Ulrich von Hutten

Er war mit siebzehn Jahren dem Stift in Fulda entlaufen und als Scholar ein Fahrender geworden; doch auf den hohen Schulen in Deutschland und Italien hieß Ulrich von Hutten längst ein Poet.

So blank war sein Latein in Reime gebracht, daß sich die Humanisten allerorten des abenteuerlichen Jünglings gern annahmen, wenn er in schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen an ihre Tür zu klopfen kam.

Catilina habe von Cicero, so hieß es, keine schärfere Schmach erfahren, als der Herzog in Württemberg von ihm erfuhr, da Hutten die Ritterschaft aufrief, den Mord an seinem Vetter Hans zu rächen.

Den hatte der Herzog auf der Jagd treulos erschlagen, weil die Frau des Ritters die Buhlin des Herzogs war; Ulrich von Hutten ruhte nicht mit seiner Feder, schärfer als alle Schwerter seiner Sippe, bis er den Herzog von Land und Fürstentum brachte.

Noch aber war der Kranz auf seiner trotzigen Stirn nicht welk – der Kaiser selber ließ ihn zum Dichter krönen, und die Tochter des gelehrten Ratsherrn Peutinger in Augsburg band ihm den Lorbeer – als Ulrich von Hutten sich eines größeren Gegners vermaß.

Weil sich das Kölner Pfaffentum an Reuchlin vergriffen hatte, flatterten aus Mainz die Briefe der Dunkelmänner in die Welt, den Humanismus an seinen Lästerern zu rächen; und jedermann erkannte, daß Hutten ihr frecher Spottvogel war.

Es war dies aber zu der Zeit, als Luther den christlichen Adel deutscher Nation fürs Evangelium aufrief; der Mönch in Wittenberg schrieb Deutsch und kein Latein der Humanisten: da mußte auch der Ritter deutsche Antwort geben.

Denn nun hieß Ulrich von Hutten kein Landfahrer mehr; er war dem Reichsritter Sickingen auf seine Ebernburg gefolgt und hatte die Faust gefunden, seine Fackel zu halten.

Als das Gesprächsbüchlein Herrn Ulrichs von Hutten gedruckt erschien, da ritt der deutsche Ritter ins römische Revier, so gegen Tod und Teufel gewappnet, als ob der Kupferstich des Meisters Albrecht Dürer Erscheinung geworden wäre.

Sie hatten eine Druckerpresse auf ihrer Herberge der Gerechtigkeit, die beiden Ritter, davon der eine vordem ein landfahrender Humanist, der andere ein kaiserlicher Feldhauptmann gewesen war: nun hielten sie Halbpart als Herz und Hand der deutschen Ritterschaft.

Nun träumten sie den frühesten Traum des deutschen Reiches gegen Rom: ein Reich wie vormals auf den Stand der Freien so auf den Ritterstand gegründet, der hinter sich das Volk und vor sich ohne Fürsten- und Bischofsgewalt den Kaiser der Deutschen habe.

Aber Max, der Kaiser, ritterlichem Ruhm rechtschaffen zugewandt, war in den zuckenden Blitzen der neuen Zeit gestorben; und Karl der Fünfte schleppte die Last der halben Welt auf seinem Rücken.

Er war in Spanien daheim und kannte Deutschland nur als Wallburg seiner Weltherrschaft; auch brauchte er für seinen Krieg in Frankreich die Fürsten und den Papst nötiger als deutsche Ritter.

Der Sickingen schlug los, schon krank und grämlich von der Gicht, aber die Hand war nicht so stark, wie sie das Herz gedacht hatte: all seine Burgen wurden ihm berannt, mit seiner Feste Landstuhl fiel Franz von Sickingen seinem Todfeind, dem Bischof Greiffenklau von Trier, tödlich verwundet in die Hände.

Der hitzige Morgentraum der deutschen Reichsritterschaft war ausgeträumt, als Luthers Tag anfing.

Die Reichsritterschaft zu wecken, war Ulrich von Hutten vergeblich nach Schwaben ausgeritten; weil er nicht mehr heimreiten konnte, stieg er ab vom Roß, aus einem Ritter gegen Tod und Teufel ein Landfahrender zu werden, wie er vormals war, nur daß ihn jetzt die Hunde der Päpstlichen hetzten.

Da war auch dem Erasmus in Basel die Bekanntschaft zu bedenklich; häßlich aus der Stadt verwiesen, todkrank und seines Lebens satt, trat Ulrich von Hutten mit schlechten Kleidern und zerrissenen Schuhen bei dem Prediger Zwingli in Zürich an.

Der nahm den schlimm Gehetzten in Güte auf und gab ihn dem Johannes Schneck in Pflege, der auf der Insel Ufenau im blauen Zürichsee Pfarrhalter und heilkundig war.

Nur vierzehn Sommertage fraß die Krankheit noch an dem Lebensrest, darin die Glut der Zeit wie Zunder brannte; dann starb Ulrich von Hutten, der fürwahr ein Fahrender, ein Reiter ohne Roß, ein Herz ohne Hand, und einmal ein Ritter gegen Tod und Teufel war.

Als der deutschen Freiheit Verfechter aber ritt sein geharnischtes Bildnis auf dem Gesprächbüchlein noch lange durch die Hoffnung der Herzen mit seinem Trutzwort: Ich hab's gewagt!