Am 14. März.
„Hören Sie, Wachholder,“ sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten Bogen der Chronik aufs Knie schlagend, „wenn Ihnen einmal Freund Hein das Lebenslicht ausgeblasen hat; irgend jemand unter Ihrem Nachlaß diese Blätter aufwühlt, und er sich die Mühe gibt, hineinzugucken, ehe er sie zu gemeinnützigen Zwecken verwendet, so wird er in demselben Fall sein, wie der alte Albrecht Dürer, der ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich beklagte: er könne nicht recht unterscheiden, was eigentlich die Hunde, und was die Hasen sein sollten. Sie würfeln wirklich Traum und Historie, Vergangenheit und Gegenwart zu toll durcheinander. Teuerster, wer darüber nicht konfus wird, der ist es schon! Und wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten, wie ein alter, vernünftiger, gelangweilter Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr Mitarbeitertum der ‚Welken Blätter‘ zwischen die Beine, da putzen sie Ihre Erinnerungen auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt; hängen hier ein Glöckchen an und da eins, und ehe man’s sich versieht, haben Sie ein Ding hingestellt wie — wie ein Gebäude aus den bunten Steinen eines Kinderbaukastens. Das ist hübsch und bunt, aber — es paßt nichts recht zusammen, und wenn man es genau besieht — puh! — Nehmen Sie’s nicht übel; aber manchmal gleicht Ihre Chronik doch dem Machwerk eines angehenden literarischen Lichts, das sich mit Rousseau getröstet hat: Avec quelque talent qu’on puisse être né, l’art d’écrire ne s’apprend pas tout d’un coup.“
Ich hatte dieser langen Rede des Karikaturenzeichners geduldig zugehört, jetzt sagte ich, während ich erbost meine Pfeife ausklopfte: „Sie haben vor einiger Zeit versprochen, ein Mitarbeiter meiner Chronik werden zu wollen, ich nehme Sie jetzt nach Ihrer so tief eingehenden Kritik sogleich beim Wort und — lasse Sie mit Tinte, Feder und Papier allein, daß Sie ihren Beitrag derselben auf der Stelle anhängen. Der einst Konfuswerdende mag auch von Ihnen etwas mit aufwühlen. Guten Abend!“
Der Karikaturenmaler lachte, sagte „fiat“ und begann eine Feder zu schneiden, während ich Hut und Stock nahm und abzog mit dem Gefühl eines Menschen, der eine belebte Straße hinabzieht unter der festen Überzeugung, daß ihm hinten ein ungreifbares ellenlanges Band vom Vorhemd über den Rockkragen baumelt. „Und recht hat er doch!“ brummte ich, indem ich die Treppe hinabstieg. „Wenn nur die Lise erst wieder da wäre! Komm zurück, Schlingel von Gustav, und bringe sie mit, daß Euer alter Onkel ruhig wieder an seinem Werke de vanitate weiter schreiben kann!“
Damit trat ich aus dem Hause und zog eben die Handschuhe an, als sich oben mein Fenster öffnete, der Karikaturenzeichner den Kopf heraussteckte und herunterrief:
„Hören Sie, alter Herr, ich kann Sie so nicht weggehen lassen — ich habe Gewissensbisse und muß erst Öl in Ihre Wunden gießen! Hören Sie, meine Tante teilt die Bücher in zwei Arten: gute, über welche sie nach Tisch einschlafen kann, und schlechte, bei denen das nicht geht. Ihre Chronik würde sie unter die ersteren rechnen, wenn sie, aufgewühlt, ihr in die Hände fallen sollte. Adieu!“
Ich wandte dem unverschämten Gesellen lachend den Rücken und marschierte ab.