Der Gutsherr von Rheinsberg

Der preußische König, sein Land mit dem Krückstock regierend, wollte den Sohn nach seinem Bilde erziehen; der aber hing an den Schößen der Mutter, die eine welfische Fürstin und heimlich dem höfischen Prunk zugetan war, wie der König ihn haßte.

Auch war der Kronprinz ein kränkliches Kind, dem alles soldatische Wesen leid war; verstohlen die Flöte zu blasen und die Bücher französischer Dichter zu lesen, rief seiner Sehnsucht ein anderes Königreich wach, als das der König regierte.

Als danach der Prinz am sächsischen Königshof weilte, sah er die Freuden der Welt leichtfertig verschüttet, davon er in Preußen nur sparsam zu kosten bekam; er trank sich voll daran, und hätte die Hand eher abgeschnitten, als daß er sie hieß, nicht nach dem Lustbecher zu greifen.

Aber der Stock des preußischen Königs schonte sein eigenes Blut nicht; ob es der Thronerbe war, er mußte mit Schlägen die Lust und den Trotz büßen, und der Hof sah zu, wie dem Kronprinzen solches geschah.

Der Schmach und der Zucht zu entweichen, rief der Prinz seine Freunde Katte und Keith und dachte, nach England zu fliehen; aber er wurde ergriffen und wie ein Verbrecher nach Preußen zurück auf die Festung gebracht.

Küstrin hieß der düstere Ort, wo Katte, den Freund, vor seinen Augen das Richtschwert ereilte; ein Turm am Wasser im festen Schloß war dem Kronprinzen ein hartes Gefängnis, bis er sich beugte.

Als seines Vaters treu gehorsamer Diener und Sohn saß er danach bei den Akten der Kammer; als seines Vaters treu gehorsamer Diener ließ er sich eine Gemahlin auswählen, die er nicht kannte, und die ihm fremd blieb Zeit seines Lebens.

In jeder Stunde bewacht und bemißtraut, an der dünnen Schnur hängend, die ihm die Schere der Ungnade täglich durchschneiden konnte, wurde der Kronprinz ein Zögling mißtrauischer List und kalter Verstellung, bis er in Rheinsberg die Meisterschaft lernte.

Da hatte der König dem Prinzen ein Schloß aufgemacht, weitab von der Hauptstadt, daß er als Landedelmann lerne, ein einfaches Leben mit seiner Gemahlin zu führen.

Mitten in Wiesen und sumpfigen Wäldern, mit einer steinernen Halle zum See lag das schlanke Gebäude in der Einsamkeit da, ein Gutsherrenhaus für den Jäger und Landwirt: aber der Prinz machte Versailles zum Trotz das neue Wunder Europas daraus.

Wohl gab es allerlei Höfe, wo sich der Geist in Nebengemächern aufhalten konnte, auch hielten die Fürsten sich Künstler, mit prahlenden Leinwänden und Marmorbildern den Glanz ihrer Herrschaft der staunenden Nachwelt zu zeigen: aber hier war der Geist selber zu Haus, und die Kunst ging den eigenen Weg, ihm zu dienen.

Wie ein Jagdherr fröhliche Freunde versammelt, so rief der preußische Kronprinz die Seinen nach Rheinsberg: sprühender Witz und spöttische Laune, helle Musik und freie Gespräche saßen zu Tisch und kreisten sich aus in zierlichen Tänzen.

Fürstlich allein war der Geist; kein höfischer Zwang, kein starres Gepränge hing ihm den staubigen Prunkmantel um: und eher hätte in Rheinsberg ein Frosch in die Zimmer gefunden, als daß die stelzende Würde hinein kam.

Soldaten und Pfarrer, Gelehrte und Dichter und Künstler waren die Gäste des Gutsherrn, aber ihr Amt und die Würde hing mit den Mänteln und Mützen am Nagel; nur was der Mann war kraft seiner Bildung, durfte im Schimmer der Kerzen sein Angesicht zeigen.

Der Menschengeist hob in Rheinsberg sein freies Gesicht gegen die staubigen Mächte; was in der Jugend Europas zu brennen begann, saß mit dem Prinzen am Feuer; und ob er die Sprache Ludwig des Vierzehnten sprach, hinter den Worten stand doch der Geist, anderer Taten gewärtig.

Einen Musenhof hießen sie bald das Gutsherrenhaus in der Mark und einen Medici seinen gastlichen Herrn; die aber in hitzigen Nächten sein großes Auge gewahrten und seinen Zorn funkeln sahen, ahnten, daß andere Dinge in seinem Feuerkopf brannten, als ein Beschützer der Dichter und Denker und Künstler zu sein.