Wilhelm Weitling

Die aber noch Handwerker hießen, alle die Schneider, Sattler, Schuster, Schreiner, Schlosser und Bäcker, die als Gesellen zu keiner Meisterschaft kamen, Straßen und Herbergen füllten und landfahrend dem Gefängnis nicht unvertraut waren, vermehrten den Troß der Fabrikler.

Einmal der Zunft untertan und dem Zwang harter Gesetze, aber behütet in ihrer Gemeinschaft und ihrer Herkunft anders als um den Lohn der täglichen Arbeit verpflichtet, waren sie fahrendes Volk und vogelfreie Gesellen der Straße geworden.

Sie hatten frechere Dinge erfahren, als die aus den Dörfern; demütig zu dulden, stand ihnen nicht an; wo ihnen die Suppe nicht schmeckte, saßen sie auf und warfen den Löffel der Meisterin hin.

Sie glaubten den Priestern nicht mehr, daß dies die einzige Ordnung der Welt, und glaubten der Obrigkeit nicht, daß sie gottgewollt sei; sie sahen den Reichtum über die Armut regieren, und sahen den Teufel des Goldes als Zwingherrn jeder Abhängigkeit.

Er wußte den goldenen Klumpfuß klug zu verstecken, aber in jedem Besitz, im Land, im Haus, in den Maschinen, überall wo er um Lohn die Menschenhand brauchte, war seine heimliche Hölle.

Er teilte die Menschheit schärfer als Völker und Rassen und Kirchen in Herren und Knechte; die Seinigen konnten die Freuden des Lebens genießen, den andern blieb seine Mühe.

Damit sie nicht murrten, machte die Kirche den Armen das Tor der ewigen Seligkeit auf, das irdische Leid zu bezahlen mit ewiger Freude; aber – so höhnten die Handwerksgesellen – Kirche und Klumpfuß hatten den Pakt miteinander gemacht, den Armen ein besseres Jenseits zu malen, damit sie das schlechtere Diesseits betrogen ertrügen!

Wie zu den Armen im römischen Reich des Augustus das Evangelium kam, so ging die neue Botschaft durchs Abendland hin und war den Armen ein heimliches Licht, aus der Nacht in den Morgen zu leuchten.

Nicht erst im Himmel der Priester dürfe das Reich der Gerechtigkeit kommen, hier auf der Erde müßte es sein: Armut und Reichtum, Herren- und Knechttum würden verschwinden, wenn nicht mehr der goldene Klumpfuß der Hölle die Menschen beherrschte.

Und wie die Apostel im Römerreich gingen die Sendlinge um, mit heimlicher Botschaft die Herzen zu wecken, Flüchtlinge nur vor den Gewalthabern der Zeit, verfemt und verfolgt, aber geliebt von den glühenden Herzen, die ihre Botschaft vernahmen.

Wilhelm Weitling, ein Schneidergesell aus Magdeburg, fand in der Schweiz eine sichere Zuflucht; da schrieb er die Schriften, die heimlich gedruckt und verbreitet, Flugfeuer waren.

Kein Testament, kein Psalter und kein Gesangbuch wurden so glühend gedeutet und wurden so heimlich am Herzen getragen wie seine zerlesenen Blätter, darin die uralte Lehre der Gütergemeinschaft wieder zu Wort kam.

Eigentum haben hieß Hehler und Dieb sein, hieß sträflich Güter der Erde besitzen, die allen gehörten; Eigentum haben hieß Armut und Knechtschaft beschwören; Eigentum haben hieß weder Christ noch Mensch vor der wahren Gerechtigkeit sein.

Es war nur ein Schneidergesell, der so lehrte, und Handwerksgesellen trugen die Lehre ins Land; aber er rührte tief an die Not der Enterbten und rief dem Reich Gottes uralte Hoffnungen wach.