Die Zunft
Im Anfang hieß Bürger Insasse einer Burg sein; Hörige hatten im Dienst eines Großen ihr Handwerk zu üben und durften im Schutz seiner Torwächter wohnen.
Als danach die Burg eine Stadt hieß, weil aus dem Troß der Großen ein Hof und aus den Insassen eine Bürgerschaft wurde, hielten die Handwerker treulich die Schranken der Herkunft in Ordnung.
Eine Zunft hießen sie da den Kreis jeglichen Handwerks und schlugen den Zirkel um seine Gebräuche: die freie Gemeinde der Herkunft war die Gemeinschaft des Standes geworden, die alte Zucht hatte ein Alltagskleid angezogen, die Tapferkeit war in die Werkstatt gegangen.
Der Dachdecker hob seinen Spitzhammer, der Schmied seine Zange, der Zimmermann seine Stoßaxt im zünftigen Stolz; denn Dachdecker, Schmied oder Zimmermann sein, hieß in der Zunftehrbarkeit stehen.
Die Zunftehrbarkeit hielt Werkzeug und Arbeitsgebrauch heilig; wie die Schwertleite den Ritter, so machte der Zunftbrief den Meister; Geselle und Lehrling waren ihm Knappe und Page, und die Zunftstube war der Saal seiner Ehre.
Da stand die Zunftlade mit dem Zunftrollenpergament – die Bundeslade im Tempel der Juden stand so geehrt – da wurde die Zunft beschworen und der Zucht das Gericht gehalten, da war die Ehrbarkeit selbstgenügsam zu Haus.
Da wurde das Werk der fleißigen Hände geehrt, da wurden der Stolz und die Freude der ehrlichen Arbeit behütet, da stand die Kunst, etwas zu können, so hoch in der Gunst wie die Redlichkeit selber.
Denn nur auf ehrliche Arbeit durfte der Meister den Wohlstand gründen; Todsünde war Gewinn aus Handel und Zins, tauschen und täuschen galt gleich vor der Zunft.
Stuben der Selbstgenügsamkeit standen im Schatten der höfischen Hallen, bescheidene Hände hielten dem Ritter den Steigbügel hin: aber die Zucht gab der Sitte die Tür, hier wie dort war der Mann noch ein Wort, die Ehrbarkeit war die redliche Magd der Ehre.