Am 10. Januar.

Seit ich jene Mappe, überschrieben: Ein Kinderleben, — hervorgenommen habe, ist in meinem bisherigen Fenster- und Gassenstudium eine Pause eingetreten. Es soll draußen sehr kalter Winter sein; Strobel behauptet es, auch Rosalie ist nicht dagegen. Ich kann nicht sagen, daß ich viel davon wüßte. In diesen vergilbten Blättern hier vor mir ist es sonniger Frühling und blühender Sommer. Es macht mir Freude, mich darin zu verlieren, und ich erzähle deshalb weiter.

Da ist so ein altes Blatt:

Wir sind sehr ungnädig. Ein alter, dicker, lächelnder Herr ist dagewesen, hat uns den Puls gefühlt, noch mehr gelächelt, einigemal mit seinem spiegelblanken Stockknopf seine Nasenspitze berührt, hat Tinte und Papier gefordert und kurze Zeit auf einem länglichen Papierstreifchen gekritzelt. Martha hat diesen Zettel darauf fortgetragen, der Alte hat uns auf das Köpfchen geklopft und gesagt: „Schwitzen, schwitzen!“

„Brr!“ — —

Mühe genug hat’s dem Onkel Wachholder gekostet, einen solchen kleinen strampelnden Wildfang zur Räson und ins Bett zu bringen. ’S ist auch zuviel verlangt, die Arme so ruhig unter die Decken zu halten und nur den Kopf frei zu haben. — Himmel, was bringt Martha da für einen kleinen braunen Kerl an! Er gleicht fast: dem Sem, dem Ham oder dem Japhet aus dem Noahkasten, trägt ein rotes Mützchen über das Gesicht gezogen und mit einem Faden umbunden, und schleppt hinter sich her einen langen papiernen Zopf. Was ist’s für ein Glück, daß wir noch nicht imstande sind, die Inschrift darauf zu lesen:

Fräulein Elise Ralff.
Alle 2 St. einen Eßlöffel voll.

Wir sehen den Burschen aber doch mißtrauisch genug aus unserm Bettchen an, und der Doktor Wimmer, der zur Hilfe herübergekommen ist (natürlich begleitet vom Rezensenten), meint gegen mich gewandt:

„Geben Sie acht, Wachholder, ohne Spektakel wird’s nicht abgehen. Das Volk hat sich erkältet oder erhitzt; einerlei! Schwitzen, schwitzen! Schweiß und Blut! Probatum est.“

Martha kommt nun mit einem Löffel, einem Glas Wasser und einem Stück Zucker, während die Kleine in ihrem Bette immer unruhiger wird, und Rezensent immer gespannter auf die Entwicklung der Dinge zu warten scheint.

„Ich mag nicht einnehmen!“ wehklagt jetzt Lise, als ich dem Meister Sem die rote Mütze abziehe — „es schmeckt so scheußlich!“

„Aha,“ lacht der Doktor Wimmer — „die oktroyierte Verfassung!“

Während ich mich mit dem Löffel voll Medizin der Kleinen, die sich immer weiter zurückzieht, nähere, suche ich vergeblich alle möglichen Gründe für das schnelle Herunterschlucken hervor.

„Gib’s dem Rezensenten, er war auch gestern mit im Regen!“ ruft Lischen endlich weinerlich.

„Ja, das ist auch wahr; kommen Sie, Onkel Wachholder! Der Redaktionspudel soll’s wenigstens kosten, damit die Lise sieht, daß es den Hals nicht gilt.“

Und der Doktor nimmt, den Rücken der Kleinen zukehrend, den Köter zwischen die Kniee, tut als ob er ihm einen Löffel voll Mixtur eingösse und liebkost den Pudel dabei, daß dieser freudig aufspringt und lustig bellt.

„Siehst Du, Jungfer, wie prächtig es ihm geschmeckt hat! Allons, kleine Donna! Frisch herunter! — — — Eins! zwei! drei! und“ …

Herunter war’s. Schnell das Glas Wasser und das Stück Zucker dahinterher!

„Du häßlicher Hund!“ sagt die Kleine ärgerlich, den Mund in dem Deckbett abwischend, während die alte Martha sie fester wieder zudeckt.

Der Doktor geht nun zurück zu seinen Korrekturbogen, aber der Hund begleitet ihn diesesmal nicht, sondern springt auf den Stuhl neben dem Bettchen seiner grollenden Gespielin und schaut gar ehrbar auf sie herab.

„Ja, gucke mich nur so an und lecke Deinen Schnurrbart,“ sagt Lischen. „Es schmeckte ja doch bitter?! Warte nur, wenn ich erst wieder aus dem Bette darf.“

Da Rezensent nicht antwortet, so nehme ich für ihn das Wort:

„Vielleicht freute sich das arme Tier nur, daß es nun auch bald wieder gesund werden könne, es war doch ebenso naß geworden wie Du und hat gewiß auch die ganze Nacht hindurch gehustet.“

„Nein,“ sagte die Kleine, „er tat’s nur, weil ich ihm meine Schürze über den Kopf gebunden hatte. Sieh nur, wie er sich freut, wie er seinen Schnurrbart leckt!“

Dagegen läßt sich nichts einwenden, das Redaktionsvieh leckt wirklich mit ungeheuerm Behagen die Schnauze, und ich ziehe es vor, die moralische Seite herauszukehren.

„Das war aber auch sehr unrecht von Dir, Elise! Was hatte Dir denn das arme Tier getan? Eigentlich dürfte ich Dir nun die schöne Geschichte, die ich weiß, gar nicht erzählen.“

„Wir wollen uns wieder vertragen,“ sagt Elise wehmütig und nickt dem Pudel zu. „Nicht wahr, Du?“

Glücklicherweise legt Rezensent gravitätisch seine schwarze Pfote auf die Bettdecke, und so nehme ich den Frieden für geschlossen an.

„Gut denn, wenn Du hübsch artig und still liegen bleiben und weder Händchen noch Füßchen hervorstrecken willst, so werde ich Dir eine wunderbare Geschichte erzählen, die noch dazu ganz und gar wahr ist.

Höre:

Es war einmal ein — Küchenschrank: ein sehr vortrefflicher, alter, ehrenfester Küchenschrank, und er stand und steht — draußen in unserer Küche, wo wir ihn uns morgen ansehen wollen! — Er war fest verschlossen, welches von zwei sehr wichtigen und angesehenen Personen, die davor standen, für das einzige Übel an ihm erklärt wurde. Martha hatte aber die Schlüssel in ihrer Tasche, und beide Personen, die ich Dir sogleich näher beschreiben will, erklärten das einstimmig — sie waren sonst selten einer Meinung — für sehr unangenehm, sehr unrecht und sehr Mißtrauen und Verachtung erregend.

Ich habe schon gesagt, daß beide davor sitzende Personen von großem Ansehen und Gewicht waren, sowohl in der Küche wie auf dem Hofe und dem Boden. Beide machten sich oft nützlich, oft aber auch sehr unnütz. Jede hatte ein Amt zu verwalten und verwaltete es auch — das war ihre Pflicht; jede mischte sich aber auch nur zu gern in Dinge, die sie durchaus nichts angingen, und das — war sehr unartig. Vor dem Küchenschrank zum Beispiel hatten sie in diesem Augenblick durchaus nichts zu tun, und doch waren sie da, guckten ihn an, guckten darunter, guckten an ihm herauf. Es roch aber auch gar zu lieblich daraus hervor!

Die eine dieser Personen war mit einem schönen weißen Pelz bekleidet, einen kleinen Schnurrbart trug sie um das Stumpfnäschen und schritt ganz leise, leise auf vier Pfoten mit scharfen Krallen einher. Einen schönen, langen, spitzen Schwanz hatte sie auch, und sie schwang ihn in diesem Augenblick heftig hin und her, denn sie ärgerte sich eben sehr und zwar über drei Dinge:

erstens: über den verschlossenen Schrank,
zweitens: über die andre Person,
drittens: über sich selbst.

Es war, es war … nun, Lischen, wer war es?“

„Die Katze, die Katze!“

„Richtig, die Katze, Miez, der Madame Pimpernell Katze. (Holla, Rezensent! Du brauchst nicht aufzustehen!) Die andre Person war etwas größer als Miez, hatte einen braunen Pelz an, marschierte auch auf vier Beinen einher, wie Miez, aber lange nicht so leise, und sie ärgerte sich auch über drei Dinge: das Schloß am Schranke, die Katze und sich selbst. Ihren Schwanz hätte sie ebenfalls gern hin und her geschleudert, aber sie konnte es leider nicht, denn sie besaß nur einen ganz kleinen Stummel, nicht der Rede wert. Das machte sie fast noch ergrimmter als Miez, denn die konnte doch wenigstens ihrem Zorn Luft machen.

Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein Lise?“

„Der Hund, Marquarts Bello!“ schrie Elise ganz entzückt.

„Geraten, es war Bello, der Edle; ein weitläufiger Verwandter vom Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber — wie gesagt — vor dem Schrank hatte er nichts zu suchen!

‚Nun?‘ sagte Miez, den Bello anguckend.

‚Nun?‘ sagte Bello, die Miez anguckend.

‚Miau!‘ klagte Miez, den Schrank anguckend.

‚Wau!‘ heulte Bello, den Schrank anguckend.

So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben.

‚Packen Sie sich auf den Hof,‘ sagte die Katze, ‚was haben Sie hier zu gaffen?‘

Sie hätte ich Lust zu packen,‘ schrie der Hund, ‚scheren Sie sich gefälligst auf Ihren Boden und fangen Sie Mäuse. Aufkriegen Sie ihn doch nicht!‘

‚Pah!‘ sagte die Katze und schleuderte ihren schönen Schweif dem Hunde zu, welches so viel heißen sollte, als: ‚Armer Kurzstummel, wenn ich nur wollte!‘ Das war aber dem armen Bello zu viel, denn jede Anspielung auf seinen Stummel machte ihn wütend, wie auch der Swinegel, der, wie Du weißt, mit dem Hasen auf der Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts auf seine krummen Beine kommen ließ.

Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr schönes glattes Fell, als auf einmal …

Piep, Piep, Piep! es im Schranke ertönte.

‚Mause, Mi—ause, Mi—ause am Braten drinnen — und ich dri—außen, dri—außen, dri—i—i—außen!‘ jammerte die Katze.

‚Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer Nachlässigkeit!‘ heulte der Hund, und dann — kam Martha vom Markte zurück, und Hund und Katze gingen hin, wo sie her gekommen waren.

Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tüchtig, damit wir morgen die Stelle besehen können, wo diese merkwürdige Geschichte vorgefallen ist.“ Und so geschah’s; Lischen schlief ein, ich aber freute mich, wieder einmal ein Märchen beendet zu haben, wie ein wahres Märchen enden muß; nämlich ohne allzu klugen Schluß und Moral. Daß der Doktor nicht bei meiner Erzählung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb sein. Jedenfalls hätte er wieder schnöde politische Vergleiche und Anspielungen losgelassen, was mir sehr unangenehm gewesen wäre.

„Herr Wachholder,“ sagte Martha auf einmal ganz treuherzig — „das Loch im Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Mäuse können nun nicht mehr hinein.“

„Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Martha!“ Ich dachte an den Doktor und seine Anspielungen.

Am 11. Januar.

Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde höher und höher hinaufsteigt an der Wand des Fensters, geküßt von der warmen Sonne, getränkt von kleinen sorgenden Händen, welche alle verwelkten gelben Blätter abpflückten, daß die Pflanze immer frisch und jung dastehe!

Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das junge Menschenkind wächst und entfaltet sich schöner und blühender als die köstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer älter und gebückter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein braunes. Zum erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat über der ersten Leiche geweint. Der hübsche goldgelbe Kanarienvogel, der so zahm und lieb war, lag eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden seines kleinen Hauses.

So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hände, hauchte ihn an und suchte ihn zu erwärmen, — ach, armes Kind: die Toten kommen nicht wieder!

Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es jetzt schon nicht mehr vergönnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl möchtest; auch dich hat das Leben jetzt schon erfaßt und in seine Wirbel gezogen; — gehe hin mit deinem gedrückten kleinen Herzen, daß du die Schule nicht versäumst! — Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den Blättern der Chronik. Das runde Gesichtchen zieht sich schon mehr und mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand so lieblich macht; aus Lischens Kinderstimme klingt mir nun oftmals — wenn sie sich wundert, sich freut oder klagt — ein Ton entgegen, der mich fast erschreckt auffahren läßt. Es ist derselbe Ausruf, den sie an sich hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich für ewig verklungen hielt, und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder frisch und lebendig wird?

Weine nicht mehr, Lischen, sieh, ich will dich an ernstere Gräber führen, draußen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die blühenden Rosenbüsche und denken, daß die Welt so groß, so unendlich groß sei, und doch nichts darin verloren gehe! Da wollen wir auch dem toten Vogel sein kleines Grab graben und uns vorstellen, daß im nächsten Frühlinge aus seinem Leibe eine hübsche goldgelbe Blume aufsprießen werde: zur Freude des bunten winzigen Schmetterlings und des großen, ewigen Gottes.

Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lischen (wenn du es heute vielleicht auch verschenken wirst) — gib mir einen Kuß und grüße den Herrn Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch weiter.

Lischen nickte und ging — noch immer schluchzend; ich aber machte mich auf den Weg zur Expedition der ‚Welken Blätter‘, ohne eine Ahnung von dem neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen sollte.

Mohrenstraße Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bureau dieses bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschäfte abgemacht mit dem Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen Individuum mit goldener Brille und roter Perücke — jetzt lange tot — und schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Künstlern beiderlei Geschlechts, die gelobt sein wollten, als plötzlich die Türe aufgerissen wurde, und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht ausgemacht, wer von beiden den andern eigentlich mitschleppe.

„Meine Herren,“ schrie einen gestempelten Bogen schwingend der Doktor, „ausgewiesen!“

„Ausgewiesen!?“ ertönte es im Chor verwundert und fragend.

„Auskewiesen? Was das sein, Signore dottore?“ fragte Signora Lucia Pollastra, die jüngst angekommene Baßsängerin.

„Ausgewiesen — ausgewiesen — das heißt — cela veut dire: — eliminito!“ sagte der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen glaubte.

„Dio mio!“ rief die Sängerin, die so klug als zuvor war.

„Sehen Sie, Wimmer, ich hab’s mir gleich gedacht!“ schrie eine feine sächsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flußmann aus „Dresen“ zugehörte — „wie konnten Sie aber auch das schreiben?“

Der Journalist nahm die letzte Nummer der ‚Welken Blätter‘ und las:

… Und wenn alle Esel dieser Maßregel Beifall brüllen sollten: ich kann sie nur „bewimmern!“

— „Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaßregelt!“ sagte der Doktor, welcher sehr gemütlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre im Munde, auf einem hohen Dreibein saß.

„Ich hätte das Deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer!“ sagte Brummer.

„Dann hättest Du ja selbst unter die Beifallsbrüller gehört, Alter!“

Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin stillgeschwiegen und nur mit Würde geschnauft hatte.

„Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor“ …

„Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt!“ lachte der Doktor. „Aber halt, Verehrtester, würden Sie mir vielleicht wohl erlauben, Ihnen jetzt noch eine kleine Rede zu halten? — Fritze, Lümmel! Gib dem Herrn Kommissar einen Stuhl!“

Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei ließ sich schnaufend nieder, und ihr Opfer — begann:

„Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine allgemein historische Tatsache, aber es knüpft sich Bemerkenswertes daran. Damals gab es dort einen raffiniert groben Philister, Deppe genannt, der alle Augenblicke eine sehr drastische Redensart herausdonnerte, übrigens aber der Gott aller der wilden Völkerschaften: Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Möso- und Ostrogoten u. s. w. u. s. w. war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche Student, viel zu zartfühlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch angekränkelt, konnte unmöglich diese Redensart adoptieren. Ebensowenig aber konnte er auch den Effekt derselben auf Pedelle, Manichäer und dergleichen Gesindel entbehren. Was tat er? — Er deckte Rosen auf den Molch und sagte: Deppe! — Deppe überall! Deppe konnte jeder Rektor magnificus, Deppe jeder Professor, Deppe jede Professorentochter sagen. Also, Herr Polizeikommissarius: Deppe! — ’n Morgen, meine Herren, Addio, Signora Pollastra, brüllen auch Sie wohl! Ich muß packen!“

Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verließ das Expeditionszimmer der ‚Welken Blätter‘, um es nie wieder zu betreten.

Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen, als das des edlen Stulpnase. Sprachlos saß er da; auf einmal aber sprang er auf, stülpte den Dreimaster über und schrie:

„Man soll ja nicht denken, seinen Spaß mit einer hohen Behörde treiben zu können!“ Damit stürzte auch er fort.

„Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heißt!“ sagte der Hauptredakteur unter dem unendlichen Gelächter der Redaktion und der Anwesenden, und die Versammlung löste sich auf.

Nach Hause zurückgekehrt, traf ich die kleine Lise, die bereits aus ihrer Schule heimgekommen war, über einer bunten Pappschachtel an, in welche Martha den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hörte ich drüben gewaltig rumoren, und von Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies eine Rauchwolke zum blauen Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage aus dem österreichischen Landsturm, seinem Lieblingsstück. Der kleinen Lise sagte ich von dem Schicksal ihres dicken Freundes noch nichts; ich wollte ihr das Herz nicht noch schwerer machen. Mittags konnte sie schon so vor Betrübnis nichts essen, obgleich sie ihr Butterbrot richtig weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke richteten sich ihre Augen auf die bunte Schachtel, worin das tote Tier lag.

Am Abend begruben wir es unter dem blühenden Rosenstrauch zu den Füßen der Gräber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten über uns weg, die Rosen dufteten so herrlich; überall Licht und Blumen. Ich saß auf dem Bänkchen neben den Gräbern; Elise hatte ihr Köpfchen an meine Brust gelegt, sie hatte sich so müde getrauert, daß sie — o glückliche Kindheit! — die Augen schloß und einschlummerte.

Eine schöne, ältere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an einem einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten weiter weg an der Kirchhofsmauer Waldblumenkränze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis schritt gebückt unter den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften lesend.

In der Stadt verkündeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und rein wogten die feierlichen Klänge, die in den Straßen im Rollen und Rauschen der Arbeit ersticken, über diese stille Welt hinweg. Immer goldner glänzte der Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem Horizont zu. Nacht ward’s auf der einen Hälfte dieses drehenden Balles, während auf dem großen atlantischen Ozean vielleicht eben ein Schiff dem jungen Amerika entgegensegelnd, die Sonne aufsteigend begrüßte. Vielleicht ist es nur ein Schiff, das jetzt im jungen Tage segelt, während hier die Nacht sich über so viele Millionen legt. Dort steht der Führer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand; im Mastkorb schaut ein freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, überall Leben und Bewegung. — Hier zündet der einsame Denker seine Lampe an und schlägt die Bücher der Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu enträtseln, und findet vielleicht, daß die Nacht, die auf den Völkern liegt, ewig dauern wird, in demselben Augenblick, wo auf jenem einsamen Schiff der Willkommensschuß donnert: „Amerika!“ die zu dem Schiffsrand stürzende Auswandererschar ruft, und eine Mutter ihr kleines lächelndes Kind in die Morgensonne und dem neuen Vaterland entgegenhält!

Das Gras fängt an feucht zu werden, ich muß meine kleine Schläferin aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu. Wir kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht, sich über mich und das schlummernde Kind zu beugen.

„Lassen Sie mich die Kleine küssen!“ sagt sie.

Ich sehe sie unter den Bäumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen.

Elise erwacht: „O wie schön!“ ruft sie, in die Glut des Abends schauend.

„Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria!“

— — —

Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen, herrscht ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In allen Haustüren schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt: Salatwaschen, Schuhflicken, Strümpfestopfen, Hämmern, Sägen, Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur nicht — die Zungen!

„O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben!“ schreit Martha, die auf der Treppe unserer Haustür, umgeben von einem Kreis Nachbarinnen, Posto gefaßt hat, mir schon von weitem zu.

„Was gibt’s denn, Martha? Was ist los?“ rufe ich ihr entgegen.

„Der Herr Doktor Wimmer ist los!“ jubeln zwanzig Stimmen um mich her, und zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen, welcher bis jetzt der „bunte Hund“ der ganzen Gasse war.

Ein großer Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit gewaltigen Buchstaben:

Dr. WIMMER
P. P. C.

Aus dem offenen Fenster aber beugt sich — Herrn Polizeikommissarius Stulpnases ehrwürdiges Vollmondgesicht, und seine weißbehandschuhten Hände sind bemüht, den Zettel abzunehmen.

Ich überliefere schnell die verwunderte Lise der alten Martha und steige die Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam geht, denn vor mir her schiebt sich eine unbeschreibliche, wunderbare Masse von Kleidungsstücken ächzend und stöhnend den engen Weg langsam, langsam hinauf.

Das war die dicke Madame Pimpernell, welche das Ereignis seit langen Jahren zum erstenmal wieder in die obern Räume ihres Hauses trieb.

Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel und brauchte daher jetzt nur zu sagen, daß der Nachlaß des Doktors in einem zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren Zigarrenkiste Fumadores regalia, und — einem Exemplar der Flodoardine bestand.

Stulpnase saß da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest wehmütig-grimmig an und ächzte:

„Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter — ohne erst für seinen ‚Deppe‘ gesessen zu haben.“

„Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in der Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer um nen Dreier billiger gelassen?“ greint die dicke Madame Pimpernell, die ebenfalls dem Beamten gegenüber auf einen Stuhl gesunken ist.

„Halte Sie das Maul, Frau!“ schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein Gesicht macht, wie es einst jenes brave korinthische Weib geschnitten haben muß, als es das Wort des Apostel Paulus hörte: Mulier taceat in ecclesia.

Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stößt Stulpnase ein dumpfes Geheul aus und seufzt in sich: „Deppe.“ Plötzlich aber, mit Wut auf seine Brusttasche schlagend, schreit er: „Und hier hab’ ich den Verhaftsbefehl: Beleidigung eines Beamten im Dienst, und — ausgekniffen!“

Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu reizen, verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden Würdigen einander gegenüber sitzen lassend.

In der Gasse steckt mir Marquart ein Billet zu und flüstert geheimnisvoll, nach dem Fenster des Doktors deutend:

„Das hat er zurückgelassen für Sie, Herr Wachholder!“

Der Zettel lautet:

Liebster Freund!

Eine hohe Polizei weiß, was ‚Deppe‘ heißt, obgleich es nicht im Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt; — ich verschwinde! — In den böhmischen Wäldern sehen wir uns wieder!

Dr. Wimmer.

P. S. Der Redaktionspudel begleitet mich!“

„Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor?“ fragt die kleine Lise, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom Fenster weggekommen ist.

Ich schreibe: pour prendre congé auf einen Zettel, und Lischen, die jetzt schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hilfe eines Diktionärs noch vor dem Schlafengehen heraus:

„Um — nehmen — Abschied.“

„Der Onkel Wimmer muß eine kleine Reise machen, Schatz!“

Damit geht Elise getröstet zu Bette und verschläft und verträumt sanft ihren ersten Schmerz. In diesem Alter genügt noch eine Nacht, ihn zu begraben.