Kaiser und Kirche
Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach ihrer Stärke; aber die Kirche kannte nicht Grenzen der Sprache noch Grenzen des Schwertes, sie ging auf den Wegen der eigenen Macht und hatte sich selber den Schirmherrn gesetzt.
Sie war die römische Weltmacht in neuer Gestalt, aber sie war es von Gott: Statthalter Christi hießen die Priester den Papst, der das Reich Gottes auf Erden regierte.
Durch ihre Gunst war der Kaiser über die Völker und ihre Könige eingesetzt; er war die Hand, ihr das irdische Schwert als Schirmherr zu halten, sie war das Haupt der göttlichen Weisung.
Sie war das Haupt, und er war die Hand – aber die Rechnung war falsch: als die Kirche den König der Franken als Kaiser ausrief, rief sie sich selber den Herrn.
Sie war das Weib, und er war der Mann; sie konnten einander in Freiheit gehören und in der christlichen Liebe einander untertan sein: aber die erste Stunde des Streites schrie nach der Stärke.
Der Streit der Stärke begann, als Karl seinen Sohn im Dom zu Aachen sich selber die Krone nehmen und aufsetzen hieß; der Streit der Stärke hob sich gewaltig in Hildebrands Zorn; er schien für die Kirche gewonnen, als Innocenz die Kronen Europas verschenkte.
Aber der Streit ging um die Stärke, nicht um den Bettel der Tage; er ging im Namen des Reiches, das nicht von dieser Welt war.
Der Streit hob das Banner der Kirche über den römischen Zank und über die Eifersucht von Byzanz; er hielt der Statthalterschaft Christi das Siegel der ewigen Gleichung bewahrt unter den sterblichen Händen seiner Verweser.
Der Streit gab dem Starken von Norden das Panzerhemd einer höheren Sendung, als Mehrer der Hausmacht zu werden; er hielt dem Reichsschwert die uralte Herkunft lebendig, unter den irdischen Waffen das Kriegsschwert Zius zu sein. Ein Bogen war über den abendländischen Himmel gespannt vom Kaisersaal nach Sankt Peter, ein Bogen des Schicksals, glühend in anderen Farben, als die Erde sie blühte.
Der Bogen stand grell im geballten Gewölk, von Blitzen zuckten die Berge, Brandsäulen stiegen steilauf, die Ernte lag vom Hagel zerschlagen: der Bogen stand als ein himmlisches Tor, der bangen Erde den ewigen Eingang zu leuchten.
Mancherlei Völker wohnten im Abendland, und Könige herrschten nach ihrer Stärke: der König der Deutschen war Kaiser, der Turm des Reiches stand über den Dächern der Staaten, und über den Fahnen der Völker wehte die Kaiserstandarte.