Lessing

Klopstock der Sänger hatte der deutschen Seele die Herkunft gesungen, und die Jünglinge im Hainbund waren sein zärtlicher Nachhall gewesen; Lenore, die hadernde Braut, war durch den Mondschein der Herzen geritten: aber die Höfe und Herren merkten nicht, was aus der Seele des Volkes ans Licht kam.

Sie sahen noch immer nach Westen und ahmten die Sprache und Sitte französischer Zierlichkeit nach und blieben die Puppen der Pompadour, bis Lessing den Sängern und Schwärmern beisprang mit dem geschliffenen Schwert seines Verstandes und mit dem männlichen Mut seiner Meinung.

Er war das elfte Kind des Pfarrers in Kamenz und sollte die Theologie in Leipzig studieren, wo Gellert der frommen Moral den Hausgarten bestellte; aber der junge Gelehrte, halb noch ein Knabe und halb schon ein gefährlicher Geist, fand es gescheiter, tanzen, reiten und fechten zu lernen und der witzige Freund der Schauspieler zu heißen.

Eine andere Kanzel schien ihm die Schaubühne und der Menschengeist eine andere Gemeinde, denn daß ein Pfarrer dastand mit seiner Predigt.

Und wie der Jüngling in Leipzig sein Freibeuterdasein begann, unstet und arm, von schwacher Gesundheit: so bot er dem Alltag sein helles Sonntagsgesicht, das ein früher Tod vor dem Alter Klopstocks bewahrte.

Der König von Preußen stand noch im schlesischen Feld, aber die Namen von Roßbach und Leuthen hatten geklungen, als Lessing den Klang in sein Herz nahm, dem preußischen Ruhm das lustige Loblied zu blasen.

Minna von Barnhelm hieß er sein Stück, und es war nur der Alltag, mit dem sich darin ein stolzer Major des Königs herum schlug; aber der trotzig erbitterte Mann war ein Sonntagskind wie sein Dichter und führte die fröhliche Braut heim.

Seit Hans Sachs war es nicht mehr geschehen, daß die Zeit auf den Brettern ihr eigenes Spiel sah, daß der Alltag sich selber zur Schau stand und staunend bedeutendes Tun in seinen Taten erkannte.

Wo das lustige Stück auf den Brettern erschien, kam das Vertrauen des eigenen Daseins zurück; wie Friedrich der König bei Roßbach hob Lessing der Dichter den Stolz und Spott des deutschen Bürgertums auf gegen das Welschtum der Höfe und adligen Herren.

Der aber den Brettern dies treffliche Spiel gab, war kein Dichter der tönenden Harfe; mehr als ein klingendes Wort galt ihm der scharfe Gedanke: Wahrheit und Klarheit fegten die Luft rein, wo Lessing am Werk war.

Den Staub auszuklopfen und durch zerbrochene Scheiben in dumpfe Stuben frische Luft einlassen, in frömmelnder Enge und gegen den Dünkel gelehrter Schulmeister der Freimut zu sein, war seine Lust; und eher hätte der Hund den Hasen gelassen, als daß Lessing der Unredlichkeit Raum ließ.

Wie sein Geist wachsam und mutig, so war seine Sprache hell und stark im Gelenk; seit Luther hatte der deutsche Mund nicht mehr so bündig gesprochen.

Aber die Not des Herzens war Freiheit der Vernunft geworden, und über den Tiefen der brünstigen Seele schritt der Menschengeist hin, Himmel und Hölle zum Trotz den irdischen Weg zu versuchen.

Da galt es nicht mehr den Papst und nicht mehr die römische Kirche; ein Pastor Goetze in Hamburg war Lessing wichtig genug, die Unduldsamkeit zu bestreiten, damit der Mensch, jenseits der Kirchengebote und über dem Katechismus, wieder das Maß seiner Dinge bedeute.

Pietisten und römischen Priestern den Spiegel der duldsamen Weisheit zu halten und über den Kirchengewölben dem Menschengeist selber den Tempel zu bauen, schrieb er – schon grau an den Schläfen und schon beschattet vom Tod – sein mildes Vermächtnis.

Nathan den Weisen hieß er das lehrhafte Spiel seines Alters, und als die uralte Weisheit des Morgenlands ließ er den Christen, Juden und Türken das scherzhafte Märchen von ihren drei falschen Ringen erzählen: aber es war das Abendland, das darin den Geist der Duldsamkeit fand.

Zu Wolfenbüttel starb Lessing, indessen der Spötter von Sanssouci vereinsamt ins Abendrot starrte; der König erkannte die Bruderhand nicht, die ihm der Menschengeist reichte, weil er die Sprache des eigenen Volkes noch nicht verstand.