Unterwegs.
Ich glaubte gestern noch bis 5 Uhr noch einmal zu Ihnen zu kommen, aber es kam mir etwas dazwischen. Hätten Sie näher gewohnt, hätte ich Sie dennoch, auf eine halbe Stunde gesehen. So war es unmöglich. Sie in Ihrem Hause gesehen zu haben, hat mir große Freude gemacht und hat mir einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen. Ich schreibe Ihnen, liebe Charlotte, gewiß bald aus Paris und hoffe auch dort einen Brief von Ihnen zu finden.
Paris, den 23. April 1828.
Ich habe bei meiner Ankunft hier, liebe Charlotte, Ihren Brief vom 26. v. M. gefunden und darin Ihre Sorgfalt erkannt, mir Ihre Wohnung zu bezeichnen. Noch lebhafter als für diese Sorgfalt aber danke ich Ihnen für den lebendigen Ausdruck der Freude, der in Ihrem Briefe herrscht. Ich bin hernach Zeuge dieser Freude selbst gewesen, und Ihre Freude, die dieser Brief ausdrückt, hat mir dieselbe noch lebhafter zurückgerufen. Sie ist mir ein neuer, sehr angenehmer Beweis Ihrer Gesinnungen gewesen, oder vielmehr ich habe, da mir bisher nur immer Ihre Briefe diese Gesinnungen aussprachen, sie nun in ihrer lebendigen, noch unendlich mehr erfreuenden Äußerung gesehen. Es ist mir sehr viel wert, selbst bei Ihnen gewesen zu sein, es hat mir einen anschaulichen Begriff Ihres Lebens gegeben, noch außer der Freude, Sie wiedergesehen zu haben. Das Leben, wie Sie es sich dort eingerichtet haben, ist sehr hübsch und spricht für den Geist und die Weise, die Sie hineinlegen. Sie genießen einer freundlichen und heiteren Einsamkeit, und alles in Ihrem kleinen Hause, aber garnicht so kleinen Garten, spricht einen gleich beim Hereinkommen so an, daß einem wohl darin wird. Und doch habe ich beides nur bei rauhem Wetter und ohne Frühlings- und Sommerschmuck gesehen. Wie viel muß der Garten durch beides gewinnen,
wo Sie dann im vollen, dichten Grün wohnen. Ich kann mir Sie jetzt in allen Momenten denken, da ich alle die Plage gesehen habe, worin Sie Ihr Leben zubringen, und ich finde es eine sehr hübsche Einrichtung, daß Sie das geräumige und freundliche Zimmer unten, in dem wir waren, von Ihrer Arbeit abgesondert halten und es nur besuchen, wenn Sie mit jemand sind oder frei allein sein wollen. Eine Stube nimmt immer für den, der sie bewohnt, die Farbe dessen an, was gewöhnlich darin vorgeht, und man sollte mehr darauf denken, sich einen Ort aufzubewahren, der einen bloß an das erinnern kann, was man frei von anderer Beschäftigung oder Zerstreuung darin gedacht oder empfunden hat. Wie man dann nur die Wände erblickt, erscheinen dieselben Gedanken und Empfindungen wieder, an die sich andere anreihen. Es ist ebenso auf dem Lande mit Spaziergängen. Mir wenigstens geht es immer so, daß ich nach kurzem Aufenthalt in einer Gegend sie mir zu verschiedenen Gedanken und Gefühlen bestimme, und je länger man sie in dieser Bestimmung braucht, desto mehr erwachen diese Gefühle und Gedanken mit ihnen. Aber auch oben, wo Sie arbeiten, sind ihre Zimmer hübsch und bequem, wenn auch klein. Diese Kleinheit kann auch nichts Drückendes da haben, wo man gleich in einen freien und großen Garten hinaus kann. In der Stadt wäre das viel anders. Ihre ganze Einrichtung, in der sichtbar so viel
Verstand, Ordnung und Genügsamkeit herrscht, hinterläßt darum einen noch viel angenehmeren und erfreulicheren Eindruck, weil es sichtbar ist, daß Sie sich dieses Dasein selbst geschaffen haben und es erhalten; ich hoffe auch gewiß, daß Ihre besonnenen Einrichtungen ferner von glücklichem Erfolg sein werden, ob zugleich die Idee immer bei mir wiederkehrt, daß Sie ein weniger angestrengtes Leben bei Ihnen zusagender größeren Muße genießen möchten. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welchen lebhaften und aufrichtigen Anteil ich an der Erfüllung dieses Wunsches nehmen würde. – – – –
Unsere Reise ist zwar recht glücklich gewesen, insofern als sich kein sonderlich unangenehmer Zufall beigemischt hat. Aber wir sind von Kassel aus viel langsamer gereist als bis dahin. Worüber wir uns sehr zu beklagen gehabt haben, war das Wetter. Unterwegs, namentlich zwischen Kassel und Frankfurt, war es wahrhaft winterhaft. Auf einer langen Reise mit Frauen und Kindern ist das beschwerlich. In Frankfurt hielten wir uns drei Tage auf, diese Verzögerung war aber nicht willkürlich diesmal, sondern nötig. Teils war es meiner Frau und den Kindern notwendig auszuruhen, teils waren Reparaturen am Wagen vorzunehmen. Der längere Aufenthalt in Frankfurt war mir verdrießlich, weil er immer so viele Tage dem hiesigen entriß, sonst hatte ich ihn nicht ungern, denn ich habe Frankfurt immer geliebt, und
es gibt wirklich nur sehr wenige Städte in Deutschland, welche die Vergleichung damit ertragen können. Es zeichnet sich hauptsächlich durch zwei Vorzüge aus. Einmal hat es so äußerst hübsche Umgebungen. Ich rede hier nicht bloß von den schön angelegten Pflanzungen, die die Stadt umgeben, sondern von der Gegend selbst. Das Taunus-Gebirge gewährt von mehreren Punkten einen höchst reizenden Anblick, und der Fluß kommt dazu. Ich bin immer mit großer Freude dort spazieren gegangen. Dann aber bringt auch die Stadt den Eindruck hervor, daß die Bewohner fast im allgemeinen eines großen oder wenigstens hinreichenden Wohlstandes genießen. Der wahre, große Reichtum, der sich daselbst befindet, ist nicht so, wie oft an andern größeren Orten, von Armut und schreiendem Elend begleitet. Das gehört aber sehr dazu, wenn einem an einem Orte wohl werden soll. Man fühlt an jedem immer, bis auf einen gewissen Punkt, mit der ganzen Volkszahl, und es ist einem nicht behaglich, wenn man in dieser Not und Armut in zu großem Kontrast mit dem Wohlstande antrifft.
Von Frankfurt bis Saarbrück aus haben wir wieder größere Strecken Weges zurückgelegt und sind am vierten Tage noch vor der hier gewöhnlichen Stunde des Mittagessens, die allgemein sechs Uhr ist, angekommen. Das Reisen durch Frankreich ist nicht mit großen Annehmlichkeiten verbunden. Die Wege sind jetzt
zum Teil schlecht und sehr schlecht, im ganzen mittelmäßig und nirgends recht gut. Gute Wirtshäuser findet man nur in den größten Provinzialstädten, wie Lyon usw. Der Anblick des Landes und der Bewohner hat von der Seite, von der wir kamen, garnichts Anziehendes und Fesselndes. Die Gegenden sind vielmehr höchst gewöhnlich und bieten nicht einmal große Fruchtbarkeit oder Stärke der Vegetation dar. Was mir aber immer am meisten in Frankreich mißfallen hat, ist der Anblick der Dörfer gewesen. Sie lassen sich garnicht mit unseren deutschen vergleichen. Sie bestehen entweder aus wenigen Häusern, die auf einmal, ohne daß man es erwartet, an einer, oft an beiden Seiten des Weges einander gegenüberstehen, und die von keinem Baume, von keinem Garten umgeben oder angekündigt sind, oder sie gleichen unseren kleinen Marktflecken und haben nicht das mindeste Ländliche. Die Bewohner sind nicht anders. Sie haben entweder ein sehr ärmliches oder städtisches Ansehen. Vorzüglich sind die Frauen und Mädchen garnicht hübsch und anziehend. Allerdings trägt aber auch ihr Anzug dazu bei, sie weniger anmutig erscheinen zu lassen, vor allem die schweren und ungeschickten Holzschuhe. Dieser wenig reizende Anblick des Landvolkes und seiner Wohnungen nimmt der Annehmlichkeit des Reisens in Frankreich sehr viel, und wird von allen Reisenden bemerkt.
Hier in Paris hingegen befinde ich mich sehr wohl. Ich führe hier ein meinem gewöhnlichen ganz entgegengesetztes Leben. Ich gehe den ganzen Tag herum oder fahre, und bin im eigentlichsten Verstande nur eine Stunde nach dem Aufstehen, einige vor dem Schlafengehen und bisweilen, obgleich auch selten, den Mittag zu Hause. Da ich so verschiedene Male, zum erstenmal schon 1789, hier war, so habe ich sehr viele Bekanntschaften, und es fehlt nicht, daß sich nicht immer neue dazu gesellen. Dann sind auch eine Menge Dinge zu besehen, und so vergeht der Tag, wie lang er scheinen mag. Es wird Ihnen wunderbar vorkommen, daß mir ein Leben nicht eher zuwider ist, von dem ich zu Hause aus Wahl gerade das Gegenteil führe, allein ich habe in den verschiedenen Perioden meines Alters so verschieden gelebt, daß ich das jetzige Leben nicht weniger neu nennen kann. Es ist auch überhaupt nicht meine Art, so an einer Weise zu hängen. Mir ist ziemlich jede lieb, in die ich geworfen werde oder selbst übergehe, und ich befinde mich immer körperlich und geistig gleich wohl dabei.
Paris hat sich in den dreizehn Jahren, daß ich es nicht gesehen habe, ungemein verschönert. Es sind viele einzelne schöne neue Gebäude, ja ganze Straßen und Quartiere entstanden. Der Wohlstand, der Luxus, die Volksmenge hat zugenommen, die Bewegung, die schon immer so groß war, ist dadurch größer geworden.
Auch in Wissenschaften und Künsten ist das Leben und alles Interessante gestiegen. Eine solche Stadt ist mit keiner bei uns zu vergleichen. Auch die größten deutschen haben dagegen etwas Kleinstädtisches. Wenn man einmal nicht auf dem Lande wohnt, ist allerdings eine solche Stadt jeder anderen vorzuziehen.
Ich hoffe jetzt, bald einen Brief von Ihnen, liebe Charlotte, zu bekommen. Mit der innigsten und aufrichtigsten Teilnahme Ihr H.
London, den 20. Mai 1828.
Wir sind gestern nachmittag hier angekommen, liebe Charlotte, und sind alle vollkommen wohl. Ich hoffe, Sie haben meinen Brief vom 23. April aus Paris richtig empfangen; ich habe seitdem den Ihrigen, am 8. geschlossenen erhalten und danke Ihnen herzlich dafür.
Seit ich Ihnen aus Paris schrieb, ist es uns recht gut ergangen. Wir haben Paris den 15. d. M. verlassen und sind am 19. von Calais gerade nach London übergeschifft. Man macht die Überfahrt jetzt in Dampfbooten, es gibt selbst für Reisende keine anderen mehr. Es ist auch eine sehr bequeme Manier. Die Schiffe sind groß, haben außer der Anstalt für den Dampf auch Segel, die sie, wenn der Wind günstig ist, auch gebrauchen, und man kommt meistenteils, wie es unser Fall war, in weniger als zwölf Stunden
von Calais bis London über. Es war das schönste Wetter, was man denken kann. Die ersten Stunden war die See, da der Wind lebhaft ging, ziemlich hoch, und das Schiff schwankte sehr. Die meisten Personen wurden krank, und viele legten sich zu Bett. Ich habe nie eine unangenehme Empfindung auf dem Wasser, sondern bin immer auf dem Verdeck geblieben und habe mich des wundervoll schönen Anblicks des Meeres erfreut. Vorzüglich groß und schön war der Sonnenaufgang, der mich umsomehr anzog, als ich ihn wirklich noch nie auf dem Meere gesehen hatte. Wir segelten nämlich schon um drei Uhr morgens ab. Hier wohnen wir bei meinem Schwiegersohn und sind also sehr angenehm im Schoße unserer Familie. London überrascht immer aufs neue durch seine Größe, seine Volkszahl und die daraus entstehende merkwürdige Bewegung. Es hat weniger schöne freie Ansichten als Paris, das durch die großen öffentlichen und vielen Privatgärten hier und da ein ordentlich ländliches Ansehen hat. Aber es erregt als Stadt, als an einem Orte zusammengeflossene und sich in beständiger Mannigfaltigkeit und doch im höchsten Wohlsein regende Volksmasse, eine größere Bewunderung.
Wir werden nahe an zwei Monate hier bleiben und dann unsere Rückreise antreten. Allerdings war es und ist es eine große, und unter den Umständen, wie wir sie machten, anstrengende Reise. Aber den Hauptzweck haben wir erfüllt,
meine Tochter mit den Kindern an den Ort ihrer Bestimmung gebracht. Das übrige wird ja auch gut gehen.
Es tut mir leid, daß Sie diesen Brief mit einiger Verspätung erhalten werden. Ich kann ihn nicht anders als über Berlin gehen lassen, es ist zu weitläufig, Ihnen das zu erklären, es ist aber so. Schreiben Sie mir auf die gewöhnliche Weise. Ihr H.
London, Juni 1828.
Zu Ihrer gänzlichen Beruhigung noch etwas über meinen Gesundheitszustand. Ich begreife nicht recht, was Sie, liebe Charlotte, deshalb besorgt gemacht hat. Daß ich älter geworden bin, seit wir uns in Frankfurt sahen, liegt in der Natur und dürfte Sie nicht wundern. Ich bin bis auf diesen Tag auf der ganzen Reise durch meinen Körper an nichts gehindert worden. Mein Körper fügt sich ohne irgendeine Unbequemlichkeit in alle abweichenden Lebensweisen. Man ißt hier nie vor halb acht Uhr zu Mittag, es wird aber oft auch acht und bisweilen neun Uhr. Ich frühstücke, da man hier im Hause spät aufsteht, um halb zehn Uhr, und nur Kaffee, ohne dazu zu essen, und dazwischen und dem Mittagessen nehme ich nichts. Sie brauchen also gewiß nicht besorgt meinetwegen zu sein.
Unser Aufenthalt hier nähert sich seinem Ende. Wir schiffen uns zwischen dem 10. und 15. Juli
wieder ein. Es tut mir sehr leid, nicht länger bleiben zu können, aber mehrere zusammentreffende Umstände, vor allem unsere Badereise und die Notwendigkeit, den 15. August in Gastein zu sein, erlauben es nicht. Sonst fehlt es hier nicht an interessanten Gegenständen, um eine viel längere Zeit sich angenehm zu beschäftigen. Es gibt eine große Menge der schönsten und merkwürdigsten Kunstsachen hier, ein unglaublicher Reichtum von Statuen und Gemälden, auch in Privathäusern, die einzeln auszusuchen viel Zeit fordern. In Paris ist das viel leichter, da man alles an wenig Orten beisammen findet. Außerdem ist auch sehr viel für Wissenschaften und Sprachen zu tun, vorzüglich für die letzteren, da hier aus allen Weltteilen Menschen zusammenkommen. Endlich ist jetzt gerade die Zeit der meisten Gesellschaften, so daß man ohne Ende mittags und abends ausgebeten ist.