Versailles

Ein scharfer Keil in der Habsburger Macht war das Land der Franzosen: von Flandern hinauf nach Burgund und drüben in Spanien bot ihm das Habsburger Weltreich die Flanken.

So war es geworden, als Philipp der Schöne hinüber nach Spanien freite, so wirkte es doppelt, als Karl, der spanische König, zurück in das Reich kam, Kaiser der Deutschen zu werden.

Viermal führte er Krieg mit Franz dem Ersten von Frankreich, daß ihm der Keil nicht die Flanken zersprenge; viermal nahm er den Keil in die Zange und konnte ihm doch die Schärfe nicht brechen.

Was aber Franz mit grimmigen Kriegen begann, vollbrachte mit List Richelieu: die Kaisergewalt starb hin an dem Schwur von Loreto, indessen der Kardinal den Feinden der Kirche beistand, die Flanken der Habsburger Macht einzustoßen.

Der Frieden zu Münster gab den Franzosen am Rhein, was der Kaiser verlor: das Reich war leer und zerschlagen, sie aber standen im Glück ihrer Stunde, und Ludwig der Vierzehnte kam, die abendländische Uhr auf sich einzustellen.

Er war noch ein Jüngling, als er im Jagdrock, die Peitsche keck in der Hand, ins Parlament kam, das Fürstenwort seiner Zeit auszusprechen: Der Staat, das bin ich!

Die Fürstenmacht hatte den Krieg gegen den Kaiser gewonnen, und Ludwig der Vierzehnte lehrte die Fürsten, ihr Siegerrecht auszukosten.

Der Staat war der König: Stände und Standesherrn, Bürger und Bauern waren ihm untertan und mußten dem König gehorchen als untertänige Diener; er war die Sonne, alles Licht im Staat kam von ihm, und alles war sein von Gottes Gnaden.

Seine Soldaten marschierten im Namen des Königs, seine Minister waren das Räderwerk höchsteigener Pläne, seine Beamten plagten den Untertan.

Daß seine Allmacht sichtbar würde dem eigenen Volk der Franzosen und den Völkern des Abendlandes, ließ er sich draußen, weit vor den Toren der Hauptstadt Paris die neuen Lustgärten bauen: das Schloß und den Park von Versailles.

Die starre Flucht seiner Fenster und der umgitterte Hof wiesen der stolz anlaufenden Straße den Rücken, das Antlitz war nach den Gärten gekehrt, die in unendlicher Weite über den breiten Terrassen ihr grünes Schaubild der blauen Ferne vorlegten.

Wachen und Gitter und blinkende Fenster sperrten den Eingang und reizten die Neugier; aber drinnen, von hundert Schranken behütet, hielt der Hof seine rauschenden Feste.

Da sprangen die Wasser, da lockten die hellen Terrassen den Blick in die weiten Alleen, da schritten die Seidengewänder die breiten Treppen hinauf und hinunter, da hielt die rauschende Pracht vor sich selber den Atem an.

Denn irgendwo drinnen wohnte der König und war in den schimmernden Schalen wie eine Perle geschützt; durch den Marmorsaum herrischer Hallen, unter den wuchtigen Decken prahlender Säle führte der zögernde Schritt hinein ins Geheimnis der Macht.

Aber kein Fuß durfte ihn gehen, der nicht von hoher Geburt und durch die Gnade des Königs bestimmt war; denn wie die Macht seiner Heere, so war die Pracht seines Hofes allein auf die Gunst seiner Augen gestellt.

So sahen die Fürsten Europas die Sonne der neuen Herrschergewalt: kein Schwertkaiser mehr, der im Harnisch vor seinen Rittern durchs Stadttor einritt nach ruhmvollen Taten, kein Richtkaiser mehr, der auf dem Marktplatz den goldenen Stuhl hatte.

Reiten und richten war eine Pflicht im Tagwerk der Diener geworden, der König gab nur die Gunst ihrer Stunden; sein Dasein war aus der Wirklichkeit fort in das freche Theater der fürstlichen Allmacht gegangen.