Die gotischen Dome
Waren es Priester oder war es die Sendung der christlichen Lehre, daß sie dem menschlichen Dasein das Antlitz verkehrte? daß sie die Erde zum Jammertal machte und den Himmel schmückte mit seligen Farben?
Daß sie der Tugend den Lohn und dem Laster die Strafe jenseits verhieß, daß sie dem ewigen Leben ein Schaubild irdischer Wünsche vormalte, Gott mit dem Prunk der sinnlichen Scheinwelt behängte?
Daß sie den Himmel mit Heiligen füllte als Fürsprecher selbstischer Bitten, daß sie die Jungfrau Maria zur Königin krönte und Petrus zum Torwart bestellte, daß sie vergriffene Münzen heidnischer Götter mit neuen Legenden beschrieb?
War es die Wundersucht morgenländischer Mönche oder war es die deutsche Seele, die den Sinn der christlichen Sendung allein im Sinnbild begriff, das göttliche Wunder mit der Mär des greifbaren Daseins verhüllend?
Im Morgenland starb der Erlöser am Spruch des Propheten, im Abendland wurde er König der christkatholischen Welt; diesseits der Alpen allein wuchsen die Heliandsburgen und die gotischen Wundergebilde.
Nicht Kaiser und Könige bauten die Dome der gotischen Zeit und nicht mehr der mannhafte Glaube: Prunkhäuser im Gottesstaat, Schatzkammern der kirchlichen Vögte, Torhallen der himmlischen Sehnsucht und Opferstätten schmerzvoller Inbrunst.
Darum standen die Pfeiler nicht mehr gegürtet als wehrhafte Recken, die Steingewölbe zu tragen: gleich Bäumen der himmlischen Gärten wuchs ihre Schlankheit hinauf in das schwebende Dach ihrer Zweige.
Auch glühten die Augen nicht mehr aus dunklen Höhlen der massigen Mauern: gleich himmlischen Tüchern aus Regenbogen gewebt standen die gläsernen Wände im Licht; die Heiligen schritten herein auf den farbigen Strahlen, vom Goldglanz des Himmels umsäumt.
Wenn der Orgel Hosiannagewalt einbrach in die flehenden Stimmen der Knaben und der Klang schwoll im Raum, wenn sich Farben und Töne umfingen, im Wohllaut unirdischer Inbrunst die schlanken Pfeiler umschwebend; dann war nicht mehr Stein und war nicht mehr Dach, dann hob das Wunder den Raum, daß er singend hinein fuhr in das Meer der Verzückung.
Und schmerzvoll fand sich die Seele zurück in den Tag und sein knöchernes Licht, wenn die drängende Menge ausströmte über die steinernen Treppen, wenn die Gasse sie aufsog in die Wirklichkeit irdischer Häuser.
Da stand der Dom mit dem Maßwerk staubig verglaster Fenster, mit den geschwungenen Rücken der Streben und dem unübersehbaren Steinwerk der Pfeiler und Krabben bis in die dämonischen Fratzen der Wasserspeier hinauf, und die Kreuzblume blühte hinein in den Himmel der Wolken und Sterne: die Gralsburg inmitten der sündigen Stadt und ihrer sorgenden Plage.
Wohl blieben die Tore für die entzauberte Seele geöffnet; aber nur einmal fand sie den Eingang, wenn die schwarzen Männer den Sarg eintrugen zum letzten Gebet: dann war die Wirklichkeit tot mit dem unnützen Schwall ihrer Tage.
Alles war unnütz und eitel und das irdische Dasein nur das Gefängnis erbsündig geborener Leiber: die Seele schrie auf nach Gott als der ewigen Lust und schmachtete hin im Durst der Verzückung.