Der kimbrische Schrecken

An der kalten Meerküste begann der Malstrom zu mahlen, der die Springflut germanischer Völker über das Abendland brachte, über das Schwertreich der Römer und über die Ernte der Mittelmeergärten: die Kimbrer waren sein frühester Schrecken.

Mit Wagen, Herden, Greisen und Kindern, im Wuchs der riesigen Leiber halb nackt, mit Speeren, Schilden und Hornzier der Helme gleich Tieren der neblichten Wälder gerüstet: so kamen die kimbrischen Völker ins römische Land der Taurisker.

Als ob die Götter den Furchtbaren hülfen auf dem Feld von Noreja, fiel ein Gewitter über die Schlacht, donnernd zum dröhnenden Schildruf der Kimbrer; die Feldkunst der stolzen Kohorten erlag der Speerkraft von Norden: mit den Läufern nach Rom lief der kimbrische Schrecken.

Aber die Kimbrer wichen zurück in die Wildnis und wandten sich westwärts ins gallische Land, weil sie Weide und Land, nicht Streit suchten.

Da hielten die Heere der Konsuln die Tore bewacht im Gebirge; zum andernmal schlug der kimbrische Schrecken den Römern das Schwert aus der Hand, aber noch immer mieden die Sieger das Land der Kohorten.

Elf Jahre lang irrten sie landsuchend hin im Lebensumstand der Wagen und Herden, mühsam hinüber ins spanische Land und mißlich zurück in die östlichen Berge, bis sie das Alpentor fanden.

Ihre Knaben waren Krieger geworden und Mütter die Mädchen, als ihnen die Täler Tirols den Eingang erschlossen, als sie im sonnigen Südland der Alpen endlich die Weide der langen Wanderschaft fanden.

Einen Herbst, einen Winter und Frühling saßen die Kimbrer da im Kanaan ihrer Kundschafter, das Landsucherglück zu genießen; dann traf sie das Schwert der Vergeltung in der Schlacht auf den raudischen Feldern.

Am Gürtel mit Ketten verschränkt, sanken die kimbrischen Männer der römischen Übermacht hin; die Weiber der Wagenburg warfen die Speere und hetzten die Hunde, aber der dröhnende Schildruf verhallte, der kimbrische Schrecken starb im Schlag der römischen Schwerter.

Die raudischen Felder tranken das Blut der nordischen Leiber; Weide und Wohnsitz zu suchen, kamen sie her aus dem kalten Jütland, nun gingen sie ein durch das Joch in die Mittelmeergärten und dienten als Sklaven, wo sie als Freie zu hausen gedachten.

Kein schöneres Schicksal war ihnen vergönnt als dieses: Bienenschwärme zu sein, die keine Imkerhand einbrachte, und die nach kärglichem Sommer im kahlen Winter verdarben.