Der Regent
Der König von Preußen hatte die schwarzrotgoldene Schärpe getragen und war nach Olmütz gegangen; er hatte geschwärmt und geredet und Kirchen gebaut, er hatte die Hoffnung, den Groll und die Ohnmacht der Deutschen nacheinander betrogen: als er ins Alter kam, waren nur schwankende Schatten von seinem Umriß geblieben.
Lange bevor ihn ein Schlaganfall hinwarf, seinen Schwarmgeist völlig umnachtend, hatte der festere Schatten von seinem Bruder hinter dem König gestanden, wie ein Pfahl bei dem schwankenden Baum steht.
Er war weder geistreich noch redebegabt, nur ein Soldat; alles, was einen Fürsten bei seinem Volk beliebt machen kann, fehlte dem wortkargen Mann; doch jedermann wußte, Prinz Wilhelm war, was der König nicht war, ein Charakter.
Niemand sah ihn je schwanken und zagen; als die Märztage kamen, riet er dem König, unbeugsam zu bleiben, und als im badischen Aufstand die preußische Hand gebraucht wurde, gab sie der Kartätschenprinz her.
So stand seine karge Erscheinung recht in der Zeit als ein Stück Fürstengewalt; die Junker hielten ihm zu, weil er ein Stockpreuße wie sie und lieber ein Gutsherr in Brandenburg als ein Fürst nach dem deutschen Volkswillen war.
Nichts an ihm, außer der langen Gestalt, ging über den Zoll; kein Schatten der Größe witterte um seinen Namen, aber hochmütig und unbeugsam hielt er der Krone die Torwache.
Das preußische Volk sah ihn verdrossen neben dem Thron stehen, der seinem romantischen Bruder Kanzel und Kirchenstuhl und nun ein Krankenbett war; ihm aber sollte er wieder, das ließ er den Untertan merken, ein Königsstuhl sein.
Ein Königsstuhl ohne Schwall und Gepränge, ein Königsstuhl mit dem Schwert und der Waage als Zeichen der höchsten Gewalt.
Fremd seinem Volk und von allen gehaßt, die an die neue Zeit glaubten, hielt er dem kranken Bruder die Krone, und dennoch heimlich begrüßt, weil wieder nach schwankenden Schatten ein fester Umriß am Fenster der Königsgewalt stand.