter, in welches ich sie draußen ausbrechen höre, zwingt auch mich, von meinen Büchern aufzustehen, während Gustav sich ganz ehrbar in einen Band von Beckers Weltgeschichte vertieft zu haben scheint. Ich nehme die möglich ernsteste Miene an und schreite hinaus. Welch ein Anblick erwartet mich!

Die gute Alte hat höchst wahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und ist, das Strickzeug im Schoß, eingeschlafen. Diesen günstigen Augenblick zu benutzen, hat der Taugenichts, der vielleicht mit sehr guten Vorsätzen die Treppe heraufkam, doch nicht unterlassen können.

Festgebunden sitzt die Unglückliche in ihrem Stuhle; Handtücher, Bindfaden, das Garn ihres Strickzeuges, kurz alles nur mögliche Bindematerial ist benutzt, sie unvermögend zu machen, sich zu rühren. Vor ihr auf einem, noch dazu sehr zierlich gedeckten Tischchen, steht ein großer Napf Milch, der höchst wahrscheinlich zu den wichtigsten kulinarischen Zwecken bestimmt war, und um ihn im Kreis sitzt schlürfend und schmatzend — die ganze Katzenwelt des Hauses, von Zeit zu Zeit einen höhnenden Blick nach dem Lehnstuhl werfend, von welchem aus die gefesselte Küchentyrannin strampelt und droht, in wahrhaft tantalischen Qualen.

„Lischen — so jag sie doch weg — (Elise hat vor Lachen die Kraft gar nicht dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel) — o der Schlingel — aber, Herr Wachholder, jagen Sie sie doch weg — es bleibt ja nichts übrig — o meine schöne Milch — der Bösewicht!“ Ja der Bösewicht — wo war er, als diese Tragikomödie zu Ende gekommen war, und man sich nach dem Urheber umsah? Der Band von Beckers Weltgeschichte lag freilich noch aufgeschlagen da, aber von Gustav — nirgends eine Spur!

Wer ist dieser Gustav?

Der Enkel eines Mannes, dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese Blätter hineingeklungen ist, der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg.

Es war im Jahr 1842, als in die Wohnung drüben in Nr. Zwölf, in deren Fenster später der Kanarienvogel so oft hinüberflatterte, eine schöne, schwarz gekleidete, bleiche Frau zog, welche sich Helene Berg nannte, die Witwe eines vor kurzem verstorbenen Mediziners. Sie war es, die schon einmal durch unser Leben und durch die Blätter dieser Chronik geglitten ist, mit jenem Sonnabend im Sommer 1841, an welchem wir den toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhof begruben zu den Füßen der Gräber von Franz und Marie. Sie küßte damals die kleine Elise, aber wir kannten einander nicht. — „Georg Berg“ stand auf dem Grabstein, an welchem sie gekniet und geweint hatte, und in der ärmlichen Wohnung drüben in Nr. Zwölf, in der engen, dunkeln Sperlingsgasse verklingt die letzte Saite der unheilvollen wilden Geschichte, die einst der sterbende Jäger dem Maler Franz Ralff erzählte. — Ist das Lied vorbei? Eine junge fröhlichere Weise nahm den letzten Ton auf, und „Gustav und Elise Berg“ wird die neue Melodie lauten!

Wie die Letzte aus dem stolzen Hause der Grafen Seeburg das Zusammenhängen ihres Schicksals mit dem kleinen Mädchen an meiner Seite erfuhr? — Ihre Geschichte?

Ich fürchte mich fast, die Decke, die über so viel kaum vergessenem und begrabenem Unheil liegt, wieder aufzuritzen.

„Sieh, welch ein schöner Ring!“ sagte einmal Elise, der Frau Helene, die bei uns saß, jenen Reif zeigend, welchen vor langen langen Jahren der alte Burchhard am Hungerteiche im Ulfeldener Walde der toten Luise aus der erstarrten Hand gezogen hatte, welcher so lange Jahre unter jenem bekreuzten Stein gelegen hatte, und der das Wappen des Grafen von Seeburg trug! — Ich habe nicht nötig aufzuschreiben, was folgte! — — — Wir trennten uns damals so bald nicht. Den ganzen Abend ließ die weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen, und Gustav, — Gustav, der Taugenichts der Gasse, begrüßte jubelnd seine Cousine auf seine Weise.

Nachdem er lange unstät sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien der Graf Friedrich Seeburg eine schöne, vornehme, aber arme Italienerin; sie ward die Mutter Helenens und starb sie gebärend im zweiten Jahr ihrer Ehe. Die Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem Menschtum ausgefüllt durch ein Vermittelndes, das Dämonische: da schwebten, „damit das Ganze in sich selbst verbunden sei,“ Geister „viel und vielerlei“ auf und nieder; strafende und lohnende Boten der Gottheit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister verfolgten auch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensüberdruß hießen sie, und auf jede Lebensfreude legten sie ihre ertötende Hand. Wieder zog der Graf über die Alpen nach Deutschland. Das Schloß Seeburg war verkauft, — er kam nach Wien, wo er menschenscheu und finster in einem einsamen, kleinen Hause wohnte. Oft hörte ihn seine Tochter auf- und abgehen in der Nacht; sie hatte keine Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer Umgang. So verlebte sie ihre ersten Jugendjahre fast ganz sich selbst überlassen; während ihr Vater immer finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr zu singen, zu spielen; sie seufzte und fügte sich. Da wurde eines Morgens der alte Graf Seeburg tot im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten Augenblicken zugegen gewesen, er war gestorben wie ihn Helene nur gekannt hatte — einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein junges Mädchen in einer großen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo niemand sie kannte. Es fand sich, daß die Hinterlassenschaft ihres Vaters kaum hinreichte, die während seines Aufenthalts in Wien gemachten Schulden zu bezahlen.

Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser war der einzige, welcher, an das Totenbett des alten Grafen gerufen, nachdem er ihm die Augen zugedrückt hatte, sich der jungen Waise annahm. Er brachte ihre Vermögensverhältnisse in Ordnung; er führte sie, die ebenfalls fast menschenscheu Gewordene, zu guten Menschen, zu seiner alten, freundlichen Mutter. Er schien alles, was er tat, nur als seine Pflicht anzusehen, und er, der ihr anfangs gleichgültig war, gewann ihre Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr seine Hand, und die Gräfin Helene Seeburg ward seine zufriedene, glückliche Gattin, bald noch glücklicher durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt wurde. Da zwangen Verhältnisse — auch seine Mutter war gestorben — den Doktor Berg, Wien zu verlassen; er zog hieher und bemühte sich, eine Praxis zu gewinnen. Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die verheerend von Osten kam und über das ganze Land todbringend zog, auch ihn wegraffte; er ließ seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurück. Auf dem Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff, ward er begraben.

Das war es, was die Frau Helene Berg erzählte, während der Ring mit dem Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, welche den Rubin umwand, vor ihr auf dem Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf die Königsbrücke und warf ihn weithin in den Strom, nachdem ich ihn in zwei Stücke zerbrochen hatte. Helene lehnte neben mir am Geländer, und schweigend gingen wir zurück in die Sperlingsgasse zu unsern Kindern.

War’s nicht ein hübsches, ein glückliches Vorzeichen, dieser kleine goldgelbe Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her flatterte, der seine Wohnung dort und hier hatte, oft ein kleiner treuer Bote war, und an seinem beweglichen Hälschen gar wichtige Nachrichten, Fragen oder Antworten hinüber- und herübertrug?

„Schau mal nach, Lise, das Flämmchen trägt wieder einen Zettel am Halse. Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bösewicht, über den ich die alte Martha draußen noch brummen höre, steckt.“

Zwitschernd hüpft Flämmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel ab, und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft:

„Lise!

Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch dazu leider gezwungen bin (scheußlich!) 3 Seiten, schreibe drei Seiten, voll lateinischen Unsinns zu übersetzen (ich möchte nur wissen, wozu ein Maler, und ich will einer werden, Latein braucht?????) so bitte ich Dich, den Onkel (Du brauchst ihm diesen Brief nicht zu zeigen) ebenso auf seinem Lehnstuhl festzubinden, wie ich die alte Martha festgebunden habe und sobald als möglich vor die Tür zu kommen. — Ich will Dir mal was Wichtiges sagen.

Gustav.

P. Scr. Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe, schleiche ich an den Häusern hin zu Euerer Tür! Komme bald!!

P. Scr. Bring Deine Korbtasche mit!“

„Was mag er nur wollen?“ fragt Lischen, die schon nach dem Nagel guckt, an welchem ihre Tasche hängt, während ich trotz des warnenden Passus den Brief des Übeltäters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist prächtig: weil ich ein Exerzitium von bedenklichster Länge machen muß — so komme sobald als möglich! Und dann die kleine Heuchlerin, die recht gut weiß, was der Faulpelz will!

„Was für einen Tag haben wir heute, Lischen?“

„Ah — Sonnabend!“ ruft Elise. „Jetzt weiß ich’s! Er hat sein Taschengeld gekriegt.“

„Welches eigentlich die alte Martha konfiszieren müßte. Höre, Lischen; schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor, daß die ‚scheußliche‘ Arbeit fertig sein müsse.“

„Wie lange dauert das wohl, Onkel?“ fragte die Lise ganz bedenklich; sie zöge das „Sobald als möglich“ unbedingt vor.

„Nun — zwei Stunden, mindestens.“

„Oh, oh zwei Stunden?!“

„Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer als der andre.“

„Onkel, Gustav sagt aber: je länger er an einer Arbeit säße, desto mehr Böcke mache er.“

„Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie fürs erste nur fertig machen und mit herüberbringen. Schreib ihm das.“

Elise stellt jetzt eine große Auswahl unter meinen Federn an und beklagt sich sehr über „unsere“ schlechte Tinte; während Flämmchen, auf einer Stuhllehne sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die Sache zu lange dauert, sich bemüht, über dem Tisch flatternd, ebenfalls in das Tintenfaß zu schauen, um den Grund der Zögerung zu erfahren. Endlich jedoch ist Elise mit ihren Vorbereitungen fertig und schreibt:

„Lieber Gustav!

Dein Brief ist glücklich angekommen. Flämmchen hat ihn gebracht. Die alte Martha hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen; sie will Dich tüchtig waschen, wenn Du kommst. Den Onkel kann ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der Stube auf und ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein Exerzitium fertig machen und es mitbringen, eher soll ich nicht kommen! Mach schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit!

Elise.“

Auch diese Botschaft wird dem Flämmchen umgehängt; die Praxis hat es gelehrig gemacht; zwitschernd schüttelt es das Köpfchen, als wolle es sagen, nun ist’s aber genug, jetzt komme ich nicht wieder, und — verschwunden ist’s. Elise sitzt wartend vor ihrem Nähtischchen unter der Efeulaube, ich vertiefe mich wieder in meine Bücher, aber keine halbe Stunde vergeht, da ertönt unterm Fenster ein heller Pfiff, und Elise springt auf und schaut hinaus.

„Da ist er schon!“ ruft sie halb zurück mir zu.

„Komm herauf, Gustav!“ ruft sie hinunter.

„Dieses weniger!“ erschallt unten die Schülerredensart, und mich wundert wirklich, daß der Bengel diesmal nicht die noch dazu gehörende weise Benachrichtigung damit verbindet: Aber mein Bruder bläst die Flöte.

„Hast Du Dein Exer?“ (scilicet citium) ruft Elise.

„Versteht sich; fix und fertig, komm herunter, Du kannst es ihm hinaufbringen.“

Elise sieht mich fragend an, und ich nicke. Herunter ist sie wie der Blitz, und ich gehe ans offene Fenster, hüte mich aber wohl, etwas von meiner werten Persönlichkeit sehen zu lassen.

„Du bist aber schnell damit fertig geworden, Gustav!“ sagt Elise, und ich stelle mir eben lebhaft vor, wie der Schlingel grinst, als er ihr sein Machwerk einhändigt.

„Mit Geduld und Spucke

Fängt man jede Mucke!“

lautet die Antwort: „Hier, nimm Dich in acht, es ist noch naß; und höre, Lischen — komm schnell wieder herunter, eh er hineingeguckt hat; er könnte mich noch zurückrufen!“

„Taugenichts! das mag was schönes sein!“ moralisiert Elise, die ich nun die Treppe heraufkommen höre.

„Da ist’s, Onkel!“ ruft sie in die kaum handbreit geöffnete Tür, wirft das edle Manuskript auf den nächsten Stuhl, schlägt die Tür zu, und — in drei Sätzen ist sie die Treppe hinunter.

„Lise, Lischen, Elise!“ rufe ich, aber wer nicht hört, ist Fräulein Elise Johanne Ralff.

„Komm schnell, er ruft schon!“ sagt unten der Schlingel, sie am Arm fassend, und fort sind sie um die Ecke!

Da liegt nun das blaue Heft, auf dem Umschlag: „Gustav Berg“ und drunter die geniale Übersetzung Gustavus Mons mit Angabe von Wohnort, Datum und Jahreszahl. Ich schlage es auf, und es ist in der Tat zweifelhaft, ob der Kollaborator Besenmeier es mit roter Tinte, oder ob es Meister Gustavus Mons mit schwarzer geschrieben hat. — Hier sind die neuesten Seiten. Reizend! Ita uno tempore quatuor locibus (Schlingel!) pugnabatur etc. etc. Als Schulmeister müßte ich ausrufen: „Was soll aus dem Jungen werden?“ Als Nichtschulmeister aber halte ich mich an das — Löschblatt und rufe aus: „Was kann aus dem Jungen werden!“ — Hier „an vier Orten“ schlagen sie ebenfalls Römer, Karthager, Mazedonier, Sarden, und zwar besser als im Latein: Pferde, Menschen, Hannibal ante portas, Triarier, Veliten, Prinzipes! Ausgezeichnet! Ich werde dem Schlingel eine tüchtige Rede halten sowohl über seine „locibus“ als auch über die Unverschämtheit, ein Heft mit solch beschmiertem Löschblatt drin „abliefern“ zu wollen. Das letztere aber werde ich konfiszieren, und Zeichenstunde soll der Junge auch haben; dieser Signifer hat doch etwas zu lange Arme.

Eine halbe Stunde sitze ich nun noch arbeitend, dann schlägt es auf der Sophienkirche Sechs. Ich weiß nicht, ist es das schlechte Beispiel, welches mir da eben gegeben wurde, oder der blaue Sommerhimmel und die Sonne draußen; auf meinem Papier rücke ich nicht weiter, wohl aber unruhig auf dem Stuhle hin und her. Elise hat übrigens auch recht: „unsere“ Tinte ist wirklich abscheulich. Ich schlage meine Bücher zu, ziehe den Rock an und gehe den Tönen eines Fortepianos nach, welche von drüben herüberklingen. Wenn ich in Nr. Zwölf die Treppe hinaufgestiegen bin, so finde ich dort in dem einfach aber hübsch ausgestatteten Zimmer des ersten Stockes eine Dame vor dem Klavier sitzen, die mir freundlich zunickt, ohne sich in ihren Phantasien stören zu lassen. Ich setze mich neben die Rosen- und Resedatöpfe im Fenster, der Musik lauschend, und kann dabei zugleich einen musternden Blick über das Zimmer gleiten lassen. Hier gleich neben mir unter den Blumen steht Flämmchens Messingbauer, in welchem der kleine Vogel bereits auf der Stange sitzt, und das Köpfchen unter den Flügel gezogen hat. Müde von den Anstrengungen des Tages, ist er früh zu Bett gegangen. Im zweiten Fenster, mir gegenüber, steht ein ähnliches Nähtischchen wie das, vor welchem ich sitze; ein Stickrahmen mit angefangener Arbeit liegt darauf. Das ist Elisens Platz; auch sie hat wie Flämmchen hier eine zweite Behausung. Zwischen beiden Fenstern, gegen das Licht gezogen, macht sich ein einst rot bemalt gewesener Tisch breit; bedeckt mit Büchern, Schreibzeug, Heften, Federmessern usw. usw.; bekritzelt, zerschnitten, zerhackt, ist er der Schauplatz von Gustavs „stillen Freuden“.

Hier brütet das Genie über seinen „locibus“, den Kopf auf beide Fäuste gestützt und in den Haaren wühlend; hier füllen sich die Blätter mit Fratzen aller Art, statt mit lateinischen Phrasen; hier werden alle die Dummheiten ausgebrütet, welche die Gasse in Verwunderung und Verwirrung setzen sollen; hier werden mit dem demütigsten Gesicht, der reuevollsten Miene, die Ermahnungen und Vorwürfe, welche die Mutter von ihrem Thron herab auf das Haupt des Taugenichts der Sperlingsgasse schüttet, in Empfang genommen und richtig quittiert durch — einen tollen Streich, eine Viertelstunde nachher; hier, kurz hier — ist Gustav Bergs Schreibtisch!

Als die Tante Helene ihr Spiel beendet hat, erzähle ich ihr die Geschichte des Katzendiners, von dem sie natürlich noch nicht das mindeste weiß.

„Ich kann ihn nicht bändigen!“ ruft sie halb lachend, halb in Verzweiflung aus. „Und die Elise verdirbt er mir auch ganz! Statt zu sticken und Vokabeln aufzuschlagen, schießen sie sich mit Papierkugeln; wenn er ihr einen Käfer in den Nacken gleiten läßt, bin ich sicher, daß sie ihm einen Zopf ansteckt oder einen Eselskopf auf den Rücken malt. Ich spreche und schelte mich heiser und müde, aber es hilft nichts! ‚Tante, er hat angefangen, ich saß ganz ruhig!‘ ‚Mutter, ’s ist nicht wahr, sie hat zuerst geschossen!‘ So geht das den ganzen lieben Tag! Wo mögen sie nur jetzt wieder stecken?“

„Wenn man den Wolf an die Wand malt, so kommt er um die Ecke!“ sagt das Sprichwort, und unsere Altvordern wußten, was sie taten, als sie es aufbrachten. Mit Helenens Frage öffnet sich die Tür, oder vielmehr, sie wird aufgerissen, und herein, hochrot, stürzen — Windbeutel und Wildfang! Kaum erblickt mich aber Freund Gustav, so macht er Kehrt und sucht schleunigst die Tür wiederzugewinnen, glücklicherweise aber bin ich diesmal schneller.

„Halt, Meister! hiergeblieben!“

„Ja, hiergeblieben, Gustav!“ ruft die Mutter.

Ich beginne nun das Verhör.

„Wie alt bist Du jetzt, Gustav? Antwort!“

„Vierzehn und ein halb!“

„Welchen Platz in der Klasse hast Du jetzt?“

„Ich bin der Vierundzwanzigste von oben!“

„Und von unten?“

„Der — der — der Fünfte!“ — (Pause.)

Ich lege nun ein Gesicht an wie Zeus Kronion, wenn’s lange heiß gewesen ist, und er donnern will, und beginne eine Rede, die anfängt: Als ich in Deinem Alter war (wie Nota bene alle Väter und Erzieher beginnen, seit Adam seinen Erstgeborenen „rüffelte“); ich flechte die Milchgeschichte ein, gehe dann zu den „locibus“ in der letzten Arbeit über, bringe einen kleinen Seitenhieb auf Elise an und ende, indem ich die rührend-pathetische Seite — den Kummer der Mutter — herauskehre.

Während der ganzen Dauer dieser „Pauke“ hat mein Missetäter, bald auf dem einen, bald auf dem andern Fuß stehend, mit einem dummpfiffigreuigwehmütigen Gesicht angestrengt einen Punkt oben an der Decke, der ihm sehr merkwürdig erscheinen muß, ins Auge gefaßt. Kaum aber habe ich geendet, so verliert auch besagter Punkt alles Interesse für den Schlingel, „die Erde hat ihn wieder“, er schiebt sich hinter Elise, die fortwährend mit ihrer Schürze zu tun gehabt hat, und dann zu seiner Mutter, die ihm bemerkt:

„Siehst Du; ich hab’s Dir oft gesagt, aber auf mich hörst Du nicht. Wie heiß Ihr seid! Geh’ aus dem Zugwind, Elise, Kind, Du erkältest Dich! Wo habt Ihr eigentlich gesteckt?“

„Wir sind nur auf dem Fontänenplatz gewesen!“ sagt Elise, mit dem Rücken der Hand über den Mund fahrend.

„So! — Und was habt Ihr da gemacht?“

„Wir haben die Goldfische gefüttert!“

„Die Goldfische?! — Gustav, wieviel von Deinem Taschengeld hast Du noch?“

Bei dieser Wendung des Gesprächs steht Gustav auf einmal wieder auf einem Bein und scheint sehr zu bedauern, daß er sich nicht wie die Gänse mit dem andern hinterm Ohr kratzen kann. Langsam fährt er mit der Hand in die Tasche, besinnt sich aber und zieht sie schnell zurück.

„Nun?!“

„Hast Du’s mir zum Ausgeben gegeben, Mama?“ fragt der Schlingel, den seine Erziehung Weiberlogik kennen gelehrt hat.

„Freilich — aber — aber“ — — —

„Nun, ausgegeben hab’ ich’s! Lise kann es bezeugen!“

„Ja, das kann ich!“ ruft Lischen ganz eifrig. „Darüber braucht Ihr ihn nicht auszuschelten!“

Ich komme jetzt der bedrängten Tante zu Hilfe.

„Ausgeben kann er’s freilich, aber das ‚Wie‘ ist jetzt die Frage. Was habt Ihr mit dem Gelde angefangen?“

Das Paar sieht sich stumm an. Plötzlich greift Lise in die Tasche, zieht einen Kirschkern hervor und schnellt ihn Gustav an die Nase. Die Frage ist gelöst.

„Ach so!“ ruft die Tante Berg. „Nun, es ist gut, daß es fort ist, so kann er wenigstens nicht wieder Zigarren dafür kaufen, wie in der vorigen Woche.“

Auch ich bin ganz damit einverstanden, während Elise den Vetter mit dem Ellenbogen in die Seite stößt und ihm zuflüstert: „Warte nur, morgen kriege ich meins!“

Glückliche Kindheit! Alle späteren Lebensalter, die eine einsame Minute fröhlich verträumen wollen, lassen dich vor sich aufsteigen, und ich — der alternde Greis fülle diese Bogen mit längst vergangenen, längst vergessenen Kindergedanken und Kindersorgen! Träumt nicht sogar die Menschheit von einem „goldenen Zeitalter“, einer längst untergegangenen glücklichen Kinder-Welt?