Die alte Zwietracht
Durch Eisen und Blut war Deutschland einig geworden, die Eintracht des Krieges hatte dem Frieden die stolze Frucht eingetragen: nicht länger mehr sollte die Zwietracht das deutsche Verhängnis bedeuten.
So waren die Sieger bekränzt aus Frankreich wiedergekommen, so hatte der Jubel in Deutschland Greise und Kinder, Männer und Frauen erfüllt, so stand der Frühlingstag hell, da in Berlin die Truppen einritten mit ihrem König und Kaiser.
Als aber der Reichstag die Stimmen gezählt hatte, als die Sendlinge ankamen aus allen Gauen, als sie eintraten in den Saal, dahin sie einträchtig zu raten gesandt waren, saßen sie vielfältig nach Parteien.
Zur Rechten die Junker und alle die Alten, die sorgenvoll in die neue Zeit sahen; zur Linken die Neuen und Demokraten: beide Hände wollten dem Reich das Gleichgewicht halten, die Dränger den Siegelbewahrern des Alten.
Doch in der Mitte schob eine schwarze Schar ihren Keil zwischen die streitbaren Hände; sie wollten das Reich nicht von rechts und links der neuen Preußengewalt, sie wollten die alte Herrlichkeit haben, da sich der Bogen der römischen Kirchen- und Reichsgewalt über die Christenheit spannte.
Der Papst und der Kaiser hatten der Kirche den Bogen über die Völker gehalten; der aber nun Kaiser hieß, war ein Ketzer, und der als Kanzler die starke Regierungsgewalt übte, war ein Preuße und Protestant.
Sie aber blieben der römischen Kirche gehorsam und wollten nicht dulden, daß ihrer Geltung im Reich der Preußen und Ketzer Geringes geschähe; darum saßen sie da in der Mitte und ließen sich schelten, daß sie die schwarzen Raben vom Kyffhäuser wären.
So wurde der uralte Streit noch einmal entfacht, was dem Papst und dem Kaiser gehöre; der römische Papst war die Sonne der christlichen Welt, unfehlbar hieß er sich nun: wollte der preußische Mond aus eigenem Licht leuchten, so war es vom Teufel.
Noch einmal wurden die Worte von Worms und Augsburg gesprochen, noch einmal wollte der deutsche Mann dem römischen Übermut wehren: der Schwedenkönig ritt um im Gedächtnis von Lützen, und die feste Burg Luthers wurde gesungen.
Kein Wallenstein kam, und Magdeburg brauchte die Brandfackel Tillys nicht mehr zu fürchten: die Schwerter hatten gerungen, bis Deutschland ein Leichenfeld war; nun rangen die Stimmen.
Aber die jubelnden Herzen mußten noch einmal den wilden Untergrund spüren, darauf die neue Herrlichkeit stand; indessen die Tore und Türme der Einigkeit noch bekränzt waren, kamen die Raben der Zwietracht geflogen.
Wir gehen nicht nach Canossa! trotzte der Kanzler; aber der eiserne Mann, der Habsburg besiegte und den dritten Napoleon fing, der dem Abendland stärker als sonst ein Mann seiner Zeit das Gesicht gab, der Graf von Gastein und Fürst von Versailles mußte das unbedachte Wort büßen.