Carolus Augustus
Als Karl, der Frankenkönig, sein Sommerlager hielt zu Paderborn im Land der Sachsen, kam Leo, der Papst, als ein Flüchtling zu ihm.
Den hatten die Römer am hellen Tag aus einer Prozession gerissen, halbtot geschlagen und gefangen aus Rom fortgeführt: mit List entwichen und die Mühsal der Alpenfahrt nicht scheuend, rief der Pontifex maximus den Frankenkönig als seinen Schirmherrn an.
Es fand sich danach, daß der Statthalter Christi der Unzucht und des Meineids beschuldigt war; so hielt der Frankenkönig feierlich Gericht in Rom und strafte die Ankläger hart, als sich der Papst mit seinem Eid zu reinigen vermochte.
Das aber geschah vor Weihnachten, als es achthundert Jahre her war, daß Maria im Stall von Bethlehem ihr Knäblein gebar: nun stand das Kreuz auf tausend Kirchen, und statt der Hirten kamen die Großen der Welt an seine Krippe.
Als in der Christmesse das Heergefolge des Frankenkönigs sich durch die Römer drängte und Karl, der Schwertgewaltige, in Andacht kniete vor dem Altar der Peterskirche, da krönte ihn der Papst, und die Lateiner stimmten ein in den bestellten Ruf:
Carolus Augustus, dem von Gott gekrönten friedenbringenden Cäsar der Römer, Leben und Sieg!
Es war ein Franke, den sie zum Kaiser riefen, ein Franke, der morgen Rom schon wieder den Rücken kehrte; aber so verkehrte sich das Angesicht der Welt:
Roma die vielerfahrene ließ ab vom Morgenland und huldigte dem Starken, der von Norden in ihre Netze kam, ließ Syrien und Ägypten, Kleinasien und Byzanz, weil sie die Herrin bleiben wollte in der neuen Zeit, wie in der alten.
Der Frankenkönig aber, der sonst in einem Wams von Otterfell ging und als Patricius der Römer den Seinen fremd dastand in römischen Gewändern: er fühlte die Krone auf seinem Haupt von Gottes Gnaden und staunte, das Reich Gottes sei doch von dieser Welt, weil er sein Herrscher und der treue Diener der Priesterlehre war.