Meister Eckhart

Der aus Steinen den gotischen Wunderwald machte, ließ aus dem heiligen Hain der erschütterten Herzen eine neue Gläubigkeit blühen.

Wie das Geflecht der Gurten und Rippen, das Laubwerk der Knäufe und Sockel die lateinische Messe mit gotischer Inbrunst umfing, so wuchs in der nordischen Seele der Gral der christlichen Sendung.

Die Kirche hat ihn als Ketzer verdammt, den Meister Eckhart von Köln, der unter den Christen der naheste Jünger des Herrn, der Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligster Nachfolger war:

Dominikaner und Prior des Predigerordens in Erfurt, Straßburg und Frankfurt; aber die Fackel im Maul seines Hundes war kein brennendes Feuer, nur leuchtendes Licht seiner in Gott weißglühenden Seele.

Darum verdammte er nicht und hielt seine Kutte nicht keuscher als sonst ein irdisches Kleid; er tat dem Leben kein Büßerhemd an, ging in den Himmel zu allen Stunden und sprach in den Wahn der weltflüchtigen Zeit sein weisestes Wort, daß gute Menschen das Leben lieb hätten.

«Nie würde ein Mensch, der Durst hat, so sehr zu trinken begehren, wenn nicht etwas von Gott darin wäre.

Dasein und Jungsein ist eins in der Ewigkeit; denn sie wäre nicht ewig, wenn sie neu werden könnte.

Was der Mensch liebt, das ist der Mensch: liebt er einen Stein, so ist er ein Stein; liebt er einen Menschen, so ist er ein Mensch; liebt er Gott – nun zage ich, weiter zu sprechen, ihr könntet mich steinigen wollen!»

So sprach der Meister Eckhart von Köln, lächelnd von Liebe und Weisheit, wie weiland der Herr, und hielt nicht ein, auch dies noch zu sagen, daß alle Liebe der Welt auf Eigenliebe gebaut sei: «Ließest du die, du hättest die Welt gelassen!»

Und ging auf den Straßen und Märkten wie Jesus im jüdischen Land; denn da die Lehre zum andernmal Wort ward, zerbrach ihr Frühling den gläsernen Grund des lateinischen Winters, aufquellend im Brunnen der eigenen Sprache.

Seine Predigt war deutsch und scheute sich vor der Alltäglichkeit nicht und hob aus dem Staub der Straße die Bilder des ewigen Lebens: «Sie fragen, was in der Hölle so brennt? Ich sage, das Nicht brennt in der Hölle, und sage ein Gleichnis:

Nimm eine brennende Kohle zur Hand! sprächest du da, die Kohle brennt mich, du tätest ihr Unrecht; denn hätte die Hand die Feuernatur der brennenden Kohle in sich, sie schmerzte nicht: so ist es das Nicht deiner Hand, was sie brennt!

Daß die Seelen von Gott geschieden sind durch ein Nicht der Natur, ist ihre Hölle; denn hätten sie göttliches Wesen in sich, was könnte sie brennen? Darum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei werden vom Nicht!»

In der Klosterkirche zu Köln stand der Mann mit dem weißen Bart vor dem Ketzergericht der christlichen Kirche; der naheste Jünger des Herrn war verklagt, und der Hohepriester des neuen Bundes zerriß den Rock im Rat seiner Richter.

Aber Gott nahm den Greis fort aus den Händen der Torheit und schenkte den Priestern die Schuld des zwiefachen Kreuzes. Er gönnte dem Meister der Demut, in Frieden zu sterben, und ließ der Gotteskindschaft des Zimmermannssohns seligsten Nachfolger eingehen ins ewige Licht.