Die Springflut
Das kurze Schwert, den runden Schild und Gehorsam ihrem König brachten die Goten mit über das Wasser, als sie den alten Völkerweg fanden, von Schweden hinunter ans Schwarze Meer und hinüber zum Pontus.
Da wurde das alte Skythenland wach im Lärm der Wagen und Pferde, weit in die Stille der östlichen Steppen floh der Hufschlag der Bogenreiter, Völker bedrängten die Völker, Länder wurden lebendig und der Wald kam ins Wandern.
Markomannen, Vandalen und Alemannen, Burgunder und Langobarden wichen dem gotischen Königsvolk aus und strömten landsuchend hinein ins Tiefland der Donau, bis der Völkerkessel voll war zum Rand und überfloß in die römischen Gärten.
Vierzehn Jahre lang lag er zu Feld, Mark Aurel, der die Feder liebte und das Schwert nicht hinlegen konnte, in Mühsal und Mißmut den Markomannen zu wehren; als er den Sieg endlich sah, nahm ihm der Tod den kargen Gewinn aus der Hand.
Unaufhörlich danach warf die Brandung flüchtender Völker Spritzwellen hinein in die Gärten, bis die Stachelschnur riß; über den römischen Deich rauschte das deutsche Gewässer.
Schon waren die Alpentore gesprengt, als die Hauptstadt der Welt sich selber zum Schutz die neue Ringmauer baute; wie zur Königszeit war das herrische Rom wieder die Burg am Tiber. Achthundert Jahre lang hielt sie die Völker im Zwang ihres siegreichen Schwertes, nun krachte von Norden der Speer und warf ihr den Staub vor die Füße.
Noch kreisten die römischen Adler über den Mittelmeergärten, noch lagen die Legionen schwer auf dem Morgenland, noch hielten die Standlager Wacht am Strom und schützten die gallische Ernte; aber die stolze Blöße des römischen Hauptes zog wieder den Eisenhelm an.