Der Deutsche Soldat
Wenn der deutsche Jüngling ein Mann werden wollte, mußte er auf die Ziehung: so hieß der Volksmund den Tag, da die Jungmänner gemustert wurden, ob sie zum Heeresdienst taugten.
Die es traf, weil sie gesunden Leibes und gut bei Sinnen waren, kamen mit bunten Bändern am Hut nach Haus; und hatten die Kehlen heiser an den alten Soldatenliedern gesungen.
Denn Soldat hieß nicht mehr ein Söldner sein, der um Sold in den Krieg ging; Soldat sein war eine stolze Pflicht, die dem Gesunden zufiel, und den Rock des Königs zu tragen, war eine Ehre.
Ob sie mit langen Schritten hinter dem Pflug gegangen waren oder mit flinken Händen im Laden bedient hatten; ob sie vom Handwerk kamen oder aus der Fabrik; ob sie sanft oder rauh, in der guten Stube verzärtelt oder schon von den Hunden der Not gehetzt worden waren: die Kaserne raffte sie in ihre Kameradschaft.
Da hießen sie alle Rekruten und lernten den gleichen Schritt aus dem Vielerlei ihrer Herkunft; da trugen sie alle das Krätzchen auf ihrem geschorenen Kopf und aßen das gleiche Kommißbrot.
Statt schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen lernten sie die Beine werfen im Gleichschritt und die harten Griffe mit dem Gewehr, lernten sie den Befehl mit dem unbedingten Gehorsam.
Wenn sie dann in den ersten Urlaub kamen, waren sie in die Uniform eingewachsen und warfen den Augen der Mädchen die stolzen Blicke zurück; sie hatten den Schritt des Mannes gelernt, der im Dienst geht.
Denn zu schmieden und sägen, mauern, schreiben und nähen war längst aus der ehrbaren Zunft in den Alltag des Lohnes geraten; das Handwerk hatte nicht nur seinen goldenen Boden, sondern auch seinen Stolz verloren: es gab dem einzelnen Dasein Unterschlupf; aber Soldat sein raffte den Einzelnen in die Gemeinschaft.
Ob sie in Königsberg oder Ingolstadt, in Mainz oder Flensburg zum Paukenschlag und Hörnerschall durch die klingenden Straßen marschierten oder gar ritten: überall war die gleiche Parole um sie, der gleiche Schritt und der gleiche oberste Kriegsherr.
Zu Hause hatten sie Schwaben und Bayern, Sachsen und Preußen, Rheinländer und Schleswig-Holsteiner geheißen; aber das Heer war deutsch, und sein Vaterland hieß das Reich.
So hing ein Glanz um den Schritt des Soldaten, den der Alltag vermißte; und wenn die Herbstmanöver den Schritt aus der Garnison hinaus führten in die Dörfer und verschlafenen Städte der Landschaft, hing sich dem Glanz die Romantik heißer Marschtage und fröhlicher Einquartierung an.
Ein anderer Jungmann als der aus den Händen der Mutter kehrte nach seinem Dienst in die Herkunft zurück; er hatte erfahren, daß die Heimat nicht nur das Dorf oder die Stadt seiner Eltern, sondern das Vaterland war.
Er war in der Schule des deutschen Volkes gewesen; und wie ihn danach der Alltag in seine Hände bekam, die Schulzeit konnte er nicht mehr vergessen: dem gedienten Mann blieb die schönste Lebenszeit jene, da er den Tornister trug; und noch dem Greis wurden die Augen hell, wenn er von seinem Hauptmann erzählte.