Karl der Große
Die fränkische Zeit war erfüllt, das Buch der Könige lag mit blutroten Siegeln beschlossen, das Reich trat ein in den Gang der Geschichte, und Karl, Pipins gewaltiger Sohn, war sein Kaiser.
Der Rhein war die Heimat der Franken gewesen, bevor sie groß wurden im gallischen Glück; am Rhein saß wieder der fränkische König, der die Krone über alle Völker Germaniens trug.
Sie hatten Weide und Wohlstand gesucht, sie waren mit Schiffen gefahren und auf Kamelen geritten, sie hatten die römischen Gärten besessen und Königreiche gegründet im Morgen- und Abendland.
Sie hatten das Bienenschicksal der Kimbrer verkehrt in den gotischen Hochmut, sie waren Schwertherren gewesen an der Theiß, am Tiber und Tajo: aber die lässige Fülle machte die Schwerthand faul; das Blut der Mittelmeervölker trank die Kraft ihrer Glieder.
Nun war die nordische Springflut verrauscht in den römischen Gärten, und der Rest ihrer Gewässer füllte den fränkischen See: Alemannen, Burgunder, die gallischen Goten, Langobarden und Bayern, Friesen und Sachsen zwang das gewaltige Schwert des fränkischen Königs in seinen Heerbann.
Gewaltig wie Etzel und Dietrich war Karl und hielt das Abendland hart in der Zucht seiner stolzen Gedanken; aber nun herrschte kein Hunne über germanische Schwerter, kein Gote war fremd in der römischen Feindschaft: deutsch waren die Völker karolischer Macht, und deutsch war der König.
Am Rhein hinauf und hinunter hielten die Pfalzen das Schwert und die Waage seines Gerichts; sein Stuhl stand zu Aachen im Rheinfrankenland: da saß er im Glanz seiner eigenen Macht, da war er Hausherr der Heimat und König im Kreis seiner Recken.
Wie vormals nach Rom und Byzanz, so ritten nun die Gesandten vom Morgenland her in den Nebel der nordischen Nächte; sie fanden den Herrscher des Abendlandes gehen in leinener Kleidung, sie sahen ihn reiten und jagen wie jeden seiner Getreuen, und wie er den kleinen Dingen des Tages sein Antlitz treulich zukehrte.
Sie sahen ihn schwimmen im lustigen Schwall seiner Freunde und Diener und hörten ihn lachen beim Mahl, fröhlich besorgt um das Wohl seiner Gäste.
Sie suchten staunend Prunk und Gepränge und brachten das Bild seiner Menschlichkeit heim, die frank und frei in germanischer Sitte unter den Männern der Mann, unter den Helden des Krieges im Frieden der friedlichste war.
Hoch aber ragte hinaus über die Dächer der Hallen, frei unter dem fränkischen Himmel, das Reiterbild Dietrichs von Bern, der seines Herrschertums höchster Ahnherr und seiner Tafelrunde der rühmlichste Held war.
Sie hatten das eherne Bild zu Schiff von Ravenna gebracht, durch das blaue Herkulestor, von der sonnigen Mittelmeerküste hinein in das graue Gewässer der Nordsee, bis es dem fränkischen Königsstuhl als Wahrzeichen vorstand.
Sie hatten auch Säulen und kupferne Gitter genommen von Dietrichs ruhmreicher Halle und hatten die Kuppel gewölbt nach ihrem sinnreichen Vorbild.
Aber das Kreuz stand darauf, und was den Goten Thingstätte war, das wurde den Franken zur Kirche; denn Karl hieß König und Herr seiner Völker von Gottes Gnaden; er führte das Schwert seiner gewaltigen Macht, der Kirche und ihrer göttlichen Sendung in Demut zu dienen.
Wodan und Donar ritten die wilde Jagd nächtlicher Träume; aber der Tag stand im Kreuz, und die Wirklichkeit war in den Dienst Gottes und in die Lobpreisung seiner ewigen Allmacht gelegt.
Deutsch war der König, deutsch war das Wort und das Linnen der fränkischen Kleidung, deutsch war das Haus, aber der Stuhl von Sankt Peter stand geborgen darin und geehrt als Burg Zion.
Eine Kugel galt ihm die irdische Welt; die untere Wölbung war sein im Zorn und Zank irdischer Taten; hoch aber darüber gewölbt stand der Himmel der Kirche, dem er in Demut mit deutschem Schwert Schutzherr und Schirmvogt war.