I.
Köhler hat im zwanzigsten Bande der Zeitschrift für Deutsches Alterthum (S. 119 ff.) Goethes 'mikrokosmisches Drama' Hanswursts Hochzeit – wozu eine Stelle in Dichtung und Wahrheit Aufforderung und Anhalt bot – auf ein älteres Puppenspiel Harlekins Hochzeit zurückgeführt. Die Person des Kilian Brustfleck, des Vormundes, konnte indessen aus jenem Büchlein nicht abgeleitet werden. Aber es scheint klar, dass wir es auch in dieser Rolle mit einer bereits feststehenden, typisch gewordenen Gestalt zu thun haben, deren Besonderheiten als allgemein bekannt vorausgesetzt werden, wenn Goethe ihn sagen lässt (DjGoethe 3, 495):
Doch eins liegt mir in allen Gliedern
Dass ich – es ist ein altes Weh –
Nicht gar fest auf meinen Füssen steh',
Immer besorgt, der möge mich prellen
Der habe Lust mir ein Bein zu stellen
Und so mit all dem politischen Sinn
Doch immer Kilian Brustfleck bin.
Köhler hat nun auf ein kleines, zeitlich, wie es scheint, nicht genauer zu fixirendes, Volksbuch aufmerksam gemacht, in welchem unter der Ueberschrift 'Kilian Brustflecks lustige Scherzspiele' eine Anzahl von Gesellschaftsspielen zusammengestellt sind. Er hat die Vermuthung geäussert, Goethe habe diesem Volksbüchlein den Namen Kilians entlehnt, wenn derselbe nicht etwa sonst noch vorkommen sollte. –
Schon das Typische in der Figur des Brustfleck zeigt, dass Goethe doch wol einer andern Vorlage folgte, mehr einer Quelle entnahm, als allein den Namen. Und allerdings kommt derselbe denn auch sonst noch vor und zwar an keiner seltsameren Stelle, als in einer Marginal-Resolution König Friedrich des Zweiten.
In den kurzen Antworten und Bescheiden, wie sie der König jahraus jahrein auf tausend Wünsche der Eitelkeit, Begehrlichkeit und jeder Art von menschlicher Schwäche zu ertheilen hatte, entfaltet sich der ganze Sarkasmus seiner eigenartigen Natur. Wie er das ganze Verfahren von seinem Vater her beibehalten hatte, so gemahnen – mehr als man bei dem so ganz französisch gebildeten König von vornherein vorauszusetzen geneigt ist – diese kurzen, schlagenden und oft genug recht derb hineinschlagenden Bemerkungen Friedrich des Zweiten an die derbe, volksmässig-ursprüngliche Denk- und Ausdrucksweise Friedrich Wilhelm des Ersten. Sprichwörtliche Redewendung, derber Witz, volksmässige Gestalten treten hier in hohem Maasse zu Tage.
Auf das Gesuch eines früheren dänischen Officiers Kiliani um Aufnahme in den Preussischen Militärdienst, rescribirt der König, eigenhändig, folgendes (Preuss. Urkundenbuch zu der Lebensgeschichte Friedrichs des Grossen 2, 233):
ich Kene Kein Kilian als
Kilian Brustfleck und der Schikt
Sich nicht in der Armée.
Wir sehen somit, dass unser Schluss auf eine allgemeinere Verbreitung jener Figur völlig berechtigt ist, wir sehen ferner, dass auch der König einen Zug dieser typischen Figur mittheilt, und zwar einen solchen, der mit der oben angeführten Charakteristik Goethes völlig vereinbar ist. Wenn Kilian Brustfleck 'nicht gar fest auf seinen Füssen steht', wenn Hanswurst an ihm 'sein fahles Wesen, schwankende Positur, sein Tripplen und Krabblen und Schneidernatur' verspottet (DjGoethe 3, 499), ja dann schickt er sich wahrlich nicht 'in der Armée'.
Friedrichs Bemerkung ist im Jahre 1775 geschrieben, also ziemlich gleichzeitig mit dem Goetheschen Werkchen; gerade damals also scheint sich die Figur einer grösseren Beliebtheit und einer über Nord- und Süddeutschland sich erstreckenden Popularität erfreut zu haben. Wegen der festen Ausprägung so charakteristischer Züge wird man wol an eine litterarische Fixirung der Gestalt denken müssen, vielleicht gelingt es noch, derselben weiter auf die Spur zu kommen. – Auf jeden Fall ist die kleine Stelle auch für Friedrich wichtig, sie zeigt, dass er dem Leben seines Volkes nicht so fern stand, als gemeinhin angenommen wird. In der vielfach behandelten Frage über des Königs Stellung zur deutschen Litteratur sind durchaus nicht alle für dies Verhältnis in Betracht kommende Momente berücksichtigt worden. Und so muss es eigenthümlich berühren, Friedrich hier zur Erklärung einer Hanswurstiade Goethes beitragen zu sehen, über dessen Götz er fünf Jahre später die bekannten Worte schrieb: 'Voilà un Götz de Berlichingen qui paraît sur la scène, imitation détestable de ces mauvaises pièces anglaises et le parterre applaudit et demande avec enthousiasme la répétition de ces dégoûtantes platitudes' (Oeuvres 7, 109).
Berlin 4. 3. 78.
Max Posner.