Dietrich von Bern
Unsere Milde und Huld verwirft die Gewalttätigen! So hatte Dietrich die Macht verriegelt ins Recht, und Rom sah die Tage der alten Zucht wieder.
Er hatte das römische Volk bewahrt vor jeder Bedrückung, im Ehrenkleid saß der Senat, in den römischen Sitten fing wieder die Tugend an, die Tat zu bestimmen.
Weisheit und Stärke hatten den Zwiespalt der Völker beschwichtigt, als ihn das Priestergezänk wachschrie zum blutigen Haß.
Denn Dietrich beugte sich nicht vor dem Bischof der Römer, er ließ die Bibel Wulfilas schreiben mit Silber auf Pergament, purpurn gefärbt, er baute der Gotengemeinde den eigenen Dom in Ravenna: so galt der gotische König den römischen Priestern als Ketzer.
Die Kaiserin von Byzanz, die eine Buhldirne war und eine Betschwester wurde, Theodora steckte zuerst die Fackel der Rechtgläubigkeit an; ihr Warnung zu sagen, sandte der König den Bischof Johannes von Rom nach Byzanz.
Aber die sonst den Kreis ihrer Ämter mit Eifersucht maßen, die Patriarchen in Rom und Byzanz fanden sich einig der gotischen Feindschaft.
So mußte Dietrich, der starkweise König erfahren, daß ein Tropfen Haß zäher leimt als ein Faß voll Liebe: der Argwohn des Alters zückte den Zorn seiner Enttäuschung, daß ihm ein tückisches Volk die Duldsamkeit danklos vergalt.
Da wurde Dietrich von Bern der Held der deutschen Sage, der im schneeweißen Alter auszog, unholdes Gezücht zu erschlagen: sein Zorn zerbrach den Senat, und der tückische Bischof von Rom büßte im Kerker; Haß gegen Haß war zwischen Goten und Römer gestellt.
In Byzanz die Buhldirne lachte ihm Hohn, daß er sein glückhaftes Reich der Gerechtigkeit selber zerschlug mit zorniger Faust: der dem Frieden das Schwert und dem Recht die Waage zu halten Volksfürst der Goten und König über Rom war, bis ihm die Falschheit zuletzt an den Hals fuhr.
Im zweiundsiebzigsten Jahr seines Lebens legten die Goten Dietrich von Bern in sein steinernes Grab zu Ravenna; mit seiner herrlichen Seele für ein Jahrtausend und mehr floh die Duldsamkeit aus der abendländischen Welt.
Seine Asche zerstreute die römische Rache im Wind, und seinen Namen löschten sie aus im Gedächtnis der Schrift – wie danach der schielende Abt von Reichenau schrieb – als einer Pest von endlosem Schaden; aber kein Haß konnte die riesige Steinplatte heben, die ihm sein stolzes Grabmal bewölbte.
Der Teufel selber, so ging die eifrige Rede der römischen Priester, habe den Ketzer von seinem letzten Weidgang geholt, auf dem Rappen der Hölle als wilder Jäger zu reiten.
Die gläubige Sage schmückte sein Bild wie keines im deutschen Gedächtnis, sie tat ihm die Brünne Wodans an, sein Schimmel holte den herrlichen Helden hinauf nach Walhal.