Werthers Leiden

Indessen der Ruhm und der Lärm seines Götz mit der eisernen Hand Goethe den Jüngling umschwärmten, kam er nach Wetzlar und sollte am Reichskammergericht Rechtspraktikant werden; wo Schönheit und brausendes Leben sein sollte, war Staub und Papier.

Im Elsaß hatte sein Herz gefährlich gebrannt, als er Friederike, die Tochter des Pfarrers in Sesenheim liebte, in Frankfurt fing er zum andernmal Feuer: so kam die Krankheit auch über ihn, die wie der Tauwind im Abendland die jungen Gemüter weich machte.

Ein Genfer Uhrmacherssohn, Rousseau geheißen, hatte das welke Laub von Versailles auf einen Haufen gekehrt und aus dem Kehricht hochmütiger Bildung der Allmutter Natur ein Opferfeuer gemacht.

Alles – so ging seine Lehre – kam gut aus den Händen des Schöpfers, und alles mußte entarten, wenn sich der menschliche Hochmut vermaß, die Natur zu verleugnen: alle Bildung samt ihren Künsten hatte die Menschheit darum nicht so glücklich gemacht wie den Wilden sein Feuer.

Es war die alte Lehre der Einfalt, aber die Einfältigen brauchten sie nicht; und die den bittersüßen Trunk tranken, weil er so feurig gemischt war, tranken sich krank statt gesund an der Sehnsucht.

Die Empfindsamkeit kam in die Welt und war ein gefährliches Gift für die zärtlichen Herzen; als Goethe, der Dichter des Götz, daran krank war, schrieb er die Leiden des jungen Werther und schrieb sich selber gesund.

Lotte hieß er das liebliche Wesen, das für den empfindsamen Werther das Lockbild reiner Natur war; ihr zu entsagen vermochte er nicht, sie zu besitzen war ihm verwehrt: so kam aus reiner Quelle trübes Gewässer.

An seiner empfindsamen Liebe zu leiden, wurde dem Jüngling Genuß; alle Schmerzen riß er sich auf und alle Launen des Unglücks rief er heran, bis nur noch der Tod die Wollust der Leiden auslösen konnte.

Er glaubte an seiner Liebe zu sterben, aber sie war nur der Mantel, den seine Empfindsamkeit umhing; er pries die Einfalt, weil er am Überdruß krank war; er löckte den Stachel der Liebe, weil er den Brand und die Fäulnis der Wunde genoß.

Noch hatte kein Buch der deutschen Sprache solche Wirkung getan: Werther zu lesen, Werther zu leiden und Werther zu sein, wurde die Mode empfindsamer Herzen; der Himmel sank hin und die Hölle brach auf und ertranken in Tränen.

Goethe, der Dichter des Götz und der brausenden Jugend, wurde der seufzende Herold der Zeit; mehr Kränze als je einem Helden wurden von zärtlichen Händen geflochten, den Abgott zu schmücken.

Und niemand kannte den heimlichen Schatz, den der Jüngling aus Frankfurt in seiner Lade bewahrte, niemand wußte, daß der gepriesene Dichter in seinen Liedern ein Königssohn war.

Da waren nicht seufzende Worte und launische Leiden gehäuft, da hatte das zärtliche Gift nicht an der Kraft der Seele gerührt, da war ein Jungmännerherz vom Blut des Lebens erfüllt, da war ein Mund, wirkliche Leiden und Freuden zu sagen, da war ein Dichter, das Höchste wie das Geringste in Schönheit zu wagen.