Das Volk der Denker und Dichter
Von der Maas bis zur Memel, von der Etsch bis zum Belt war ein Kirchhof, Deutschland hieß den verdrossenen Herzen kein Vaterland mehr.
Willkür und Wortbruch der Fürsten hatte das tote Gespenst der Verfassung eingesargt und begraben; der fromme Geheimrat stand mit gefalteten Händen dabei.
Gottlosigkeit habe – so sagte der fromme Geheimrat – das Fieber der Wünsche gebracht, Rechtgläubigkeit würde das Fieber ausheilen; oberste Staatsbürgerpflicht solle der Kirchgang sein.
Thron und Altar, als Kaiser und Kirche Schicksalsgewalten, mußten dem Staat die Stützbalken halten, der aller Vergangenheit bar kläglich am Abhang der Gegenwart klebte.
Doch hatte das Blut der Wünsche zu heftig gefiebert, und stärker begann die heimliche Ader zu rinnen, daraus die Kraft des entrechteten Volkes dahin floß.
Goldene Ernten hielten die Reeder in Bremen und Hamburg, indessen die deutschen Landschaften mehr Menschen über das Weltmeer verloren, als Krieg und Seuchen sonst hingerafft hatten.
Goethe und alle Guten hatten gewirkt, daß Größe und Würde den deutschen Namen umklängen, aber das Volk blieb stumm und geschlagen.
Das Volk der Denker und Dichter! so hatte der Hochmut an seine Tore geschrieben: Dichter und Denker waren die Stimme der Freiheit gewesen; die Ohren hatten den Deutschen geklungen, aber lebendig wurden sie nicht.
Die danach der deutschen Seele gläubige Schatzhalter waren, gingen als Pfarrer, Lehrer und Richter treu in die Täglichkeit ein, aber als Dichter und Denker und Hüter des ewigen Lebens saßen sie in der Verbannung.